Facebooks Kampf gegen Desinformationen, Social Media in den USA, LinkedIn Reactions

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 539. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Heute beschäftigen wir uns mit Facebooks Kampf gegen Desinformationen und was das mit dem News Feed macht. Zudem blicken wir auf die Social-Media-Nutzung in den USA und potentiell neue Rollen von Social-Media-Redakteuren. Wir bedanken uns für das Abo und wünschen ein sonniges Wochenende! Tilman, Simon und Martin



Facebooks Kampf gegen Desinformationen

Was ist: Facebook hat zahlreiche Ideen präsentiert, wie sie Desinformationen künftig („noch“) besser bekämpfen wollen. In erster Linie betreffen die vorgestellten Maßnahmen den News Feed. Aber auch Gruppen und Messenger rücken stärker in den Fokus.

Die Ideen im Überblick

  • Click Gap: Facebook wird künftig analog zu Googles Page Rank Artikel, die auf der Plattform geteilt werden, danach bewerten, ob auch andere Websites auf den Artikel, respektive die Domain verlinken.

    Hintergrund ist die Annahme, dass Publikationen, die überproportional stark von Facebook-Traffic leben, womöglich eher minderwertige Inhalte verteilen. Das mag in vielen Fälle eine berechtigte Annahme sein. Kollateralschäden sind aber vorprogrammiert: schließlich gibt es zahlreiche Websites, deren Business-Modell nach wie vor komplett auf Facebook-Traffic ausgerichtet ist.

    Ob es eine Art Appeal-Prozess geben wird, um nicht im News Feed abgestraft zu werden, ist völlig offen. Es könnte sich also lohnen, die Abhängigkeit von Facebook noch einmal sehr genau zu überprüfen.

  • Gruppen: Wie bereits mehrfach im Briefing angesprochen, fungieren Facebook-Gruppen häufig als Keimzellen von Verschwörungstheoretikern, Faschisten und anderen Unsympathen. Da viele der Gruppen allerdings geschlosen sind, ist es an den Mitgliedern, fragliche Inhalte zu melden. Das passiert dem Vernehmen nach nicht all zu häufig.

    Facebook kündigt nun an, die Reichweite von Facebook-Gruppen im News Feed zu beschneiden, wenn Admins wiederholt Desinformationen teilen. Auch führt Facebook eine Art Indikator ein, um zu zeigen, wie „gesund“ die Gruppe ist – je mehr Posts entfernt werden mussten, deshalb schlechter die Bewertung.

  • AP Partnerschaft: Fact-Checking durch professionelle Medienpartner steht weiter hoch im Kurs. Zwar gibt Facebook zu Protokoll, dass es einfach nie genug Fact-Checker geben wird, um all den Inhalten adäquat begegnen zu können – die Partnerschaft mit AP wird aber gern verlängert und ausgebaut.
  • Experten-Austausch: Zudem möchte sich Facebook künftig fortwährend mit Wissenschaftlern, Menschenrechtlern und Journalisten über den Kampf gegen Desinformationen austauschen – insbesondere über die Idee, reguläre Facebook-Nutzer beim Fact-Checking einzubinden.
  • Community Standards: Letztes Jahr hatte Facebook ja bekanntlich die Community Standards öfentlich zugänglich gemacht (hier die deutsche Version). Jetzt hat Facebook angekündigt, Änderungen an den Standards künftig auch kommunizieren zu wollen. Bislang war es recht schwierig, entsprechende Neuerungen mitzubekommen.

 

Warum ist das alles wichtig?

Laut Reuters Institut liegt der Anteil der Personen, die soziale Medien als einzige Quelle für Nachrichten benutzen, in Deutschland bei 2, in den USA bei 8 Prozent. In anderen Teilen der Welt dürfte der Anteil weitaus höher sein. Facebook trägt somit eine große Verantwortung – zumindest moralisch. Dass Desinformationen weiterhin ein beliebtes Mittel sind, um Wähler zu beeinflussen, bzw. Gesellschaften zu spalten, führen einem derzeit die Wahlen in Indien eindrücklich vor Augen.

