Monat: März 2020

Grundrechtseingriffe gegen Covid-19, Social-Video-Habits, Social-Media-Tipps für die Zivilgesellschaft

Salut und herzlich Willkommen zur 626. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute beschäftigen wir uns mit Grundrechtseingriffen gegen Covid-19. Zudem lernen wir, welche Video-Inhalte derzeit auf YouTube und Facebook am besten performen, und wie sich soziale Netzwerk sinnvoll einsetzen lassen – nämlich als Mittel zum Dialog. Wir bedanken uns für das Interesse an unserer Arbeit, wünschen ein angenehmes Wochenende und vor allem: Gesundheit! Tilman, Simon und Martin

Hinweis: Unsere Briefings sind eigentlich kostenpflichtig. Da wir unsere Recherchen zum Coronavirus aber nicht hinter einer Paywall „verstecken“ möchten, sind alle Analysen zum Thema Covid-19 frei zugänglich.

👉🏻 Falls du noch kein Abonnent bist und unsere Arbeit unterstützen möchtest, kannst du entweder via Steady ein Abo abschließen oder uns via Paypal einen Kaffee kaufen. Vielen Dank!

Artikel zum Coronavirus:

Grundrechtseingriffe gegen Covid-19

Was war: In Briefing #624 haben wir gefragt: „Weniger Datenschutz – besserer Seuchenschutz?” Etliche Regierungen sammeln Bewegungsdaten oder überwachen ihre Bürgerïnnen, um Covid-19 zu bekämpfen. Seitdem ist viel passiert, sodass wir das Thema erneut und grundsätzlicher aufgreifen.

Was ist: Kontaktverbote, Ausgangssperren und staatliche Überwachung – im aktuellen Ausnahmezustand leiden die Grundrechte in einem Maße, das vor einigen Wochen kaum denkbar gewesen wäre (Verfassungsblog). Wir sind keine Juristen und überlassen die Güterabwägung Experïnnen wie Andrea Kießling, die bereits Anfang März Grenzen des Infektionsschutzrechts dargelegt hatte) (Verfassungsblog), oder der Gesellschaft für Informatik, die sich detailliert mit Datenschutzrecht und Grundrechtsnormen befasst (GI.de).

An dieser Stelle konzentrieren wir uns auf unterschiedliche Ansätze, Smartphone-Daten zu nutzen, stellen die Situation in Deutschland dar, zeigen Strategien in anderen Ländern und stellen die Frage: Braucht es einen Überwachungsstaat, um das Virus zu stoppen?

Was Deutschland macht: Die Telekom stellt dem Robert-Koch-Institut (RKI) Handydaten zu Verfügung. Damit lassen sich Bewegungsströme von 46 Millionen Mobilfunkkunden abbilden. Diese Informationen können helfen vorherzusagen, in welchen Gebieten sich das Virus weiter ausbreiten wird.

Die Daten sind anonymisiert und aggregiert. Die Weitergabe sei „in der gewählten Form datenschutzrechtlich unbedenklich”, sagt der Bundesdatenschutzbeauftrage Ulrich Kelber. Allerdings verweist er bei dieser Einschätzung auf „die aktuellen Umstände” und sagt: „Eine Veröffentlichung an alle und die damit verbundene dauerhafte Exposition erhöht die Gefahr der Re-Personalisierung der Daten.”

Ganz sicher ist Kelber also nicht. Mehrere Studien haben gezeigt, dass anomysierte oder pseudonymisierte Daten in vielen Fällen eine Illusion sind (SZ). Auch angeblich anonyme Datensätze lassen oft Rückschlüsse auf einzelne Personen zu.

Die Telekom vermarktet solche anonymisierten Datenpakete bereits seit Jahren über ihre Tochter Motionlogic, die sie ausgerechnet jetzt schließen will (Heise) – angeblich Zufall, die Entscheidung sei lange vor der Corona-Krise getroffen worden.

Auch Telefónica verkauft Rohdaten an andere Unternehmen, Gemeinden und Behörden. Wer das nicht will, muss aktiv widersprechen. Telekom und Telefónica bieten dafür Opt-out-Formulare an. Vodafone sammelt ebenfalls anonymisierte Bewegungsdaten, nutzt diese nach eigenen Angaben aber nur intern.

Andere europäische Staaten wie Österreich und Italien werten ebenfalls anonymisierte Mobilfunkdaten aus. Außerdem übermitteln acht Mobilfunkanbieter, darunter die Telekom und Vodafone, Daten an die EU (Reuters).

Was diese Daten bringen: Die Mobilfunkanbieter führen Funkzellenabfragen durch, die nur ungenaue Informationen liefern. Damit lässt sich der Standort einzelner Nutzer selbst in Großstädten, wo es mehr Funkmasten gibt, nur auf einige hundert Meter genau bestimmen.

„Seit Jahren arbeite ich mit Funkzellendaten”, schreibt der Richter und Grundrechtsaktivist Ulf Buermeyer (Twitter). „Ich kann mir aber nicht vorstellen, wie man daraus Kontaktpersonen ermitteln soll.” Um herauszufinden, wen eine infizierte Person möglicherweise angesteckt haben könnte, eignen sich diese Daten also gar nicht.

Mit einem speziellen Verfahren, der sogenannten Triangulation, ließe sich der Aufenthaltsort genauer eingrenzen. Bei dieser Methode werden Daten mehrerer Mobilfunkmasten miteinander abgeglichen. Sie ist aber aufwändig, nicht massenhaft durchführbar und weniger exakt als GPS-Daten, die auf dem Handy selbst gespeichert werden.

Was die Regierung plant: Gesundheitsminister Jens Spahn gibt sich nicht mit Mobilfunkdaten zufrieden. Er will an die deutlich genaueren GPS-Koordinaten. Am Wochenende sah es kurzzeitig so aus, als wolle er Behörden mit einer Novelle des Infektionsschutzgesetzes ermächtigen, darauf zuzugreifen – nach massivem Protest verabschiedete das Kabinett am Montag eine Version, in der die entsprechenden Passagen fehlten (Netzpolitik).

Justizministerin Christine Lambrecht versichert, das Vorhaben werde vorerst nicht weiterverfolgt. Spahn gibt sich damit nicht zufrieden. Solche „grundsätzlichen Fragen” müssten „länger diskutiert“ werden, sagte er auf einer Pressekonferenz (YouTube). „Ohne Kontaktnachverfolgung wird es nicht gehen.” Er will nach Ostern einen neuen Vorstoß unternehmen (Tagesschau).

Was das RKI plant: Parallel arbeiten RKI und Heinrich-Hertz-Institut (HHI) an einer App, die es ermöglichen soll, „in voller Übereinstimmung mit der DSGVO, vollständig anonym und ohne Ortserfassung (weder mit GPS noch anderen Quellen) die Nähe und die Dauer des Kontakts zwischen Personen in den vergangenen zwei Wochen auf dem Handy anonym abzuspeichern”, wie eine HHI-Sprecherin mitteilt. Eine Lösung solle „in den nächsten Wochen” präsentiert werden.

Die Forscherïnnen schweigen sich bislang über weitere Details aus. Die Aussage der Sprecherin deutet aber daraufhin, dass die App mit Hilfe von Bluetooth-Beacons versuchen könnte, nahelegene Smartphones zu identifizieren.

So ließen sich nachträglich mögliche Kontaktpersonen ermitteln, ohne Bewegungsdaten zu erfassen. Dieses Verfahren funktioniert natürlich nur, wenn genug Menschen die App freiwillig installieren und nutzen.

Neben dem RKI arbeiten etliche kleinere Teams aus Forscherïnnen und Entwicklerïnnen an weiteren Apps, die auf unterschiedlichen Ansätzen beruhen (Heise). Einige setzen auf GPS-Tracking, andere auf Selbstbeobachtung der Nutzer.

Klar sind zwei Dinge:

  1. Viele kleine Apps, die kaum jemand nutzt, werden wenig bringen.
  2. Die Daten können nur auf freiwilliger Basis gesammelt werden. „Niemand kann im Moment gezwungen werden, ein Smartphone zu nutzen und darauf spezifische Gesundheits-Apps zu installieren”, sagt Datenschützer Thilo Weichert. Für „Epidemie-Fußfesseln” fehle derzeit jede Rechtsgrundlage.

Die Bereitschaft, einen Teil des Datenschutzes dem Gesundheitsschutz zu opfern, scheint vorhanden zu sein: Einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Innofact zufolge würden mehr als 70 Prozent der Befragten persönliche Gesundheitsdaten, Bewegungsprofil oder soziale Kontaktpunkte mit öffentlichen Institutionen wie dem RKI teilen.

Was im Ausland passiert: In Ausgabe #624 haben wir beleuchtet, was andere Länder unternehmen oder diskutieren – von China über Israel bis zu den USA. Besonders spannend ist, was derzeit in Singapur geschieht: Die Regierung will den Quellcode der staatlichen Tracking-App „TraceTogether” als Open Source zur Verfügung zu stellen (Heise).

Wenn Nutzerinnen Bluetooth und Ortungsdienste aktivieren, soll die App einen Zeitstempel, die Bluetooth-Signalstärke, das Telefonmodell und eine temporäre Kennung dokumentieren. Demnach wird nicht der Standort des Handys erfasst, sondern nur die Entfernung zwischen den Geräten. In Singapur soll die App maßgeblich dazu beigetragen haben, dass sich Covid-19 dort nur langsam ausbreitet.

The big picture: Wer die Simulationen und Visualisierungen betrachtet, die Epidemiologïnnen, Statistikerïnnen und Datenjournalistïnnen veröffentlichen, kommt zu einem so deprimierenden wie eindeutigen Schluss (SZ): Die aktuelle Ausgangssperre allein bringt noch gar nichts.

Sie verschiebt die Kurve höchstens um einige Wochen, dann wird das Virus mit unverminderter Wucht zuschlagen, und das Gesundheitssystem wird zusammenbrechen, weil es zu wenig Betten mit intensivmedizischener Versorgung gibt.

#FlattenTheCurve wird nicht reichen, die Kurve muss fast vollständig eliminiert werden. Dafür wird es Maßnahmen brauchen, die Monate oder gar Jahre aufrechterhalten werden können. Politikerïnnen werden den drohenden Wirtschaftskollaps, Millionen Arbeitslose und soziale Unruhen gegen den drohenden Kollaps des Gesundheitssystems und Hunderttausende Tote aufrechnen müssen.

Je deutlicher sich diese Szenarien abzeichnen, desto lauter werden die Stimmen, die massive Grundrechtseingriffe und staatliche Überwachung fordern. Gleichzeitig warnen Datenschützerïnnen und Aktivistïnnen, dass die Krise nicht als Vorwand herhalten darf (Netzpolitik), um Freiheitsrechte zu beschränken.

Zwei sehr kluge Menschen kommen dabei zu sehr unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Yuval Noah Harari hält ein flammendes Plädoyer gegen Totalitarismus und biometrische Überwachung (Deutsch: NZZ, Englisch: FT). Maciej Cegłowski fordert dagegen: „We Need A Massive Surveillance Program” (Idlewords).

Das ist bemerkenswert, denn Cegłowski ist selbst Privatsphäre-Aktivist und ein profilierter Kritiker des Überwachungskapitalismus. Sein Argument: Wir liefern uns den Tech-Unternehmen ohnehin längst freiwillig aus – da können wir die Daten auch noch für etwas Sinnvolles einsetzen und Gesundheitsbehörden helfen, Infizierte zu warnen und Kontaktpersonen zu identifizieren.

„Es ist lächerlich, dass wir dieses Überwachungsnetzwerk zu kommerziellen Zwecken und für politische Werbung akzeptieren, aber es nicht einsetzen wollen, um Leben zu retten”, sagt Cegłowski (SZ) und rechnet wohl zurecht mit heftigen Gegenreaktionen: „Ich freue mich auf eine gute Debatte mit allen Leuten, die mich nicht einfach nur als Faschisten beschimpfen.”

Be smart: Bewegungsdaten, Smartphone-Apps und andere Überwachungtechnik können helfen, das Virus zu bekämpfen. Sie sind aber kein Allheilmittel und können auch das Gegenteil bewirken. In Südkorea, das Spahn lobend als Beispiel für erfolgreiches Handy-Tracking erwähnte, gingen staatliche Überwachung und Gängelung nach hinten los (Guardian), es kam zu Online-Hetzjagden und Erpressungsversuchen.

Mittlerweile haben die südkoreanischen Gesundheitsbehörden angekündigt, ihr Vorgehen zu überarbeiten (NYT). Sie fürchten, der öffentliche Pranger und das damit verbundene Stigma könnten Menschen davon abhalten, sich testen zu lassen.

Ohnehin bringt es wenig, einzelne Strategien in bestimmten asiatischen Ländern isoliert zu betrachten und sie dann zu verklären. Ja, Staaten wie China, Taiwan, Südkorea und Hong Kong setzen auf Überwachung und scheinen die Ausbreitung damit verlangsamen zu können. Das geht dort aber Hand in Hand mit einer Vielzahl weiterer Maßnahmen und einem teils völlig anderen Gesellschaftssystem.

