Monat: Januar 2020

Im Schatten der Giganten, Content aus dem Badezimmer, Instagram DM am Desktop nutzen

Salut und herzlich Willkommen zur 608. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Heute beschäftigen wir uns mit Alternativen zu den Giganten aus dem Silicon Valley. Auch schauen wir auf das Badezimmer als Keimzelle von Social-Media-Content und erklären, wie Instagram DM schon jetzt am Desktop genutzt werden können. Herzlichen Dank für das Interesse an unserem Newsletter und ein großes Sorry für den späten Versand heute, Martin ✌️🏻

Im Schatten der Giganten

Was ist: Die längste Zeit schien es so, als sei Facebooks Siegeszug nicht aufzuhalten. Und ja: Die Quartalszahlen sind immer wieder aufs Neue beeindruckend. Gleichzeitig lässt sich aktuell aber so viel Bewegung im Markt feststellen wie lange nicht mehr. Ein paar Beispiele:

Talent vs status based

  • Über TikTok wurde in den letzten Monaten ja ausführlich berichtet. Das Angebot des chinesischen Unternehmens ByteDance hat es 2019 geschafft, in der westlichen Welt Fuß zu fassen. Der primäre Grund dafür besteht vor allem darin, dass die App komplett ohne Freunde funktioniert. Das ganze Nutzungserlebnis basiert nicht so sehr auf Status, sondern auf Talent. Ein entscheidender Unterschied zu Facebook und Instagram, bei denen Status (Stars, Friendgraph, etc.) zentral ist. Und auch ein entscheidender Grund dafür, warum Facebook den Erfolg von TikTok nicht so einfach aufhalten kann: es reicht eben nicht immer, einfach nur ein paar Features zu kopieren.

Musik & Social Media

  • Spotify testet derzeit ein Stories-Feature, das stark an die Features von Snapchat und Instagram erinnert. Der Clou: Spotify gibt Künstlerïnnen damit die Möglichkeit, ihre Fans direkt auf der Plattform zu unterhalten. Ein Umweg über Instagram ist nicht mehr notwendig.
  • Resso heißt der Streaming-Service von ByteDance, der ebenfalls Elemente aus der Welt der sozialen Medien mit Ideen von Musik-Angeboten verknüpft. Wie in Briefing #600 dargestellt, können Resso-Nutzerïnnen direkt unter einem Song Kommentare verfassen. Zudem sehen sie die Real-Time-Lyrics zu jedem Song – ein dauerhafter Karaoke-Modus sozusagen. Auch können Nutzerïnnen aus den Songs Gifs und Videos produzieren und sie auf der Plattform posten. Eine derart konsequente Verquickung von Streaming und Social Media hat bislang keine Plattform im Angebot.

Unabhängige, dezentrale Netzwerke

  • Planetary Social heißt der neueste Versuch, den übermächtigen Angeboten von Facebook und Co die Stirn zu bieten. Das Startup verspricht, alles besser zu machen als die Platzhirschen und soll dieses Jahr regulär starten – als „offene und humane Alternative zu Facebook“. Ob dies in der Breite gelingen kann, sei einmal dahingestellt. Wichtig ist lediglich, dass es Menschen gibt, die Social Media weiterdenken und sich zutrauen, dezentrale Alternativen zu erfinden. Der Clou von Planetary besteht nämlich vor allem darin, dass es mit einem offenen Protokoll arbeitet – etwa so wie Email. Planetary wäre damit das Gegenteil der prominenten Walled Gardens aus dem Silicon Valley. (Danke Johannes Brümmer für den Tipp 🙏)
  • Die Wiki-Alternative: Der Mitgründer der Wikipedia, Jimmy Wales, hat ein soziales Netzwerk – WT:Social – gelauncht, das explizit als „Gegenpol zu Clickbait und anderen Formen der Volksverdummung“ wahrgenommen werden soll. WT:Social soll komplett ohne Werbung auskommen und sich über freiwillige Spenden finanzieren. Die grundsätzliche Idee des Netzwerks besteht darin, Diskussionen zu bestimmten Themen in Gang zu bringen (t3n). Bislang hebt das Projekt zwar noch nicht so richtig ab – aber es sorgt für Bewegung im Markt.
  • Für den kleinen Kreis: Wie in Briefing #595 berichtet, haben zwei ehemalige Facebook-Mitarbeiter Cocoon gegründet. Das Startup wirbt damit, Familien und Freunden einen sicheren und intimen Ort zum Austausch zu bieten. Alles ohne Tracking und Werbung, dafür aber später einmal mit einer Bezahl-Version.

Special-Purpose-Netzwerke

  • Auch im Bereich der Special-Purpose-Netzwerke hat sich in den letzten Monaten und Jahren einiges getan: So haben sich Sportler-Netzwerke wie Strava einen festen Platz im Tagesablauf von Sportbegeisterten gesichert – nicht zuletzt durch die Möglichkeit, dort Fotos und Berichte von Events und Erlebnissen zu teilen.
  • Foto-Communities: Wer sich für Fotografie interessiert, bleibt nicht zwangsläufig bei Instagram stehen. Apps wie VSCO bieten Foto- und Kunstinteressierten Orte und Features, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Und sind so wirkmächtig, dass sie selbst zum Meme werden (VOX).
  • Berufsnetzwerke wie LinkedIn haben in den letzten Monaten eine regelrechte Rennaissance (Social Media Today) erlebt. Selten zuvor haben sich so viele Unternehmen & Kollegïnnen über ihre LinkedIn-Strategie Gedanken gemacht.
  • Entdecker-Portale wie Pinterest sind auch weit entfernt davon, das Licht auszumachen. Im Gegenteil: Pinterest entwickelt sich neben den Platzhirschen weiter recht anständig. Und hat häufig sogar die besseren Ideen (Pinterest Newsroom), wenn es um die Verantwortung gegenüber den Nutzerïnnen geht – eine Attitüde, die sich auszahlen könnte.

Livestreaming

  • Last but not least erleben wir gerade eine enorme Weiterentwicklung im Bereich des Livestreamings. Tummelten sich bislang vor allem Gamer auf den Plattformen von Twitch und Co, rücken zunehmend auch andere „Livestreaming-Gattungen“ ins Zentrum. Bei brand eins habe ich über diesen Trend geschrieben: Helden wie wir.

Be smart: Nicht alle Angebote können das nächste Facebook werden. Müssen sie auch nicht. Die Vielzahl der Services zeigt, dass sich jenseits der etablierten Unternehmen neue Akteure auftun (bzw. alte berappeln) und spezielle Bedürfnisse sehr viel besser befriedigen. Wer als Unternehmen oder Organisation darauf angewiesen ist, Menschen zu erreichen, sollte bekanntlich immer schauen, wo sich die Zielgruppe aufhält. Vielleicht ja irgendwo im Schatten der Giganten.

Social Media & Politik

500 Millionen Dollar für Lobbying: Fast eine halbe Milliarde Dollar haben Amazon, Facebook, Google und Co für Lobbyarbeit in den 2010er Jahren ausgegeben – Tendenz steigend (Washington Post). Sagen wir mal so: Das kann sich nicht jeder leisten…

Forderung nach AI-Regulierung: Langsam aber sicher wird es zum Trend, dass Tech-Unternehmen nach mehr Regulierung rufen. Nach Mark Zuckerberg sucht nun auch Alphabet- und Google-Chef Sundar Pichai die Öffentlichkeit und fordert in der Financial Times, dass künstliche Intelligenz reguliert wird. Auch er tut dies natürlich nicht ohne Hintergedanken. Wenn wir uns einmal kurz die Anhörungen von Zuckerberg in Erinnerung rufen (Mr. Zuckerberg, if your service is free, how do you make money?), dann bekommen wir eine Idee davon, wie wenig Sachverstand erst recht beim Thema AI vorliegen dürfte. Perfekte Bedingungen also für Google, um bei der Regulierung ordentlich mizuhelfen.

There is no question that AI needs to be regulated. It is too important not to. The only question is how.

Kampf gegen Desinformation

Studie zu Facebook’s Coordinated Inauthentic Behavior: Eine Studierende der New York University Abu Dhabi hat sich die Mühe gemacht, sämtliche von Facebook öffentlich gemachten Berichte zu Desinformationskampagnen auf Facebook zu clustern. Zitat:

The goal of this project is to provide a better overview of the disinformation campaigns identified by Facebook, but also to encourage further transparency from Facebook to provide more data on each of them as we are approaching several governmental leadership elections.

Angelina Jolie produziert zusammen mit der BBC eine Show, um Kids beizubringen, welche Formen von Falschinformationen es gibt. Neben den Shows gibt es in Kooperation mit Microsoft Education auch Online-Kurse, um das Gelernte zu vertiefen. Klingt für mich ganz spannend. Vor allem auch deshalb interessant, weil sich der ÖR auch in Deutschland imho stärker um die Medienkompetenz ihrer Zuschauer bemühen sollten.

Follow the money

TikTok sucht neuen CEO: Laut Bloomberg soll sich der neue CEO von den USA aus vor allem um nicht-technische Fragen kümmern (read: ums Geld verdienen und für gute Presse sorgen). Der bisherige Chef, Alex Zhu, könnte sich dann von China aus weiter um das Produkt kümmern. Tricky! Vor allem auch mit Blick auf einen potentiellen Börsengang.

Libra verliert Vodafone: Nach PayPal, Mastercard, Visa, Mercado Pago, eBay, Stripe und Booking Holding verabschiedet sich nun auch Vodafone aus Facebooks Libra Association (Coindesk). Ob das mit Faebook Cryptowährung noch etwas wird? Immer unwahrscheinlicher…

Studie zu Facebooks Impact in Europa: Facebook hat eine Studie in Auftrag gegeben, um herauszufinden, wie insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen in Europa von Facebook profitieren. Die Zahlen sind kaum zu glauben:

Surveyed businesses said that using Facebook apps helped them generate sales corresponding to an estimated EUR 208 billion last year. Using standard economic modeling techniques, this translates into an estimated 3.1 million jobs.

Businesses also said that using Facebook apps helped them generate an estimated EUR 98 billion in exports last year. Of these exports, EUR 58 billion are sales within the EU and EUR 40 billion are sales to the rest of the world.

Falls das jemand mal kritisch überprüfen könnte, Danke!

Inspiration

Headliner Flix: Bislang ist es ja ziemlich unattraktiv, neue Podcasts zu entdecken. Die Macher von Headliner haben sich da mal etwas überlegt: ihre Website Headliner Flix erinnert eher an eine Podcast-Videothek – also ein Mix aus Podcasts und Netflix. Vielleicht die Zukunft der Podcast-Empfehlung?

Empfehlungen fürs Wochenende

Nicole Diekmann über Social Media: ZDF-Kollegin Nicole Diekmann erklärt bei journalist, warum Medienmacher Twitter und Facebook „nicht dem Mob“ überlassen dürfen und warum es mehr Medienkompetenz in den Redaktionen braucht. Ihr Text beschreibt ziemlich gut unsere Motivation, das Social Media Watchblog zu betreiben.

Internet of Beefs: Wer sich intensiver mit der Streit- und Mobbing-Kultur in sozialen Medien beschäftigen möchte, dem sei diese übertrieben lange Abhandlung über das Internet of Beefs bei Ribbonfarm empfohlen. Ist zwar ein ordentliches Zeitinvest, lohnt sich aber sehr.

Hacker-Angriff auf Bezos: In anderen Medien war die Story über den Hackerangriff auf Amazon-Boss Bezos völlig zurecht ganz weit oben. Zwar kein genuines Social-Media-Thema, aber dennoch viel zu komplex, irre und spannend, als dass wir die Geschichte hier unerwähnt lassen möchten: „Hallo MBS“ – Chronologie des Hackerangriffs auf Amazon-Chef Bezos (SPIEGEL)

Das Badezimmer: Aufmerksame Leserïnnen dürften es bereits mitbekommen haben: Simon und ich sind große Fans von Taylor Lorenz. Der Grund für unseren Crush: Sie schafft es, auf unnachahmliche Weise über die Schnittstelle von Social Media und Kultur zu berichten. So auch in ihrem neuen Artikel, der sich mit dem Badezimmer als Keimzelle von Social-Media-Content beschäftigt. We’re All in the Bathroom Filming Ourselves (New York Times)

Neues von den Plattformen

YouTube

  • Channel Permissions: Wer sich professionell mit YouTube beschäftigt, wird sich über diese Neuerung freuen: Google führt Channel Permissions bei YouTube Studio ein (Support / Google). Künftig gibt es die Rollen Manager, Editor, Viewer und Viewer (limited) – sehr praktisch!

WeChat

  • Douyin-Konkurrenz: Um Douyin (TikToks chinesischem Zwilling) nicht kampflos das Feld der Short-Videos zu überlassen, arbeitet WeChat an neuen Kurzvideo-Features (Panda Daily).

Tinder

Twitter

TikTok

  • Neue Search-Page: Um Nutzerïnnen besser aufzuzeigen, was sie alles auf TikTok finden können, arbeitet TikTok an einer neuen Search-Page (Twitter / MattNavarra).
  • Bestimmte Inhalte blocken: Auch auf TikTok können Nutzerïnnen übrigens aktiv darüber mitbestimmen, welche Inhalte sie in ihren Feed gespült bekommen. Einfach bei einem Video per Klick angeben, dass von diesem Nutzer / von diesem Sound keine weiteren Videos gewünscht sind.

