Alternativen zu Facebook und Co, Twitter und politische Werbung, Influencer als Meinungsführer

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 593. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Heute beschäftigen wir uns mit Alternativen zu Facebook & Co. Ferner geht es um politische Werbung auf Twitter, Influencer als digitale Meinungsführer, das Verhältnis von Content und Werbung bei Instagram Stories sowie TikToks Social-Commerce-Pläne. Dazu noch einen Mini-Scoop und eine Verlosung – was will mensch mehr 🙂 Wir wünschen einen angenehmen Dienstag und bedanken uns für das Interesse, Martin & Team



Alternativen zu Facebook und Co

Was ist: Derzeit werden in recht unterschiedlichen Lagern Alternativen zu Facebook und Co diskutiert. Drei aktuelle Ideen im Überblick:

Die Wiki-Alternative: Der Mitgründer der Wikipedia, Jimmy Wales, hat ein soziales Netzwerk – WT:Social – gelauncht, das explizit als Gegenpol zu Clickbait und anderen Formen der Volksverdummung wahrgenommen werden soll. WT:Social soll zudem komplett ohne Werbung auskommen und sich über freiwillige Spenden finanzieren. Die grundsätzliche Idee des Netzwerks besteht darin, Diskussionen zu bestimmten Themen in Gang zu bringen (t3n). Auch versprechen die Macher von WT:Social ihren Nutzern volle Privatsphäre, sowie niemals ihre Daten zu verkaufen (als wäre das der Plan von anderen Netzwerken.)

Die öffentlich-rechtliche Alternative: Grünen-Parteichef Robert Habeck und Netzpolitiker Malte Spitz haben bei t-online diese Idee skizziert: eine europäische Medienplattform als werbefreier, öffentlicher Raum der digitalen Kommunikation garniert mit „hochqualitativen“ Beiträgen aus den Öffentlich-Rechtlichen. Das alles finanziert aus Rundfunkgebühren – in Deutschland quasi als vierte große Säule neben ARD, ZDF und Deutschlandradio. „Offenheit und Freiheit, Vielfalt und Selbstbestimmung des Einzelnen“ werden als Ziel genannt. Sicherlich könne eine solche Plattform die etablierten Netzwerke nicht ersetzen, sehr wohl aber eine echte Alternative darstellen, heißt es.

Die Eli-Pariser-Alternative: In einem TED talk hat Filter-Bubble-Autor (Amazon) Eli Pariser, der mit seinem Portal Upworthy einst für Aufsehen sorgte und sich nun bei CivicSignals kritisch mit der Nutzung des öffentlichen Raums auseinandersetzt, über die Zukunft von sozialen Medien philosophiert. Für Pariser steht fest, dass soziale Netzwerke stärker berücksichtigen sollten, wie sich Menschen in der realen Welt begegnen – etwa mit Blick auf die Regeln, die in bestimmten Räumen oder Situationen eingehalten werden (think: Bibliothek). Oder mit Blick auf die non-verbalen Hinweise, die bei Gesprächen berücksichtigt werden. Social Media sei schließlich in erster Linie Code, der über die Architektur der sozial-digitalen Räume bestimme. Und diese Architektur lässt sich ändern.

Be smart: Ich kann mir derzeit beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Wiki-Alternative funktionieren wird. Bereits nach zwei Minuten wird klar, hier haben sich Nerds ein Netzwerk für Nerds gebaut (Twitter / Gigold) – den Mainstream wird eine solche Plattform niemals ansprechen. Und auch mit Blick auf die öffentlich-rechtliche Idee der Grünen sehe ich wenig Chancen, dass das eine ernstzunehmende Alternative darstellen würde – selbst wenn ich persönlich als Kind der Öffentlich-Rechtlichen einen solchen Ansatz spannend finde.

Ich sehe eher die folgenden beiden Möglichkeiten: es werden neben den etablierten Plattformen weiterhin Special-Interest-Apps an Bedeutung zulegen – etwa Angebote wie twitch, Strava oder VSCO, die sich alle klar an einem speziellen Nutzen orientieren.

Zudem wird bei den großen kommerziellen Anbietern weiter nachgesteuert – und zwar zum Guten, davon bin ich durchaus überzeugt. Sicherlich kommen nicht alle Ideen, wie sie Pariser oder die Autoren dieses jüngst empfohlenen Atlantic-Beitrags formulieren, zum Tragen. Verändern werden sich die Netzwerke aber in jedem Fall – denn bei zu viel Hass und Bullshit sind die Nutzer sonst einfach irgendwann weg. Trust we!



Politische Werbung bei Twitter

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Was ist: Jack Dorsey hatte in einem Twitter-Thread angekündigt, dass sein Unternehmen ab dem 22. November bestimmte Anzeigen verbieten wird. Bislang war unklar, wie das funktionieren soll. Am vergangenen Freitag hat Twitter nun die offiziellen Richtlinien (Business Twitter) vorgestellt.