Deshalb lassen sich solche Erfolgsgeschichten nicht einfach auf Deutschland übertragen. Zudem zeigen Singapur und die geplante App des RKI, dass technische Lösungsansätze auch ohne Massenüberwachung möglich sein könnten. Die Pandemie ist angsteinflößend – eine unfreie Welt ist es auch.

Autor: Simon Hurtz

Was guckst du?!

Was ist: Die Social-Video-Analyse-Firma Tubular Lab hat einen interessanten Bericht zur Frage, welche Video-Inhalte derzeit am meisten auf YouTube und Facebook nachgefragt werden, veröffentlicht. Da das Paper hinter einer „Gib mir deine Email-Adresse, dann kannst du es herunterladen“-Paywall liegt, teilen wir hier einige Key-Takeaways:

  • Diesen Monat boomen vor allem Lifestyle-Inhalte und Videos über Sport, Musik, Kunst und Kultur sowie Gesundheit und Fitness.
  • Zwischen dem 1. und 17. März stieg bei YouTube die Zahl der Videoaufrufe um 63% für Gesundheits- und Fitnessschaffende, um 29% für Kunst- und Kulturvideos und um 20% für Sportinhalte.
  • Obwohl Gesundheit und Fitness den größten Anstieg verzeichneten, liegt Sport weiterhin an der Spitze.
  • Allerdings natürlich kein Live-Sport, sondern Compilations oder Evergreens.

Ausgewählte Covid-19-News im Überblick

Hackathons: Derzeit liefern sich Coder, Hacker, Datenwissenschaftler und viele mehr ein spannendes Battle, um Ansätze zu finden, die gegen die gesellschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus helfen sollen.

Unterschiedlicher Wissensstand: „Amerikaner, die Nachrichten in erster Linie über soziale Medien erhalten, verfolgen die Berichterstattung über COVID-19 am wenigsten und berichten am ehesten von erfundenen Nachrichten“ – so lautet das Ergebnis einer aktuellen Studie vom Pew Research Center.

Facebook und Instagram: Aktion mit Bundesgesundheitsministerium: Das Bundesgesundheitministerium hat unter dem Hashtag #wirbleibenzuhause eine Initiative ins Leben gerufen, die die Menschen dazu animieren soll, daheim zu bleiben. Facebook und Instagram haben sich der Initiative angeschlossen und Templates erstellt, um die Botschaft zu verbreiten.

Social-Media-Tipps für die Zivilgesellschaft

Was ist: Die Amadeu Antonio Stiftung hat ein Dossier zum Thema Digitalkompetenz veröffentlicht. Titel: Menschenwürde online verteidigen – 33 Social Media-Tipps für die Zivilgesellschaft. Es geht um…

  • „Positionieren, abwehren, kontern“
  • „Wie man auf Hate-Speech Kampagnen reagieren kann“
  • „Gegenrede, demokratiestärkende Narrative und Kampagnen selbst entwickeln“
  • „Best Practice für eine Digitale Zivilgesellschaft – Praxistipps zur Medienkompetenz & Netzkultur“

Gastbeitrag: Neben Vivian Pein, Alexander Urban, Stefan Lauer, Hannah Magin und Henning Flaskamp durfte ich (Martin) auch einen Gastbeitrag beisteuern. Gern möchte ich unseren Newsletter dafür nutzen, um auf das wirklich tolle Dossier aufmerksam zu machen – die knapp 100 Seiten können hier heruntergeladen werden. Zudem freue ich mich, meinen eigenen Beitrag hier im Newsletter mit Dir zu teilen:

Soziale Netzwerke als Mittel zum Dialog

Bitte nicht nerven: Wir erleben derzeit eine bemerkenswerte Renaissance: Während sich noch vor ein paar Jahren Social Media­Nutzerïnnen liebend gern in der Pseudo-­Öffentlichkeit von Facebook und Instagram mitteilten, kommunizieren sie heute lieber wieder im Privaten. Nicht privat im eigentlichen Sinne – es passiert immer noch das meiste im Hause Zuckerberg – aber eben nicht mehr draußen auf der Gartenparty, sondern in abgeschlossenen Räumen mit einem definierten Kreis an Teilnehmerïnnen. Wer Menschen mit Bot­schaften erreichen möchte, sollte diese grundliegende Entwick­lung anerkennen und achten!

Bilden Sie Banden: Der Feed – ob nun bei Facebook, Twitter oder Instagram – ist die längste Zeit der eine dominante Verteiler von Aufmerksam­ keit gewesen. Heute stehen Special-­Interest­-Apps, Gruppen und Messenger im Fokus. Wer es schafft, Communities zu bilden, ist klar im Vorteil.

Dialog suchen: Eigentlich hätte auch der Feed schon anders genutzt werden müssen: Aber die allermeisten Social-Media-Profis haben einfach das gemacht, was sie schon immer gemacht haben: gesendet. Spä­testens 2020 ist dies aber keine Option mehr: Es gilt, den Dialog zu suchen und auf Augenhöhe zu kommunizieren – gerade auch über Messenger.

Nativ kommunizieren: Jede Plattform hat ihre eigenen Spielregeln, was Form und Inhalt angeht. Um nahbar zu kommunizieren, bedarf es daher nativer – also plattformgerechter – Inhalte. Posts, die an Pressemittei­lungen erinnern, oder Videos, die 16:9 produziert werden, haben schlechte Karten, auf möglichst vielen Smartphones zu landen. Aber genau darum sollte es gehen: immer mobil und von der Plattform her denken! Was erwarten die Nutzerïnnen in wel­chem Format und in welcher Ansprache auf welcher Plattform?

Unabhängig bleiben: Bei allen Chancen und Freuden, die Soziale Medien be­reithalten, gilt es, nicht den Blick für die eigenen Kanä­le zu verlieren. Schon oft haben Facebook und Co quasi über Nacht an ihren Algorithmen geschraubt und damit Abertausende Medienprofis vor sich hergetrieben. Als NGO sollte man nicht Gefahr laufen, sich von Social-Me­dia-­Plattformen all zu abhängig zu machen. Newsletter, Website und Podcast sind Optionen, um autark zu bleiben.

Weniger machen: Snapchat, Twitter, Twitch, Instagram, Facebook, TikTok, WhatsApp, LinkedIn – die Liste an Plattformen und For­maten ist riesig. Allerdings sollte man sich nicht dazu ver­leiten lassen, auf allen Plattformen mitmischen zu wollen. Lieber weniger machen, aber dafür richtig. So lassen sich auch die in aller Regel knappen Ressourcen sinnvoller einsetzen.

Transparenz wagen: Irren ist menschlich. Keine Frage. Umso erstaunlicher, dass Unternehmen und Organisationen stets den Ein­druck erwecken wollen, dass ausgerechnet ihnen keine Fehler passieren. Soziale Medien bieten die Möglichkeit, mehr Transparenz zu wagen. Die Chance sollte ergriffen werden. Die Zielgruppe wird es Ihnen danken.

Leseempfehlung

Die Leiden des Slack-CEO: Aufgrund der aktuellen Situation stehen Unternehmen wie Slack extrem im Fokus. Wie sich das für Slacks CEO Stewart Butterfield darstellt, vor welchen Herausforderungen er mit seinem Unternehmen steht und wie es sich anfühlt, Profiteur der Krise zu sein, schildert er sehr eindrücklich und reflektiert in diesem Twitter-Thread. Vielleicht eine etwas ungewöhnliche Leseempfehlung, aber definitiv jeden Tweet wert.

Zoom- und Livestream-Boom, Covid-19 und Content-Moderation, Digitalisierung der Politik

Salut und herzlich Willkommen zur 625. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute beschäftigen wir uns mit Content-Moderation in Zeiten des Coronavirus. Zudem blicken wir auf den Zoom- und Livestream-Boom sowie die Digitalisierung der Politik. Wir wünschen eine gewinnbringende Lektüre und bedanken uns für das Vertrauen in unsere Arbeit – in diesen Zeiten ist das für uns natürlich doppelt wertvoll! Merci, Simon und Martin

Hinweis: Unsere Briefings sind eigentlich kostenpflichtig. Da wir unsere Recherchen zum Coronavirus aber nicht hinter einer Paywall „verstecken“ möchten, sind alle Analysen zum Thema Covid-19 frei zugänglich.

👉🏻 Falls du noch kein Abonnent bist und unsere Arbeit unterstützen möchtest, kannst du entweder via Steady ein Abo abschließen oder uns via Paypal einen Kaffee kaufen. Vielen Dank!

Artikel zum Coronavirus:

Covid-19: Jetzt müssen die Maschinen löschen

Was ist: Millionen Menchen müssen von zu Hause aus arbeiten. Für einige ist das kein großes Problem – dieses Briefing entsteht in Heimarbeit. Andere haben Jobs, die sich weniger leicht verlagern lassen. Das betrifft unter anderem Zehntausende Content-Moderatorïnnen, die für die großen Plattformen den Schmutz aus dem Netz fischen.

Warum das wichtig ist: Nur wenige Teams können im Home-Office arbeiten. Deshalb müssen die Plattformen einen Teil der Entscheidungen Maschinen überlassen. Bislang scannt Software zwar Inhalte, löscht aber nur wenige Inhalte selbst. Das finale Urtel fällt meist ein Mensch. Die Corona-Krise wird nun zum unfreiwilligen Test für die Algorithmen.

Was Content-Moderatorïnnen machen: Videos von Hinrichtungen, Darstellungen von Kindesmissbrauch, Morddrohungen und andere Inhalte, die gegen Gesetze oder die Richtlinien der Plattformen verstoßen – all das wird größtenteils von Menschen gesichtet und gelöscht. Die meisten von ihnen arbeiten bei Drittfirmen, verteilt über Dutzende Standorte in der ganzen Welt.

Allein bei Facebook und Instagram prüfen mehr als 15.000 Menschen an mehr als 20 Standorten Beiträge, auch bei Google und YouTube sind es Zehntausende. Insgesamt gibt es mehr als 100.000 Content-Moderatorïnnen, die im Auftrag großer und kleiner Plattformen die digitale Müllabfuhr übernehmen.

Die Arbeit ist belastend, einige erleiden Posttraumatische Belastungsstörungen oder werden die grausamen Fotos und Videos, die sie täglichen sehen müssen, nicht mehr los. Sie erhalten zwar psychologische Betreuung, werden aber vergleichsweise schlecht bezahlt und sind austauschbarer als festangestellte Mitarbeiterïnnen.

Warum die Arbeit ein Büro erfordert: Content-Moderatorïnnen sehen viele sensible, persönliche Daten von Nutzerïnnen. Außerdem haben sie Zugriff auf die exakten Moderationsregeln der Plattformen, von denen die Öffentlichkeit nicht erfahren soll.

Deshalb gilt in den meisten Büros eine Clean-Desk-Policy, die verhindern soll, dass Mitarbeiterïnnen Dokumente mit nach Hause nehmen. Diese Tätigkeit lässt sich nur eingeschränkt ins Home-Office verlegen.

Hinzu kommt die mentale Belastung. Vor Ort gibt es meist Ansprechpersonen, die traumatisierte Mitarbeiterïnnen unterstützen. Wenn sie mit ihrer Arbeit alleingelassen werden, kann das der psychischen Gesundheit schaden.

Wie die Plattformen reagieren: Facebook, Twitter, Google und YouTube habe in Blogposts angekündigt, fast alle Angestellten ins Home-Office zu schicken. Das gilt auch für Angestellte bei Partnerunternehmen. Nur ein kleiner Teil der Content-Moderatorïnnen kann zu Hause arbeiten. Teils springen Festangestellte ein, teils übernehmen Maschinen. Immerhin zahlen die Unternehmen zumindest vorerst das Gehalt weiter.

Alle genannten Plattformen und auch TikTok sagen entweder öffentlich oder im Hintergrund, dass in den kommenden Wochen und Monaten mehr Inhalte automatisiert gelöscht werden – und dass damit auch die Fehlerquote steigen wird.

Algorithmen haben bislang nur selbstständig Inhalte gelöscht, bei denen es wenig Interpretationsspielraum gab, etwa extremistische und terroristische Darstellungen. Nun müsen sie Entscheidungen treffen, die sie überfordern: Keine Software der Welt kann zuverlässig Satire erkennen, und bei Drohungen oder Beleidigungen sind sich selbst Menschen oft nicht einig, wo die Meinungsfreiheit enden sollte.

Die Unternehmen werden versuchen, sich auf besonders kritische Inhalte zu fokussieren, von denen potenziell Gefahr für andere Nutzerïnnen ausgeht. Alle anderen Inhalte landen in der Warteschleife und werden langsamer abmoderiert.

Be smart: Seit Jahren haben Content-Moderatorïnnen zwei Aufgaben: Sie prüfen und sperren Inhalte – und sie trainieren Maschinen. Langfristig arbeiten sie damit daran, ihren eigenen Job überflüssig zu machen. Bislang sind Algorithmen aber noch längst nicht in der Lage, genauso zuverlässig zu arbeiten wie Menschen.

