Wie das Netz in der Krise helfen kann đź’›

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 624. Ausgabe des Social Media Briefings. Nachdem wir in der vergangenen Ausgabe die Infodemie betrachtet haben, widmen wir uns jetzt der guten Seite des Netzes, die Covid-19 zum Vorschein bringt. Wir erklären, wie Social Media tatsächlich helfen, Menschen verbinden und Einsamkeit erträglicher machen kann – so wie es der Name verspricht. Außerdem gibt es am Ende eine dringende Lese- und Hörempfehlung fürs Wochenende. Aus sicherer Entfernung grüßen Martin & Simon



Hinweis: Unsere Briefings sind eigentlich kostenpflichtig. Da wir unsere Recherchen zum Coronavirus aber nicht hinter einer Paywall „verstecken“ möchten, sind alle Analysen zum Thema Covid-19 frei zugänglich.

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Artikel zum Coronavirus:



Wie das Netz in der Krise helfen kann đź’›

Was ist: Das Coronavirus ist die größte Herausforderung seit dem zweiten Weltkrieg. Das sagt Angela Merkel, und sie hat Recht. Die Pandemie verändert den Alltag fast aller Menschen, und selbst wenn wir es schaffen, Covid-19 einzudämmen, werden die wirtschaftlichen Folgen noch Jahre zu spüren sein.

Doch neben Pandemie und Infodemie gibt es ein weiteres virales Phänomen, das Mut machten und Hoffnung spenden kann (Deutschlandfunk): Das Netz beweist, dass es neben Hass und Spott noch eine andere Seite hat. Menschen zeigen Hilfsbereitschaft und Solidarität, Unternehmen bieten einst kostenpflichtige Dienste vorübergehend gratis an, Social Media wird wieder das, was der Name besagt: soziale Medien.

Wie sich das zeigt: Meine Timeline ist voll mit Fotos und Videos, die zeigen, dass zumindest ein Teil der Welt in der Krise näher zusammenrückt. Mieterïnnen bieten an, für ihre älteren Nachbarïnnen einkaufen zu gehen, Italienerïnnen singen auf ihren Balkonen, Menschen spenden sich Trost und Zuversicht.

Exemplarisch einige ausgewählte Beobachtungen, Fundstücke und Tipps:

  • In sozialen Netzwerken verbreiten sich nicht nur Gerüchte und Falschnachrichten, sondern auch wertvolle Informationen. Epidemiologen, deren Fachgebiet vor kurzem niemand buchstabieren konnte, werden durch Podcasts und kluge Twitter-Threads zu B-Promis, die aufklären und einordnen.
  • Ein Beispiel: „To those that live in Italy, how is the situation right now with coronavirus and lockdown?”, fragt jemand auf Reddit – und Tausende Menschen antworten.
  • Die Krautreporter listen digitale Kulturevents auf, bei denen Künstlerïnnen und Kreative ihre Konzerte, Podiumsdiskussionen, Theaterstücke oder Lesungen live streamen. Bei diesem Angebot kann die Quarantäne eigentlich gar nicht langweilig werden.
  • Die Berliner Philharmonie hat ihre digitale Konzerthalle geöffnet: Mit dem Code BERLINPHIL können alle 30 Tage lang kostenlos auf mehr als 600 Filme und Aufzeichnungen vergangener Konzerte zurückgreifen.
  • Der wunderbare Igor Levit setzt sich jeden Abend um 18 oder 19 Uhr an seinen Flügel und spielt Klavier. Allerdings nicht allein: Bei seinen Hauskonzerten sehen ihm Hunderttausende Menschen zu. Der Klang? Naja. Aber das ist egal. Alex Rühle bringt es auf den Punkt (SZ): „Worauf es ankommt, ist, dass da einer Kunst macht, um zu trösten.”
  • Die Seite Help with Covid vernetzt Projekte und Freiwillige, die mit Programmier-Skills unterstützen.
  • Ein 17-jähriger US-Amerikaner hat eines der wichtigsten Informations-Dashboard mit Daten zur Ausbreitung von Covid-19 gebaut. Im Interview erzählt er davon. (SZ-Magazin)
  • Das Bundesgesundheitsministerium (!) ist technisch vorne dran und schickt über einen Bot Push-Benachrichtigungen zum Coronavirus an alle, die diesen Tweet liken. Dahinter steckt der Auslöser „Trigger on a Like“.
  • Etliche Start-ups und große Tech-Konzerne bieten ihre Software und Abonnements vorübergehend gratis an (SZ). Eine noch umfangreiche Übersicht gibt es auf dem Schnäppchenportal Mydealz. Natürlich haben die Unternehmen dabei auch ein Eigeninteresse und hoffen, dass viele Nutzerïnnen später dafür bezahlen – aber im Moment ist das Angebot gut und hilfreich.
  • Auch Anbieter von IT-Sicherheitsprodukten wie 1Password, Cisco oder Cloudflare verlängern die Dauer der Gratis-Probeabos oder springen mit kostenlosem Ransomware-Schutz für Krankenhäuser ein (Forbes).
  • Die öffentlich-rechtlichen Sender machen in der Krise einen tollen Job, indem sie informieren, unterhalten und weiterbilden. Mein Highlight: Die „Sendung mit der Maus” kommt künftig täglich statt wöchentlich (Spiegel).

