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Clearview und die Angst vor Massenüberwachung, Geld verdienen mit YouTube, Shopping bei Instagram

Salut und herzlich Willkommen zur 607. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Heute beschäftigen wir uns mit dem US-Unternehmen ClearView, das mehr als drei Milliarden Fotos aus dem Netz gefischt haben soll. Ferner schauen wir darauf, wie viel Geld Kreative von YouTube für 1 Million Views erhalten. Auch lernen wir, dass neueste Studie keinen direkten Zusammenhang zwischen Smartphone-Nutzung und der Psyche von Kids herstellen können. Herzlichen Dank für das Interesse, Simon & Martin

Clearview lässt Überwachungsalbträume wahr werden

Was ist: Das bislang völlig unbekannte Unternehmen Clearview hat angeblich mehr als drei Milliarden Fotos von menschlichen Gesichtern aus dem Netz gefischt, um daraus eine gigantische Datenbank zu bauen. Die Dimension geht weit über alle bekannten Systeme hinaus. Angeblich lassen sich mit Hilfe von Clearview Millionen Menschen innerhalb weniger Sekunden erkennen.

Warum das wichtig ist: „Das geheime Unternehmen, das die Privatsphäre, wie wir sie kennen, beenden könnte„, titelte die New York Times am Wochenende (NYT). Für ganz so dramatisch halte ich die Lage nicht. Dennoch zeigt die Recherche von Kashmir Hill, wie tief Technologie in die Privatsphäre eingreifen kann – und dass die Warnungen vor Massenüberwachung berechtigt sind.

Was Clearview macht: Das Unternehmen hat einen gewaltigen Datenstaubsauger entwickelt. Seine Software durchforstet das Netz nach Fotos und verleibt sich alles ein, was sich nicht bei drei auf privat gestellt hat. Die Scraper zapfen Bilder von öffentlich zugänglichen Seiten an, darunter Plattformen wie Facebook, Youtube, Twitter und Instagram.

Die Bilder werden in mathematische Modelle umgerechnet, damit sie von Maschinen gelesen werden können. Mit Hilfe dieser gerasterten Datenpunkte kann die Software neue Bilder mit der Datenbank abgleichen. Wer das System mit einem neuen Foto eines unbekannten Gesichts füttert, erhält, falls es Übereinstimmungen gibt, weitere Bilder sowie persönliche Daten der gesuchten Person.

Wer Clearview nutzt: Angeblich bezahlen mehr als 600 Behörden, um Zugang zu Clearviews Datenbank zu erhalten. Darunter sollen das FBI, das US-Heimatschutzministerium, Gemeinden und Dutzende Polizeidienststellen seien. Auch kanadische Ermittlerïnnen nutzen Clearviews Gesichtserkennung, um Sexualverbrechen und Kindesmissbrauch aufzuklären.

Das Unternehmen macht keine genaueren Angaben über seine Kunden. Der NYT zufolge arbeitet Clearview nicht nur mit Strafverfolgungsbehörden, Ermittlerïnnen und öffentlich Institutionen zusammen, sondern auch mit privaten Unternehmen. Namen sind bislang nicht bekannt.

Wie Clearview abtauchte: Clearwho? So hätten bis zum Wochenende wohl selbst gut informierte US-Journalistïnnen reagiert, wenn sie von dem Unternehmen gehört hätten. Das ist gewollt: Clearview hat sich größte Mühe gegeben, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Das Unternehmen listete auf seiner Webseite und in Geschäftsunterlagen lange Zeit falsche Adressen – angeblich nur ein Tippfehler. Das einzige LinkedIn-Profil, das einen Verweis auf Clearview enthält, gehörte einem gewissen „John Good“. Tatsächlich steckt dahinter Unternehmensgründer Hoan Ton-That, der einen falschen Namen benutzte.

Als Hill dem Unternehmen nachspürte, erhielt sie monatelang keine Rückmeldung. Niemand reagierte auf ihre E-Mails, ihre Anrufe blieben unbeantwortet. Als klar wurde, wie nah sie dem Unternehmen gekommen war, meldete sich eine Expertin für Krisenkommunikation, die ein Treffen mit Ton-That arrangierte.

Was Clearview leistet: Die Kombination aus dubiosem Versteckspiel, fragwürdigem Geschäftsmodell und dystopisch anmutenden Versprechungen erinnert an Cambridge Analytica – also ein Unternehmen, bei dem die Menge an Schauergeschichten den realen Schaden wohl deutlich überstiegen haben dürfte.

Doch Hill stützt ihre Recherche nicht nur auf die PR-Unterlagen von Clearview, die natürlich, genau wie Cambridge Analytica, die eigenen Fähigkeiten loben. Auch Ermittlerïnnen kommen zu Wort. Sie wüssten selbst nicht genau, wie Clearview arbeite – die Resultate sprächen aber für sich. Innerhalb kurzer Zeit hätten sie Verdächtige identifiziert und Verbrechen aufgeklärt.