Die Corona-Krise könnte zeigen, ob künstliche Intelligenz mehr ist als ein überstrapazierter Begriff, der meist fälschlicherweise als Synonym für maschinelles Lernen genutzt wird. Sind Maschinen wirklich schon so intelligent, um Teile eines wichtigen und verantwortungsvollen Jobs zu übernehmen?

Wenn der Ausnahmezustand länger anhält, wird das für Unternehmen und Nutzerïnnen eine große Herausforderung. Insgesamt dürfte das Risiko im Overblocking liegen: Lieber löschen die Plattformen zu viel als zu wenig. Eher soll ein legaler Beitrag verschwinden, als eine Morddrohung online bleiben.

Die aktuelle Situation trifft alle unvorbereitet. Selbst Milliardenkonzerne wie Google und Facebook waren nicht auf Covid-19 vorbereitet, und es gibt keine perfekten Lösungen. Zumindest für die Plattformen ist die Krise aber auch eine Chance: Sollten sich die Maschinen bewähren, muss sich ein Teil der Content-Moderatorïnnen wohl einen neuen Job suchen.

Zoom-Mania

Was ist: In Zeiten von Kontaktsperren und Social Distancing boomen Livestreaming- und Videochat-Plattformen. Vor allem Zoom erlebt einen regelrechten Boom. No pun intended.

Warum ist das interessant?

  • Die kalifornische Video-Telefonie-App Zoom verzeichnete allein vergangene Woche Sonntag rekordverdächtige 600.000 Downloads.
  • Tags drauf wurde Zoom die am häufigsten heruntergeladene Anwendung im Apple App Store
  • Zooms Aktienkurs schießt nach oben – das Unternehmen wird derzeit mit 29 Milliarden Dollar bewertet.
  • Was als Business-App startete, ist mittlerweile ein essentielles Werkzeug für Schulen, Universitäten, Künstler, Journalisten und – Achtung – ganz normale Menschen.

Warum ist Zoom so populär?

  • Eigentlich gibt es ziemlich viele Video-Chat-Optionen: Techcrunch hat eine schöne Übersicht für unterschiedliche Bedürfnisse zusammengestellt.
  • Zoom sticht aber derzeit heraus.
  • Das könnte einerseits daran liegen, dass die App ziemlich easy zu benutzen ist. Friction ist immer ein Thema!
  • Zudem ist Zoom recht großzügig: Bis zu 100 Leute können sich 40 Minuten lang kostenfrei unterhalten – viel mehr als bei Mitbewerbern.
  • Theoretisch könnten alle Teilnehmer nach 40 Minuten einen neuen Call starten und es würden nie Kosten anfallen.
  • Praktisch läuft das natürlich anders: Unternehmen können für eine monatliche Gebühr, die Beschränkungen aufheben.
  • Zoom ist auch deshalb so populär, weil es keinen Account braucht, um an einem Call teilzunehmen. Again: Friction!
  • Zoom ist gerade bei der jüngeren Generation in den USA so populär, weil das Tool bereits von vielen in der Uni / Schule genutzt wird – die private Nutzung scheint da nur logisch.

Was sind die Herausforderungen?

  • Zunächst einmal muss Zoom sich darum kümmer, dass der Service up and running ist. Bei so einem Ansturm gar nicht so leicht zu händeln.
  • Zweitens muss Zoom sich zunehmend mehr um all die hässlichen Dinge kümmern, um die sich andere Plattformen auch kümmern müssen: allen voran Content Moderation. Immer häufiger werden über Zoom Dinge gestreamt, die nicht auf diese und auch auf keine andere Plattform gehören.
  • Drittens muss Zoom innerhalb kürzester Zeit seinen neuen Nutzerïnnen erklären, wie die App funktioniert: die Tracking-Optionen mögen an manchen Stellen sinnvoll sein (Datenschutz Guru), das leuchtet aber nicht sofort ein.
  • Viertens haben natürlich bereits auch Trolle die Plattform entdeckt und verabreden sich zu sogenannten Zoombombs (New York Times) – also dem Crashen von Video-Calls. Die Firma muss sich überlegen, ob die Screensharing-Funktion wirklich per Default angeschaltet sein sollte.

Was ist mit der Konkurrenz?

  • Klar, Zoom ist bei weitem nicht das einzige Instrument, das derzeit genuzt und heiß diskutiert wird.
  • Slack etwa hat sich aufgehübscht und ermöglicht ebenfalls Video-Calls.
  • Skype ist schon immer ein Thema, kommt aber nicht so richtig aus dem Quark.
  • Twitch ist ebenfalls spannend, insbesondere für Musiker: immer mehr DJs nutzen die Plattform (DJ Mag), um mit ihren Fans Kontakt aufzunehmen, Soundcloud hat einen Deal mit Twitch (The Verge), damit Artists auf Twitch leichter Geld verdienen können.
  • Zoom aber scheint derzeit vor allem in der Breite an Popularität zuzulegen: Zoom hat Cloud (New York Times).

Be smart: Endlich wissen wir, wofür das Z in Generation Z steht: Zoom. Im Gegensatz zu ihren Feinden, den Boomern, definieren sich viele Kids dieser Tage als Zoomer. Merch (Amazon) und Meme-Gruppen (FB) inklusive. Unsere Einschätzung: Zoom ist gekommen, um zu bleiben. Als Business-App sowieso. Als Freizeit-App aber auch. Künftig gibt es sicherlich noch mehr Anwendungsszenarien. Dabei sind die bestehenden schon nicht ohne…

  • Zoom Blind Dates
  • Zoom Tarot-Lesungen
  • Zoom Yoga
  • Zoom Nähkurse
  • Zoom Ganja-Sessions
  • Zoom Bier-Pongturniere

Read on:

  • Andere haben den Livestream-Trend natürlich auch längst erkannt und werben mit spanennden Live-Inhalten: Insta hier, TikTok im eigenen Blog. Das Verrückte daran: Es gibt sogar feste Zeiten / Sendeplätze für die Live-Shows – das ist ja fast wie, lasst uns überlegen, wie hießt das noch: Fernsehen! Ja, Fernsehen!! Verrückt.

Social Media & Politik

Coronavirus als Chance für die Politik: Der geschätzte Kollege Martin Fuchs sieht in der Coronakrise Chancen für die Politik, endlich digitaler zu werden. In einem Twittter-Thread sammelt Martin Ideen, wie Behörden, Parteien und Politiker soziale Medien in der Krise (und womöglich darüber hinaus) nutzen. Einige Beispiele:

Kampf gegen Desinformation

Während wir uns in den vergangenen zwei Briefings monothematisch dem Coronavirus gewidmet haben, fließen diesmal Themen rund um Covid-19 in unsere regulären Kategorien mit ein – allen voran natürlich beim Kampf gegen Desinformation:

  • FB Messenger bietet Behörden enge Partnerschaften an, um Tools zu entwickeln, mit denen Bürgerïnnen besser erreicht werden können.
  • WhatsApp bietet Nutzerïnnen zudem ein erprobtes Mittel, um sich über Dinge zu informieren, die ihnen geschickt wurden: eine Websuche. 🤔
  • YouTube bietet auf der Homepage eine spezielle Section an, die mit veritablen Informationen zu Covid-19 aufwartet.

Social Media & Journalismus

Facebook: News Powerhouse: Viele Publisher in den USA erleben derzeit einen Traffic-Boom über Facebook (New York Times). Kein Wunder: Corona ist auch auf Facebook das bestimmende Thema. Und je mehr Menschen Zeit haben, Facebook zu nutzen, desto mehr teilen auch Covid-19-Artikel. Falls jemand mit uns teilen möchte, wie stark der Traffic via Facebook in den vergangenen Wochen gestiegen ist, immer her damit! Dann beleuchten wir das in einer der kommenden Ausgaben noch einmal genauer.

Twitter spendet eine Million Dollar, um Journalismus während der Coronakrise zu unterstützen (Techcrunch). Wie Craig Silverman bei BuzzFeed zeigt, ist das natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein: die wegbrechenden Werbeumsätze könnten die Branche nachhaltig verändern – womöglich sogar stärker als die Finanzkrise 2008: The Coronavirus Is A Media Extinction Event.

Follow the money

Weniger Werbeeinnahmen: Wo wir gerade beim Thema Geld sind: Protocol berichtet, dass Facebook ebenfalls mit geringeren Werbeeinnahmen rechnen muss. Mein Bauch sagt mir: Facebook wird das prima überstehen. Ja, vielleicht sogar als einer der Gewinner aus der Krise hervorgehen: Techlash war gestern (WIRED).

Neue Features bei den Plattformen

Facebook

Instagram

  • Gruppen-Instagrammen: Weil Kids aktuell nicht auf dem Schulhof die Köpfe zusammenstecken können, um gemeinsam über Instagram-Posts zu lästern, bietet das Unternehmen nun Co-Watching (The Verge) an. Offiziell wird das als Feature gegen Corona-Falschnachrichten verkauft.

Pinterest

  • Today Tab: Pinterest lanciert ein neues Feature, um zu bestimmten Themen einen besseren Überblick (Techcrunch) geben zu können: tägliche Empfehlungen und Trending Topics inklusive.

Snapchat

  • #Wirbleibenzuhause – gamifiziert: Um Kids zu motivieren, zuhause zu bleiben, hat Snapchats Zenly ein Leaderboard (Techcrunch) eingeführt – Tracking vorausgesetzt.

Reddit

  • Umfragen: Bei Reddit lassen sich nun zu allem möglichen Umfragen (The Verge) posten. Why not.

One more thing

#maskeauf: Der geschätzte Kollege Christoph Koch hat uns auf die Aktion #maskeauf aufmerksam gemacht. Die Idee: „Wenn alle Menschen im öffentlichen Raum Atemschutzmasken tragen, kann die Ausbreitung von SARS-CoV-2 verlangsamt werden. Weil die medizinischen Masken in die Medizin gehören, basteln wir sie uns selbst. Damit schützen wir alle.“ Ok.

Header-Foto von Free To Use Sounds bei Unsplash

Das Netz und die Krise, Weniger Datenschutz – besserer Seuchenschutz

Salut und herzlich Willkommen zur 624. Ausgabe des Social Media Briefings. Nachdem wir in der vergangenen Ausgabe die Infodemie betrachtet haben, widmen wir uns jetzt der guten Seite des Netzes, die Covid-19 zum Vorschein bringt. Wir erklären, wie Social Media tatsächlich helfen, Menschen verbinden und Einsamkeit erträglicher machen kann – so wie es der Name verspricht. Außerdem gibt es am Ende eine dringende Lese- und Hörempfehlung fürs Wochenende. Aus sicherer Entfernung grüßen Martin & Simon

Hinweis: Unsere Briefings sind eigentlich kostenpflichtig. Da wir unsere Recherchen zum Coronavirus aber nicht hinter einer Paywall „verstecken“ möchten, sind alle Analysen zum Thema Covid-19 frei zugänglich.

👉🏻 Falls du noch kein Abonnent bist und unsere Arbeit unterstützen möchtest, kannst du entweder via Steady ein Abo abschließen oder uns via Paypal einen Kaffee kaufen. Vielen Dank!

Artikel zum Coronavirus:


Wie das Netz in der Krise helfen kann 💛

Was ist: Das Coronavirus ist die größte Herausforderung seit dem zweiten Weltkrieg. Das sagt Angela Merkel, und sie hat Recht. Die Pandemie verändert den Alltag fast aller Menschen, und selbst wenn wir es schaffen, Covid-19 einzudämmen, werden die wirtschaftlichen Folgen noch Jahre zu spüren sein.

Doch neben Pandemie und Infodemie gibt es ein weiteres virales Phänomen, das Mut machten und Hoffnung spenden kann (Deutschlandfunk): Das Netz beweist, dass es neben Hass und Spott noch eine andere Seite hat. Menschen zeigen Hilfsbereitschaft und Solidarität, Unternehmen bieten einst kostenpflichtige Dienste vorübergehend gratis an, Social Media wird wieder das, was der Name besagt: soziale Medien.

Wie sich das zeigt: Meine Timeline ist voll mit Fotos und Videos, die zeigen, dass zumindest ein Teil der Welt in der Krise näher zusammenrückt. Mieterïnnen bieten an, für ihre älteren Nachbarïnnen einkaufen zu gehen, Italienerïnnen singen auf ihren Balkonen, Menschen spenden sich Trost und Zuversicht.