Tipps, Tricks und Apps

Was Marken bei TikTok beachten müssen: The Drum hat ausführlich aufgeschrieben, welche Optionen Marken bei TikTok haben, um auf sich aufmerksam zu machen. Und was sie dabei berücksichtigen müssen. Die grundsätzliche Frage, ob ein Unternehmen überhaupt auf TikTok unterwegs sein sollte, stellen sie natürlich nicht. Dabei ist das wahrscheinlich die wichtigste Frage von allen… Want your brand to be present on TikTok? Here are your options – einige Takeaways:

  • Den eigenen Content nicht „überproduzieren“ – Rawness is everything
  • Nicht bei jeder Challenge mitmachen
  • Lieber selber Hashtag Challenges initiieren
  • Custom Filter bauen

Instagram DM auf Desktop lesen: Instagram arbeitet ja derzeit daran, Direct Messages auch auf dem Desktop lesen zu können (siehe Briefing #606). Was viele unter euch vielleicht noch nicht wussten: Schon jetzt können Instagram Direct Messages am Desktop genutzt werden:

  • Chrome & instagram.com öffnen
  • Rechtsklick & „untersuchen“ klicken
  • „Responsive“ auswählen
  • Seite neu laden
  • Taaaadaaaaaaaaaa 🧙🏻‍♀️

Funktioniert auch noch einfacher – Strg+Shift+I & Strg+R – und nicht nur mit Chrome.

Header-Foto von yns plt bei Unsplash

Im Schatten der Giganten

Was ist

Die längste Zeit schien es so, als sei Facebooks Siegeszug nicht aufzuhalten. Und ja: Die Quartalszahlen sind immer wieder aufs Neue beeindruckend. Gleichzeitig lässt sich aktuell aber so viel Bewegung im Markt feststellen wie lange nicht mehr. Ein paar Beispiele:

Talent vs status based

  • Über TikTok wurde in den letzten Monaten ja ausführlich berichtet. Das Angebot des chinesischen Unternehmens ByteDance hat es 2019 geschafft, in der westlichen Welt Fuß zu fassen. Der primäre Grund dafür besteht vor allem darin, dass die App komplett ohne Freunde funktioniert. Das ganze Nutzungserlebnis basiert nicht so sehr auf Status, sondern auf Talent. Ein entscheidender Unterschied zu Facebook und Instagram, bei denen Status (Stars, Friendgraph, etc.) zentral ist. Und auch ein entscheidender Grund dafür, warum Facebook den Erfolg von TikTok nicht so einfach aufhalten kann: es reicht eben nicht immer, einfach nur ein paar Features zu kopieren.

Musik & Social Media

  • Spotify testet derzeit ein Stories-Feature, das stark an die Features von Snapchat und Instagram erinnert. Der Clou: Spotify gibt Künstlerïnnen damit die Möglichkeit, ihre Fans direkt auf der Plattform zu unterhalten. Ein Umweg über Instagram ist nicht mehr notwendig.
  • Resso heißt der Streaming-Service von ByteDance, der ebenfalls Elemente aus der Welt der sozialen Medien mit Ideen von Musik-Angeboten verknüpft. Wie in Briefing #600 dargestellt, können Resso-Nutzerïnnen direkt unter einem Song Kommentare verfassen. Zudem sehen sie die Real-Time-Lyrics zu jedem Song – ein dauerhafter Karaoke-Modus sozusagen. Auch können Nutzerïnnen aus den Songs Gifs und Videos produzieren und sie auf der Plattform posten. Eine derart konsequente Verquickung von Streaming und Social Media hat bislang keine Plattform im Angebot.

Unabhängige, dezentrale Netzwerke

  • Planetary Social heißt der neueste Versuch, den übermächtigen Angeboten von Facebook und Co die Stirn zu bieten. Das Startup verspricht, alles besser zu machen als die Platzhirschen und soll dieses Jahr regulär starten – als „offene und humane Alternative zu Facebook“. Ob dies in der Breite gelingen kann, sei einmal dahingestellt. Wichtig ist lediglich, dass es Menschen gibt, die Social Media weiterdenken und sich zutrauen, dezentrale Alternativen zu erfinden. Der Clou von Planetary besteht nämlich vor allem darin, dass es mit einem offenen Protokoll arbeitet – etwa so wie Email. Planetary wäre damit das Gegenteil der prominenten Walled Gardens aus dem Silicon Valley. (Danke Johannes Brümmer für den Tipp 🙏)
  • Die Wiki-Alternative: Der Mitgründer der Wikipedia, Jimmy Wales, hat ein soziales Netzwerk – WT:Social – gelauncht, das explizit als „Gegenpol zu Clickbait und anderen Formen der Volksverdummung“ wahrgenommen werden soll. WT:Social soll komplett ohne Werbung auskommen und sich über freiwillige Spenden finanzieren. Die grundsätzliche Idee des Netzwerks besteht darin, Diskussionen zu bestimmten Themen in Gang zu bringen (t3n). Bislang hebt das Projekt zwar noch nicht so richtig ab – aber es sorgt für Bewegung im Markt.
  • Für den kleinen Kreis: Wie in Briefing #595 berichtet, haben zwei ehemalige Facebook-Mitarbeiter Cocoon gegründet. Das Startup wirbt damit, Familien und Freunden einen sicheren und intimen Ort zum Austausch zu bieten. Alles ohne Tracking und Werbung, dafür aber später einmal mit einer Bezahl-Version.

Special-Purpose-Netzwerke

  • Auch im Bereich der Special-Purpose-Netzwerke hat sich in den letzten Monaten und Jahren einiges getan: So haben sich Sportler-Netzwerke wie Strava einen festen Platz im Tagesablauf von Sportbegeisterten gesichert – nicht zuletzt durch die Möglichkeit, dort Fotos und Berichte von Events und Erlebnissen zu teilen.
  • Foto-Communities: Wer sich für Fotografie interessiert, bleibt nicht zwangsläufig bei Instagram stehen. Apps wie VSCO bieten Foto- und Kunstinteressierten Orte und Features, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Und sind so wirkmächtig, dass sie selbst zum Meme werden (VOX).
  • Berufsnetzwerke wie LinkedIn haben in den letzten Monaten eine regelrechte Rennaissance (Social Media Today) erlebt. Selten zuvor haben sich so viele Unternehmen & Kollegïnnen über ihre LinkedIn-Strategie Gedanken gemacht.
  • Entdecker-Portale wie Pinterest sind auch weit entfernt davon, das Licht auszumachen. Im Gegenteil: Pinterest entwickelt sich neben den Platzhirschen weiter recht anständig. Und hat häufig sogar die besseren Ideen (Pinterest Newsroom), wenn es um die Verantwortung gegenüber den Nutzerïnnen geht – eine Attitüde, die sich auszahlen könnte.

Livestreaming

  • Last but not least erleben wir gerade eine enorme Weiterentwicklung im Bereich des Livestreamings. Tummelten sich bislang vor allem Gamer auf den Plattformen von Twitch und Co, rücken zunehmend auch andere „Livestreaming-Gattungen“ ins Zentrum. Bei brand eins habe ich über diesen Trend geschrieben: Helden wie wir.

Be smart

Nicht alle Angebote können das nächste Facebook werden. Müssen sie auch nicht. Die Vielzahl der Services zeigt, dass sich jenseits der etablierten Unternehmen neue Akteure auftun (bzw. alte berappeln) und spezielle Bedürfnisse sehr viel besser befriedigen. Wer als Unternehmen oder Organisation darauf angewiesen ist, Menschen zu erreichen, sollte bekanntlich immer schauen, wo sich die Zielgruppe aufhält. Vielleicht ja irgendwo im Schatten der Giganten.


Foto: Daria Nepriakhina, Unsplash


Clearview und die Angst vor Massenüberwachung, Geld verdienen mit YouTube, Shopping bei Instagram

Salut und herzlich Willkommen zur 607. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Heute beschäftigen wir uns mit dem US-Unternehmen ClearView, das mehr als drei Milliarden Fotos aus dem Netz gefischt haben soll. Ferner schauen wir darauf, wie viel Geld Kreative von YouTube für 1 Million Views erhalten. Auch lernen wir, dass neueste Studie keinen direkten Zusammenhang zwischen Smartphone-Nutzung und der Psyche von Kids herstellen können. Herzlichen Dank für das Interesse, Simon & Martin

Clearview lässt Überwachungsalbträume wahr werden

Was ist: Das bislang völlig unbekannte Unternehmen Clearview hat angeblich mehr als drei Milliarden Fotos von menschlichen Gesichtern aus dem Netz gefischt, um daraus eine gigantische Datenbank zu bauen. Die Dimension geht weit über alle bekannten Systeme hinaus. Angeblich lassen sich mit Hilfe von Clearview Millionen Menschen innerhalb weniger Sekunden erkennen.

Warum das wichtig ist: „Das geheime Unternehmen, das die Privatsphäre, wie wir sie kennen, beenden könnte„, titelte die New York Times am Wochenende (NYT). Für ganz so dramatisch halte ich die Lage nicht. Dennoch zeigt die Recherche von Kashmir Hill, wie tief Technologie in die Privatsphäre eingreifen kann – und dass die Warnungen vor Massenüberwachung berechtigt sind.

Was Clearview macht: Das Unternehmen hat einen gewaltigen Datenstaubsauger entwickelt. Seine Software durchforstet das Netz nach Fotos und verleibt sich alles ein, was sich nicht bei drei auf privat gestellt hat. Die Scraper zapfen Bilder von öffentlich zugänglichen Seiten an, darunter Plattformen wie Facebook, Youtube, Twitter und Instagram.

Die Bilder werden in mathematische Modelle umgerechnet, damit sie von Maschinen gelesen werden können. Mit Hilfe dieser gerasterten Datenpunkte kann die Software neue Bilder mit der Datenbank abgleichen. Wer das System mit einem neuen Foto eines unbekannten Gesichts füttert, erhält, falls es Übereinstimmungen gibt, weitere Bilder sowie persönliche Daten der gesuchten Person.

Wer Clearview nutzt: Angeblich bezahlen mehr als 600 Behörden, um Zugang zu Clearviews Datenbank zu erhalten. Darunter sollen das FBI, das US-Heimatschutzministerium, Gemeinden und Dutzende Polizeidienststellen seien. Auch kanadische Ermittlerïnnen nutzen Clearviews Gesichtserkennung, um Sexualverbrechen und Kindesmissbrauch aufzuklären.

Das Unternehmen macht keine genaueren Angaben über seine Kunden. Der NYT zufolge arbeitet Clearview nicht nur mit Strafverfolgungsbehörden, Ermittlerïnnen und öffentlich Institutionen zusammen, sondern auch mit privaten Unternehmen. Namen sind bislang nicht bekannt.

Wie Clearview abtauchte: Clearwho? So hätten bis zum Wochenende wohl selbst gut informierte US-Journalistïnnen reagiert, wenn sie von dem Unternehmen gehört hätten. Das ist gewollt: Clearview hat sich größte Mühe gegeben, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Das Unternehmen listete auf seiner Webseite und in Geschäftsunterlagen lange Zeit falsche Adressen – angeblich nur ein Tippfehler. Das einzige LinkedIn-Profil, das einen Verweis auf Clearview enthält, gehörte einem gewissen „John Good“. Tatsächlich steckt dahinter Unternehmensgründer Hoan Ton-That, der einen falschen Namen benutzte.

Als Hill dem Unternehmen nachspürte, erhielt sie monatelang keine Rückmeldung. Niemand reagierte auf ihre E-Mails, ihre Anrufe blieben unbeantwortet. Als klar wurde, wie nah sie dem Unternehmen gekommen war, meldete sich eine Expertin für Krisenkommunikation, die ein Treffen mit Ton-That arrangierte.

Was Clearview leistet: Die Kombination aus dubiosem Versteckspiel, fragwürdigem Geschäftsmodell und dystopisch anmutenden Versprechungen erinnert an Cambridge Analytica – also ein Unternehmen, bei dem die Menge an Schauergeschichten den realen Schaden wohl deutlich überstiegen haben dürfte.

Doch Hill stützt ihre Recherche nicht nur auf die PR-Unterlagen von Clearview, die natürlich, genau wie Cambridge Analytica, die eigenen Fähigkeiten loben. Auch Ermittlerïnnen kommen zu Wort. Sie wüssten selbst nicht genau, wie Clearview arbeite – die Resultate sprächen aber für sich. Innerhalb kurzer Zeit hätten sie Verdächtige identifiziert und Verbrechen aufgeklärt.

Das erfolgreichste Marketinginstrument sind demnach kostenlose Testlizenzen. Nach 30 Tagen seien viele Polizeibehörden so überzeugt, dass sie die Software einkauften. Viele technische Details sind unbekannt, die Größe der Datenbank ist lediglich eine Behauptung, die tatsächlichen Erkennungs- und Falsch-Positiv-Raten lassen sich nicht überprüfen – dennoch scheint Clearview besser zu funktionieren als alle Systeme, die US-Behörden und Ermittlerïnnen bislang einsetzen.

