Im Schatten der Giganten

Die Vielzahl der Services zeigt, dass sich jenseits der etablierten Unternehmen neue Akteure auftun und spezielle Bedürfnisse sehr viel besser befriedigen.

Weiterempfehlen

Share on whatsapp
Share on facebook
Share on linkedin
Share on twitter
Share on email

Was ist

Die längste Zeit schien es so, als sei Facebooks Siegeszug nicht aufzuhalten. Und ja: Die Quartalszahlen sind immer wieder aufs Neue beeindruckend. Gleichzeitig lässt sich aktuell aber so viel Bewegung im Markt feststellen wie lange nicht mehr. Ein paar Beispiele:

Talent vs status based

  • Über TikTok wurde in den letzten Monaten ja ausführlich berichtet. Das Angebot des chinesischen Unternehmens ByteDance hat es 2019 geschafft, in der westlichen Welt Fuß zu fassen. Der primäre Grund dafür besteht vor allem darin, dass die App komplett ohne Freunde funktioniert. Das ganze Nutzungserlebnis basiert nicht so sehr auf Status, sondern auf Talent. Ein entscheidender Unterschied zu Facebook und Instagram, bei denen Status (Stars, Friendgraph, etc.) zentral ist. Und auch ein entscheidender Grund dafür, warum Facebook den Erfolg von TikTok nicht so einfach aufhalten kann: es reicht eben nicht immer, einfach nur ein paar Features zu kopieren.

Musik & Social Media

  • Spotify testet derzeit ein Stories-Feature, das stark an die Features von Snapchat und Instagram erinnert. Der Clou: Spotify gibt Künstlerïnnen damit die Möglichkeit, ihre Fans direkt auf der Plattform zu unterhalten. Ein Umweg über Instagram ist nicht mehr notwendig.
  • Resso heißt der Streaming-Service von ByteDance, der ebenfalls Elemente aus der Welt der sozialen Medien mit Ideen von Musik-Angeboten verknüpft. Wie in Briefing #600 dargestellt, können Resso-Nutzerïnnen direkt unter einem Song Kommentare verfassen. Zudem sehen sie die Real-Time-Lyrics zu jedem Song – ein dauerhafter Karaoke-Modus sozusagen. Auch können Nutzerïnnen aus den Songs Gifs und Videos produzieren und sie auf der Plattform posten. Eine derart konsequente Verquickung von Streaming und Social Media hat bislang keine Plattform im Angebot.

Unabhängige, dezentrale Netzwerke

  • Planetary Social heißt der neueste Versuch, den übermächtigen Angeboten von Facebook und Co die Stirn zu bieten. Das Startup verspricht, alles besser zu machen als die Platzhirschen und soll dieses Jahr regulär starten – als „offene und humane Alternative zu Facebook“. Ob dies in der Breite gelingen kann, sei einmal dahingestellt. Wichtig ist lediglich, dass es Menschen gibt, die Social Media weiterdenken und sich zutrauen, dezentrale Alternativen zu erfinden. Der Clou von Planetary besteht nämlich vor allem darin, dass es mit einem offenen Protokoll arbeitet – etwa so wie Email. Planetary wäre damit das Gegenteil der prominenten Walled Gardens aus dem Silicon Valley. (Danke Johannes Brümmer für den Tipp 🙏)
  • Die Wiki-Alternative: Der Mitgründer der Wikipedia, Jimmy Wales, hat ein soziales Netzwerk – WT:Social – gelauncht, das explizit als „Gegenpol zu Clickbait und anderen Formen der Volksverdummung“ wahrgenommen werden soll. WT:Social soll komplett ohne Werbung auskommen und sich über freiwillige Spenden finanzieren. Die grundsätzliche Idee des Netzwerks besteht darin, Diskussionen zu bestimmten Themen in Gang zu bringen (t3n). Bislang hebt das Projekt zwar noch nicht so richtig ab – aber es sorgt für Bewegung im Markt.
  • Für den kleinen Kreis: Wie in Briefing #595 berichtet, haben zwei ehemalige Facebook-Mitarbeiter Cocoon gegründet. Das Startup wirbt damit, Familien und Freunden einen sicheren und intimen Ort zum Austausch zu bieten. Alles ohne Tracking und Werbung, dafür aber später einmal mit einer Bezahl-Version.

Special-Purpose-Netzwerke

  • Auch im Bereich der Special-Purpose-Netzwerke hat sich in den letzten Monaten und Jahren einiges getan: So haben sich Sportler-Netzwerke wie Strava einen festen Platz im Tagesablauf von Sportbegeisterten gesichert – nicht zuletzt durch die Möglichkeit, dort Fotos und Berichte von Events und Erlebnissen zu teilen.
  • Foto-Communities: Wer sich für Fotografie interessiert, bleibt nicht zwangsläufig bei Instagram stehen. Apps wie VSCO bieten Foto- und Kunstinteressierten Orte und Features, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Und sind so wirkmächtig, dass sie selbst zum Meme werden (VOX).
  • Berufsnetzwerke wie LinkedIn haben in den letzten Monaten eine regelrechte Rennaissance (Social Media Today) erlebt. Selten zuvor haben sich so viele Unternehmen & Kollegïnnen über ihre LinkedIn-Strategie Gedanken gemacht.
  • Entdecker-Portale wie Pinterest sind auch weit entfernt davon, das Licht auszumachen. Im Gegenteil: Pinterest entwickelt sich neben den Platzhirschen weiter recht anständig. Und hat häufig sogar die besseren Ideen (Pinterest Newsroom), wenn es um die Verantwortung gegenüber den Nutzerïnnen geht – eine Attitüde, die sich auszahlen könnte.

Livestreaming

  • Last but not least erleben wir gerade eine enorme Weiterentwicklung im Bereich des Livestreamings. Tummelten sich bislang vor allem Gamer auf den Plattformen von Twitch und Co, rücken zunehmend auch andere „Livestreaming-Gattungen“ ins Zentrum. Bei brand eins habe ich über diesen Trend geschrieben: Helden wie wir.

Be smart

Nicht alle Angebote können das nächste Facebook werden. Müssen sie auch nicht. Die Vielzahl der Services zeigt, dass sich jenseits der etablierten Unternehmen neue Akteure auftun (bzw. alte berappeln) und spezielle Bedürfnisse sehr viel besser befriedigen. Wer als Unternehmen oder Organisation darauf angewiesen ist, Menschen zu erreichen, sollte bekanntlich immer schauen, wo sich die Zielgruppe aufhält. Vielleicht ja irgendwo im Schatten der Giganten.


Foto: Daria Nepriakhina, Unsplash


Scroll to Top