Exemplarisch einige ausgewählte Beobachtungen, Fundstücke und Tipps:

  • In sozialen Netzwerken verbreiten sich nicht nur Gerüchte und Falschnachrichten, sondern auch wertvolle Informationen. Epidemiologen, deren Fachgebiet vor kurzem niemand buchstabieren konnte, werden durch Podcasts und kluge Twitter-Threads zu B-Promis, die aufklären und einordnen.
  • Ein Beispiel: „To those that live in Italy, how is the situation right now with coronavirus and lockdown?”, fragt jemand auf Reddit – und Tausende Menschen antworten.
  • Die Krautreporter listen digitale Kulturevents auf, bei denen Künstlerïnnen und Kreative ihre Konzerte, Podiumsdiskussionen, Theaterstücke oder Lesungen live streamen. Bei diesem Angebot kann die Quarantäne eigentlich gar nicht langweilig werden.
  • Die Berliner Philharmonie hat ihre digitale Konzerthalle geöffnet: Mit dem Code BERLINPHIL können alle 30 Tage lang kostenlos auf mehr als 600 Filme und Aufzeichnungen vergangener Konzerte zurückgreifen.
  • Der wunderbare Igor Levit setzt sich jeden Abend um 18 oder 19 Uhr an seinen Flügel und spielt Klavier. Allerdings nicht allein: Bei seinen Hauskonzerten sehen ihm Hunderttausende Menschen zu. Der Klang? Naja. Aber das ist egal. Alex Rühle bringt es auf den Punkt (SZ): „Worauf es ankommt, ist, dass da einer Kunst macht, um zu trösten.”
  • Die Seite Help with Covid vernetzt Projekte und Freiwillige, die mit Programmier-Skills unterstützen.
  • Ein 17-jähriger US-Amerikaner hat eines der wichtigsten Informations-Dashboard mit Daten zur Ausbreitung von Covid-19 gebaut. Im Interview erzählt er davon. (SZ-Magazin)
  • Das Bundesgesundheitsministerium (!) ist technisch vorne dran und schickt über einen Bot Push-Benachrichtigungen zum Coronavirus an alle, die diesen Tweet liken. Dahinter steckt der Auslöser „Trigger on a Like“.
  • Etliche Start-ups und große Tech-Konzerne bieten ihre Software und Abonnements vorübergehend gratis an (SZ). Eine noch umfangreiche Übersicht gibt es auf dem Schnäppchenportal Mydealz. Natürlich haben die Unternehmen dabei auch ein Eigeninteresse und hoffen, dass viele Nutzerïnnen später dafür bezahlen – aber im Moment ist das Angebot gut und hilfreich.
  • Auch Anbieter von IT-Sicherheitsprodukten wie 1Password, Cisco oder Cloudflare verlängern die Dauer der Gratis-Probeabos oder springen mit kostenlosem Ransomware-Schutz für Krankenhäuser ein (Forbes).
  • Die öffentlich-rechtlichen Sender machen in der Krise einen tollen Job, indem sie informieren, unterhalten und weiterbilden. Mein Highlight: Die „Sendung mit der Maus” kommt künftig täglich statt wöchentlich (Spiegel).

Wie sich das anfühlt: Kevin Roose beschreibt seine Erfahrungen so (NYT):

"I expected my first week of social distancing to feel, well, distant. But I’ve been more connected than ever. My inboxes are full of invitations to digital events — Zoom art classes, Skype book clubs, Periscope jam sessions. Strangers and subject-matter experts are sharing relevant and timely information about the virus on social media, and organizing ways to help struggling people and small businesses. On my feeds, trolls are few and far between, and misinformation is quickly being fact-checked."

Genauso geht es mir auch. Ja, Twitter ist immer noch aufgeregt und hektisch, rotzig und besserwisserisch. Insta ist voller Inszenierungen, TikTok albern wie eh und je, Facebooks Algorithmen habe ich noch nie verstanden (oder andersherum).

Aber das macht nichts. Denn dazwischen sind so viel willkommene Ablenkung, Lustiges und Rührendes, Mitgefühl und Menschlichkeit, dass ich heilfroh bin, diese Zeit online überstehen zu können. Quarantäne ist Mist – Quarantäne ohne Netz ist noch viel größerer Mist.

Wie die Plattformen helfen

Als Social Media Watchblog ist es unsere erklärte Aufgabe, Big Tech kritisch auf die Finger zu schauen. Den bedingungslosen Glauben, dass Technik und Vernetzung die Welt zu einem besseren Ort macht, haben wir oft kritisiert. In der Coronakrise aber zeigen viele Unternehmen, dass sie so etwas wie ein Gewissen haben und soziale Verantwortung verspüren.

"Twitter, Facebook, YouTube and others can actually deliver on their old promise to democratize information and organize communities, and on their newer promise to drain the toxic information swamp."

Das schreibt Ben Smith (NYT), und er hat Recht:

  • Viele Unternehmen arbeiten mit Gesundheitsorganisationen wie der WHO zusammen und blenden Nutzerïnnen seriöse Informationen ein.
  • In ihren Newsrooms und Firmenblogs geben Facebook, WhatsApp, Google, YouTube und Twitter einen fortlaufend aktualisierten (und mittlerweile recht langen) Überblick der einzelnen Maßnahmen.
  • Nicht alles zeigt die gewünschte Wirkung: Die Infodemie ist real, Lügen, Gerüchte und irreführende WhatsApp-Sprachnachrichten werden uns erhalten bleiben.
  • Manches führt auch zum gegenteiligen Effekt: Zwischenzeitlich stufte ein übereifriger Facebook-Filter seriöse Beiträge als Spam ein (BuzzFeed), der Fehler ist mittlerweile behoben.
  • Angesichts der Umstände machen die Plattformen aber einen guten Job und sind eher Teil der Lösung als Teil des Problem.

Be smart: Die kommenden Monate werden hart. Aberausende Menschen werden sterben, Millionen Menschen werden um ihre Existenz bangen. Ausgangssperren und Social Distancing werden viele Menschen einsam machen. Der Soziologe Eric Klinenberg sagt deshalb (Vox):

"We’ve entered a new period of social pain. There’s going to be a level of social suffering related to isolation and the cost of social distancing that very few people are discussing yet."

Menschen sind soziale Wesen, Videokonferenzen in HD können Kontakt von Angesicht zu Angesicht nicht ersetzen (WSJ). Diese Sorge treibt auch Mark Zuckerberg um. „I’m personally quite worried that the isolation from people being at home could potentially lead to more depression or mental health issues”, sagt er (The Verge).

Deshalb wäre es zynisch, die Krise als Chance zu bezeichnen (abgesehen davon, dass das eine abgegriffene Floskel ist). Trotzdem könnte der aktuelle Ausnahmezustand Prozesse auslösen, die der Gesellschaft langfristig gut tun (und unserem Planeten erst recht). Am Beispiel von Igor Levit beschreibt Georg Diez (Looping Group), wie diese Kommunikations-Revolution aussehen könnte:

"Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten, das zeigt diese Krise, bieten eine viel umfassendere Möglichkeit, sich zu informieren, und zwar auf eine Art und Weise, die an Tiefe, Kontinuität und Genauigkeit in keinem Vergleich steht zu dem, was die traditionellen Medien in gefiltertem Maß tun; wobei der Filter genau das Problem ist, denn zwischen Absender und Adressat schaltet sich jemand, der oder die im Zweifelsfall deutlich weniger weiß als etwa Christian Drosten."

Jahrelang haben Feuilletonistïnnen von „sogenannten sozialen Medien” geschrieben. Vielleicht können sie sich den Zusatz bald sparen, weil das Netz endlich jenes Versprechen einlöst, das viele einst damit verbunden haben (NYT):

"But if there is a silver lining in this crisis, it may be that the virus is forcing us to use the internet as it was always meant to be used — to connect with one another, share information and resources, and come up with collective solutions to urgent problems."


Weniger Datenschutz – besserer Seuchenschutz?

Was ist: In mehreren Ländern geben Mobilfunkanbieter und Tech-Unternehmen Bewegungsdaten an Regierungen, Gesundheitsbehörden oder Forschungsinstitute weiter. Teils greifen sie damit tief in die Privatsphäre der Handynutzerïnnen ein.

Was das bringt: Die Daten sollen helfen, die Ausbreitung von Covid-19 zu verlangsamen oder zumindest besser vorherzusagen, in welchen Gebieten vermutlich bald weitere Fälle auftreten könnten. Je nach Qualität der Daten geschieht das auf individueller oder aggregierter Ebene.

Wer welche Daten teilt: In der aktuellen Diskussion geht einiges durcheinander, weil mehrere Länder an völlig unterschiedlichen Projekten arbeiten:

  • Mit den Daten könnte das RKI etwa Bewegungsströme modellieren, um vorherzusagen, wo sich das Virus vermutlich weiter ausbreiten wird. Der genaue Nutzen scheint aber noch relativ unklar zu sein. Die relativ grob gerasterten Funkzellenabfragen eignen sich nicht, um den Standort einzelner Personen nachzuvollziehen.
  • Parallel arbeitet das RKI an einer App, die exakte und personalisierte Daten einzelner Nutzerïnnen sammeln soll. Niemand weiß genau, wie diese App funktionieren soll. In jedem Fall dürfte dafür eine vorherige Einwilligung nötig sein.
  • Israel greift auf GPS-Daten einzelner Nutzer zu, die eine präzise und lückenlose Überwachung ermöglichen. Bislang wurden diese sensiblen Informationen nur vom israelischen Geheimdienst genutzt, um Terroranschläge zu verhindern. Jetzt will Israel etwa Personen warnen (NYT), die Kontakt mit Infizierten hatten, und überprüfen, ob die Quarantäne eingehalten wird.
  • Auch andere asiatische Länder wie Singapur, Südkorea und Hongkong versuchen, die Spuren einzelner Personen, die möglicherweise ansteckend sind, metergenau nachzuvollziehen. „Creepy but hugely effective”, schreiben Max Fisher und Amanda Taub (NYT-Newsletter).
  • In den USA sollen die großen Tech-Konzerne ihren Datenschatz öffnen (Washington Post), um Covid-19 zu stoppen. Die US-Regierung ist an Facebook, Google und weitere Unternehmen herangetreten, um gemeinsam daran zu arbeiten, die Daten für den Kampf gegen die Pandemie einzusetzen.
  • Google und Facebook sagen, dass es sich ausschließlich um anonymisierte Massendaten handle, die ohnehin bereits öffentlich in Produkten wie Google Maps angezeigt würden. Es gebe keine derartigen Pläne für Deutschland.

Be smart: Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Wenn es darum geht, Sicherheit und Privatsphäre abzuwiegen (Stichwort Vorratsdatenspeicherung oder Backdoors in Verschlüsselung), war dieser Newsletter meist Teil der Datenschutzfraktion.

In diesem Fall ist das Urteil nicht so eindeutig. Solange Datenschützerïnnen eingebunden sind, zwielichtige Unternehmen wie der Spyware-Hersteller NSO (Bloomberg) außen vor bleiben und die Informationen wirklich helfen, die Pandemie einzudämmen, ist es sinnvoll, diese Daten auszuwerten.

Unter einer Bedingung: Die Datenweitergabe muss eine vorübergehende Lösung bleiben, die später wieder zurückgenommen wird (Medienwoche):

"Der Ausnahmezustand ist stets ein Dammbruch, weil er Freiheitseinschränkungen legitimiert, die später, nach Aufhebung des Notstands, nicht mehr zurückgenommen (zum Beispiel die Sicherheitsgesetze in den USA nach dem 11. September) werden. Wer jetzt Daten freigibt, sollte die Folgen nach der Krise im Blick haben."


Der eine Text, den du lesen (oder hören) solltest

Das Podcast-Team der New York Times hat eine Sonderfolge von „The Daily” aufgenommen. Sie beruht auf einem Text aus dem vergangenen November. Die Autorin Taffy Brodesser-Akner beschreibt, wie sie Tom Hanks trifft.

Der Artikel heißt „This Tom Hanks Story Will Help You Feel Less Bad” und hält ein, was die Überschrift verspricht. „Hanks is playing Mister Rogers in a new movie and is just as nice as you think he is. Please read this article anyway”, bewirbt die Redaktion den Text, und wir schließen der Empfehlung an.

Meine Freundin hat mir die Geschichte vorgelesen, während ich gekocht habe, und am Ende waren wir beide gerührt, weil Tom Hanks ganz offensichtlich einfach ein unglaublich netter Mensch ist.

Das hat natürlich überhaupt nichts mit Social Media und zum Glück auch nichts mit Covid-19 zu tun. Aber das tut ja auch mal ganz gut.

Wie Social Media in der Coronakrise hilft

Was ist

Das Coronavirus ist die größte Herausforderung seit dem zweiten Weltkrieg. Das sagt Angela Merkel, und sie hat Recht. Die Pandemie verändert den Alltag fast aller Menschen, und selbst wenn wir es schaffen, Covid-19 einzudämmen, werden die wirtschaftlichen Folgen noch Jahre zu spüren sein.

Doch neben Pandemie und Infodemie gibt es ein weiteres virales Phänomen, das Mut machten und Hoffnung spenden kann (Deutschlandfunk): Das Netz beweist, dass es neben Hass und Spott noch eine andere Seite hat. Menschen zeigen Hilfsbereitschaft und Solidarität, Unternehmen bieten einst kostenpflichtige Dienste vorübergehend gratis an, Social Media wird wieder das, was der Name besagt: soziale Medien.

Wie sich das zeigt

Meine Timeline ist voll mit Fotos und Videos, die zeigen, dass zumindest ein Teil der Welt in der Krise näher zusammenrückt. Mieterïnnen bieten an, für ihre älteren Nachbarïnnen einkaufen zu gehen, Italienerïnnen singen auf ihren Balkonen, Menschen spenden sich Trost und Zuversicht.