Warum das problematisch ist: Das Vorgehen von Clearview wirft eine Reihe von Fragen auf:

  • Ist das legal? Wohl kaum. Das Scraping verstößt gegen die Nutzungsbedingungen vieler Plattformen wie Facebook und Instagram. Twitter verbietet sogar ausdrücklich, Bilder von Nutzerïnnen für Gesichtserkennung zu verwenden. „Viele Menschen machen das“, sagt Ton-That nur. „Facebook weiß es.“
  • Wie sicher ist die Datenbank? Clearviews Software wurde nie unabhängig überprüft. Datenschutz und Absicherung vor Hackern dürften nicht ganz oben auf der Prioritätenliste gestanden haben. Wenn Ermittlerïnnen Fotos von Verdächtigen hochladen, landen die Bilder ebenfalls auf den Servern von Clearview.
  • Wer kontrolliert die Überwacher? Ein Polizist könnte Clearview nutzen, um Frauen zu stalken, die er auf der Straße fotografiert. Regierungen könnten Protestierende in Echtzeit identifizieren und später bestrafen. Länder wie Russland und China nutzen bereits vergleichbare Technik.
  • Wer kontrolliert Clearview? Offenbar weißt das Unternehmen ganz genau, wer mit seiner Software nach wem sucht. Als Hill Polizistïnnen gebeten habe, ein Foto von ihr analysieren zu lassen, habe das System keinen Treffer angezeigt, obwohl es viele Bilder von Hill im Netz gibt. Kurz darauf habe Clearview die Ermittler angerufen und sich erkundigt, ob sie mit der Presse sprächen. Ton-That spielt den Vorfall herunter. Die Software habe nur Alarm geschlagen, weil sie ungewöhnliche Suchanfragen erkannt habe.
  • Wo führt das hin? Clearview hat einen Prototypen für eine AR-Brille entwickelt – eine Art Google Glass aus Steroiden. Wer sie trägt, könnte damit beliebige Menschen auf der Straße identifizieren, falls ihre Gesichter in der Datenbank enthalten sind. Clearview-Gründer Ton-That sagt, dass er keine Pläne habe, die Brille tatsächlich auf den Markt zu bringen. Wie beruhigend.

Be smart: Der Bericht über Clearview ist erschreckend. Panik hilft aber nicht weiter. Philippe Wampfler hat recht, wenn er schreibt (Schulesocialmedia):

Eine dystopische Science-Fiction-Angst gibt vor, die Systeme würden viel besser funktionieren, als sie es tatsächlich tun. Das Problem ist nicht, dass die Systeme so gut funktionieren, sondern dass sie gerade nicht gut funktionieren.

Tatsächlich sind bestehende Gesichtserkennungssysteme äußerst fehleranfällig, liefern etliche Fehlalarme und versagen vor allem bei People of Color und Menschen, die nicht der westlichen Norm entsprechen, mit dem die Systeme meist gefüttert werden.

In Deutschland wäre Clearview eindeutig illegal, weil die Betroffenen nicht eingewilligt haben, dass ihre Gesichter anderweitig genutzt werden. Damit verstößt die Datenbank gegen die DSGVO.

Grundsätzlich ist Gesichtserkennung aber auf dem Vormarsch. Chinas Überwachungssystem zeigt, wohin die Reise geht. Auch Innenminister Horst Seehofer will an 135 deutschen Bahnhöfen und 14 Flughäfen entsprechende Technik installieren. Das US-Militär forscht an Gesichtserkennung, die auf Hunderte Meter Entfernung funktionieren soll.

Das Beispiel von Clearview zeigt: Was öffentlich im Netz steht, wird genutzt, analysiert und ausgewertet. Wenn es nicht Facebook und Google machen, dann gibt es garantiert, ein kleines Start-up, dass sich alle verfügbaren Daten und Informationen einverleibt und sie aufbereitet.

Jeder Mensch hat nur ein Gesicht. Man kann sich verhüllen und Überwachungskameras austricksen, aber je besser die Technik wird, desto schwieriger wird es, unerkannt zu bleiben. Deshalb glaube ich, dass möglichst viele Städte und Länder dem Beispiel von San Francisco folgen sollten: Dort ist der Einsatz automatisierter Gesichtserkennung für Behörden verboten.

Zum Weiterlesen:

Was zahlt YouTube eigentlich für eine Million Views?

Was ist: Einem Bericht von Business Insider ($) zufolge kann die Summe, die YouTube an Kreative für eine Million Views auszahlt, stark variieren – und zwar auch völlig unabhängig davon, wie populär der Account ist.

Warum ist das wichtig? YouTube ist darauf angewiesen, dass es genug Kreative gibt, die Videos für die Plattform produzieren. Diese Rechnung kann auf Dauer aber nur funktionieren, wenn YouTube ein verlässlicher Partner ist – insbesondere hinsichtlich der Möglichkeiten, auf der Plattform Geld zu verdienen. Die Zahlen von Business Insider aber zeigen, dass von Zuverlässigkeit keine Rede sein kann.

Das verdienen YouTuber mit 1 Mio Views:

Wie kann das sein? YouTube bezahlt auf der Basis von sogenannten CPM-Anzeigen: also einem Preis-pro-1000-Impressionen. Wie hoch der Preis ist, variiert jedoch stark und hängt u.a. von den folgenden Faktoren ab: Länge des Videos, Demografie der Zuschauer, Inhalt des Videos…

Be smart: Da außer YouTube niemand blickt, wer aus welchen Gründen mit welchem Video wie viel Geld erhält, gehen YouTuber häufig zusätzliche Partnerschaften mit Unternehmen ein. Das kann sich auf die Unabhängigkeit der Filmemacher auswirken. Vom Problem Schleichwerbung und Co ganz zu schweigen. Viel schöner wäre es daher, wenn YouTube ein verlässlicher Partner sein könnte.

Weiterlesen:

Kampf gegen Desinformation

Klima-Misinformationen für Millionen: In einem neuen Report (hier das PDF) stellt die Nonprofit-Organisation Avaaz dar, wie YouTube daran verdient, Misinformationen über den Klimawandel zu verbreiten.

  • Von 5000 ausgewählten Videos zum Suchbegriff „Global Warming“ hätten 16 Prozent Misinformationen enthalten
  • Videos mit Misinformationen hätten zudem sehr viel höhere View-Zahlen als Videos ohne Misinformationen
  • Avaaz identifizierte 108 Firmen, von denen im Umfeld dieser Videos Werbung geschaltet wurde – unter anderem etwa von Greenpeace und WWF (sigh!)

Gegenüber Popular Information erklärt Google, warum solche Videos auf der Plattform zirkulieren können 😔

Some climate misinformation videos are considered “harmful misinformation,” but some of the videos flagged by Avaaz are not. For example, Google told Popular Information it considers climate misinformation that is clipped from Fox News to be part of a legitimate public discourse on a political and scientific issue.

Wird Instagram zum Problem für Digital-Künstler? Stell dir vor, von dir bearbeitete Foto-Kunst geht auf Instagram erst viral, wird dann von Faktencheckern als „Falsch“ eingestuft, in der Folge von Instagram in der Sichtbarkeit eingeschränkt, um dann von Instagram wieder freigeschaltet zu werden. Absurd? Ja, total! Aber leider auch nicht ausgedacht, sondern mit diesem Bild genau so passiert: Instagram is hiding faked images, and it could hurt digital artists (The Daily Beast) Ein Beispiel, das hoffentlich nicht Schule macht.

Follow the money

Bytedance will den Gaming-Markt erobern: Nach den Erfolgen des News-Aggregatoren Toutiao sowie den Short-Video-Apps Douyin (in China) und TikTok arbeitet ByteDance fleissig weiter an neuen Produkten. Neben den von uns bereits vorgestellten Ambitionen, den Musik-Streaming-Markt anzugreifen (siehe #Briefing #600), möchte ByteDance nun auch den Gaming-Markt erobern. Dafür kauft das Unternehmen Gaming Studios auf und stellt rund 1000 neue Mitarbeiterïnnen ein. Die ersten Spiele sollen im Frühjahr auf den Markt kommen. ByteDance Readying Assault on Tencent’s Mobile Gaming Kingdom (Bloomberg $)

WhatsApp Werbung: Nun also doch keine Werbung bei WhatsApp. Jedenfalls voerst nicht. Das Wall Street Journal schreibt, das Unternehmen möchte sich zunächst darauf konzentrieren, Business-Anwendungen für Firmen zu entwickeln: Facebook Backs Off Controversial Plan to Sell Ads in WhatsApp.

The company plans at some point to introduce ads to Status, but for now the focus is on building out money-making features allowing businesses to communicate with customers and better manage those interactions, said one person familiar with the matter.

Shopping bei Instagram: Einer Studie zufolge könnte E-Commerce in den kommenden Jahren zu einem zentralen Baustein von Instagrams Erfolg werden. Doch bislang nutzen gerade einmal 12 Prozent der Nutzerïnnen die App, um neue Produkte zu finden, bzw. direkt auf der Plattform einzukaufen. 2021 soll Instagram Studien zufolge bereits 10 Milliarden Dollar mit Shopping verdienen: Shopping on Instagram is going to be huge — but it’s barely gotten started yet (Business Insider, $)

Gekaufte Likes: Vom Hundezüchterverein bis zum Politiker – die Arbeit von sogenannten Clickworkern besteht darin, für 2 Cent pro Like alles zu mögen, was ihnen von Firmen, die Likes verkaufen, vorgesetzt wird. Die geschätzte Kollegin Svea Eckert hat für Panorama einen sehenswerten Beitrag zum Thema produziert: „Gefällt mir“: Das Geschäft mit den gekauften Likes (NDR)

Academia

Time spent gar nicht schlümm? Neuen Studie zufolge gibt es keine eindeutigen Belege dafür, dass vermehrte Social-Media, bzw. Smartphone-Nutzung zu negativen Effekten bei Kindern führt: Panicking About Your Kids’ Phones? New Research Says Don’t (NYT)

Inspiration

Im Trend: YouTube-Apology-Videos Artikel von The Pudding hatten wir ja bereits häufiger mal im Briefing. Das Portal zeichnet sich dadurch aus, dass sie Themen vor allem datengetrieben und visuell aufbereiten. Ihr Swipe-Artikel zu YouTube-Apology-Videos ist wirklich inspirierend: The Aftermath of a YouTube Apology.

Keine neuen Features von den Plattformen

Twitter

One more thing

Stichwort Push Notifications: Der wunderbare John Oliver widmet sich in einem kurzen Video dem Thema „Push Notifications“ (aus der Hölle). Sehr sehenswert 😂

Header-Foto von Osman Rana bei Unsplash

Quibis Pläne, linke Influencer, Tinders Datenschutzprobleme, TikToks Discover, Facebooks Gesundheitstool

Salut und herzlich Willkommen zur 606. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Heute schauen wir ausführlich auf Quibis Pläne, die erste Adresse für Bewegtbild auf Smartphones werden. Zwar kein genuines Social-Media-Thema, aber mit Blick auf die Konkurrenzsituation beim Überthema Video enorm wichtig. Ferner beschäftigen wir uns mit linken Influencern und Facebooks neuem Gesundheitstool. Wir wünschen wie immer eine gewinnbringende Lektüre und bedanken uns für das Vertrauen! Martin & Team

Quibis Pläne – für das erste Jahr

Was ist: Big Stories in quick bites – so lautet das Versprechen von Quibi. Das mit 1,4 Milliarden Dollar Risikokapital ausgestattete Startup aus Los Angeles möchte nichts weniger als die erste Adresse für Bewegtbild auf Smartphones werden. Schon im August 2018 hatten wir erstmals über Quibi berichtet – nun steht Quibi kurz vorm Launch und rührt ordentlich die Werbetrommel. Ein guter Zeitpunkt also, um das Unternehmen noch einmal etwas ausführlicher zu beleuchten.

Quibi, was?

  • Ein Konsortium, angeführt von der ehemaligen HP-Chefin, Meg Whitmann, und dem US-amerikanischen Filmproduzenten und CEO von DreamWorks, Jeffrey Katzenberg, hat sich mehr als eine Milliarde Dollar besorgt, um eine neue Mobile-Video-App zu lancieren.
  • Die Idee besteht darin, Bewegtbildinhalte (Unterhaltung und Informationen) dezidiert fürs Smartphone zu produzieren. Und zwar nicht mit irgendwem, sondern mit der Film- und Unterhaltungselite aus Hollywood, sowie international anerkannten Nachrichtenanbietern wie etwa BBC News.
  • Das Ziel ist es, Inhalte für unterwegs zu produzieren. Die Macher erklären bei ihrer CES-Präsentation, sie hätten sich u.a. von Dan Brown inspirieren lassen: Im Buch „The Da Vinci Code“ hat kein Kapitel mehr als vier, fünf Seiten. Eine optimale Länge, um mal eben zwischendurch weiterzulesen. In die Geschichte ein- bzw. aus ihr auszusteigen ist jederzeit möglich. So soll Quibi auch funktionieren.
  • Die Episoden sind nicht für lange Fernsehabende, sondern für kurze Momente gedacht – die Fahrt in der U-Bahn, zur Überbrückung der Langeweile im Wartezimmer, als Entertainment bei der Kaffeepause.

