Dislike vom EuGH, Clear History, Hummels und die falschen Likes

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 568. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Heute blicken wir auf die Entscheidung des EuGH zum Like-Button und auf Facebooks Versprechen, die Option „Clear History“ einzuführen. Zudem beschäftigen wir uns mit den falschen Likes beim Instagram-Account von Cathy Hummels und Facebooks Ambitionen, Gedanken zu lesen. Wir wünschen wie immer eine gewinnbringende Lektüre und bedanken uns für das Interesse an unserer Arbeit! Herzlichst, Simon, Tilman & Martin



Dislike vom EuGH

Was ist: Wer eine Webseite betreibt und Social-Plugins wie Facebooks Like-Button einbaut, muss Besucherïnnen informieren, dass Daten an Facebook und andere Unternehmen übertragen werden. Das haben die Richter am Europäischen Gerichtshof (EuGH) entschieden.

Worum es in dem Verfahren ging: Der Rechtssreit zieht sich seit Jahren durch mehrere Instanzen. Kurz zusammengefasst streiten die Verbraucherzentrale NRW und Peek & Cloppenburg, ob die Shopping-Seite Fashion ID Like-Buttons einbetten darf, ohne Besucherïnnen umfassend zu informieren, dass Facebook dadurch Daten erhält. Über Landgericht und Oberlandesgericht landete die Klage schließlich beim EuGH.

Was der EuGH genau entschieden hat: Fashion ID sei "gemeinsam mit Facebook verantwortlich" für die Erhebung und Weiterleitung der Daten. Beide entschieden "gemeinsam über die Zwecke und Mittel" des Datentransfers und erzielten damit einen "wirtschaftlichen Vorteil". Webseitenbetreiberïnnen müssen sich die Weitergabe absegnen lassen – haften aber nicht für die spätere Verarbeitung durch Facebook. Das heißt, dass sie nicht dafür verantwortlich gemacht werden können, wenn Facebook mal wieder irgendwo ein bisschen zu freigiebig mit seinem Datenschatz umgeht. Das Urteilt gilt genauso für andere Social-Plugins wie Tweet-Buttons und eingebettete Facebook-Kommentare.

Was das Urteil für Webseiten bedeutet: Diese Frage stellen sich derzeit viele Menschen, die Social-Plugins auf ihrer Webseite einbetten. Leider können wir an dieser Stelle keine endgültige Antwort geben: Weder Martin noch ich sind Juristen, uns fehlt die fachliche Expertise. Wir können höchstens wiedergeben, was Expertïnnen dazu sagen – das sollte aber niemand mit einer Rechtsberatung verwechseln. Zumal die Juristïnnen, mit denen ich bislang gesprochen habe, sich auch nicht alle einig sind.

Klar ist, dass der EuGH den Fall zurück an das OLG Düsseldorf verwiesen hat, das nun erneut entscheiden muss. Die Düsseldorfer Richterïnnen hatten dem EuGH die Fragen zu dem Fall vorgelegt. Sie müssen jetzt klären, ob Besucherïnnen aktiv zustimmen müssen, dass Daten an Dritte weitergegeben werden. Offen ist auch, in welcher Form diese Zustimmung eingeholt werden soll. Es könnte sein, dass bald nicht nur Cookie-Banner, sondern auch noch Like-Button-Popups weggeklickt werden wollen. Hurra!

Anwälte wie Christian Solmecke empfehlen (WBS Law), die Datenschutzerklärung anzupassen und sich jetzt schon darauf einzustellen, die Einwilligung von Nutzerïnnen einzuholen. Er rät zur Zwei-Klick-Lösung, die den Like Button zunächst als Bild ohne Funktion einbindet. Der erste Klick holt die Einwilligung ein, woraufhin der echte Like-Button nachgeladen wird. Diese vergleichsweise datenschutzfreundliche Lösung ist auf jeden Fall eine gute Alternative. Die andere: komplett auf Like-Buttons und andere Social-Plugins verzichten.

Be smart: Ganz egal, wie das OLG Düsseldorf entscheiden wird, und unabhängig davon, ob ein weiteres, eilig weggeklicktes oder automatisch weggefiltertes Warn-Banner mehr nutzt als nervt: Das eigentliche Problem geht weit über diesen Fall und dieses Urteil hinaus.

Der Like-Button ist noch die geringste Gefahr: Das Netz hat sich in eine kommerzielle Überwachungsmaschine verwandelt. Unternehmen wie Facebook und Google haben das Web verwanzt, selbst Pornoseiten sind voller Scripts und Tracker. Dutzende riesige Werbenetzwerke wetteifern, wer die meisten Daten sammeln kann. Seitenbetreiberïnnen betten bereitwillig Dutzende externe Ressourcen ein und lassen unkontrolliert Dritte mitlesen.