 

Wie erfolgreich sind denn die bisherigen Maßnahmen?

  • Facebook unternimmt tatsächlich allerhand, um „die Integrität von Wahlen zu sichern“. Mal abgesehen davon, dass einem dabei natürlich ein Schauer über den Rücken laufen muss: Wie erfolgreich diese Anstrengungen tatsächlich sind, kann bislang nicht wirklich beantwortet werden. Dafür fehlt es an wissenschaftlich belastbaren Untersuchungen. Stay tuned.
  • Laut eigenen Angaben ist Facebook aber bereits in der Lage, 99 Prozent all jener Inhalte, die den Themenbereichen Kinderschändung und Terror-Propaganda zuzuordnen sind, von der Seite zu nehmen, bevor sie ein Nutzer gesehen hat. Das gleiche gilt für die Kategorien Nacktheit (96 Prozent) und Gewalt (97 Prozent). Beim Thema Hate Speech wären sie aktuell nur bei etwa 52 Prozent.

 

Die Herausforderungen

  • Downranking: Facebook möchte sich aus guten Gründen nicht zum „Arbiter of Truth“ aufschwingen. Deshalb bevorzugen sie es, Inhalte downzuranken, ihnen also weniger Sichtbarkeit im Feed zu geben, anstatt sie zu löschen. Problematische Inhalte bleiben also in vielen Fällen grundsätzlich weiter auf der Plattform.
  • Engagement: Facebooks Erfolg bemisst sich daran, wie engaged die Menschen mit der App sind – also wie lange sie auf der Plattform bleiben, wie viel sie kommentieren, liken, teilen und so weiter. Da das Downranken von tendenziösen Inhalten natürlich zur Folge hat, dass Menschen weniger mit ihnen interagieren können, sägen sie zart am Ast auf dem sie sitzen. Mal schauen, wie lange sie das durchhalten.
  • Verschlüsselung: Jüngst hat Mark Zuckerberg angekündigt, Facebook-Nutzern künftig mehr „Privacy“ bieten zu wollen. Allen voran geht es ihm dabei um die Verschlüsselung von Nachrichten. Genau das bringt aber das Problem mit sich, dass auch all die hässlichen Inhalte künftig nicht mehr entdeckt und herausgefiltert werden könnten. Wie Facebook dieser Gefahr begegnen möchte, haben sie bislang nicht erklärt.

    Sehr wohl soll es aber bald beim Messenger Verification Badges geben. Auch soll analog zum News Feed ein Kontext-Button beim Messenger eingeführt werden, der mehr Informationen zu einer News / Publikation bereithält. Wie genau ein solcher Button funktionieren soll, wenn die Nachricht künftig standardmäßig verschlüsselt ist, erschließt sich mir derzeit noch nicht. Ferner soll es einen Indikator geben, der angibt, dass eine Nachricht geforwarded wurde (etwas, dass gerade bei WhatsApp in Indien zur Eindämmung von Gerüchten eingeführt wurde).

  • Graubereich: Last but not least steht Facebook vor der Herausfoderung, dass manche Inhalte quasi den Bereich streifen, der zu einem Downranking, bzw. zum Löschen des Inhaltes führen würde. Was genau mit Inhalten aus dieser Grauzone passieren soll, ist noch unklar.

 

Be smart: Ich weiß: Facebook nervt! Gleichwohl ist die Berichtstattung über das Unternehmen unausweichlich. Facebook möchte schließlich nicht nur öffentlicher Marktplatz sein, sondern künftig auch noch Wohnzimmer und Shoppingmall. Bei einer so massiven Durchdringung unserer Gesellschaften ist der Blick darauf, welche Inhalte auf den Plattformen gesagt und geteilt werden dürfen, Demokratie-entscheidend. Denn die Entscheidungen, die Facebook trifft, sind leder nicht demokratisch legitimiert. Sie sind in aller erster Linie kommerzieller Natur.