Warum ist das interessant?

  • Mobile Video ist ein heiß umkämpfter Markt: YouTube, IGTV, Facebook Watch und Snapchat Discover ringen alle um die Gunst der Nutzer in Sachen Video auf dem Smartphone. Und auch Netflix, Amazon Prime, Sky, Disney+, Apple TV und wie sie alle heißen, möchten natürlich, dass ihre Videos auf mobilen Endgeräten geschaut werden.
  • Wenn nun aber eine Gruppe um 21st Century Fox, Disney, Entertainment One, ITV, Lionsgate, Metro Goldwyn Mayer, NBCUniversal, Sony Pictures Entertainment, Viacom und Warner Media zusammen mit Alibaba und den strategischen Partner Goldman Sachs und JPMorgan Chase antreten, um eine Plattform zu bauen, die originären Content aus Hollywood auf Smartphones bringen soll, dann sollten ruhig alle, die im Bereich Bewegtbild aktiv sind, aufhorchen.

Was Quibi von anderen Anbietern unterscheiden soll:

  • Quibi arbeitet mit einer Reihe an Stars und international angesehen Unternehmen zusammen, um originäre Inhalte bieten zu können. Allein im ersten Jahr will Quibi rund eine Milliarde Dollar für Inhalte ausgeben.
  • Zudem werden viele Stories aus der Ich-Erzählperspektive erzählt. Zuschauer sollen durch diese Perspektive und die Nutzung ihres Smartphones stäker in die Geschichten reingezogen werden.
  • Ferner hat sich Quibi ein neues techniches Schmankerl einfallen lassen, dass das Seherlebnis zusätzlich steigern soll. Mittels des sogenannten „Turnstyle“-Features können Nutzerïnnen ausgewählte Filme sowohl vertikal als auch horizontal schauen.

Be smart: Quibi muss direkt im ersten Jahr 7,5 Millionen Subscriber finden. Ansonsten wird es schnell eng mit dem eingesammelten Geld. Ob das gelingt, hängt wohl weniger von technischem Schnickschnack wie „Turnstyle“ ab, als von dem Erfolg einzelner Angebote – sie brauchen unbedingt einen Hit. Und noch einen. Und dann noch einen. Die Streaming Wars haben gerade erst so richtig begonnen.

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Autor: Martin Fehrensen

Social Media & Politik

Das Teilen von Misinformationen ist in den USA leider zur Realität politischer Kampagnen geworden. Manchmal aus Versehen, häufig jedoch mit voller Absicht. Auch in Deutschland kommt es vor, dass Politikerïnnen Misinformationen über ihre Social-Media-Accounts teilen – mal eher aus Versehen, wie etwa Armin Laschet bei Twitter, immer wieder aber auch aus Kalkül (bitte beliebigen Post von AfD-Politikerïnnen hier einfügen). Welche Probleme das mit sich bringt, erklärt Drew Harwell in einem Artikel und in einem Video bei der Washington Post: Doctored images have become a fact of life for political campaigns. When they’re disproved, believers ‘just don’t care.

People are going to trust their politicians less, they’re going to trust institutions less and they’re not going to want to participate in civil discourse,” Jankowicz said. “Without that participation, our democracy just doesn’t work.“

Linke Influencer auf Youtube: Rechte Meinungsmacher gibt es in den sozialen Medien ja bekanntlich jede Menge – allen voran auf YouTube. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung wollte daher herausfinden, wie es eigentlich um linke Influencer bestellt ist. In ihrer Studie „Von Influencerïnnen lernen“ kommt die Stiftung u.a. zu folgenden Ergebnissen:

    • „Im englischsprachigen Raum lässt sich das Angebot linker Influencerïnnen in zwei Gruppen unterteilen: einerseits Multiple-use-Anbieterïnnen, die YouTube als eine von mehreren Plattformen nutzen, und andererseits solche, die YouTube-spezifisch arbeiten. Der deutschsprachige Raum zeigt etwas diversere Akteursgruppen, das Feld der Multiple-use- Anbieterïnnen ist kaum ausgeprägt.“

 

    • „Vor allem die anglofonen YouTube-spezifischen LPI haben einen überraschend großen und wachsenden Einfluss auf das digitale Publikum – vergleichbare Akteurïnnen sind im deutschsprachigen Raum aber so gut wie gar nicht vorhanden.“

 

  • „Die Nachfrage nach einem «linken» YouTube ist in Deutschland vorhanden und das Bildungspotenzial der Plattform ist enorm: alles Argumente für die Rosa-Luxemburg-Stiftung, sich in diesem Bereich stärker zu engagieren.“

Datenschutz-Department

Wie Tinder, Grindr & Co systematisch persönliche Daten weitergeben, zeigt das Ergebnis der Studie „Out of Control“ von norwegischen Verbraucherschützerïnnen. Die Kollegen von netzpolitik haben die Studie aufgegriffen und schreiben:

„Bei der Perioden-App MyDays bemängelt der Bericht beispielsweise, dass die mit GPS ermittelten Ortsangaben der Nutzerinnen mit einer ganzen Reihe an Drittparteien geteilt werden, die mit verhaltensbasierter Werbung und Profiling ihr Geld verdienen. Die Dating-App OkCupid wiederum teilt hochpersönliche Daten über Sexualität, Drogenkonsum, politische Ansichten und mehr mit dem Analytikunternehmen Braze.“

Der norwegische Verbraucherrat will nun juristisch gegen die Datensammelwut vorgehen. Diese Übersicht zeigt, warum sie allen Grund dazu haben:

Follow the money

TikTok arbeitet an einem Bereich für professionelle Inhalte: Um mehr Unternehmen und Werbetreibende anzulocken, bastelt TikTok einem Bericht der Financial Times (TikTok explores curated content feed to lure advertisers $) zufolge an einem speziellen Bereich, der nur ausgewählten Kreativen vorbehalten ist – etwa so wie bei Snapchat. Auch dort gibt es einerseits den regulären Feed, einen Mix aus Posts von Freunden, Medienunternehmen und Werbetreibenden. Zusätzlich gibt es aber eben auch einen Bereich (Discover) der nur professionellen Medienmachern vorbehalten ist und daher „brand safe“ ist. Will heißen: Unternehmen, die dort werben, laufen nicht Gefahr neben user generated content aufzutauchen, der – um es mal vorsichtig auszudrücken – nicht so richtig zu ihrer Marke passt. Übrigens: Allen Unkenrufen zum Trotz scheint sich Discover für Snapchat gut zu entwickeln – kein Wunder, dass sich TikTok davon inspirieren lässt:

„Brands can run video adverts on Snap in this Discover section, paying a higher price than for ads elsewhere in the app. In its latest earnings, Snap said it had more than 100 Discover channels with a monthly audience of 10m, while time spent watching the feed rose 40 per cent year on year.“

E-Boys & E-Girls sind ja nun bereits eine ganze Weile Trendsetter in sozialen Medien – insbesondere auf TikTok und Instagram. Aber erst jetzt scheint die Marketingbranche richtig auf sie anzuspringen und holt sich die Prominentesten von ihnen ins Haus. Vox erklärt das Business: E-boys are the new teen heartthrobs — and they’re poised to make serious money.

Popular e-boys on TikTok are nabbing fashion and entertainment deals. They could be the boy bands of the 2020s, with way better style and minus the actual singing.

Lese-Empfehlungen

The Age of Instagram Face: In der Januar-Ausgabe der brand eins schreibt Kollege Thomas Ramge im Artikel Einfalt trotz Vielfalt:

Das Internet hat uns eine Flut von Produkten, Informationen und Meinungen beschert. Und wirkt zugleich wie ein gigantischer Gleichmacher. (…) Die digitale Welt bietet mehr Auswahl als jede vor ihr. Wir können die Vielfalt nutzen, kapitulieren aber oft vor ihr – und entscheiden uns für Konformität.

Diese Konformität lässt sich fast nirgends so gut beobachten wie auf Instagram. Zu den ewig gleichen Fotos und Motiven (siehe Insta Repeat) kommt nun noch das immer gleiche Gesichter hinzu: das Instagram-Gesicht -eine Mischung aus Bella Hadid, Kim Kardashian, Kylie Jenner.

Bei The Atlantic beschreibt die Kollegin Jia Tolentino eindrucksvoll, was es mit dem Streben nach diesem einen Look auf sich hat, wer davon profitiert und was dabei auf der Strecke bleibt. Super spannend! Der Artikel – The Age Of Instagram Face – ist auch als Audio-Version verfügbar. Drei Zitate, die Lust auf mehr machen sollen:

„It’s Instagram Face, duh. It’s like an unrealistic sculpture. Volume on volume. A face that looks like it’s made out of clay.“

„You get the feeling that these women, or their assistants, alter photos out of a simple defensive reflex, as if FaceTuning your jawline were the Instagram equivalent of checking your eyeliner in the bathroom of the bar.“

The world is so visual right now, and it’s only getting more visual, and people want to upgrade the way they relate to it.

Preparing for 2030: Ich liebe Newsletter! Besonders den von Azeem Azhar. In der 251. Ausgabe von Exponential View geht es um die Frage, vor welchen Herausfoderungen wir (read: die Welt) im kommenden Jahrzehnt stehen. Zu umfassend und umfangreich sind die Analysen von Azhar, als dass ich das mal locker flockig zusammenfassen könnte. Aber darum geht es bei den Lese-Empfehlungen fürs Wochenende ja auch nicht. Von daher: Wer 15 Minuten Zeit findet, hier entlang bitte: 🔮 Preparing for 2030 – What do the next ten years hold?

Schon einmal im Briefing davon gehört

Facebooks neues Gesundheitstool: Manches kriegen selbst wir nicht mit: Facebook hat bereits im Oktober 2019 einen Service eingeführt, der auf die Gesundheit(sdaten) seiner Nutzerïnnen abzielt: Connecting People With Health Resources (FB Newsroom).

Mittels „Preventive Health“ können Nutzerïnnen herausfinden, „welche medizinischen Untersuchungen mit Blick auf ihr Alter und Geschlecht empfohlen werden – etwa Cholesterintests oder Mammographien. Auch lassen sich Krankenhäuser finden, die entsprechende Untersuchungen durchführen. Zudem können User Reminder nutzen und Häkchen für abgeschlossene Untersuchungen setzen. Natürlich können auch Freunde und Bekannte über Untersuchungen informiert werden. Wir sind ja bei Facebook.

Und das ist der springende Punkt: Ja, Facebook bietet einen Service, der darauf abzielt, die Gesundheit seiner Nutzerïnnen zu verbessern. Top! Gleichzeitig sind es exakt diese Features, die Menschen dazu ermuntern, auch künftig Gesundheitsfragen via Facebook zu klären. Sneaky. The Atlantic hat einen tollen Artikel dazu geschrieben: The Sneaky Genius of Facebook’s New Preventive Health Tool.

For many of Facebook’s 2.4 billion users, it’s hard to imagine navigating social groups and remembering birthdays and attending events and finding important photos any other way. Soon enough, maybe it’ll be hard to remember doctor appointments too.

Neue Features bei den Plattformen

Instagram

  • Direct Messages im Web: Instagram hat sich etliche Jahre nach der Einführung von Direct Messages dazu entschieden, den Service nun auch im Web zu testen: Instagram starts bringing DMs to the web (The Verge). Bislang können nur ausgewählte Nutzerïnnen auf Direct Messages im Browser zugreifen. Aber der Test ist aus mehreren Gründen spannend:
      • Erstens erkennt Instagram damit an, dass Direct Messages zunehmend im professionellen Kontext genutzt werden und es einfach nur nervig ist, die berufliche Korrespondenz innerhalb einer Smartphone-App führen zu müssen.

     

    • Zweitens ist der Web-Service im Vergleich zur Kommunikation in der App bislang nicht Ende-zu-Ende verschlüsselt. Zwar arbeite Instagram daran, aber zunächst einmal läuft das dem Plan entgegen, alle Messenger-Plattformen aus dem Hause Facebook samt Ende-zu-Ende-Verschlüsselung miteinander zu verzahnen. (Siehe Briefing #530)

Tipps, Tricks und Apps

Bloggen 2020: Falls jemand darüber nachdenkt, mit Bloggen anzufangen, dann ist es auch 2020 noch nicht zu spät dafür. Im Gegenteil: Nie war die Auswahl an Tools und Plattformen größer. Hier gibt es einen Überblick über 43 Plattformen, um mit der eigenen Website durchzustarten (Marko Saric).