Beobachtungen, Fundstücke und Tipps

  • In sozialen Netzwerken verbreiten sich nicht nur Gerüchte und Falschnachrichten, sondern auch wertvolle Informationen. Epidemiologen, deren Fachgebiet vor kurzem niemand buchstabieren konnte, werden durch Podcasts und kluge Twitter-Threads zu B-Promis, die aufklären und einordnen.
  • Ein Beispiel: „To those that live in Italy, how is the situation right now with coronavirus and lockdown?”, fragt jemand auf Reddit – und Tausende Menschen antworten.
  • Die Krautreporter listen digitale Kulturevents auf, bei denen Künstlerïnnen und Kreative ihre Konzerte, Podiumsdiskussionen, Theaterstücke oder Lesungen live streamen. Bei diesem Angebot kann die Quarantäne eigentlich gar nicht langweilig werden.
  • Die Berliner Philharmonie hat ihre digitale Konzerthalle geöffnet: Mit dem Code BERLINPHIL können alle 30 Tage lang kostenlos auf mehr als 600 Filme und Aufzeichnungen vergangener Konzerte zurückgreifen.
  • Der wunderbare Igor Levit setzt sich jeden Abend um 18 oder 19 Uhr an seinen Flügel und spielt Klavier. Allerdings nicht allein: Bei seinen Hauskonzerten sehen ihm Hunderttausende Menschen zu. Der Klang? Naja. Aber das ist egal. Alex Rühle bringt es auf den Punkt (SZ): „Worauf es ankommt, ist, dass da einer Kunst macht, um zu trösten.”
  • Die Seite Help with Covid vernetzt Projekte und Freiwillige, die mit Programmier-Skills unterstützen.
  • Ein 17-jähriger US-Amerikaner hat eines der wichtigsten Informations-Dashboard mit Daten zur Ausbreitung von Covid-19 gebaut. Im Interview erzählt er davon. (SZ-Magazin)
  • Das Bundesgesundheitsministerium (!) ist technisch vorne dran und schickt über einen Bot Push-Benachrichtigungen zum Coronavirus an alle, die diesen Tweet liken. Dahinter steckt der Auslöser „Trigger on a Like“.
  • Etliche Start-ups und große Tech-Konzerne bieten ihre Software und Abonnements vorübergehend gratis an (SZ). Eine noch umfangreiche Übersicht gibt es auf dem Schnäppchenportal Mydealz. Natürlich haben die Unternehmen dabei auch ein Eigeninteresse und hoffen, dass viele Nutzerïnnen später dafür bezahlen – aber im Moment ist das Angebot gut und hilfreich.
  • Auch Anbieter von IT-Sicherheitsprodukten wie 1Password, Cisco oder Cloudflare verlängern die Dauer der Gratis-Probeabos oder springen mit kostenlosem Ransomware-Schutz für Krankenhäuser ein (Forbes).
  • Die öffentlich-rechtlichen Sender machen in der Krise einen tollen Job, indem sie informieren, unterhalten und weiterbilden. Mein Highlight: Die „Sendung mit der Maus” kommt künftig täglich statt wöchentlich (Spiegel).

Wie sich das anfühlt

Kevin Roose beschreibt seine Erfahrungen so (NYT):

I expected my first week of social distancing to feel, well, distant. But I’ve been more connected than ever. My inboxes are full of invitations to digital events — Zoom art classes, Skype book clubs, Periscope jam sessions. Strangers and subject-matter experts are sharing relevant and timely information about the virus on social media, and organizing ways to help struggling people and small businesses. On my feeds, trolls are few and far between, and misinformation is quickly being fact-checked.

Genauso geht es mir auch. Ja, Twitter ist immer noch aufgeregt und hektisch, rotzig und besserwisserisch. Insta ist voller Inszenierungen, TikTok albern wie eh und je, Facebooks Algorithmen habe ich noch nie verstanden (oder andersherum).

Aber das macht nichts. Denn dazwischen sind so viel willkommene Ablenkung, Lustiges und Rührendes, Mitgefühl und Menschlichkeit, dass ich heilfroh bin, diese Zeit online überstehen zu können. Quarantäne ist Mist – Quarantäne ohne Netz ist noch viel größerer Mist.

Wie die Plattformen helfen

Als Social Media Watchblog ist es unsere erklärte Aufgabe, Big Tech kritisch auf die Finger zu schauen. Den bedingungslosen Glauben, dass Technik und Vernetzung die Welt zu einem besseren Ort macht, haben wir oft kritisiert. In der Coronakrise aber zeigen viele Unternehmen, dass sie so etwas wie ein Gewissen haben und soziale Verantwortung verspüren.

Twitter, Facebook, YouTube and others can actually deliver on their old promise to democratize information and organize communities, and on their newer promise to drain the toxic information swamp.

Das schreibt Ben Smith (NYT), und er hat Recht:

  • Viele Unternehmen arbeiten mit Gesundheitsorganisationen wie der WHO zusammen und blenden Nutzerïnnen seriöse Informationen ein.
  • In ihren Newsrooms und Firmenblogs geben Facebook, WhatsApp, Google, YouTube und Twitter einen fortlaufend aktualisierten (und mittlerweile recht langen) Überblick der einzelnen Maßnahmen.
  • Nicht alles zeigt die gewünschte Wirkung: Die Infodemie ist real, Lügen, Gerüchte und irreführende WhatsApp-Sprachnachrichten werden uns erhalten bleiben.
  • Manches führt auch zum gegenteiligen Effekt: Zwischenzeitlich stufte ein übereifriger Facebook-Filter seriöse Beiträge als Spam ein (BuzzFeed), der Fehler ist mittlerweile behoben.
  • Angesichts der Umstände machen die Plattformen aber einen guten Job und sind eher Teil der Lösung als Teil des Problem.

Be smart

Die kommenden Monate werden hart. Aberausende Menschen werden sterben, Millionen Menschen werden um ihre Existenz bangen. Ausgangssperren und Social Distancing werden viele Menschen einsam machen. Der Soziologe Eric Klinenberg sagt deshalb (Vox):

We’ve entered a new period of social pain. There’s going to be a level of social suffering related to isolation and the cost of social distancing that very few people are discussing yet.

Menschen sind soziale Wesen, Videokonferenzen in HD können Kontakt von Angesicht zu Angesicht nicht ersetzen (WSJ). Diese Sorge treibt auch Mark Zuckerberg um. „I’m personally quite worried that the isolation from people being at home could potentially lead to more depression or mental health issues”, sagt er (The Verge).

Deshalb wäre es zynisch, die Krise als Chance zu bezeichnen (abgesehen davon, dass das eine abgegriffene Floskel ist). Trotzdem könnte der aktuelle Ausnahmezustand Prozesse auslösen, die der Gesellschaft langfristig gut tun (und unserem Planeten erst recht). Am Beispiel von Igor Levit beschreibt Georg Diez (Looping Group), wie diese Kommunikations-Revolution aussehen könnte:

Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten, das zeigt diese Krise, bieten eine viel umfassendere Möglichkeit, sich zu informieren, und zwar auf eine Art und Weise, die an Tiefe, Kontinuität und Genauigkeit in keinem Vergleich steht zu dem, was die traditionellen Medien in gefiltertem Maß tun; wobei der Filter genau das Problem ist, denn zwischen Absender und Adressat schaltet sich jemand, der oder die im Zweifelsfall deutlich weniger weiß als etwa Christian Drosten.

Jahrelang haben Feuilletonistïnnen von „sogenannten sozialen Medien” geschrieben. Vielleicht können sie sich den Zusatz bald sparen, weil das Netz endlich jenes Versprechen einlöst, das viele einst damit verbunden haben (NYT):

But if there is a silver lining in this crisis, it may be that the virus is forcing us to use the internet as it was always meant to be used — to connect with one another, share information and resources, and come up with collective solutions to urgent problems.


Foto-Quelle: Fusion Medical Animation, Unsplash


Warum die virale Infodemie tödlich ist

Salut und herzlich Willkommen zur 623. Ausgabe des Social-Media-Briefings. Das Coronavirus verändert alles – auch unseren Newsletter. In der heutigen Ausgabe widmen wir uns monothematisch der Infodemie, die sich vor allem im Netz ausbreitet. Am Freitag wollen wir erklären, wie Social Media in Zeiten der Coronakrise wieder das werden kann, was der Name verspricht: sozial. Bleibt gesund und wascht euch die Hände, Martin & Simon

Hinweis: Unsere Briefings sind eigentlich kostenpflichtig. Da wir unsere Recherchen zum Coronavirus aber nicht hinter einer Paywall „verstecken“ möchten, sind alle Analysen zum Thema Covid-19 frei zugänglich.

👉🏻 Falls du noch kein Abonnent bist und unsere Arbeit unterstützen möchtest, kannst du entweder via Steady ein Abo abschließen oder uns via Paypal einen Kaffee kaufen. Vielen Dank!

Artikel zum Coronavirus:

Was ist

Die virologische Pandemie wird von einer viralen Infodemie begleitet. Eine Flut von Gerüchten, Halbwahrheiten, Falschinformationen und bewussten Lügen verunsichert viele Menschen. Die Plattformen tun ihr Bestes, aber insbesondere auf Ende-zu-Ende-verschlüsselten Messengern wie WhatsApp lässt sich der Unsinn kaum einfangen.

Wir haben diese Infodemie bereits in Briefing #620 analysiert. Das Thema ist aber so wichtig und hat sich derart schnell weiterentwickelt, dass wir es ein zweites Mal beleuchten wollen.

Warum das wichtig ist

In Zeiten von Covid-19 ist Desinformation noch gefährlicher als sonst. Das hat zwei Gründe:

Grund 1: Die direkten Folgen

  • Falschnachrichten können Aufstände und Gewalt auslösen. Im Februar landete ein Flugzeug aus Wuhan in der Ukraine. Als fälschlicherweise behauptet wurde, die Passagiere seien mit dem Coronavirus infiziert, brachen in der ukrainischen Nowi Sanschary Panik und gewalttätige Proteste aus (BuzzFeed). Die Chefin des Gemeinderats sprach von einem „Armageddon“, ausgelöst durch Desinformation.
  • Klar, die Ukraine ist nicht Deutschland: Aber wenn ich sehe, wie sich Menschen in Supermärkten um Nudeln und Klopapier prügeln, dann halte ich ein ähnliches Szenario auch in Deutschland für möglich.
  • Wir sind erst am Anfang der Pandemie. Bald dürften Millionen Menschen infiziert sein, und Ärztïnnen werden wie in Norditalien ältere Menschen zum Sterben nach Hause schicken, um andere Leben retten zu können. Spätestens dann werden auch vermeintlich stabile Gesellschaften wie die unsere anfällig für Hysterie, die in Krawall mündet.
  • (Wobei die Tausenden rassistisch motivierten Anschläge auf Flüchtlingsheime zeigen, dass es gar keine echte Krise braucht, damit Gerüchte im Netz zu Gewalt auf der Straße werden.)

Grund 2: Die indirekten Folgen

  • Desinformation kann nicht nur zu Panik führen, sondern Menschen auch sorglos machen. Ich habe in den vergangenen Tagen Dutzende Screenshots gesehen, die hanebüchene Tipps (Spiegel) und Selbsttests (BR) zeigen, die sich in sozialen Netzwerken massenhaft verbreiten. Kriminelle verkaufen Fake-Medikamente, und dubiose Webseiten geben unsinnige Ratschläge.
  • Offenbar dringen die teils eindringlichen Warnungen von WHO, RKI oder Behörden und öffentlichen Verwaltungen zu vielen Menschen nicht durch. Sie vertrauen eher ihrem Schwippschwager, der auf Telegram erzählt, er habe aus sicherer Quelle erfahren, alles sei halb so wild. Regelmäßig Wassertrinken und Vitamin C seien Vorsorge genug.
  • Am vergangenen Wochenende waren in Berlin nur die Regale leer – Cafés und Restaurants waren voll, Menschen drängeln an der Supermarktkasse, rempeln einander an und scheinen nicht bereit zu sein, ihr Verhalten zu ändern.
  • Ob es einen kausalen Zusammenhang zur grassierenden Desinformation gibt, oder Bequemlichkeit und Egoismus die Ursache sind (Zeit Online), ist unklar – aber Zahlen aus den USA zeigen, dass die Korrelation womöglich kein reines Zufallsprodukt ist
  • Dort verharmlost Donald Trump die Gefahr seit Monaten. Seit Wochen behauptet der US-Präsident (Washington Post), er habe alles im Griff, bald werde es keine Infizierten mehr geben, und ein Impfstoff sei gut wie fertig. Nichts davon stimmt.
  • Der Anteil der Demokraten, die darauf verzichten wollen, Essen zu gehen, liegt dreimal so hoch (NBC). Mehr als doppelt so viele Menschen, die demokratisch wählen, sind bereit, ihre Reisepläne zu ändern oder öffentliche Versammlungen zu meiden.
  • Auch hier ist nicht nachgewiesen, dass Trumps fortlaufende Verharmlosung seine Unterstützerïnnen beeinflusst. Anhänger der Republikaner glauben generell seltener an wissenschaftliche Fakten, auch die Klimakrise tun viele als Panikmache ab. In diesem Fall ist die Diskrepanz aber so krass, dass ich von Kausalität ausgehe.
  • Diese Ignoranz ist tödlich, womöglich nicht für sie selbst, aber für andere. „Coronavirus: Why You Must Act Now“ macht unmissverständlich deutlich, dass Hunderttausende sterben werden, wenn wir nicht alle bereit sind, vorübergehend Einschränkungen in Kauf zu nehmen.
  • Mehr als 35 Millionen Menschen haben den Text von Tomas Pueyo gelesen, es sollten noch viel mehr sein. Um Eltern oder Großeltern zu überzeugen, zuhause zu bleiben, eignet sich die deutsche Version (Perspective Daily) vermutlich noch besser.