 

Artikel-Empfehlungen



Social-Media-Nutzung in USA unverändert

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Was ist: Laut einer PEW-Studie hat sich die Social-Media-Nutzung in den USA im Jahresvergleich kaum verändert – trotz Datenskandalen, Fake News, Verschwörungstheorien, Terror-Livestreams und der unausweichlichen Kommerzialisierung. Ausgewählte Ergebnisse in der Übersicht:

Be smart: Facebook schneidet hier sehr anständig ab. Gleichwohl hatte PEW bereits im Mai 2018 berichtet, dass sich Teens von Facebook zunehmend abwenden. Dieser Trend dürfte sich womöglich noch verstärkt haben – aber warten wir mal die da mal lieber die nächste Studie ab. Instagram und Snapchat jedenfalls gehört die Zukunft – so die NutzerInnen den Plattformen denn treu bleiben…



Social Media & Journalismus

Einbinden, statt wegmoderieren: Schon länger verbreite ich die These, dass sich Journalisten stärker in einer moderativen Rolle sehen sollten. Der Grund dafür liegt auf der Hand: in Zeiten, in denen jeder publizieren kann, gibt es immer einen im eigenen Publikum, der schlauer ist als man selbst. Als Journalist sollte man davor nicht zurückschrecken, gar die Augen verschließen, sondern den Wissenden aufgeschlossenen begegnen. Genau das macht jetzt das Wall Street Journal mit ihrem Audience Voices & Community Newsroom Team. Spannend! (NiemanLab)



Lese-Empfehlungen fürs Wochenende

Ohne Ende: Wann hast du das letzte Mal eigentlich jemandem Tschüß gesagt? Also so richtig? Vermutlich eher bei einer Begegnung von Angesicht zu Angesicht. Online jedenfalls passiert dies so gut wie gar nicht mehr. Alle Chats haben sich mittlerweiler in eine permanente, niemals endende Unterhaltung verwandelt: Texting Means Never Having to Say Goodbye. (Slate)

Privacy Projekt: Die New York Times hat ein sehr aufwändiges Dossier zum Thema Privacy erstellt. Großartige Aufmachung und tolle Artikel – analytisch und praktisch zugleich. Definitiv eine genauere Betrachtung und ein Bookmark wert.

AI in China: Wenn es um Künstliche Intelligenz geht, dann ist schnell von einem Wettrennen zwischen China und den USA die Rede. Dabei fällt häufig der Nachsatz, dass die beiden Nationen mit ungleichen Waffen agieren würden – schließlich hätte China aufgrund der pausenlosen Überwachung der eigenen Bevölkerung eine Vielzahl an Daten zur Verfügung. Dem China- und AI-Experten Jeffrey Ding zufolge ist diese These so nicht haltbar. Vielmehr würde China in Sachen AI permanent maßlos überschätzt. Das und mehr erfährt man in seinem lesenswerten Newsletter: chinai.substack.com



Neues von den Plattformen

LinkedIn

Twitter

  • Neue Twitter-App: Wie bereits bekannt, hat Twitter eine Beta-App auf den Markt geschmissen und testet wie wild. Da passiert die ganze Zeit so viel, dass ich da nicht jede Zuckung dokumentieren möchte. Warten wir einfach mal ab, was hinten rauskommt. (TechCrunch)


One more thing

Arnold Schwarzenegger ist als Arnold Schnitzel jetzt auch auf TikTok und geht Pumpen, füttert Ponys und sich selbst (standesgemäß mit Protein-Shakes der eigenen Firma). Wenn nun sogar schon Arni bei TikTok ist, brauchst Du damit vermutlich jetzt auch nicht mehr anzufangen. 😂



Header-Foto von Hanny Naibaho bei Unsplash