One more thing

Weiterentwicklung vom SMWB: Liebe Kollegïnnen, gern wollen wir die kommenden Wochen nutzen, um am Briefing zu schrauben: sowohl mit Blick auf die Struktur als auch hinsichtlich des Designs. Wer gern Beta-Nutzerïn sein möchte, antwortet bitte auf diese Email mit dem Wort: beta. Auch wird es einen neuen Slack-Channel geben, um über die Ideen und Neuerungen zu diskutieren. An der Qualität und am Inhalt halten wir natürlich fest – das ist ja selbstverständlich 🙂 Danke fürs Mitmachen, Martin

Header-Foto von Hugh Han bei Unsplash

Zuckerbergs Wette, Twitters Replies, Reddits Deepfakes, Journalismus Trends

Salut und herzlich Willkommen zur 605. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Heute beschäftigen wir uns mit der Frage, ob AR/VR wirklich das nächste große Ding wird – wie Apple und Facebook wetten. Zudem schauen wir auf Twitters neue Optionen, Replies einzuschränken, und die wichtigsten Trends im Journalismus. Das und viel mehr im Newsletter deines Vertrauens, herzlichst, Simon und Martin

Zuckerbergs Wette

Was ist: Jahrelang hat Mark Zuckerberg auf seiner Facebook-Seite bekannt gegeben, welcher persönlichen Challenge er sich im neuen Jahr stellen wird. Nach Mandarin lernen, Facebook reparieren, mehr öffentlichen Austausch wagen und einigen weiteren Herausforderungen begräbt Zuckerberg nun die Challenge-Idee. Vielmehr möchte er sich in den kommenden Jahren fundamentalen Fragen widmen: etwa dem Generationswechsel, der Idee einer neuen, privaten Social (Media-) Plattform, neuen Formen der Regulierung sowie der nächsten Computing Platform.

The Next Computing Platform: Facebooks Erfolgsgeschichte besteht vor allem darin, den Shift von Desktop zu Mobile wie kaum ein zweites Unternehmen (zunächst verschlafen und dann) gemeistert zu haben. Um beim nächsten großen Ding direkt mit dabei zu sein, wettet Facebook (viel Geld) darauf, dass die Technologien AR (erweiterte Realität) und VR (virtuelle Realität) die nächsten großen Plattformen darstellen werden.

Warum ist das interessant?

  • Die 1990er Jahren waren vom Siegeszug des Desktop-Computers geprägt. Firmen, die entweder PCs oder Software für PCs herstellten, gehörten zur Elite der Weltwirtschaft.
  • Die 2000er Jahre waren hingegen vom Siegeszug des Web geprägt – die Googles und Amazons dieser Welt übernahmen das Steuer.
  • Die 2010er Jahre waren widerum vom Siegeszug des Smartphones geprägt – Smartphone-Hersteller und Unternehmen, die auf mobilen Endgeräten weltweit genutzt werden, dominierten das Geschehen.
  • Die große Frage ist daher: Welche zugrundeliegende Technik wird das nächste Jahrzehnt prägen – und welche Firmen werden diese Welle am erfolgreichsten reiten?

Was die Unternehmen planen: Apple und Facebook investieren heftig in AR und VR – jeweils in der Annahme, diese Technologien könnten zum nächsten großen Ding werden.

  • So baut Facebook derzeit einen über 70.000 Quadratmeter großen Campus. 4000 Mitarbeiter sollen dort neue Hardware entwickeln. To Control Its Destiny, Facebook Bets Big on Hardware (The Information $)
  • 2023 möchte Facebook die erste AR-Brille auf den Markt bringen.
  • Etwas früher soll es bereits eine Facebook-Brille geben, die an Snaps Spectacles erinnert und mit der Nutzerïnnen Fotos und Videos machen können. Die Brille gilt als Testballon, um zu prüfen, ob Nutzerïnnen überhaupt gewillt sind, ein Facebook-Produkt im Gesicht zu tragen.
  • Apple plant ebenfalls ab 2022 eine ganze Reihe neuer AR-Hardware-Produkte auf den Markt zu bringen. Apple Eyes 2022 Release for AR Headset, 2023 for Glasses (The Information $)

Schon einmal gehört:

  • Weil die Steuerung von AR/VR-Hardware ohne Smartphone funktionieren muss, arbeiten die Unternehmen an alternativen Funktionen.
  • Facebook arbeitet daher an sogenannten „brain-computer interfaces“. Unter der Federführung von Emily Mugler entwickelt Facebook Ideen, wie Hardware per Gedanken gesteuert werden kann. Imagining a new interface: Hands-free communication without saying a word (Tech / FB)
  • Zudem hat Facebook das Startup CTRL-Labs gekauft, das an einem Armband arbeitet, mittels dessen sich AR/VR-Hardware via Armbewegung steuern lässt. Facebook greift nach den Gedanken (SZ)

Be smart: Snap Inc arbeitet bereits an der vierten Version der hauseigenen AR-Brille namens Spectacles. Die neue Brille soll nicht nur Fotos und Videos aufnehmen können, sondern auch Filter und AR-Effekte ermöglichen. Und auch Facebook hat mit Oculus bereits eine VR-Brille im Angebot. Wirklich Mainstream ist das alles noch lange nicht. Zu begrenzt in der Anwendung, zu clumsy, zu nerdig – das kann noch dauern, bis AR/VR-Brillen wirklich massenkompatibel werden.

Und selbst dann bleibt die Frage, ob Facebook es schafft, Konsumenten davon zu überzeugen, Facebook-Hardware zu nutzen. Bei The Information kommentiert Nutzer Arthur P. Johnson völlig zurecht:

„One can argue that current Amazon and Google home products don’t protect privacy, and are succeeding nonetheless, but these devices don’t carry the almost-universal expectation that they will be collecting and marketing all the data they possibly can, all the time, from the mundane to the intimate.“

Go deep: Facebook’s Chief Scientist: Mass Adoption of AR Is Years Away ($ The Information)

Autor: Martin Fehrensen

Facebook will bezahlte Politiker-Lügen weiter erlauben

Was ist: Nach monatelangen Diskussionen ändert Facebook seinen Umgang mit politischer Werbung – allerdings nicht so, wie es sich viele gewünscht hätten. Statt Anzeigen von Politikerïnnen und Parteien komplett zu verbieten (wie etwa Twitter, TikTok, LinkedIn und Spotify), das Targeting zu beschränken (wie Google) oder Anzeigen von Factcheckern prüfen zu lassen (wie Snapchat), hat sich Facebook für kosmetische Maßnahmen entschieden.

Was Facebook ändert: Der Blogpost von Rob Leathern, Leiter des Produktmanagements bei Facebook, umfasst vier Punkte:

  1. In der Werbebibliothek, in der alle Anzeigen aufgelistet werden, die Werbetreibende auf Facebook schalten, lässt sich künftig sehen, wie groß die Zielgruppe einer bestimmten Anzeige ist.
  2. Die Such- und Filtermöglichkeiten der Werbebibliothek werden verfeinert.
  3. Nutzerïnnen können besser kontrollieren, ob sie Anzeigen sehen wollen, die sie ausgespielt bekommen, weil sie Teil einer sogenannten Custom-Audience-Liste sind. Das kann etwa eine Liste mit E-Mailadressen sein, die Werbetreibende bei Facebook hochladen, um damit Zielgruppen zu erstellen.
  4. Die Menge der politischen Anzeigen soll sich steuern lassen. Facebook will eine Einstellung einführen, mit der weniger politische Werbung im Newsfeed auftaucht.

Die ersten drei Änderungen sollen im ersten Quartal 2020 umgesetzt werden. Die vierte Maßnahme kommt erst im Sommer und zunächst nur in den USA, später sollen weitere Länder folgen.

Was Facebook nicht ändert: Politikerïnnen dürfen auf Facebook weiter Geld dafür bezahlen, dass ihre Lügen mehr Aufmerksamkeit erhalten und genau jene Menschen erreichen, die dafür empfänglich sind. Facebook würde das vermutlich anders ausdrücken, aber so lässt sich das Update auch zusammenfassen.

Was die Änderungen gemeinsam haben: Alle vier Punkte folgen einem Prinzip. Facebook schiebt die Verantwortung den Nutzerïnnen zu:

  • Mehr Transparenz in der Werbebibliothek ist sinnvoll – aber wie viele Menschen suchen dort wirklich nach Anzeigen? Eine Handvoll Wissenschaftlerïnnen, ein paar Journalistïnnen. Der Großteil der zwei Milliarden Menschen, die Facebook nutzen, dürfte noch nie davon gehört haben, geschweige denn die Datenbank selbst durchsuchen.
  • Man kann Custom-Audience-Listen verbieten … Toll! Und jetzt erklärt das mal Menschen, die nicht beruflich mit Facebook, Medien oder Werbung zu tun haben.
  • Was genau bedeutet es, „weniger“ politische Werbung zu sehen? Warum kann man sie nicht deaktivieren? Und in welchem Untermenü wird das versteckt sein? Wie viele Menschen werden den Weg dorthin finden?

Wer Zeit investiert, kann Facebook nutzen und einen Großteil der Datensammelei unterbinden. Das Gleiche gilt nun auch für politische Werbung: Wer Zeit investiert, kann sie einschränken und besser verstehen. Nur macht das halt (fast) niemand.

Warum Vorsicht angebracht ist: Selbst bei den überschaubaren Änderungen handelt es sich nur um Ankündigungen – und da wir bald zwei Jahre auf die Funktion „Clear History“ warten (siehe Briefing #600), die Mark Zuckerberg 2018 angekündigt hatte, die mittlerweile „Off-Facebook-Activity“ heißt, die aber immer noch in nur drei Ländern freigeschaltet ist, bin ich vorsichtig geworden. Die Maßnahmen glaube ich erst, wenn ich sie sehe.

Be smart: Das Thema ist komplex, und es gibt keine einfachen Lösungen. Twitters Komplettverbot wird sich in der Praxis kaum durchsetzen lassen und bringt neue Probleme mit sich (mehr in Briefing #589). Und glaubt man Facebook, ist Microtargeting vor allem für NGOs und kleinere Kandidatïnnen wichtig.

Trotzdem halte ich den Status quo für problematisch. Vergangene Woche haben wir in Briefing #604 das geleakte Memo von Facebook-Manager Andrew Bosworth analysiert. Darin sagt er unter anderem, dass Trump seinen Wahlsieg auch seiner Werbestrategie auf Facebook zu verdanken habe.

Obwohl Bosworth Trump persönlich ablehnt, solle Facebook an seiner Praxis festhalten, weil es „neutral“ sein müsse. Diese Grundannahme ist falsch. Facebook ist nicht neutral. Die Algorithmen belohnen jene, die am stärksten auf Emotionen setzen, Wut schüren und schamlos Unterstellungen, Halbwahrheiten und Lügen verbreiten.

Leathern ruft in seinem Blogpost so deutlich wie selten ein Facebook-Manager zuvor nach Regulierung:

„Ultimately, we don’t think decisions about political ads should be made by private companies, which is why we are arguing for regulation that would apply across the industry. (…) Frankly, we believe the sooner Facebook and other companies are subject to democratically accountable rules on this the better.“

Das stimmt. Aber in der Zwischenzeit einfach (fast) gar nichts zu tun, ist keine Lösung, die mich besonders zuversichtlich stimmt, was die US-Wahl 2020 angeht.

Weiterlesen:

  • Mike Isaac und Cecilia Kang fassen Facebooks Änderungen zusammen und erklären, was Republikaner (viel) und Demokraten (weniger) davon halten. (New York Times)
  • Natasha Lomas hält Facebooks Maßnahmen für völlig unzureichend. Das Unternehmen habe sich entschieden, weiter die Demokratie zu zerstören. (Techcrunch)
  • Zehn Dinge, die Tech-Unternehmen tun können, um die US-Wahl 2020 zu sichern (Medium / Render)

Autor: Simon Hurtz

Don’t @me, please!

Was ist: Twitter will Nutzerïnnen die Möglichkeit geben, die Antworten auf Tweets zu beschränken (The Verge). Demnach soll es vier Optionen geben:

  1. Global: Alle können antworten.
  2. Group: Nur Menschen, denen der/die Absenderïn folgt, oder die im Tweet erwähnt werden, können antworten.
  3. Panel: Nur die erwähnten Nutzerïnnen können antworten.
  4. Statement. Niemand kann antworten.

Im ersten Quartal will Twitter die Funktion testen, bevor sie im Laufe des Jahres global freigeschaltet werden soll.

Was dafür spricht: Ich bin ein weißer, heterosexueller, privilegierter Mann – die Menge an unangenehmen bis strafbaren Replies, die ich abbekomme, hält sich also in Grenzen. Frauen und PoC werden dagegen ständig belästigt, beleidigt und bedroht. Ich kenne mehrere, die deshalb den Spaß an Twitter verloren oder ihren Account gleich ganz dichtgemacht haben.

Die Möglichkeit, Tweets abzusetzen, denen man proaktiv den Rückkanal abdreht, könnte deshalb einen Mengen Trollen den Spielplatz weg- und Pöblern den Wind aus den Segeln nehmen. Für Menschen, die regelmäßig zur Zielscheibe von Hass und verbaler Gewalt werden, wäre das ein Segen.

Was dagegen spricht: Die Antwortfunktion dient oft dazu, falsche Tweets richtigzustellen oder fehlende Informationen zu ergänzen. Wenn etwa Politikerïnnen ein „Statement“ senden, das falsche Behauptungen enthält, kann niemand direkt damit interagieren.

Twitter sagt, man sei sich dieses Problems bewusst und werde „genau darauf schauen“, wie sich der Test entwickelt. Außerdem könnten Nutzerïnnen die fraglichen Tweets ja immer noch zitieren, um damit zu interagieren.