Die Details:

  • Die Möglichkeiten des Micro-Targetings werden stark eingeschränkt: So können keine Keywords mehr genutzt werden, die in Verbindung mit politischen Themen stehen.
  • Auch wird der Kreis, der Personen und Organisationen, die Werbung schalten dürfen, limitiert: Kandidaten, Parteien und Regierungsmitgliedern können genauso wenig werben wie sogenannte PACs und politische Non-Profit-Organisationen.

Die Ausnahmen:

  • Wenn eine Non-Profit auf ein Thema aufmerksam machen möchte, kann sie zwar Werbung schalten. Allerdings darf die Anzeige nicht darauf abzielen, auf die Gesetzgebung Einfluss zu nehmen.
  • Nachrichtenorganisationen sind ebenfalls in der Lage, Beiträge zu bestimmten politischen Themen zu bewerben. Für sogenannte Hyper-Partisan-Websites gilt diese Ausnahme aber nicht.

Wie Twitter politische Werbung definiert – aus dem Englischen übersetzt:

„Wir definieren politische Inhalte als Inhalte, die sich auf einen Kandidaten, eine politische Partei, einen gewählten oder ernannten Regierungsbeamten, Wahlen, Volksabstimmungen, Stimmzettel, Gesetze, Vorschriften, Richtlinien oder Gerichtsergebnisse beziehen. Anzeigen, die Verweise auf politische Inhalte enthalten, einschließlich Abstimmungsaufforderungen, Aufforderungen zur finanziellen Unterstützung und Lobbyarbeit für oder gegen eine der oben aufgeführten Arten von politischen Inhalten, sind nach dieser Richtlinie verboten.“

Warum das Thema wichtig ist, haben wir in Briefing 589 ausführlich erklärt. Hier noch einmal der Küchenzuruf: Der Einfluss von sozialen Medien auf die politische Willensbildung wird seit der US-Wahl 2016 breit diskutiert. Bezahlte Werbe-Anzeigen auf Social Media spielen dabei eine zentrale Rolle. Deshalb wird nun um den richtigen Umgang mit politischen Anzeigen gerungen.

Be smart: Die neuen Regeln zeigen, wie schwierig es ist, ein Regelwerk aufzusetzen, das für alle funktioniert. Kollegin Lisa Hegemann bringt es bei Zeit Online auf den Punkt: „Was als politisch gilt und was nicht, das ist letztlich oft Auslegungssache.“ Denn wer um Himmels Willen möchte denn bei Twitter bitte darüber befinden, ob z.B. die Anzeige einer NGO darauf abzielt, auf die Gesetzgebung Einfluss zu nehmen oder nicht. Wo verläuft da genau die Grenze? Holy Crap!

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Influencer als digitale Meinungsführer

Was ist: Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat sich damit beschäftigt, wie digitale Meinungsführer die politische Bühne aufmischen.

Warum ist das interessant? OKBoomer 🙂 Spätestens seit dem 18.5.2019 dürfte jedem klar geworden sein, dass sich bei YouTube, Insta und Facebook nicht nur selbstverliebte Beauty-Stars und livestreamende Weltreisende aus ihren Zelten melden, sondern sich sehr wohl auch viele jüngere Menschen mit politischen Inhalten zu Wort melden. Um dieser Entdeckung nachzuspüren, hat die FES ein Event zum Thema organisiert und ein Paper in Auftrag gegeben, das kurz und klar beschreibt, wie es um die Rolle von Influencern als digitale Meinungsführer bestellt ist – Fazit:

Welche Folgen haben die Influencer, verstanden als „digitale Meinungsführer”, für die demokratische Öffentlichkeit? Zunächst wird diese durch neue, öffentlich kommunizierende Akteur_innen belebt, der politische Diskurs verstärkt. Durch Social Media und damit verbundene Netzwerkeffekte erfährt Meinungsführerschaft eine neue Dynamik, deren Effekte auf Information und Beeinflussung noch untersucht werden müssen. Politische Akteur_innen müssen sich nun auch mit Influencern auseinandersetzen, die öffentlich mitdiskutieren, in den Dialog mit ihnen, aber auch mit der Followerschaft treten und die neuen Kanäle für sich nutzen. Gleichzeitig wer- den Influencer als neue Instrumente einer professionalisierten Parteienkommunikation genutzt. Die Auseinandersetzung mit den neuen, öffentlichen Akteur_innen gilt auch für Journalist_innen. Sie haben die Chance, sich durch und mit Hilfe ihrer Professionalität zu differenzieren und ihre Funktion für die demokratische Öffentlichkeit durch die Einhaltung journalistischer Qualitätskriterien zu erfüllen. Vorausgesetzt, auch der Journalismus geht auf das neue Mediennutzungsverhalten entsprechend ein. „Der Journalismus muss sich der Herausforderung stellen, indem er seine Rolle in der Netzwerköffentlichkeit neu bestimmt und dafür das technische Potenzial des Internets innovativ ausschöpft” (vgl. Neuberger 2018: 11).

Word.