Wie sich das anfühlt: Kevin Roose beschreibt seine Erfahrungen so (NYT):

"I expected my first week of social distancing to feel, well, distant. But I’ve been more connected than ever. My inboxes are full of invitations to digital events — Zoom art classes, Skype book clubs, Periscope jam sessions. Strangers and subject-matter experts are sharing relevant and timely information about the virus on social media, and organizing ways to help struggling people and small businesses. On my feeds, trolls are few and far between, and misinformation is quickly being fact-checked."

Genauso geht es mir auch. Ja, Twitter ist immer noch aufgeregt und hektisch, rotzig und besserwisserisch. Insta ist voller Inszenierungen, TikTok albern wie eh und je, Facebooks Algorithmen habe ich noch nie verstanden (oder andersherum).

Aber das macht nichts. Denn dazwischen sind so viel willkommene Ablenkung, Lustiges und Rührendes, Mitgefühl und Menschlichkeit, dass ich heilfroh bin, diese Zeit online überstehen zu können. Quarantäne ist Mist – Quarantäne ohne Netz ist noch viel größerer Mist.

Wie die Plattformen helfen

Als Social Media Watchblog ist es unsere erklärte Aufgabe, Big Tech kritisch auf die Finger zu schauen. Den bedingungslosen Glauben, dass Technik und Vernetzung die Welt zu einem besseren Ort macht, haben wir oft kritisiert. In der Coronakrise aber zeigen viele Unternehmen, dass sie so etwas wie ein Gewissen haben und soziale Verantwortung verspüren.

"Twitter, Facebook, YouTube and others can actually deliver on their old promise to democratize information and organize communities, and on their newer promise to drain the toxic information swamp."

Das schreibt Ben Smith (NYT), und er hat Recht:

  • Viele Unternehmen arbeiten mit Gesundheitsorganisationen wie der WHO zusammen und blenden Nutzerïnnen seriöse Informationen ein.
  • In ihren Newsrooms und Firmenblogs geben Facebook, WhatsApp, Google, YouTube und Twitter einen fortlaufend aktualisierten (und mittlerweile recht langen) Überblick der einzelnen Maßnahmen.
  • Nicht alles zeigt die gewünschte Wirkung: Die Infodemie ist real, Lügen, Gerüchte und irreführende WhatsApp-Sprachnachrichten werden uns erhalten bleiben.
  • Manches führt auch zum gegenteiligen Effekt: Zwischenzeitlich stufte ein übereifriger Facebook-Filter seriöse Beiträge als Spam ein (BuzzFeed), der Fehler ist mittlerweile behoben.
  • Angesichts der Umstände machen die Plattformen aber einen guten Job und sind eher Teil der Lösung als Teil des Problem.

Be smart: Die kommenden Monate werden hart. Aberausende Menschen werden sterben, Millionen Menschen werden um ihre Existenz bangen. Ausgangssperren und Social Distancing werden viele Menschen einsam machen. Der Soziologe Eric Klinenberg sagt deshalb (Vox):

"We’ve entered a new period of social pain. There’s going to be a level of social suffering related to isolation and the cost of social distancing that very few people are discussing yet."

Menschen sind soziale Wesen, Videokonferenzen in HD können Kontakt von Angesicht zu Angesicht nicht ersetzen (WSJ). Diese Sorge treibt auch Mark Zuckerberg um. „I’m personally quite worried that the isolation from people being at home could potentially lead to more depression or mental health issues”, sagt er (The Verge).

Deshalb wäre es zynisch, die Krise als Chance zu bezeichnen (abgesehen davon, dass das eine abgegriffene Floskel ist). Trotzdem könnte der aktuelle Ausnahmezustand Prozesse auslösen, die der Gesellschaft langfristig gut tun (und unserem Planeten erst recht). Am Beispiel von Igor Levit beschreibt Georg Diez (Looping Group), wie diese Kommunikations-Revolution aussehen könnte:

"Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten, das zeigt diese Krise, bieten eine viel umfassendere Möglichkeit, sich zu informieren, und zwar auf eine Art und Weise, die an Tiefe, Kontinuität und Genauigkeit in keinem Vergleich steht zu dem, was die traditionellen Medien in gefiltertem Maß tun; wobei der Filter genau das Problem ist, denn zwischen Absender und Adressat schaltet sich jemand, der oder die im Zweifelsfall deutlich weniger weiß als etwa Christian Drosten."

Jahrelang haben Feuilletonistïnnen von „sogenannten sozialen Medien” geschrieben. Vielleicht können sie sich den Zusatz bald sparen, weil das Netz endlich jenes Versprechen einlöst, das viele einst damit verbunden haben (NYT):

"But if there is a silver lining in this crisis, it may be that the virus is forcing us to use the internet as it was always meant to be used — to connect with one another, share information and resources, and come up with collective solutions to urgent problems."