Be smart: Ryan Broderick verweist zurecht auf frühere Produktänderungen, die ungeahnte und unerwünschte Nebenwirkungen hatten (Buzzfeed). Aber für mich klingt die Idee sinnvoll. Trotz aller Versprechungen und Maßnahmen, um Twitter zu einem angenehmeren Ort zu machen, ist die Plattform für viele Menschen immer noch toxisch. Deshalb freue ich mich über jeden Versuch, das zu ändern.

Ohnehin hat Twitter in den vergangenen Monaten in ungewohnter Geschwindigkeit neue Funktionen angekündigt und teils auch umgesetzt. Bald sollen Threaded Replies kommen, Nutzerïnnen sollen bestimmten Themen folgen können – und die lange mit wenig Liebe bedachte Listenfunktion erhält endlich ein überfälliges Update.

Zum Weiterlesen:

  • Twitters Produktchef Kayvon Beykpour erklärt Nicholas Thompson, wie er Twitter zu einem friedlicheren Ort machen will (Wired). Mein Lieblingssatz:

„There isn’t really a disincentive today to being a total jerk on Twitter. And that’s a product problem.“

Autor: Simon Hurtz

Kampf gegen Desinformation

Tumblr startet Initiative World Wide What, um die Medienkompetenz seiner Nutzerïnnen zu steigern. Das Projekt verfolgt dabei einerseits das Ziel, Menschen für das Thema Cybermobbing zu sensibilisieren. Andererseits sollen Nutzerïnnen vor Manipulationsversuchen im Zusammenhang mit der kommenden US-Wahl gewarnt werden. Mehr zum Thema bei The Verge.

Auch Reddit nimmt sich dem Thema Deepfakes an und ändert seine Richtlinien. Fortan es ist es auf der Plattform verboten, andere Personen (und Einrichtungen) zu verkörpern, bzw. nachzuahmen. Natürlich gibt es Ausnahmen zur Regeln: Satire und Parodie bleiben weiterhin erlaubt. Denn (r/redditsecurity):

„This doesn’t apply to all deepfake or manipulated content– just that which is actually misleading in a malicious way. Because believe you me, we like seeing Nic Cage in unexpected places just as much as you do.“

Follow the money

Promoted Trends Spotlight: Twitter ermöglicht es Werbetreibenden, einen Platz in den Promoted Trends Spotlight zu erwerben. Erlaubt sind sechssekündige Videos, GIFs und statische Fotos / Grafiken.

Facebooks Aktienkurs auf Rekordhoch: Völlig losgelöst von allen Skandalen und Problemen, über die wir hier beim Social Media Watchblog permanent berichten, ist Facebooks Aktienkurs auf ein Allzeithoch geklettert und bescherrt der Firma eine Bewertung von 622 Milliarden Dollar. Ein Analyst fasst bei der Financial Times die Situation trefflich zusammen:

“Die Sache mit Facebook ist, dass sie einfach ein unschlagbares Werbeprodukt haben“, sagt Joseph Evans, Analyst bei Enders Analysis. „So etwas gibt es eigentlich nirgendwo… Was auch immer die öffentliche oder politische Meinung sagt, die kommerzielle Realität wird sie (Facebook) sehr weit bringen.“

Social Media & Journalismus

Der Report „Journalism, Media, and Technology Trends and Predictions“ vom Reuters Institute of Journalism und der Oxford Universität hat sich über die Jahre zur Pflichtlektüre für Medienschaffende entwickelt – auch der 2020er-Report ist wieder sehr lesenswert. Zu den Key Trends gehören:

  • Geschäftsaussichten werden wieder positiver bewertet, Sorgen um den (lokalen) Journalismus bleiben bestehen.
  • Die Suche nach einer journalistischen Antwort auf „post-truth politics“
  • Die Plattformen und das Verhältnis zum Journalismus
  • Die Frage der Vielfalt im Newsroom
  • Das neue goldene Audio-Zeitalter. Aber wo ist das Geld?
  • Die Rolle von KI in Redaktionen (und die Zweifel daran)

Crashkurs zum Thema Desinformationen: Reuters und das Facebook Journalism Project haben zusammen ein Online-Crashkurs zum Thema Desinformation gelauncht. Der frei zugängliche Kurs erklärt, wie Medien manipuliert werden können, was es mit Deepfakes auf sich hat und wie Newsrooms mit diesen neuen Herausforderungen umgehen können. Nicht nur für Einsteiger spannend!

Studie: Was Leser von einer Story erwarten: Das Center for Media Engagement hat sich mit der Frage beschäftigt, was Leserïnnen von einer News-Story erwarten. Das Resultat:

  • Tiefer gehen
  • Terminologien erläutern
  • Erklären, warum welche Quellen genutzt wurden
  • Schutz vor Voreingenommenheit darlegen

Instagram-Journalismus: Instagram gehört für viele Kollegïnnen natürlich längsts zum Alltagsgeschäft. Wer allerdings erst jetzt damit anfängt, Stories und Formate für Instagram zu produzieren, der wird an diesem Instagram-Leitfaden beim Portal Fachjournalist Gefallen finden.

Neue Features bei den Plattformen

Instagram

  • Boomerang: Fünf Jahre nach dem Launch von Boomerang können Nutzerïnnen nun ihre Boomerangs mit weiteren Effekten versehen: genauer gesagt mit einem Slow-Motion-Effekt, mit “Echo”-blurring und dem sogenannten “Duo”-Effekt, der dafür sorgt, dass der Boomerang schnell zurückgespult wird. Techcrunch zeigt, wie das aussieht: Instagram adds Boomerang Effects as TikTok looms.

Tipps, Tricks und Apps

Shortcut-Wiki: Shortcuts können einem das Leben wirklich erleichtern. Auf shortcutworld.com werden Tausende von Tastenkombinationen nach Plattform und Programm sortiert – definitiv ein Command D wert. 🤓

One more thing

David’s Disposable: David Dobrik gehört zu den populärsten YouTubern der Welt. Letztes Jahr erzielte der 23-Jährige mit seinen Videos satte 2,4 Milliarden Views. Nicht weiter erstaunlich, dass er auch jenseits von YouTube versucht, seinen Namen für Geld, Ruhm und Reichweite zu nutzen. Etwa mit seiner neuen App David’s Disposable, die das Smartphone in eine Fujifilm-Retro-Kamera verwandelt. Der Clou: Nachdem Nutzerïnnen ein Foto geknipst haben, müssen sie bis zum nächsten Morgen um 9:00 Uhr warten, um das Foto anzuschauen. 😂

Header-Foto von Lerone Pieters bei Unsplash

Ansichten eines Facebook-Managers, TikToks neue Gemeinschaftsrichtlinien, Desinformations-Agenturen

Salut und herzlich Willkommen zur 604. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Heute beschäftigen wir uns intensiv mit der Gedankenwelt eines hochrangigen Facebook-Managers. Ferner schauen wir auf TikToks neue Gemeinschaftsrichtlinien. Zudem stellen wir fest, dass es jetzt Desinformations-Agenturen gibt und Facebooks Privacy Checkup zwar gut gemeint ist, letztlich aber nur vor Dritten schützt – und natürlich nicht vor sich selbst. Wir wünschen eine gewinnbringende Lektüre und bedanken uns für das Interesse! Simon und Martin

Was ein Facebook-Manager über Trump denkt

Was ist: Andrew Bosworth hat ausführlich über Donald Trump, Cambridge Analytica, Filterblasen und den Herrn der Ringe nachgedacht. Der Facebook-Manager veröffentlichte das 5500-Wörter-Essay „Gedanken über 2020“ auf seinem privaten Account, den nur Facebook-Angestellte sehen können – doch die New York Times hat das interne Memo in die Hände bekommen und ins Netz gestellt (NYT). Kurz darauf teilte es Bosworth auch selbst (Facebook).

Warum das wichtig ist: Führende Mitarbeiter der großen Tech-Unternehmen halten sich mit eindeutigen politischen Aussagen zurück. Aus den öffentlichen Äußerungen von Mark Zuckerberg, Tim Cook oder Sundar Pichai kann man zwar eine (für US-Verhältnisse) liberal-progressive Haltung ableiten, eine Wahlempfehlung würden sie aber niemals abgeben (nur Jeff Bezos verbindet eine innige Abneigung mit Trump). Dafür ist die US-Gesellschaft viel zu polarisiert: Wer sich klar positioniert, bringt die Hälfte der Bevölkerung gegen sich auf.

Umso bemerkenswerter sind Bosworths Äußerungen, der mehrfach betont, dass er Trump ablehnt. Sein Wort hat bei Facebook Gewicht: Bosworth war während der US-Wahl 2016 für Facebooks Anzeigengeschäft zuständig. Heute leitet er die Sparte für virtuelle und erweiterte Realität. Er gilt als enger Vertrauter Zuckerbergs.

Das Memo ist deshalb aus drei Gründen interessant:

  1. Es ermöglicht einen seltenen Einblick in die Gedankenwelt eines Menschen, der maßgeblichen Einfluss auf Facebooks Entscheidungen hat.
  2. Was Bosworth sagt, ist nicht nur seine Privatmeinung, sondern dürfte stellvertretend für das stehen, was viele Facebook-Mitarbeiterïnnen denken. Diese Binnenperspektive, vor allem die interne Wahrnehmung der medialen Berichterstattung über Facebook, wird sonst selten bekannt.
  3. Ich stimme Bosworth nicht in allen Punkten zu. Viele Dinge, die er anspricht, finde ich aber wichtig und richtig – etwa in Bezug auf russische Trolle, Falschnachrichten und personalisierte Wahlwerbung.

Was Bosworth schreibt: Wer über Facebook berichtet, mit Facebook arbeitet oder sich dafür interessiert, wie Facebook tickt, sollte sich zehn Minuten Zeit nehmen und das komplette Memo lesen. Für alle andere fasse ich die wichtigsten Aussagen hier zusammen:

Donald Trump

  • „Ich bin kein Fan von Trump“, schreibt Bosworth. Dennoch müsse man die „unglaublichen Arbeit“ anerkennen, die Trump und Brad Parscale geleistet hätten, der 2016 Trumps digitalen Wahlkampf verantwortete.
  • Facebook sei für Trumps Wahlsieg verantwortlich, aber nicht aus den Gründen, die öffentlich diskutiert würden. Russland, Desinformation oder Cambridge Analytica hätten keine Rolle gespielt.
  • Trump sei gewählt worden, „weil er die beste digitale Anzeigenstrategie hatte, die ich je gesehen habe.“ Trump habe nicht gewonnen, weil er Falschinformationen verbreitete, sondern weil er Facebooks Werkzeuge bestmöglich nutzte.

Russland und „Fake News“

  • Russland habe versucht, die US-Wahl zu manipulieren. Die Trolle der IRA und Wahlwerbung auf Facebook seien dabei längst nicht so wichtig gewesen, wie es Medien dargestellt hätten.
  • „100 000 Werbedollar können ein mächtiges Werkzeug sein, aber dafür kann man sich keine US-Wahl kaufen“, schreibt Bosworth. Ausländische Akteure hätten die US-Gesellschaft auf andere Art und Weise spalten wollen, etwa indem sie in derselben Stadt eine Black-Lives-Matter-Kundgebung und eine Protestveranstaltung organisierten.
  • Der Großteil der Falschinformationen, die auf Facebook im Umlauf waren, sei nicht politisch, sondern ökonomisch motiviert gewesen. Hier habe Facebook Fehler gemacht und hätte Seiten, die Nutzerïnnen mit frei erfundenen Nachrichten auf Webseiten voller Werbung lockten, konsequenter abstrafen sollen.

Cambridge Analytica

  • Bosworth hält die Aufregung über die dubiose Datenfirma übertrieben: „Tatsächlich ist Cambridge Analytica ein totales Nicht-Ereignis (…) Sie haben Schlangenöl verkauft. Ihre Werkzeuge haben nicht funktioniert. Alles, was sie über sich selbst behauptet haben, ist Unsinn.“
  • Facebooks interne Daten zeigten, dass die Anzeigen von Cambridge Analytica nicht besser funktioniert hätten als die von anderen Unternehmen. In vielen Fällen hätten sie sogar schlechter performt.
  • Obwohl fast alle Details, die zu dem angeblichen Skandal im Umlauf sind, falsch seien, könne Facebook die Kritik nicht einfach ignorieren. Cambridge Analytica habe sich sensible Daten von Nutzerïnnen über eine offene Schnittstelle verschafft, die Facebook früher hätte schließen müssen.
  • Im Jahr 2020 erscheine es verrückt, dass Facebook diese Schnittstelle für Entwicklerïnnen überhaupt erst geöffnet habe – vor acht Jahren habe Facebook aber eine Menge Zuspruch dafür erhalten.