Kampf gegen Desinformation & Hass

Facebook hilft deutschen Ermittlern gegen Hetze – und will damit eine Meldepflicht abwenden, schreibt der stets gut informierte Kollege Alexander Fanta drüben bei netzpolitik. So hätte Facebook der Bundesregierung zwar einerseits versprochen, mehr Tempo bei Ermittlungen wegen Volksverhetzung und Holocaust-Leugnung zu machen. Andererseits erhofft sich Facebook laut einer internen Mail des Innenministeriums dadurch, Gesetzespläne aus Berlin auszubremsen.



Follow the money

TikTok testet Social Commerce: Wie in Briefing #587 beschrieben, lotet TikTok derzeit aus, welche Funktionen der chinesischen Schwester-App Douyin auch bei TikTok selbst funktionieren könnten. Im Fokus stehen derzeit Social-Commerce-Funktionen, etwa die Idee der sogenannten Shoppable-Video-Ads (Techcrunch). Was es damit auf sich hat, ist schnell erklärt: Nutzer scrollen durch ihren Feed, entdecken ein Video, das sie spannend finden, klicken auf das Video und erhalten die Option, mit nur einem weiteren Klick das im Video beworbene Produkt direkt im Store des Influencers zu erwerben – alles ohne die App verlassen zu müssen. Da kriegen Werbetreibende natürlich ganz feuchte Augen vor Freude.

Das Verhältnis von Content und Werbung bei Instagram Stories hat sich in den letzten Monaten unseren Beobachtungen und den Rückmeldungen unserer LeserInnen zufolge deutlich verändert. Watchblog-Abonnentin Anne Steinkogler (instagram.com/planetepetita) hat das Verhältnis einmal eine Woche lang beobachtet. Ihr Fazit: „More than every 4th story is a sponsored ad.“ Well, wie ich ja bereits seit Monaten zu sagen pflege: die kriegen Instagram schon auch noch kaputt.



Datenschutz, Hacks & Co

Korrektur: Wir hatten im letzten Briefing geschrieben, Wire habe einen neuen Eigentümer. Dass sei so nicht richtig, erklärt Wire in einem Blogbeitrag, der in der Zwischenzeit veröffentlich wurde. Es handele sich nicht um einen Eigentümerwechsel, es sei lediglich der Sitz der Holding von Luxemburg in die USA verlegt worden.



Zahlen, Daten, Studien

TikTok hat aktuellen Schätzungen von SensorTower zufolge die Marke von 1,5 Milliarden Downloads geknackt. So sei die App alleine in diesem Jahr bereits 614 Millionen Mal beim App Store, bzw. Google Play heruntergeladen worden . Damit ist TikTok derzeit die am drittmeisten heruntergeladene Non-Gaming-App – hinter WhatsApp mit 707,4 Millionen Installierungen und Messenger mit 635,2 Millionen Installierungen. Ein dickes Ausrufezeichen, keine Frage. Am Ende aber geht es natürlich darum, wie viele Menschen TikTok nicht nur ausprobieren, sondern auch tatsächlich aktiv nutzen. Hier hält sich TikToks Mutterfirma ByteDance noch bedeckt. Das dürfte sich aber mit Blick auf den avisierten Börsengang (Financial Times) schon bald ändern.



Zuerst beim Watchblog gelesen

Tagesschau goes TikTok: Am Mittwoch, also morgen, startet die Tagesschau offiziell ihren TikTok-Account. Bislang hatten sie ja nur mit einem möglichen Start kokettiert (Twitter / Tagesschau). Jetzt geht es laut Orlina Miller (Marketing Manager Europe TikTok) aber tatsächlich richtig los. Bin gespannt, was sie mit ihrem Account anstellen!



Neues von den Plattformen

Facebook

LinkedIn

  • Invite Connections: Bei LinkedIn können Nutzer jetzt wieder Kollegen aus dem eigenen Netzwerk zu Unternehmens-Pages einladen (LinkedIn / jonathanpollinger). LinkedIn hatte das Feature zwischenzeitlich abgeschaltet, weil zu viel gespamt wurde. Nun ist die Option wieder verfügbar, allerdings mit einer Einschränkung: es können jeweils nur bis zu 50 KollegInnen zu Seiten eingeladen werden.


One more thing

Wir verlosen fünf Tickets für den VOCER Innovation Salon – dem Nachfolger des VOCER Innovation Day beim SPIEGEL. Das Event findet kommenden Samstag, also am 23.11.2019, in Hamburg statt und bietet Talks zum Journalismus und Geschichten hinter den Geschichten. Zudem wird der #Netzwende Award 2019 verliehen und vollehalle – Die Klimashow, die Mut macht – performt. Wer Bock hat, beim Event dabei zu sein, schreibt einfach eine Email mit dem Betreff „VOCER“ an uns zurück. Die ersten fünf Einsendungen gewinnen. Alles ohne Gewähr, ist klar. Simon und ich werden auch da sein. Simon spricht und ich lausche. Wäre toll, dich dort zu treffen! Viel Glück!



Header-Foto von Alexandre Chambon bei Unsplash