Was die WHO sagt: Der Chef der Weltgesundheitsorganisation warnt seit Wochen eindringlich vor der Infodemie. Wir bekämpfen nicht nur eine Pandemie, wir bekämpfen eine Infodemie„, sagte er vor einem Monat (WHO). „Falschnachrichten verbreiten sich schneller als das Virus, und sie sind genauso gefährlich.“ Sein WHO-Kollege Michael Ryan sieht das ähnlich: „Wir brauchen einen Impfstoff gegen Falschinformationen“, sagte er auf einer Pressekonferenz der WHO (PDF-Manuskript).

Das Problem in Zahlen

Dem Factchecking-Dienst Newsguard zufolge wurden irreführende oder falsche Informationen über das Virus bis Anfang März mehr als 50 Millionen Mal (ZDNet) geteilt oder kommentiert – 142 Mal öfter als Inhalte offizieller Quellen wie der WHO. (Allerdings sind Medien, die WHO-Inhalte aufbereiten, nicht berücksichtig. Der Vergleich sagt also nichts über die generelle Verbreitung aus.)

Zu den Bullshit-Schleudern zählt etwa das Netzwerk „Natural News“, das sich Seiten wie FactCheck.news oder Pandemic.news gesichert hat und dort hanebüchene Verschwörungstheorien veröffentlicht.

Der viel größere und gefährlichere Teil der Desinformation findet aber in Räumen statt, die nicht öffentlich einsehbar sind: in Gruppen und Messengern (BuzzFeed). Niemand kann genau sagen, wie viel Unsinn sich über die digitale Flüsterpost verbreitet – und auch die Plattformen selbst können kaum eingreifen, um die Gerüchte einzufangen.

Ein konkretes Beispiel: Seit dem vergangenen Wochenende verbreitet sich eine WhatsApp-Sprachnachricht, die zeigt, wie Falschinformationen Verwirrung und Angst auslösen:

  • Eine Frau, die sich “Elisabeth, die Mama von Poldi” nennt, behauptet darin, die Uniklinik Wien habe herausgefunden, dass Ibuprofen die Gefahr erhöhe, schwer an Covid-19 zu erkranken.
  • Obwohl die Wiener Forscherïnnen schnell dementieren (Uni Wien), wird die Nachricht massenhaft geteilt. Am Wochenende war “coronavirus ibuprofen” zwischenzeitlich auf Platz 2 der Google-Suchtrends.
  • Es gibt allerdings keine wissenschaftlichen Studien, die einen Zusammenhang zwischen Ibuprofen und einem schweren Covid-19-Verlauf nachweisen.
  • Nur ein Beitrag im Fachjournal Lancet (PDF) erwähnt am Rande, dass Ibuprofen möglicherweise eine unerwünschte Wirkung haben könnte. Die Fallzahl der Untersuchung ist aber gering.
  • Der Verweis auf die Uniklinik in der Sprachnachricht war definitiv erfunden – die Verunsicherung war und ist dennoch riesig.

Wer warum Falschnachrichten teilt

Ein Teil der Gerüchte und Lügen werden mit bösartigen Absichten gestreut. Kriminelle wollen die Furcht vor dem Coronavirus nutzen, um Computerviren zu verbreiten. Betrügerïnnen versuchen, nutzlose Wundermittel zu verkaufen und Menschen auf dubiose Webseiten zu locken, die sie mit Anzeigen zuballern. Auch staatliche Akteure nutzen die Krise, um im Ausland Verunsicherung zu stiften (NYT)

Aber auch Menschen, die es eigentlich gut meinen, verbreiten fragwürdige Informationen weiter:

  • In Krisenzeiten hätten Gerüchte und Desinformation immer Konjunktur, schreibt die Professorin Kate Starbird (Medium), die an der Universität Washington zu Kriseninformatik und Krisenkommunikation forscht.
  • Wenn Menschen unsicher sind und Angst haben, versuchen sie, möglichst viele Informationen zu gewinnen, um die Lage besser einschätzen zu können. Das ist evolutionär gelerntes Verhalten und war einst überlebenswichtig.
  • „Das Problem ist ein Überangebot an Informationen“, schreibt Starbird: Früher war es schwer, überhaupt irgendetwas zu erfahren. Heute erfährt man mehr, als man eigentlich wissen wollte – und ist nicht mehr in der Lage, den Unsinn von den Fakten zu trennen.

Eine Reihe psychologischer Konzepte, die der Kognitionswissenschaftler Markus Knauff aufzählt (Zeit Online), erklären, warum es menschlich ist, auf Falschinformationen hereinzufallen (insgesamt nennt er acht solcher Fehler und Effekte):

  • Der Bestätigungsfehler besagt, dass man Informationen eher glaubt, wenn sie dem eigenen Weltbild entsprechen.
  • Der Bauchgefühl-Fehler drückt aus, dass sich viele Menschen von Emotionen wie Angst leiten lassen, statt auf ihren Kopf zu hören.
  • Der Kausalfehler beschreibt den Effekt, dass das Gehirn zufällige Korrelationen in einen kausalen Zusammenhang stellt.

Was die Plattformen tun

In diesem Briefing haben wir Big Tech oft kritisiert – im Umgang mit der Coronakrise zeigen Facebook, Google und Co. seit Wochen, dass sie auch schnell und entschieden handeln können (NYT). In einer der kommenden Ausgaben werden wir uns ausführlicher mit den Maßnahmen beschäftigen und versuchen, die Erfolgsaussichten einzuordnen.

Be smart

Meine SZ-Kollegen Dirk von Gehlen und Klaus Ott haben “Zehn Tipps gegen die Lügen” zusammengestellt. Ratschläge wie “Durchatmen”, “Quellen prüfen” und “Kettenbriefe meiden” klingen banal. Die vergangenen Tage zeigen aber, dass viele Menschen sie dringend nötig haben.

Manchmal tut es aber auch einfach gut, komplett abzuschalten. Eva Horn beschreibt es in einem Twitter-Thread treffend:

„Nehmt euch sehr bewusst Internet/Nachrichten/Socialmediafreie Zeit. (…) Nur, weil ihr auf Twitter ganz viele leere Supermarktregale seht, heißt es nicht, dass das auch überall die Realität ist. Niemand muss alles lesen – dafür gibt es Leute wie mich, die das beruflich machen (und das auch nicht 24 Stunden am Tag machen), LEGT DAS TELEFON WEG, wirklich. Wir schaffen das zusammen.“

Amen.

Autor: Simon Hurtz | Grafik: sympathiegestalten.de

Facebooks Moonshot hebt nicht ab, Kampf gegen das Coronavirus, Jack Dorsey wird seinen Job behalten

Salut und herzlich Willkommen zur 622. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute erklären wir, warum Facebook seinen ambitionierten Versuch, eine eigene Währung zu schaffen, wohl nochmal gründlich überdenken muss. Und ganz ohne Corona-Content kommen wir natürlich auch nicht aus. Aus dem hoffentlich virenfreien Homeoffice grüßen: Martin & Simon

Libra: Facebooks Moonshot hebt nicht ab

Was ist: Facebook ändert bei seiner Digitalwährung Libra den Kurs. Nutzerïnnen sollen nicht nur in Libra bezahlen, sondern auch US-Dollar, Euro und andere Währungen in ihren Wallet laden können. Außerdem verschiebt sich der Start abermals um mehrere Monate, nun peilt Facebook Oktober an – allerdings nur in ausgewählten Regionen.

Zuerst hatte The Information darüber berichtet, kurz danach zog Bloomberg nach. Wer kein Abo hat, kann bei The Verge nachlesen.

Moment, Libra? In Briefing #556 haben wir erklärt, was Libra ist (keine echte Kryptowährung), was Calibra ist (ein Wallet, um mit Libra zu bezahlen), was Facebook damit bezweckt und warum das Projekt so großes Risiko birgt.

Warum das wichtig ist: Libra war und ist eines der (über)ambitioniertesten Projekte in Facebooks Firmengeschichte. Das Potenzial ist gewaltig, aber das gilt auch für die Hürden und Probleme, die Facebook überwinden muss.

Offenbar hat es Facebooks Blockchain-Chef David Marcus bislang nicht geschafft, Regulatorïnnen, Kartellwächterïnnen, Notenbanken und Regierungen von Libra zu überzeugen.

Das ist verständlich: Facebook hat Politik und Gesellschaft fundamental verändert – und zwar nicht nur zum Guten. Das globale Währungs- und Bankensystem ist sein Jahrzehnten relativ stabil. Digitale Disruption könnte mehr durcheinanderbringen als nur ein paar Wechselkurse.

Warum Facebook den Kurs ändert: In den vergangenen Monaten gab es massiven Widerstand gegen Libra. Auf der ganzen Welt äußerten Finanzministerïnnen und Ökonomïnnen Bedenken. Zuckerberg und Marcus mussten vor mehreren Ausschüssen aussagen und konnten die bohrenden Fragen nur unzureichend beantworten.

Dem Projekt drohte harte Regulierung oder gar eine komplette Blockade. Indem Facebook auch andere Währungen integriert, will es Regulatorïnnen besänftigen. Diesen Schritt hatte Marcus bereits Ende 2019 angedeutet.

Was das für Libra bedeutet: Facebook selbst sagt, man stehe weiter vollkommen hinter dem Projekt (Ars Technica). Doch das Vorhaben verliert einiges an Strahlkraft: Viele Menschen, die Facebooks Zahlungsinfrastruktur nutzen wollen, könnten nun doch auf bekannte und bewährte Währungen wie Dollar und Euro zurückgreifen.

Das verlangsamt das Wachstum von Libra und macht die Initiative unattraktiver für Partner, die sich der Libra Association beitreten wollen. Aus einer eigenen Währung könnte eine Mischung aus Stablecoin und PayPal-Klon werden – für Facebook immer noch interessant und potenziell lukrativ, aber längst nicht mehr so faszinierend wie der ursprüngliche Plan.

Wie es mit Libra weitergeht: Bereits im September 2019 schrieben wir in Briefing #580:

In den kommenden Monaten wird viel Überzeugungsarbeit auf Facebook zukommen. Ich halte es für nahezu ausgeschlossen, dass Libra so umgesetzt wird, wie es ursprünglich gedacht war.

Das hat sich bewahrheitet – und das gilt immer noch. Selbst der abgespeckte Status quo garantiert nicht, dass Libra wie geplant im Oktober starten kann. Es gibt immer noch viel Misstrauen und eine Menge regulatorischer Hürden.

Auch wenn bereits etliche wichtige Partner wie Mastercard, Visa, Vodafone und PayPal abgesprungen sind, hat Libra immer noch Potenzial. Nach wie vor sind Unternehmen wie Spotify, Lyft, Shopify und der VC-Investor Andreessen Horowitz dabei – und natürlich Facebook selbst, das drei der größten digitalen Plattformen der Welt kontrolliert.

Be smart: Facebook hat bei Libra mehrere strategische Fehlentscheidungen getroffen. Das ging bereits mit der Ankündigung los. In unserer Libra-Analyse schrieben wir:

„Als Facebook Libra im Juni vorstellte, war es nur ein vages Konzept – wurde aber präsentiert wie ein konkreter Plan. Das war ein schwerer Kommunikationsfehler: Was als Gesprächsangebot gedacht war, wurde öffentlich als Bedrohung wahrgenommen. Statt mit Facebook über Risiken und Nebenwirkungen zu diskutierten, gingen Politikerïnnen und Aufsichtsbehörden in eine Abwehrhaltung.“

Die folgenden Monate zeigten, dass Facebook keinerlei Strategie hatte, wie es mit Libra weitergehen sollte – und auch keine entwickelte. Im Dezember sagte Patrick Ellis, ein führendes Mitglied der Libra Association (Reuters):

„At this stage, there is no strategy set in stone for the markets or the product, or how it will actually get rolled out.“

Das zeigt drei Dinge:

    1. Facebook hat immer noch nicht begriffen, wie stark es seinen Ruf durch fortlaufende Pannen und Skandale beschädigt hat. Nutzerïnnen mag der drölfzigste Datenschutz-Schluckauf nur am Rande interessieren – Politik und Aufsichtsbehörden nehmen das aber sehr wohl wahr.

 

    1. Politikerïnnen haben jahrelang zugesehen, wie Facebook immer mächtiger geworden ist. Jetzt scheinen sie aufgewacht zu sein. Tech-Unternehmen werden es künftig schwerer haben, disruptive Projekte auf den Weg zu bringen, ohne regulatorische Fragen beantworten zu müssen.