Politische Werbung

  • Politikerïnnen sind von Facebooks Faktenchecks ausgenommen (mehr dazu in Briefing #589 und #590). Sie dürfen nicht nur fast alles behaupten, was sie wollen, sondern können sogar dafür bezahlen, damit mehr Menschen ihre Lügen lesen: Selbst Anzeigen werden nicht geprüft.
  • Wenn es nach Bosworth geht, ist das auch richtig so. Er sei „verzweifelt“ versucht, alle Mittel zu nutzen, um eine Wiederwahl von Trump zu verhindern. Aber Facebook dürfe seine Macht nicht nach eigenem Gutdünken einsetzen.
  • Genau wie die Elbenkönigin Galadriel im Herrn der Ringe der Versuchung widersteht, den Ring der Macht an sich zu nehmen, müsse Facebook standhaft bleiben, „um nicht zu dem zu werden, was wir fürchten“.
  • Es gebe durchaus Grenzen der Redefreheit, die auch für Politikerïnnen gelten müssten, etwa offene Aufrufe zur Gewalt. Bosworth hält es aber für gefährlich, wenn Facebook entscheide, was wahr und was falsch ist.
  • Medien unterstellten Facebook oft ökonomische Motive, weil es Wahlwerbung im Gegensatz zu Twitter und Google nicht verbietet oder reguliert. Als ehemaliger Leiter von Facebooks Anzeigengeschäft könne Bosworth „in diesem Fall mit Sicherheit sagen, dass die Kritiker falsch liegen.“
  • Bei der Regulierung von politischer Werbung gehe es nicht um Geld. Da Facebook diese Gespräche aber nur intern führe, müsse man der Presse die Fehlschlüsse verzeihen.

Filterblasen

  • Die Furcht vor Filterblasen sei ein Mythos, der leicht zu widerlegen sei, glaubt Bosworth. In analogen Zeiten hätten Menschen meist nur eine Zeitung gelesen oder einen Fernsehsender gesehen.
  • Tatsächlich habe das Internet die Meinungsvielfalt erhöht. Entgegen der öffentlichen Auffassung kämen Facebook-Nutzerïnnen mit mehr Berichten in Kontakt, die ihrer eigenen Überzeugung widersprechen.
  • Darin liege das viel größere Problem: Polarisierung sei gefährlicher als vermeintliche Echokammern.
  • Andere Meinungen präsentiert zu bekommen, führe nicht automatisch zu mehr Empathie, sondern löse meist das Gegenteil aus: „Jedes Mal, wenn ich etwas von Breitbart lese, werde ich zehn Prozent liberaler.“
  • Facebook müsse seine Algorithmen nicht unbedingt verändern. Es sei aber sinnvoll, transparenter zu machen, welche Daten und Faktoren Einfluss auf die Inhalte haben, die Menschen in ihrem Newsfeed sehen.

Nikotin oder Zucker

  • Alle paar Monate werden soziale Netzwerke (oder wahlweise auch Smartphones) mit tödlichen Drogen verglichen: Digitale Süchte seien genauso gefährlich wie Rauchen und Alkoholkonsum.
  • Bosworth hält das für „zutiefst beleidigend“ für Betroffene. Er habe Familienangehörige, die alkoholabhängig gewesen seien. Den Begriff Sucht dürfe man nicht leichtfertig verwenden.
  • Die bessere Analogie sei Zucker: für die meisten Menschen ein Genuss, in Maßen konsumiert keine tödliche Gefahr, im Übermaß gefährlich.
  • Zucker zu verbieten, sei paternalistisch. Alle Menschen könnten frei wählen, wie sie sich ernähren.
  • „Menschen zu ermöglichen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, ist gut, aber zu versuchen, ihnen Entscheidungen aufzuzwingen, funktioniert fast nie.“

Be smart: Genau wie Bosworth glaube ich nicht, dass Trump seine Wahl russischen Trollen, Falschnachrichten und den Datentricks von Cambridge Analytica zu verdanken hat. Dieses Narrativ hält sich leider bis heute.

Auch seinen Ausführungen über Filterblasen stimme ich weitgehend zu. 2017 haben Hakan Tanriverdi und ich vor dem „Filterblasen-Lamento“ gewarnt (SZ):

„Nicht jeder Ton des Lieds ist schief, aber die Platte hat einen Sprung: Seit Jahren hört sich ein Großteil der Kritik gleich an, sie ignoriert aktuelle Forschungsergebnisse und blendet aus, dass Menschen auch in prädigitalen Zeiten dazu neigten, sich mit Gleichgesinnten zu umgeben. Das ist schade, denn Facebook hat sehr wohl eine Verantwortung, und Algorithmen können gefährlich werden. Doch um diese Entwicklung zu beleuchten und zu hinterfragen, braucht es nicht mehr Dystopie, sondern mehr Differenzierung.“

Was Bosworth über politische Werbung sagt, ist dagegen schräg. Er hat Recht, dass ein Verbot oder eine Regulierung nicht alle Probleme löst. Ich glaube ihm auch, dass es Facebook nicht ums Geld geht (politische Anzeigen machen 0,5 Prozent des Jahresumsatzes aus). Trotzdem macht er es sich und Facebook viel zu einfach, wie dieser Absatz zeigt:

If we don’t want hate mongering politicians then we must not elect them. If they are getting elected then we have to win hearts and minds. If we change the outcomes without winning the minds of the people who will be ruled then we have a democracy in name only. If we limit what information people have access to and what they can say then we have no democracy at all.

Bosworth tut so, als sei Facebook eine Plattform, die allen Politikerïnnen die gleichen Chancen biete. Je weniger Facebook, eingreife, desto fairer sei das für alle Beteiligten. Die Macht von Facebook sei zu groß, um sie zu nutzen.

Dabei verkennt Bosworth, dass Facebook seine Macht längst aus der Hand gegeben hat. Die Plattform ist eben nicht neutral, sondern verstärkt Emotionen, vor allem Wut und Empörung. Wer am lautesten schreit und am schamlosesten lügt, gewinnt: Seit Donald Trump im Amt ist, hat er mehr als 15.000 Lügen und irreführende Behauptungen in die Welt gesetzt (Washington Post) – und genau mit dieser Strategie dürfte er auch in den kommenden Wahlkampf gehen.

Zumindest scheinen Bosworths Ansichten auch innerhalb von Facebook umstritten zu sein. Sowohl die New York Times als auch er selbst schreiben, dass unter seinem Posting Dutzende Angestellte widersprochen hätten. Diese Kommentare hätten „seine Meinung geändert“, sagt Bosworth.

Autor: Simon Hurtz

Die neuen Cambridge-Analytica-Dokumente

Was ist: Am Dienstag schrieben wir in Briefing #603:

„Wir haben die bislang verfügbaren Daten heruntergeladen, konnten sie aber nur oberflächlich betrachten – eine umfassende Analyse braucht schlicht mehr Zeit. Da die Aufregung über die angebliche Manipulation der US-Wahl 2016 deutlich größer war, als es der Anlass rechtfertigte, raten wir erstmal zur Vorsicht: Cambridge Analytica ist nur eines von vielen vergleichbaren Datenunternehmen, und noch immer fehlen seriöse Belege, dass sich Wählerïnnen wirklich so leicht manipulieren lassen, wie Datengurus und manche Medienberichte nahelegen.“

Mittlerweile habe ich das veröffentlichte Material in Ruhe gesichtet und meine Erkenntnisse aufgeschrieben (SZ).

Die Zusammenfassung:

  • Bislang sind fünf Dossiers geteilt worden: über Brasilien, Iran, Kenia und Malaysia sowie zu John Bolton, dem ehemaligen Sicherheitsberater des US-Präsidenten Donald Trump.
  • Große Aufreger habe ich bislang nicht entdeckt. Die Dokumente zeigen nur, dass Cambridge Analytica in diesen Ländern aktiv war und Bolton mit dem Unternehmen zusammengearbeitet hat – ein Teil davon war allerdings bereits bekannt.
  • Am interessantesten finde ich eine E-Mails aus Österreich: Philipp Maderthaner, Kampagnenleiter des Bundeskanzlers Sebastian Kurz, gratulierte Cambridge Analytica zur „großartigen PR“ im Zusammenhang mit der Arbeit für die Trump-Kampagne.
  • Er sei interessiert, darüber zu sprechen, wie sich Wissen, Werkzeuge und Expertise von Cambridge Analytica auf Österreich, Deutschland und die Schweiz übertragen lassen.
  • Dem Twitter-Nutzer @davsow, der zuerst auf die E-Mail aufmerksam gemacht hatte, schrieb Maderthaner in einer DM: „Es kam nach dieser unverbindlichen Anfrage zu KEINEN konkreten Gesprächen mit Cambridge Analytica, noch zu irgendeiner Form der Zusammenarbeit. Ich darf sie höflichst bitten, es zu unterlassen, irgendeinen Zusammenhang (…) herzustellen. Meine Unternehmen ist sehr sensibel, wenn es darum geht, dass wir in die Nähe unlauterer Praktiken gestellt werden.“ (Twitter)
  • Wie sensibel Maderthaner ist, bewies er kurz darauf selbst, als er Daniel Laufer und Alexander Fanta mit einem Anwalt drohte, als sie nachfragten (Netzpolitik).
  • Der Ruf von Cambridge Analytica ist also auch zwei Jahre nach der Insolvenz des Unternehmens noch so verheerend, dass Maderthaner nervös wird, wenn auch nur der Name fällt.

Autor: Simon Hurtz

Kampf gegen Desinformation

Neue Deepfake-Policy bei Facebook: Facebook stellt mit einer neuen Deepfake Policy klar, welche Form von Deepfakes künftig noch auf der Plattform erlaubt sind. Das ist zunächst natürlich einmal aller Ehren wert. Drei Fragen bleiben aber:

Erstens gibt es eine ganze Reihe an manipulierten Videos, die auch unter der neuen Policy weiterhin erlaubt sind – etwa das berühmte Pelosi-Video, schreibt die Washington Post.

Facebook, however, will not ban videos manipulated for the point of parody or satire. And it signaled that other lesser forms of manipulation would not be outlawed either, though they could be fact-checked and limited in their spread on the site. (…“) The tech giant’s new guidelines do not appear to address a deceptively edited clip of House Speaker Nancy Pelosi that went viral on the social network last year.

Zweitens sind es womöglich gar nicht die aufwendig manipulierten Videos, die ein Problem darstellen, wie die Desinformations-Forscherin Nina Jankowicz feststellt:

I’m still more worried about cheap fakes than deep fakes. Crudely edited, deliberately misleading videos and images are still effective, and they’re still allowed on most platforms.

Drittens ist fraglich, ob Deepfakes überhaupt jemals eine ernstzunehmende Bedrohung darstellen werden. Bei The Verge schreibt Russel Brandon:

Deepfake Propaganda ist not a real problem. We’ve spent the last year wringing our hands about a crisis that doesn’t exist.

TikToks neue Content-Regeln: TikTok verpasst seinen Richtlinien ein Update (Axios), um genauer zu definieren, welche Inhalte auf der Plattform verboten sind. Die neuen Richtlinien umfassen jetzt zehn Kategorien:

  • Gefährliche Personen und Organisationen
  • Illegale Aktivitäten und regulierte Güter
  • Gewalttätige und grafische Inhalte
  • Selbstmord, Selbstverletzung und gefährliche Handlungen Hassrede
  • Belästigung und Mobbing
  • Nacktheit und sexuelle Aktivitäten von Erwachsenen
  • Jugendgefährdende Inhalte
  • Integrität und Authentizität
  • Bedrohungen für die Sicherheit der Plattform

Das Unternehmen erklärt, die neuen Richtlinien sollen dabei helfen, mehr Transparenz herzustellen. Die ist auch bitter nötig, stehen seit den Enthüllungen von Guardian und Netzpolitik doch weiter viele Fragen im Raum hinsichtlich der Moderation von Inhalten und der Duldung von kritischen Inhalten.

Es gibt jetzt Desinformations-Agenturen 😩: Die Welt bekommt, was sie verdient: Einer Recherche von BuzzFeed zufolge gibt es eine neue Zunft an PR-Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, Desinformations-Kampagnen zu fahren. Zitat: „(We) use every tool and take every advantage available in order to change reality according to our client’s wishes.“ Ich kann gar nicht ausrechnen, wie viele Punkt Karma-Abzug das gibt…

Datenschutz-Department

Facebooks Privacy Checkup: Facebook hat sein Privacy Checkup Tool überarbeitet und neue Kategorien eingeführt (CNET). Was allerdings immer noch fehlt, ist die Option, sich besser vor der Datensammelwut von Facebook selbst zu schützen. Das Privacy Checkup Tool ist nämlich einzig und allein dafür gebaut, sich vor Dritten besser zu schützen. Mehr zum Thema von Carsten bei Mobilegeeks.

YouTubes neue Datenschutzregeln für Kids: Nachdem es heftige Kritik daran gab, dass Kinder auf YouTube gezielt mit Werbe-Anzeigen angesprochen werden können, hat YouTube seine Richtlinien überarbeitet (NYT):

  • Erstens wird YouTube grundsätzlich weniger Daten von NutzerÏnnen sammeln, die Kindervideos schauen.
  • Zweitens wird YouTube Werbeanzeigen künftig nicht mehr auf der Basis vorangegangener Online-Aktivitäten schalten. Vielmehr sollen Anzeigen nun auf der Basis zuvor geschauter Videos geschaltet werden.
  • Drittens müssen Video-Produzenten nun angeben, ob das Video für Kids geeignet ist oder nicht.