Auch Medien machen munter mit: Im Juni untersuchte der Journalist Matthias Eberl 130 deutsche Nachrichtenseiten. Drei Viertel senden Daten an Facebook(rufposten). Tracking ist nicht per se verwerflich. Natürlich brauchen die Verlage Daten, um Inhalte zu personalisieren und um nicht alle Werbekunden an Facebook und Google zu verlieren (wobei immer wieder Studien erscheinen, die in Frage stellen, wie effektiv Ad-Targetting wirklich ist).

Es geht um Verhältnismäßigkeit: Ich will nicht gezwungen sein, Script- und Tracking-Blocker zu benutzen, weil sonst bei jedem Seitenaufruf Dutzende weitere Unternehmen erfahren, wofür ich mich interessiere. Zurecht spricht Mike Kuketz vom "Bullshit-Web", zugemüllt mit JavaScript, Trackern, Social-Media-Buttons und Autoplay-Videos. Manchmal wünsche ich mir das Netz der 90er-Jahre zurück, als die meisten Seiten noch schlank waren – nur Modems und 56k-Verbindungen, die können bitte weg.

Autor: Simon Hurtz



Daten löschen bei Facebook? Immer mit der Ruhe.

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Was ist: Im Mai 2018 machte Mark Zuckerberg ein großes Versprechen: Mit der Funktion "Clear History" sollten Nutzerïnnen alle Daten löschen können, die Facebook über sie gesammelt hat. Also nicht nur Informationen, die sie selbst hinterlassen, sondern auch ihren Browserverlauf außerhalb der Plattform, den Facebook ebenfalls sammelt.

Was passiert ist: Nicht allzu viel. Noch immer lässt Clear History auf sich warten (SZ). Zuerst hieß es, die Umsetzung werde "einige Monate" in Anspruch nehmen. Im Dezember teilte Facebook mit, es habe technische Probleme gegeben. Im Frühjahr sollten Tests mit Nutzern beginnen. Im Mai 2019 war in einem Blogeintrag (Facebook Business News) von der "schrittweisen Einführung in den kommenden Monaten" die Rede. Auf Nachfrage nennt Facebook nun den Herbst als realistischen Termin.

Anderthalb Jahre Verspätung für eine so zentrale Funktion sind dann doch bemerkenswert – und zwar nicht nur für ein Unternehmen, das einst "Move fast and break things" als seinen Leitspruch ausgerufen hatte.

Was das bringt: Bislang ist unklar, wie Clear History gestaltet sein wird. Wird es möglich sein, sämtliche Daten zu löschen? Dazu zählen nicht nur der Browserverlauf abseits von Facebook und weitere Informationen durch Social-Plugins, sondern auch Informationen, die Facebook selbst von Datenhändlern aufgekauft oder über seine SDKs in Dritt-Apps erhält: Viele Entwickler nutzen Facebooks Werkzeugkasten und übermitteln damit automatisch Daten, die unter anderem Rückschlüsse auf Parteizugehörigkeit, sexuelle Orientierung, Religionszugehörigkeit, mögliche Schwangerschaften oder gesundheitliche Probleme zulassen.

Die Bürgerrechtsorganisationen Exodus Privacy (mobilsicher) und Privacy International haben in großen Studien dargelegt, wie verbreitet diese SDKs sind. Demnach finden sich die Facebook-SDKs bei rund einem Drittel aller Android-Apps. Von den 34 größten Apps übermitteln 23 Daten an Facebook. Dazu zählen Dating-Apps wie Tinder und OKCupid oder die Anwendung Moodpath, die Depressionen erkennen soll.

Ich bezweifle, dass Facebook wirklich so weit geht, alle Daten zum Löschen freizugeben. Dazu passt die bislang eher entspannte Reaktion von Aktionären, Investoren und Werbekunden. Entscheidend wird auch sein, wie und wo „Clear History“ zu finden sein wird: Bewirbt Facebook das Tool offensiv und weist Nutzerïnnen darauf hin? Oder müssen sie im dritten Untermenü der Datenschutzeinstellungen danach suchen?

Be smart: Falls nicht erneut etwas dazwischenkommt, wird "Clear History" in den kommenden Monaten starten – dann auf jeden Fall als Opt-in-Lösung. Denn Unternehmen wie Facebook und Google wissen: Fast alle finden Datenschutz wichtig, fast niemand schützt seine Daten. Deshalb verlagern sie die Verantwortung auf die Nutzerïnnen. Wer die Datenschleusen schließen will, muss selbst aktiv werden. Ich kann zumindest eins versprechen: Egal, wie unauffällig Facebook das Tool einführt – im Watchblog werden wir darüber berichten.

Autor: Simon Hurtz



Hummels und die falschen Likes

Cathy Hummels arbeitet als Influencerin. Ihre primäre Spielstätte ist Instagram. Dort hat sie über 500.000 Followern. Hummels ist darauf angewiesen, dass ihre Posts mit möglichst vielen Likes dekoriert werden – nur so bleibt sie attraktiv für die Werbeindustrie. Laut Recherchen von Kollege Lars Wienand hat sie allerdings genau damit ein Problem: bei Hummels Account kam es dem Bericht zufolge zu Like-Schüben, die auf Fälschungen hinweisen. Hummels erklärt via Instagram-Post, dass sie mit gefälschten Likes nichts zu tun habe. Die Kommentare für diesen Post sind vorsorglich deaktiviert. Wie groß der Schaden grundsätzlich ist, der durch Fake Influencer Marketing entsteht, zeigt diese cheq-Studie. Von daher: Mega spannendes Thema!