 

  1. Facebook-Features, die Datenschutz und Privatsphäre betreffen, brauchen teils Jahre, bis sie Realität werden – und sind dann deutlich weniger mächtiger als ursprünglich versprochen, wie etwa Off-Facebook Activity zeigt (SZ). Doch auch Projekte, von denen Facebook finanziell profitieren könnte, kommen später oder scheitern. Das gilt für die Datingfunktion (Golem) und auch für Libra.

Autor: Simon Hurtz

Kampf gegen das Coronavirus

Wir kennen uns mit Social Media aus. Von Viren und Pandemien verstehen wir nur wenig. Trotzdem kommen wir in diesem Newsletter nicht an dem Thema vorbei, das derzeit alle Schlagzeilen bestimmt.

Vergangene Woche haben wir in Briefing #620 die Infodemic analysiert, die dem Virus hilft, viral zu gehen. Martin hat außerdem im Deutschlandfunk erklärt, wie Facebook und YouTube gegen die Desinformation vorgehen.

An dieser Stelle beschränken wir uns auf Linktipps und einen nachrichtlichen Überblick, wie Sars-CoV-2 Plattformen und digitale Wirtschaft verändert. Kommende Woche gibt es dann vielleicht wieder eine digitale Tangente, die sich tiefer zu analysieren lohnt.

Desinformation

  • Das Weiße Haus hat Vertreterïnnen von Amazon, Google, Facebook, IBM, Microsoft und Twitter einbestellt. Sie sollen helfen, die Infodemic einzudämmen (Washington Post).
  • Die Verschwöungstheorien zum Coronavirus sind nicht das Werk russischer oder chinesischer Trolle – sie haben ihren Ursprung mitten in den USA (Atlantic).
  • Google blendet bei entsprechenden Suchanfragen nun einen SOS-Warnhinweis ein und gibt Nutzerïnnen Sicherheitstipps und Links zu WHO und Gesundheitsministerium. Außerdem werden Anzeigen und Apps blockiert, die versuchen, aus dem Coronavirus Kapital zu schlagen. Einen Überblick der Maßnahmen gibt Sundar Pichai (Google-Blog).
  • Ähnliche Maßnahmen gelten für YouTube. Susan Wojcicki kündigt an (YouTube-Blog), dass ausgewählte Creators und Organisationen bald wieder Anzeigen in Videos schalten, die das Coronavirus thematisieren. Die Monetarisierung wurde zwischenzeitlich blockiert.
  • Auch Facebook versucht, Falschinformationen zu bekämpfen – und stößt dabei auf ein Problem, das es selbst geschaffen hat: öffentliche und geschlossene Gruppen (NBC). Dort kursieren Verschwörungstheorien und gefährlich Ratschläge, ohne dass Moderatorïnnen eingreifen können.
  • Wer ebenfalls Desinformation betreibt, indem er sich in seinem Newsletter über angebliche Überreaktionen lustig macht: Gabor Steingart (Übermedien).
  • Wie sollten verantwortungsbewusste Journalistïnnen berichten, um die Desinformations-Maschinerie zu stoppen? Es geht nicht nur darum, Falschinformationen zu debunken und inhaltlich korrekt zu berichten – auch präzise Überschriften und Teaser sind in diesen Zeiten besonders wichtig (Wired).

Scams

  • Natürlich gibt es Menschen, die in der Krise das große Geschäft wittern. Sie bieten etwa Desinfektionsmittel für absurde Preise an – und es tut ihnen nicht einmal leid (Atlantic).
  • Facebook hat temporär alle Verkäufe von Atemschutzmasken über seinen Online-Marktplatz verboten. Trotzdem werden sie dort noch immer angeboten – teils für Hunderte Dollar (The Verge). Das gleiche Problem zeigt sich auf eBay.
  • Auf Crowdfunding-Plattformen wie Indiegogo und GoFundMe sammeln abenteuerliche Kampagnen, die fragwürdige Heilsversprechen machen, Tausende Dollar ein (OneZero).

Folgen

  • Regierungen auf der ganzen Welt reagieren mit drastischen Maßnahmen auf das Virus. Einige davon könnten die Privatsphäre der gesamten Bevölkerung gefährden (Politico). Es stellt sich etwa die Frage, ob Gesundheitsämter auf Bewegungsdaten zugreifen dürfen, um die Ausbreitung zu verhindern.
  • Es ist fast unmöglich, verlässliche Nachrichten aus der Region Wuhan zu bekommen, wo Covid-19 zuerst ausbrach. Um die staatliche Zensur zu umgehen und Desinformation zu vermeiden, wählen einige Menschen einen ungewöhnlichen Weg: Sie setzen ihren Tinder-Standort auf Wuhan (BuzzFeed), um zuverlässige Information von vor Ort zu erhalten.
  • Viele Tech-Firmen schicken ihre Angestellten ins Homeoffice. Für die gut bezahlten Entwicklerïnnen ist das kein großes Problem. Für Gig-Workerïnnen ist das Coronavirus aber existenzbedrohend, weil ihnen Aufträge wegbrechen (Wired).
  • Was bedeutet die Pandemie für die digitale Wirtschaft? Marcel Weiß listet 13 Folgen auf (Neunetz), die klar machen, wie fundamental sich unser Leben ändern könnte, wenn es zum Worst-Case-Szenario kommt und wir die Ausbreitung nicht verlangsamen können.
  • Welche Branchen und Unternehmen sind besonders betroffen? Expertïnnen geben Prognosen ab (Protocol). Die Kurzfassung: Je stärker das Geschäft von einer Supply-Chain abhängt, desto heftiger die Auswirkungen. Wer Hardware herstellt, muss sich also größere Sorgen machen als Software-Anbieter.

Linktipps

  • Das Coronavirus Tech Handbook ist das ultimative, crowdgesourcte Nachschlagewerk für Daten, Fakten, Tools und wissenschaftliche Empfehlungen zum Thema. Hunderte Menschen tragen dort stündlich neue Informationen ein. Pflichtbookmark.

Autor: Simon Hurtz

Politik

Desinformation

  • Im vergangenen Jahr hat Facebook mehrere Milliarden Fake-Accounts gelöscht. Die meisten Sperren erfolgen automatisiert. Jetzt hat Facebook Details veröffentlicht, wie das Machine-Learning-System funktioniert, das Scammer und Spammer erkennen soll (Heise).
  • Wer Deepfake hört, denkt meist an Video – doch die Technik kann auch Stimmen fälschen. Tatsächlich wird das bereits von Kriminellen genutzt, etwa um Angestellte zu überzeugen, Geld zu überweisen, weil sie denken, dass ihr Vorgesetzter anruft. Deepfakes werden aber auch für harmlose und sinnvolle Zwecke eingesetzt, zum Beispiel in Filmproduktionen. Michael Förtsch hat mit einem professionellen Sprachfälscher gesprochen (IE9).

Regulierung

  • In den USA könnte der Kongress bald den EARN IT Act verabschieden (Protocol). Er soll verhindern, dass sich Aufnahmen von Kindesmissbrauch verbreiten. Doch das Gesetz bedroht Verschlüsselung, Meinungsfreiheit und Privatsphäre von Milliarden Nutzerïnnen, wie etwa Edward Snowden (Twitter) und die EFF warnen. In einem der kommenden Briefings werden wir uns dem Thema ausführlicher widmen.
  • Die US-Amerikanerïnnen haben kein großes Vertrauen in Tech-Unternehmen – aber sie glauben auch nicht (Knight Foundation), dass die Politik es besser macht. Ziemlich genau die Hälfte spricht sich für mehr Regulierung aus, die andere Hälfte ist dagegen.
  • Den zahlreichen Vorhaben, das Silicon Valley stärker zu regulieren, gesellt sich ein weiteres hinzu (The Verge). Die Demokratin Amy Klobuchar will digitale (Quasi-)Monopolisten wie Google verpflichten, Wettbewerb zu ermöglichen. Der Justizausschuss des US-Senats hat dazu Google und Amazon vorgeladen.
  • Mehrere US-Staaten wollen dem Vorbild von Ländern wie Frankreich folgen und Gewinne separat besteuern (The Information), die Unternehmen mit Online-Werbung und anderen digitalen Geschäften machen.

Gesellschaftliche Auswirkungen

  • Schaden Smartphones Kindern und Jugendlichen? In Briefing #620 haben wir erklärt, warum wir Studien zu solchen Fragen nicht mehr separat aufgreifen wollen. Jane C. Hu zeigt, wie es besser geht: Ihr Text (Slate) ist fast schon eine eigene Meta-Studie, unterscheidet sauber zwischen Korrelation und Kausalität und erklärt, was das Problem vieler Studien ist. Am Ende steht zwar keine eindeutige Antwort, aber trotzdem ein Erkenntnisgewinn.
  • Wie fast jede Plattformen, auf der sich junge Menschen selbst inszenieren, hat TikTok ein Problem mit Inhalten (Wired), die unrealistische Schönheitsideale propagieren und Essstörungen begünstigen.
  • Im Januar hat Google den “Black History Month” ausgerufen. Tatsächlich tragen Googles Algorithmen aber immer noch dazu bei, dass People of Color diskriminiert werden (OneZero).

Datenschutz

  • Man kann es nicht oft genug sagen: Vorsicht vor Gratis-VPN-Apps. Die meisten von ihnen kosten zwar kein Geld, dafür aber die Privatsphäre. Mindestens 20 Android- und iOS-Apps des Entwicklers Sensor Tower haben private Daten gesammelt und zu Geld gemacht (BuzzFeed)

Follow the money

  • TikTok-Eigentümer ByteDance hat eine Lizenz erhalten (Technode), um mit Videospielen Geld zu verdienen und dürfte damit in den Markt für mobile Games einsteigen. Bereits im Januar hatte Bloomberg berichtet, ByteDance habe mehr als 1000 Mitarbeiterïnnen angestellt, um Games zu entwickeln.
  • Vox und Google starten ein gemeinsames Anzeigennetzwerk (Axios), dass es Lokalzeitungen ermöglichen soll, mit gemeinsamer Vermarktung große Werbekunden anzuziehen. Deutsche Verlage sollten genau hinschauen.
  • Jack Dorsey wird seinen Job behalten – zumindest vorerst. Nachdem der Hedgefonds Elliott Management, der Twitter-Anteile im Wert von etwa einer Milliarde Dollar gekauft hatte, darauf gedrängt hatte, Dorsey als Twitter-Chef abzusägen, gibt es eine Einigung (NYT). Zwei Elliott-Manager erhalten Sitze in Twitters Aufsichtsrat, dafür darf Dorsey bleiben. Hinter dem Hedgefonds steckt der rechtskonservative Milliardär und Investor Paul Singer (The Verge).

Tipps, Tricks & Apps

  • Was muss ich tun, um in kurzer Zeit möglichst viel Reichweite auf TikTok zu bekommen? Am besten schaut man sich ab, was erfolgreiche Creators auf der Plattform machen (OMR).
  • TikTok ist mehr als Unterhaltung: Eine 21-jährige Amerikanerin ist in Wuhan eingesperrt und nutzt die Plattform (BuzzFeed), um Einblick in ihr Leben in Quarantäne zu geben.
  • Zum Thema sichere Messenger gibt es etliche Ratgeber. Einer der besten und umfangreichsten entsteht gerade beim IT-Sicherheitsblogger Mike Kuketz. Bislang hat er sich mit Threema (empfehlenswert), Telegram (okay für den Privatgebrauch, aber nicht sicher) und Wire (früher vorbildlich, mit neuem Eigentümer fragwürdig) beschäftigt.

Neue Features

  • Twitter aktualisiert seine Richtlinien für Entwicklerïnnen. Damit soll es leichter werden, Daten für wissenschaftliche Zwecke zu nutzen, sinnvolle Bots zu erstellen und Desinformationskampagnen frühzeitig zu erkennen.

Grenzen für Trump auf Facebook und Twitter, Missbrauch von Überwachungstechnik, Journalismus bei YouTube

Salut und herzlich Willkommen zur 621. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute beschäftigen wir uns mit der Frage, welche Grenzen Donald Trump eigentlich auf Twitter und Facebook gesetzt werden. Zudem lernen wir am Beispiel Clearview, dass jede Überwachungstechnik missbraucht werden kann. Dystopische Grüße, Martin & Simon

Trump lotet die Grenzen von Facebook und Twitter aus

___STEADY_PAYWALL___

Was ist: Facebook hat mehr als 1000 grob irreführende Anzeigen der Trump-Kampagne gelöscht. Twitter hat ein Video, das der US-Präsident weiterverbreitet hatte, als manipuliert gekennzeichnet.

Warum das wichtig ist:

  • Bislang hatte das Silicon Valley Trump wie ein rohes Ei behandelt – auch, weil führende Republikaner einen liberalen Bias in der Tech-Branche wittern und behaupten, von den Tech-Konzernen systematisch benachteiligt zu werden. Wer sich anschaut, welche Medien und Politikerïnnen die größte Reichweite in sozialen Medien haben, kann diesen Vorwurf nicht ernst nehmen.
  • Die beiden Entscheidungen zeigen, dass sich selbst Facebook und Twitter nicht alles bieten lassen. Trump hat mit Angriffen und Pöbeleien immer wieder getestet, ob er sich alles erlauben kann. Jetzt ist klar: Auch für den US-Präsidenten und sein Wahlkampfteam gibt es (sehr großzügige) Grenzen.