Das erfolgreichste Marketinginstrument sind demnach kostenlose Testlizenzen. Nach 30 Tagen seien viele Polizeibehörden so überzeugt, dass sie die Software einkauften. Viele technische Details sind unbekannt, die Größe der Datenbank ist lediglich eine Behauptung, die tatsächlichen Erkennungs- und Falsch-Positiv-Raten lassen sich nicht überprüfen – dennoch scheint Clearview besser zu funktionieren als alle Systeme, die US-Behörden und Ermittlerïnnen bislang einsetzen.

Warum das problematisch ist: Das Vorgehen von Clearview wirft eine Reihe von Fragen auf:

  • Ist das legal? Wohl kaum. Das Scraping verstößt gegen die Nutzungsbedingungen vieler Plattformen wie Facebook und Instagram. Twitter verbietet sogar ausdrücklich, Bilder von Nutzerïnnen für Gesichtserkennung zu verwenden. „Viele Menschen machen das“, sagt Ton-That nur. „Facebook weiß es.“
  • Wie sicher ist die Datenbank? Clearviews Software wurde nie unabhängig überprüft. Datenschutz und Absicherung vor Hackern dürften nicht ganz oben auf der Prioritätenliste gestanden haben. Wenn Ermittlerïnnen Fotos von Verdächtigen hochladen, landen die Bilder ebenfalls auf den Servern von Clearview.
  • Wer kontrolliert die Überwacher? Ein Polizist könnte Clearview nutzen, um Frauen zu stalken, die er auf der Straße fotografiert. Regierungen könnten Protestierende in Echtzeit identifizieren und später bestrafen. Länder wie Russland und China nutzen bereits vergleichbare Technik.
  • Wer kontrolliert Clearview? Offenbar weißt das Unternehmen ganz genau, wer mit seiner Software nach wem sucht. Als Hill Polizistïnnen gebeten habe, ein Foto von ihr analysieren zu lassen, habe das System keinen Treffer angezeigt, obwohl es viele Bilder von Hill im Netz gibt. Kurz darauf habe Clearview die Ermittler angerufen und sich erkundigt, ob sie mit der Presse sprächen. Ton-That spielt den Vorfall herunter. Die Software habe nur Alarm geschlagen, weil sie ungewöhnliche Suchanfragen erkannt habe.
  • Wo führt das hin? Clearview hat einen Prototypen für eine AR-Brille entwickelt – eine Art Google Glass aus Steroiden. Wer sie trägt, könnte damit beliebige Menschen auf der Straße identifizieren, falls ihre Gesichter in der Datenbank enthalten sind. Clearview-Gründer Ton-That sagt, dass er keine Pläne habe, die Brille tatsächlich auf den Markt zu bringen. Wie beruhigend.

Be smart: Der Bericht über Clearview ist erschreckend. Panik hilft aber nicht weiter. Philippe Wampfler hat recht, wenn er schreibt (Schulesocialmedia):

Eine dystopische Science-Fiction-Angst gibt vor, die Systeme würden viel besser funktionieren, als sie es tatsächlich tun. Das Problem ist nicht, dass die Systeme so gut funktionieren, sondern dass sie gerade nicht gut funktionieren.

Tatsächlich sind bestehende Gesichtserkennungssysteme äußerst fehleranfällig, liefern etliche Fehlalarme und versagen vor allem bei People of Color und Menschen, die nicht der westlichen Norm entsprechen, mit dem die Systeme meist gefüttert werden.

In Deutschland wäre Clearview eindeutig illegal, weil die Betroffenen nicht eingewilligt haben, dass ihre Gesichter anderweitig genutzt werden. Damit verstößt die Datenbank gegen die DSGVO.

Grundsätzlich ist Gesichtserkennung aber auf dem Vormarsch. Chinas Überwachungssystem zeigt, wohin die Reise geht. Auch Innenminister Horst Seehofer will an 135 deutschen Bahnhöfen und 14 Flughäfen entsprechende Technik installieren. Das US-Militär forscht an Gesichtserkennung, die auf Hunderte Meter Entfernung funktionieren soll.

Das Beispiel von Clearview zeigt: Was öffentlich im Netz steht, wird genutzt, analysiert und ausgewertet. Wenn es nicht Facebook und Google machen, dann gibt es garantiert, ein kleines Start-up, dass sich alle verfügbaren Daten und Informationen einverleibt und sie aufbereitet.

Jeder Mensch hat nur ein Gesicht. Man kann sich verhüllen und Überwachungskameras austricksen, aber je besser die Technik wird, desto schwieriger wird es, unerkannt zu bleiben. Deshalb glaube ich, dass möglichst viele Städte und Länder dem Beispiel von San Francisco folgen sollten: Dort ist der Einsatz automatisierter Gesichtserkennung für Behörden verboten.

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