Software isst die Welt

Die Tech-Giganten dominieren weiterhin das Werbe-Geschäft. Zwar gibt es bereits erste Warnungen, dass das so wohl auch nicht ewig weitergehen wird. Aber derzeit ist ihre Marktmacht weiterhin nicht zu übertreffen. So machten etwa Facebook, Google, Twitter, Snapchat und Amazon allein in drei Monaten so viel Umsatz (50 Milliarden Dollar) wie die Radio-Branche im gesamten Jahr 2018.

… und da hilft es wohl auch nicht viel, wenn sie von der Politik an die Leine genommen werden. Ihr Geschäftsmodell ist einfach überlegen (NiemanLab).



Wie es die anderen machen

Go There: CNN hatte ja mit Anderson Coopers Full Circle eine ziemlich prominente Figur ins Rennen geschickt, um auf Facebook Watch ein jüngeres Publikum zu erreichen. Das hatte nur so halb gut geklappt. Die Show ist mittlerweile abgesetzt. Mit „Go there“ wagt sich CNN nun aber erneut auf das immer noch eher schwierige Terrain. Digiday hat die Hintergründe: Inside the development of CNN’s new Facebook-funded Watch show.

Wie Dazed TikTok nutzt: Das britische Jugendmagazin Dazed (wenn ich so etwas schreibe, fühle ich mich dreihundert Jahre alt) ist jetzt auch auf TikTok aktiv. Zum Start haben sie sich eine Challenge passend zum Cover-Thema der Herbst-Ausgabe (Lil Nas X ) überlegt: natürlich eine Lasso-Challenge. Was sie sich davon versprechen und warum es wichtig für sie ist, die Print-Inhalte nicht nur online abzubilden, sondern die Community zu involvieren, beschreibt Digiday hier: How culture media brand Dazed is using TikTok. Mit den 2,3 Millionen Impressions bei TikTok dürften sie soweit ganz zufrieden sein



Neues aus der Wissenschaft

Facebook will Gedanken lesen können: Wir stehen zwar noch nicht kurz davor dass Facebook unsere Gehirne komplett absaugen kann. Sehr wohl arbeiten Zuckerberg und Kollegen aber daran, Gedanken in Echtzeit zu transkribieren und in Aktionen zu übersetzen. Auf Twitter erklärt Facebooks AR/VR-Chef Andrew Bosworth: „Today we’re sharing an update on our work to build a non-invasive wearable device that lets people type just by imagining what they want to say.“ Das Paper zur Forschung ist bei Nature erschienen. Facebooks Blogpost kann man hier finden. Lesenswerte Einordnungen gibt es u.a. bei Techcrunch und bei Technology Review.



Schon einmal im Briefing davon gelesen

Kurze Durchsage an all die Instagram-Parents: Es ist gut möglich, dass eure Kids ihr reguläres Insta-Konto in ein Business-Konto umgewandelt haben, damit sie ein paar mehr Stats zu sehen bekommen. Der Haken daran: Damit geben sie auch automatisch mehr Kontaktmöglichkeiten preis, als sie eigentlich müssten. (Bloomberg)



Neue Features bei den Plattformen

Pinterest

Twitter



Tipps, Tricks und Apps

Das Center of Humane Technology hatten wir ja im Rahmen der Time-Well-Spent-Debatte bereits häufiger erwähnt. Auf GitHub gibt es eine spannende Sammlung von Tools und Add-ons, die allesamt dabei helfen, das Internet besser zu nutzen: github.com/humanetech-community/awesome-humane-tech. Vieles dabei, was ich auch noch nicht kannte. Definitiv ein Klick wert.



One more thing

"Old Town Road" ist jetzt offiziell der größte Billboard-Hit aller Zeiten. Seit vorgestern verweilt der Track nun bereits 17 Wochen auf Platz 1 der Top 100. Wer von „Old Town Road“ noch nie etwas gehört hat, möge Dirks Text lesen. Alle anderen mögen mir bitte ihr liebstes TikTok-Video zum Track schicken. Ich kann mich einfach nicht entscheiden. Ach, übrigens: Damit TikTok weiterhin kräftig in der Musikindustrie für Furore sorgt, haben sie sich ein Startup einverleibt (SCMP), das sich darauf spezialisiert hat, via künstlicher Intelligenz Hit nach Hit nach Hit zu produzieren. Yeah, I'm gonna take my horse to the old town road. I’m gonna ride 'til I can't no more. Das ist alles so verrückt.



Header-Foto von Mandy Choi bei Unsplash