Weniger Datenschutz – besserer Seuchenschutz?

Was ist: In mehreren Ländern geben Mobilfunkanbieter und Tech-Unternehmen Bewegungsdaten an Regierungen, Gesundheitsbehörden oder Forschungsinstitute weiter. Teils greifen sie damit tief in die Privatsphäre der Handynutzerïnnen ein.

Was das bringt: Die Daten sollen helfen, die Ausbreitung von Covid-19 zu verlangsamen oder zumindest besser vorherzusagen, in welchen Gebieten vermutlich bald weitere Fälle auftreten könnten. Je nach Qualität der Daten geschieht das auf individueller oder aggregierter Ebene.

Wer welche Daten teilt: In der aktuellen Diskussion geht einiges durcheinander, weil mehrere Länder an völlig unterschiedlichen Projekten arbeiten:

  • Mit den Daten könnte das RKI etwa Bewegungsströme modellieren, um vorherzusagen, wo sich das Virus vermutlich weiter ausbreiten wird. Der genaue Nutzen scheint aber noch relativ unklar zu sein. Die relativ grob gerasterten Funkzellenabfragen eignen sich nicht, um den Standort einzelner Personen nachzuvollziehen.
  • Parallel arbeitet das RKI an einer App, die exakte und personalisierte Daten einzelner Nutzerïnnen sammeln soll. Niemand weiß genau, wie diese App funktionieren soll. In jedem Fall dürfte dafür eine vorherige Einwilligung nötig sein.
  • Israel greift auf GPS-Daten einzelner Nutzer zu, die eine präzise und lückenlose Überwachung ermöglichen. Bislang wurden diese sensiblen Informationen nur vom israelischen Geheimdienst genutzt, um Terroranschläge zu verhindern. Jetzt will Israel etwa Personen warnen (NYT), die Kontakt mit Infizierten hatten, und überprüfen, ob die Quarantäne eingehalten wird.
  • Auch andere asiatische Länder wie Singapur, Südkorea und Hongkong versuchen, die Spuren einzelner Personen, die möglicherweise ansteckend sind, metergenau nachzuvollziehen. „Creepy but hugely effective”, schreiben Max Fisher und Amanda Taub (NYT-Newsletter).
  • In den USA sollen die großen Tech-Konzerne ihren Datenschatz öffnen (Washington Post), um Covid-19 zu stoppen. Die US-Regierung ist an Facebook, Google und weitere Unternehmen herangetreten, um gemeinsam daran zu arbeiten, die Daten für den Kampf gegen die Pandemie einzusetzen.
  • Google und Facebook sagen, dass es sich ausschließlich um anonymisierte Massendaten handle, die ohnehin bereits öffentlich in Produkten wie Google Maps angezeigt würden. Es gebe keine derartigen Pläne für Deutschland.

Be smart: Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Wenn es darum geht, Sicherheit und Privatsphäre abzuwiegen (Stichwort Vorratsdatenspeicherung oder Backdoors in Verschlüsselung), war dieser Newsletter meist Teil der Datenschutzfraktion.

In diesem Fall ist das Urteil nicht so eindeutig. Solange Datenschützerïnnen eingebunden sind, zwielichtige Unternehmen wie der Spyware-Hersteller NSO (Bloomberg) außen vor bleiben und die Informationen wirklich helfen, die Pandemie einzudämmen, ist es sinnvoll, diese Daten auszuwerten.

Unter einer Bedingung: Die Datenweitergabe muss eine vorübergehende Lösung bleiben, die später wieder zurückgenommen wird (Medienwoche):

"Der Ausnahmezustand ist stets ein Dammbruch, weil er Freiheitseinschränkungen legitimiert, die später, nach Aufhebung des Notstands, nicht mehr zurückgenommen (zum Beispiel die Sicherheitsgesetze in den USA nach dem 11. September) werden. Wer jetzt Daten freigibt, sollte die Folgen nach der Krise im Blick haben."



Der eine Text, den du lesen (oder hören) solltest

Das Podcast-Team der New York Times hat eine Sonderfolge von „The Daily” aufgenommen. Sie beruht auf einem Text aus dem vergangenen November. Die Autorin Taffy Brodesser-Akner beschreibt, wie sie Tom Hanks trifft.

Der Artikel heißt „This Tom Hanks Story Will Help You Feel Less Bad” und hält ein, was die Überschrift verspricht. „Hanks is playing Mister Rogers in a new movie and is just as nice as you think he is. Please read this article anyway”, bewirbt die Redaktion den Text, und wir schließen der Empfehlung an.

Meine Freundin hat mir die Geschichte vorgelesen, während ich gekocht habe, und am Ende waren wir beide gerührt, weil Tom Hanks ganz offensichtlich einfach ein unglaublich netter Mensch ist.

Das hat natürlich überhaupt nichts mit Social Media und zum Glück auch nichts mit Covid-19 zu tun. Aber das tut ja auch mal ganz gut.



• Autor: Simon Hurtz
• Redaktion: Martin Fehrensen
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