Wie Facebook reagiert hat

  • Die mehr als 1000 Anzeigen fordern Nutzerïnnen auf, sich für den US-Zensus 2020 zu registrieren. Wer klickt, landet auf einer Trump-Webseite, übermittelt seine Daten und soll am Ende auch noch für den Wahlkampf des US-Präsidenten spenden.
  • Dennoch weigert sich Facebook zunächst, die Anzeigen zu löschen. Angeblich gehe eindeutig daraus hervor, dass es sich nicht um den offiziellen Zensus handle.
  • Etliche Medien berichten, demokratische Politikerïnnen protestieren, Expertïnnen kritisieren die Entscheidung, Nancy Pelosi wirft Facebook finanzielle Motive vor.
  • Sieben Stunden nach der Veröffentlichung überlegt es sich Facebook doch anders und löscht die Anzeigen.

Wie Twitter reagiert hat

  • Am Sonntag teilt Dan Scavino, der die Social-Media-Kanäle des Weißen Hauses betreut, ein Video von Joe Biden und schreibt dazu: „Sleepy Joe in St. Louis, Missouri today: ‚We can only re-elect @realDonaldTrump.'“
  • Tatsächlich sagt Biden im Video diesen Satz, doch das Zitat ist sinnentstellend verkürzt. Vollständig geht die Aussage so: „We can only re-elect Donald Trump if we get engaged in this circular firing squad here.“
  • Biden fordert also nicht dazu auf, Trump wiederzuwählen, sondern warnt die Demokraten, sich selbst zu zerfleischen.
  • Kurz darauf retweetet Trump das Video und macht seine mehr als 73 Millionen Followerïnnen darauf aufmerksam. Millionen Menschen sehen es an.
  • Twitter entscheidet, das Video nicht zu löschen, versieht es aber mit einem Warnhinweis. Wenn der Tweet in der Timeline auftaucht, wird der Clip als „Manipulated Media“ gekennzeichnet.
  • Bislang sieht man den Hinweis nur im Stream (Twitter / Cat Zakrzewski) . Wer den Tweet direkt aufruft, bekommt keine Warnung. Twitter sagt, es handle sich um einen technischen Fehler, und man arbeite daran, das Darstellungsproblem zu beheben.

Be smart: Neben der gar nicht mal so selbstverständlichen Erkenntnis, dass selbst Facebooks Nachsicht mit Trump Grenzen hat, wirft die vorsichtige Maßregelung einige Fragen auf:

  • Judd Legum hat in den vergangenen Monaten immer wieder Versäumnisse und Fehltritte von Facebook aufgedeckt. Warum braucht ein Milliardenunternehmen, das Content-Moderatorïnnen und Faktenprüferïnnen bezahlt, ständig Nachhilfe von einem einzelnen Journalisten, der unabhängig recherchiert?
  • Anfang des Jahres hat Facebook verkündet, manipulierte Medieninhalte zu löschen, wenn diese den Eindruck erwecken, eine Person sage Dinge, die sie nicht gesagt habe. Fällt das Biden-Video nicht genau in diese Kategorie?
  • Bislang ist unklar, ob Warnhinweise helfen. Einige Studien zeigen gegenteilige Effekte (siehe The Implied Truth Effect bei Researchgate): Nutzerïnnen vertrauten dann grundsätzlich allen Inhalten, die nicht gekennzeichnet sind – selbst grobem Unfug. Gibt es einen besseren Umgang mit eindeutig irreführenden Inhalten, die Plattformen nicht löschen wollen?
  • Wenn Facebooks Factchecker Inhalte als falsch oder teilweise falsch einstufen, drosselt der Algorithmus die Verbreitung. Facebook sagt, die Reichweite werde dadurch drastisch eingeschränkt. Das Biden-Video wurde auch auf Facebook eine Million Mal abgespielt, 25.000 Mal geteilt und tausendfach kommentiert. Wann wird Facebook unabhängigen Wissenschaftlerïnnen ermöglichen, die angeblichen Erfolge im Kampf gegen Desinformation zu überprüfen, indem es in solchen Fällen Daten teilt, die die Verbreitung nachvollziehbar machen?
  • Die beiden Vorfälle geben einen Vorgeschmack auf die kommenden Monate: Bis zur US-Wahl 2020 werden sozialen Medien mit Propaganda und Desinformation geflutet werden – die diesmal nicht nur aus Russland kommt, sondern vom US-Präsidenten selbst. Werden die Plattformen ihre Linie beibehalten, wenn die ungerechtfertigten Zensurvorwürfe aus dem Weißen Haus lauter werden und die Hälfte der US-Bevölkerung eher Trump glaubt als den Fakten?
  • Das Biden-Video ist kein aufwändig manipulierter Deepfake, es ist nicht mal stark bearbeitet wie etwa der verlangsamte Pelosi-Clip, der die Politikerin wie im Vollrausch wirken ließ. Dieses Video löschte und kennzeichnete Facebook nicht (SZ). Kann es sein, dass im Vorfeld der US-Wahl eher billige Fakes als aufwändige Hightech-Fälschungen kursieren werden?

Autor: Simon Hurtz

Clearview zeigt: Jede Überwachungstechnik wird missbraucht

Was ist: Das dubiose Start-up Clearview sagt: Nur Strafverfolgungsbehörden und ausgewählte Sicherheitsexpertïnnen dürfen unsere gewaltige Datenbank nach gespeicherten Gesichtern durchsuchen. Das ist eine Lüge.

Warum das wichtig ist: Der Vorfall macht erneut klar, dass es unmöglich ist, Technik und Infrastruktur zu entwickeln, die Massenüberwachung ermöglicht, ohne dass diese früher oder später missbraucht wird.

Normalerweise dauert es allerdings eine Weile, bis kriminelle Hackerïnnen Daten erbeuten oder mächtige Exploits auf dem Schwarzmarkt angeboten werden. Im Fall von Clearview war das gar nicht nötig, weil das Unternehmen offenbar selbst keine Skrupel kennt und alles zu Geld macht, was nicht bei drei Datenschutzgrundverordnung buchstabiert hat.

Zur Erinnerung: Clearview ist ein Start-up, das bis Januar niemand kannte. Dann titelte die New York Times: „Das geheime Unternehmen, das die Privatsphäre, wie wir sie kennen, beenden könnte„. Diese Überschrift ist reißerisch, das Vorgehen von Clearview kann einem aber tatsächlich Angst machen.

Angeblich hat Clearview eine Datenbank mit drei Milliarden Fotos aufgebaut, die es aus öffentlich zugänglichen Quellen abgesaugt hat. Ermittlerïnnen sollen darin nach Gesichtern suchen können, um Verdächtige zu identifizieren. In Briefing #607 haben wir uns ausführlich mit Clearview beschäftigt, fünf Newsletter-Ausgaben später gab es noch ein kleineres Follow-up.

Was Clearview macht: Neben Tausenden Behörden und Organisationen greifen auch etliche Privatleute auf die Datenbank zu (NYT): Investorïnnen, Geschäftspartnerïnnen und Freundïnnen des Gründers. Sie verwendeten die App, um Dates nachzuspionieren, auf Partys anzugeben oder banale Straftaten aufzuklären.

Ein Beispiel: Der Geschäftsmann John Catsimatidis, Eigentümer der Lebensmittelkette Gristedes, identifizierte mit der Clearview-App binnen Sekunden einen ihm unbekannten Mann, den er in Begleitung seiner Tochter sah. Zudem nutzte er die Technik, um Ladendiebe in einer seiner Filialen zu überführen – die Eiscreme im Wert von ein paar US-Dollar mitgehen ließen. Zitat des Milliardärs: „Sie klauten unser Häagen Dazs. Es war ein großes Problem.“

In seinem Blog schreibt Clearview: „Unsere investigativen Werkzeuge haben Strafverfolgern geholfen, Tausende schwere Verbrechen aufzuklären, darunter Mord, sexueller Missbrauch, häusliche Gewalt und Fälle von Kindesmissbrauch.“ Bitte ergänzen: „sowie Eiscremediebstahl“

Was über Clearview bekannt ist: Das Start-up hat jahrelang im Verborgenen agiert und sich um Geheimhaltung bemüht. Doch in den vergangenen Wochen haben Reporterïnnen kontinuierlich recherchiert und vieles aufgedeckt, das Gründer Hoan Ton-That wohl lieber verschwiegen hätte:

  • Entgegen seiner eigenen Behauptung bietet Clearview seine Dienste nicht nur in den USA und Kanada an, sondern wollte global expandieren (BuzzFeed). Unter anderem knüpfte das Unternehmen Kontakte zu autokratischen Regimen wie Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
  • Zu den mehr als 2200 Kunden zählen zahlreiche private Unternehmen und Organisationen (BuzzFeed), die eindeutig nichts mit Sicherheit oder Strafverfolgung zu tun haben, darunter die NBA, der Madison Square Garden, Walmart, Eventbrite, Equinox und Coinbase.
  • Eine Analyse der Android-App offenbart (Gizmodo), dass Clearview mit dem Unternehmen Vuzix zusammenarbeiten wollte, das auf Augmented Reality spezialisiert ist. Damit könnte Clearview Brillen anbieten, die in Echtzeit Menschen identifizieren, die sich im Sichtfeld des Trägers befinden.
  • „Sicherheit ist Clearviews oberste Priorität“, behauptete das Unternehmen – dummerweise nachdem es sich seine Kundenliste stehlen ließ (Daily Beast). Datenpannen seien nun einmal „Teil des Lebens im 21. Jahrhundert“, beschwichtigte ein Anwalt.
  • Offenbar geht Clearview also selbst davon aus, das Leaks unumgänglich sind. Trotzdem will es den angeblich drei Milliarden Fotos in seiner Datenbank auch noch sämtliche Fahndungsfotos hinzufügen (Medium / OneZero), die in den vergangenen 15 Jahren in den USA aufgenommen wurden.

Be smart: Alles, was bislang über Clearview bekannt ist, zeichnet das Bild eines unangenehmen bis gefährlichen Unternehmens. Genau wie bei Cambridge Analytica wäre es aber Unsinn, sich nur auf dieses eine Beispiel zu konzentrieren.

Vermutlich gibt es mehrere Firmen, die ähnlich agieren – etwa NEC, das in mehr als 70 Ländern aktiv sein soll (Medium / OneZero), oder Wolfcom, das Bodycams mit Technik zur Gesichtserkennung ausstattet (Medium / OneZero).

Das grundsätzliche, strukturelle Problem heißt nicht Clearview. Es geht um Massenüberwachung und automatisierte Gesichtserkennung, für die es Regulierung und klare Grenzen braucht.

Autor: Simon Hurtz

Social Media & Journalismus

Journalismus bei YouTube

Der deutsche Blick auf soziale Medien ist häufig vom Gefühl geprägt, dass Plattformen wie Facebook und YouTube vor allem „nice to have“ sind. In anderen Ländern – vor allem in jenen, in denen es keine freie Presse gibt, Meinungsfreiheit eingeschränkt wird und regierungskritische Stimmen verfolgt werden – sieht das ganz anders aus. Bloomberg berichtet über Journalisten-Kollegïnnen in Pakistan, für die YouTube das Mittel der Wahl ist, um sich Gehör zu verschaffen. ✊🏻

Streaming Wars

Resso in Indien gestartet

Im Dezember hatten wir das erste Mal über Resso berichtet – nun ist der Spotify-Herausforderer aus dem Hause ByteDance offiziell in Indien gestartet (Techcrunch). Warum das eine Meldung wert ist? Nun ja, Resso bietet spannende Funktionen, die wir womöglich bei Spotify auch bald sehen könnten – etwa:

  • Nutzerïnnen können direkt unter einem Song Kommentare verfassen.
  • Nutzerïnnen sehen die Real-Time-Lyrics zu jedem Song – dauerhafter Karaoke-Modus sozusagen.
  • Nutzerïnnen können aus den Songs Gifs und Videos produzieren – also ganz im TikTok-schen Stil.

Follow the money

TikTok Creator Marketplace

Speaking of ByteDance: TikTok hat jetzt einen offiziellen Creator Marketplace gelauncht, um Kunden mit Influencern zu matchen. Facebook for Creators bietet mit dem Brand Collabs Manager ein ähnliches Tool, damit Kreative leichter für bezahlte Partnerschaften gefunden werden können. Interessant, wie die Plattformen mittels Datenanalyse Agentur-Jobs vernichten. Oder sehen wir das falsch? Rückmeldung erwünscht! 📨

Neue Features

Facebook

  • Neues Menü: Alles neu macht der März: Facebook überarbeitet das Menü-Design und macht alles ganz schön blau. (AndroidPolice)

IGTV

  • Reaction Videos: IGTV testet die Funktion, Antwortvideos locker-leicht posten zu können (twitter /wongmjane). Bei TikTok und YouTube sind solche Videos derzeit maximal angesagt. Kein Wunder, dass IGTV da ins Grübeln gerät.
Scroll to Top