TikToks Security Flaws: Laut einer Untersuchung der israelischen Cybersecurity-Firma Checkpoint gab es bei TikTok zwei Sicherheitslücken. Die Schwachstellen ermöglichten es dem Angreifer, auf private Videos, respektive auf Kontaktdaten zuzugreifen. TikTok erklärt, die Probleme seien behoben.

Social Media & Journalismus

Cheddars TikTok-Strategie: Cheddar bezeichnet sich als „leading post-cable news, media, and entertainment company“. Sie streamen ihre Inhalte rund um Politik, Technologie, Wirtschaft und Finanzen bei SlingTV, Hulu Live, YouTube TV, Philo, Twitter, Facebook Watch, Pluto, Xumo und vielen weiteren Angeboten. Dass sie alles daran setzen, auch bei TikTok ganz vorne mit dabei zu sein, ist aus ihrer Sicht nachvollziehbar. Wie sie es geschafft haben innerhalb von acht Monaten 1 Million Follower zu bekommen, erklärt dieser Digiday-Artikel: ‘We will always go for it’. Das tl;dr lautet in etwa: Es hatte nichts mit harten Nachrichten zu tun.

Obama-Serie bei IGTV: Michelle Obama launcht gemeinsam mit ATTN: eine neue Serie bei Instagram TV. Das ist insofern beachtenswert als dass die Obamas sich ja in aller Regel ziemlich genau (und klug) anschauen, auf welcher Plattform sie in welchem Umfang mitmischen. Dass Michelle Obama nun bei IGTV mitmischt, überrascht mich: instagram.com/attndotcom.

Statistiken

Spannende Daten zu Douyin: TikToks nur in China verfügbare Schwester-App Douyin hat laut ByteDance Jahresbericht 2019 die Marke von 400 Millionen NutzerÏnnen geknackt. Der Jahresbericht kann hier in englischer Übersetzung eingesehen werden: Douyin Data Report (Squarespace / PDF). Wer sich für die weitere Entwicklung von TikTok interessiert, darf ruhig mal einen Blick riskieren. Es ist nämlich ganz spannend zu sehen, dass Douyin vor allem für Travel-Posts und Edutainment genutzt wird. Virale Tanz-, Comedy- und Lip-Sync-Clips, wie sie bei TikTok in Europa und den USA maximal populär sind, sind nur eine Kategorie unter vielen.

Gründe, warum User Facebook weniger nutzen: Nein, Facebook ist nicht tot. Keine Frage. Facebook wächst sogar. Und doch ist es interessant, die Gründe zu erfahren, warum viele NutzerÏnnen der Plattform in den letzten Jahren den Rücken gekehrt haben. Einige Antworten darauf liefert der Artikel von Digital Information World, die sich auf Zahlen von Edison Research berufen:

Social Media & Wissenschaft

Twitter gibt mehr Daten frei: Um die Plattformen besser zu verstehen, braucht es Zugang zu den Milliarden Daten, die dort täglich verarbeitet werden. Genau dieser Zugang wird von den Plattformen aber in aller Regel nicht gestattet. Simon hat das Problem hinsichtlich der Frage, ob YouTube Nutzer radikalisiert, in Ausgabe #603 ausführlich beschrieben. Um der wissenschaftlichen Community nun ein Stück entgegenzukommen, hat Twitter eine neue Website gelauncht: Twitter data for academic research. Ob das was taugt, muss die wissenschaftliche Community jetzt beantworten.

Empfehlungen fürs Wochenende

Longread über die Ära der Plattformen: Kollege Sebastian Meineck hat ausführlich über die Ära der Plattformen geschrieben. In seiner Analyse beschreibt er on point wie Online-Plattformen die Wirtschaft umwälzen und die Demokratie vor Probleme stellen: Die Ära der Plattformen – 7 Probleme für die nächsten Jahrzehnte.

Essay zu Time Well Spent: Es ist nicht lange her, da war „Time Well Spent“ eines der bedeutendsten Themen in der Debatte über die Nutzung von Smartphones und Social-Media-Angeboten. Auch wir haben über „Time Well Spent“ häufig berichtet – etwa in Ausgabe #420, #476, #543 und #547. Über ein Jahr später bilanziert Vox: Tech companies tried to help us spend less time on our phones. It didn’t work. Und vielleicht beobachtet das ja auch jeder bei sich selbst. Der eigene Medienmix hat sich vielleicht diversifiziert, weniger geworden ist er aber definitiv nicht (siehe Washington Post / siehe ARD-ZDF-Onlinestudie). Da helfen auch die hübschen, bunten Dashboards nicht.

Apple – als Staat betrachtet: Tortoise Media hat sich vorgenommen, eine andere Form von Journalismus zu bieten. Das kostenpflichtige Angebot hat sich vorgenommen, künftig über Tech-Konzerne zu schreiben als wären sie Staaten. Der erste (kostenfreie) Artikel in dieser Serie beschäftigt sich mit Apple: Welcome to Apple – a One-Party State.

Winners Take All: Anand Giridharadas gehört zu den schärfsten Kritikern der Tech-Elite. Sein Buch „Winners Take All“ (Wikipedia) erschien zwar bereits 2018, bleibt aber weiter aktuell. Wer keine Lust hat, die 304 Seiten zu lesen, kann sich bei YouTube eine animierte Zusammenfassung des Buchs anschauen: RSA Minimate: Winners Take All.

Das all-white Hype House: Ein Haus vollgestopft mit TikTok-Stars, die den ganzen Tag nix anderes machen als Challenges, Lip-Sync-Videos und Livestreams – was sich für viele Teens wie ein Traum anhören dürfte, ist in LA längst Realität. Das sogenannte Hype House im Porträt von der wunderbaren Taylor Lorenz: Hype House and the Los Angeles TikTok Mansion Gold Rush. Neben vielen anderen Fragen, die das Thema aufwirft, möchte ich vor allem diese stellen: Welche Gesellschaft soll das abbilden?

Neue Features bei den Plattformen

Signal

  • View Once: Signal hat sich ein neues Feature einfallen lassen, um seinen NutzerÏnnen mehr Datenschutz-Optionen an die Hand zu geben. Das neue View-Once-Feature ermöglicht es, dass Fotos und Videos beim Empfänger aus dem Chat-Verlauf gelöscht werden, sobald sie einmal geöffnet wurden.

Tipps, Tricks und Apps

Deutsche Social-Media-Guidelines: Und auch in diesem Briefing sprechen wir gern eine Empfehlung aus, die Website von Christian Buggisch zu besuchen. Schon seit 2011 sammelt Christian eine Übersicht deutscher Social Media Guidelines – darunter etwa 1&1, Deutsche Telekom, Linde und Tchibo. Garantiert ein Blick wert.

One more thing

Vertical Video FTW!: Alte Hasen müssen jetzt ganz tapfer sein: Samsung hat bei der CES in Las Vegas einen rotierenden Fernseher vorgestellt.😱 (twitter.com / Elsa Trujillo)

Header-Foto von Alex Holyoake bei Unsplash

Radikalisiert YouTube nun oder nicht?

Was ist: Ende vergangenen Jahres machte ein (mehr oder weniger) wissenschaftliches Paper die Runde, das angeblich zeigt, dass YouTube gar keine radikalisierende Wirkung hat (arXiv). Die beiden Autorïnnen Mark Ledwich und Anna Zaitsev behaupten gar, dass YouTubes Algorithmen Nutzerïnnen aktiv davon abhielten, extremistische oder radikalisierende Inhalte zu betrachten.

Warum das wichtig ist: Seit Jahren schreiben Medien über die angebliche Radikalisierungsmaschine Youtube. Am bekanntesten dürfte der Kommentar der Soziologin Zeynep Tufekci sein, die das Thema 2018 mit „YouTube, the Great Radicalizer“ aufbrachte (NYT). Meinem Kollegen Jannis Brühl hat sie ihre These auch in einem deutschsprachige Interview erklärt (SZ).

Im vergangenen August legte Kevin Roose mit einem Longread nach: In „The Making of a YouTube Radical“ (NYT) zeichnet er den jahrelangen Radikalisierungsprozess des 26-jährigen Caleb Cain nach, der selbst sagt: „I fell down the alt-right rabbit hole.“ Das Portrait lässt wenig Zweifel, dass YouTube eine zentrale Rolle bei Calebs Rechtsdrift spielte.

Haben Journalistïnnen also unbegründet Panik geschürt? Tun wir YouTube unrecht, wenn wir die Plattform als wirkmächtige Propagandaschleuder rechtsextremer Verschwörungstheoretikerïnnen bezeichnen?

Um es kurz zu machen: nein.

Warum das Paper wenig Aussagekraft hat: Am 28. Dezember setzte Co-Autor Ledwich seinen Tweetstorm ab (Twitter) und übte heftige Medienkritik: „Algorithmic Radicalization — The Making of a New York Times Myth“ (Medium).

Das vermeintliche Debunking wurde zumindest in meiner Timeline fleißig geteilt – doch es dauerte nur einen Tag, bis sich seriöse Wissenschaftlerïnnen die öffentlich verfügbaren Daten angeschaut hatten, die der Analyse zugrundeliegen (Github). Am drastischsten fiel die Entgegnung von Arvind Narayanan aus. Der Informatik-Professor aus Princeton nahm das Paper komplett auseinander (Twitter).

Der wichtigste Kritikpunkt: Die beiden Forscherïnnen wollten eine nicht vorhandene Radikalisierung nachweisen, ohne einen einzigen Account anzulegen, dem YouTubes Algorithmen personalisierte Empfehlungen hätten vorsetzen können.

They reached their sweeping conclusions by analyzing YouTube without logging in, based on sidebar recommendations for a sample of channels (not even the user’s home page because, again, there’s no user). Whatever they measured, it’s not radicalization.

Was man aus dem Paper lernen kann: Aus wissenschaftlicher Sicht mag die Analyse fragwürdig bis nutzlos sein – dennoch finde ich sie wertvoll. Denn der kurze Hype, der meine Tech-Bubble kurzzeitig in Aufregung versetzte, ist für alle Beteiligten lehrreich:

  • Nur weil Wissenschaft draufsteht, muss keine Wissenschaft drin sein: Nicht jedes „Paper“, das auf Twitter auftaucht, ist eine ernstzunehmende Arbeit.
  • Wie immer helfen Quellenkritik und Medienkompetenz, um die Seriosität zu beurteilen, ohne sich alle Daten selbst anzuschauen: Fachmagazine setzen meist Peer-Review-Verfahren voraus, bevor sie veröffentlichen. Die hochgeladenen Paper auf Seiten wie arXiv werden zwar auch begutachtet, der Prozess gleicht aber eher einem Spamfilter, als einer kritischen Inhaltsprüfung (Twitter).
  • Mal angenommen, ein selbsternannter Wissenschaftler behauptet, er hätte zweifelsfrei bewiesen, dass Menschen nicht zur globalen Erhitzung beitragen – würden wir ihm glauben? – Irritierenderweise scheint die Bereitschaft zur kritischen Analyse technischen Phänomenen deutlich geringer zu sein.
  • Das Netz hat nicht nur alle Menschen zu Publizistïnnen gemacht – es ermöglicht auch, dass jedeR ein Paper veröffentlichen und Wissenschaft draufschreiben kann. Je mehr angebliche Studien es gibt, desto größer sollte unser Misstrauen werden.

Be smart: Und was ist jetzt mit YouTube? Radikalisiert die Plattform nun oder nicht? Zweifelsfrei kann das derzeit niemand beantworten – höchstens YouTube selbst, das seinen Datenschatz aber nicht mit Forscherïnnen teilt. Darauf weisen Roose und Tufekci auf Twitter hin.

Meine persönliche Einschätzung:

  • Wir haben bei der SZ monatelang an einer datengestützte Analyse der YouTube-Algorithmen gearbeitet. Am Ende waren die Aussagen nicht eindeutig genug, um sie guten Gewissens zu veröffentlichen. Seitdem bin ich bei dem Thema vorsichtig.
  • YouTube hat seine Empfehlungsalgorithmen in den vergangenen Jahren mehrfach geändert, um Desinformation, extremistische und potenziell radikalisierende Inhalte herabzustufen (YouTube-Blog). Ich sehe es wie Roose (Twitter): Wenn es kein Problem gegeben hätte, hätte YouTube nicht eingegriffen – offenbar besagten auch YouTubes interne Daten, dass die Plattform üble Auswirkungen auf Nutzerïnnen haben kann.
  • Trotzdem wäre es – wie immer – Unsinn, YouTube allein dafür verantwortlich zu machen, dass Menschen sich radikalisieren. Digitale Plattformen beschleunigen diese Prozesse höchstens, weil sie den Zugang zu extremistischen und verschwörungstheoretischen Inhalten erleichtern.

Weiterlesen:

  • Bereits im Oktober kamen zwei US-Forscher zu dem Schluss, dass YouTubes Algorithmen bei Radikalsierungsprozessen höchstens eine untergeordnete Rolle spielen: „Maybe It’s Not YouTube’s Algorithm That Radicalizes People“ (Wired)
  • Can Duruk, der zusammen mit Ranjan Roy den empfehlenswerten Newsletter Margins schreibt, wünscht sich angesichts des Hypes um das fragwürdige Paper mehr Wissenschaftskompetenz: „Do you even science, bro?“ (Substack / The Margins)

Autor: Simon Hurtz

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