Facebooks Geschäft mit der Privatsphäre, Stories-telling, TikToks Zukunft

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 530. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Heute beschäftigen wir uns ausführlich mit Facebooks Geschäft mit der Privatsphäre. Zudem blicken wir auf TikToks Zukunft und zeigen ein unglaublich starkes Beispiel für perfektes „Stories-telling“. Wir wünschen eine gewinnbringende Lektüre und bedanken uns für das Interesse, Martin & Simon & Tilman



Facebooks Geschäft mit der Privatsphäre

Was ist: Mark Zuckerberg hat in einem umfangreichen Blogpost (Facebook / Zuck) beschrieben, wie und warum Facebook künftig dem Thema Privatsphäre einen sehr viel größeren Stellenwert einräumen möchte. Die Ankündigungen sind weniger ein „Pitch for Privacy“ als eine notwendige Erweiterung des Unternehmens-Portfolios.

Warum ist das interessant?

Was genau hat Facebook vor? Insgesamt hat Mark Zuckerberg in seinem Blogpost sechs Themen angesprochen, die die Grundlage für seine „privacy-focused Vision for Social Networking“ bilden. Ich möchte gern versuchen, die Dynamiken aufzuzeigen, die sich hinter den Themen verbergen, respektive aus den Themen ergeben.

Private Interaktionen

People should have simple, intimate places where they have clear control over who can communicate with them and confidence that no one else can access what they share.

  • Zuckerbergs Vorstellungen zufolge soll Facebook (das Unternehmen) den Nutzern künftig neben den öffentlichen Marktplätzen wie Facebook (die App) und Instagram auch ein privates Wohnzimmer bieten (read: WhatsApp und Messenger).
  • Zwar sagt Zuckerberg in seinem Blogpost nichts über das Engagement von Nutzern auf Facebook selbst, unterstreicht aber die Bedeutung von privater Kommunikation für die Facebook-Nutzer. Das lässt aufhorchen.
  • Bereits beim Q4-Earnings-Call hatte er zu Protokoll gegeben, dass „Messaging“ noch sehr viel stärker zur zentralen Erfahrung des sozialen Miteinanders werden würde. Wie es um das Engagement im News Feed bestellt ist, darüber möchte Facebook nicht reden.
  • Kein Wunder: Menschen tauschen sich bereits seit Monaten lieber in privaten / geschlossenen Räumen wie Messenger oder Gruppen aus, als sich in der Pseudo-Öffentlichkeit des Facebook News Feeds zu artikulieren.
  • Die zwei Hauptgründe dafür liegen auf der Hand: Erstens können Nutzer so sicherstellen, dass ihre Botschaft auch Freunde / Kollegen / Bekannte / Verwandte erreicht, schließlich müssen sie sich doch dadurch nicht auf die Aufmerksamkeitslotterie einlassen und hoffen, dass der News-Feed-Algorithmus ihre Botschaft auch wirklich adäquat verteilt. Zweitens können sie so den Kreis der Empfänger besser kontrollieren und „unter sich“ bleiben.
  • Facebook möchte mit dem Thema „Private Kommunikation“ natürlich auch dem Mitbewerber Snapchat das Leben zur Hölle machen. Schließlich war es doch das Unternehmen von Evan Spiegel, das sich just genau auf der anderen Seite des Social-Media-Spektrums positionierte und jetzt erleben muss, wie Facebook versucht, auch diesen Part selbst zu besetzen: ephemerale 1:1-Kommunikation.

Encryption

People's private communications should be secure. End-to-end encryption prevents anyone — including us — from seeing what people share on our services.

  • Mark Zuckerberg erklärt, dass die Kommunikation von Nutzern sicher sein sollte. Die von ihm anvisierte End-To-End-Encryption garantiert, so sie denn akkurat implementiert ist, dass niemand die Nachrichten mitlesen kann, selbst Facebook nicht.
  • Bislang ist die Kommunikation bei WhatsApp standardmäßig, beim Messenger nur auf Wunsch und überall sonst noch nicht verschlüsselt.
  • Wenn Facebook wirklich eine entsprechende Ende-zu-Ende-Verschlüsselung Unternehmens-weit etabliert, wäre das absolut großartig für alle Nutzer.
  • Gleichwohl zeigt das Vorhaben vor allem auch, dass die Inhalte von Nutzern bei weitem nicht so wertvoll sind, wie die Metadaten. Eben jene werden natürlich weiterhin erhoben. Erst recht, wenn es zur Zusammenlegung vom Messenger, WhatsApp und Instagram DM kommt.

Reducing Permanence

People should be comfortable being themselves, and should not have to worry about what they share coming back to hurt them later. So we won't keep messages or stories around for longer than necessary to deliver the service or longer than people want them.

  • Zuckerberg erklärt, dass Nutzer sich wohl fühlen wollen beim Teilen von Inhalten. Auch sollten Nachrichten / Posts nicht länger gespeichert werden als notwendig.
  • Das klingt edel und Nutzer-freundlich. Gleichzeitig unterstreicht es nur den Trend, den wir zunächst bei Snapchat, später auch bei Instagram Stories / WhatsApp Status erleben konnten: Menschen haben mehrheitlich keine Lust mehr, das eigene Leben (bei Facebook) dauerhaft zu dokumentieren. Auch haben die normalen Nutzer keine Lust mehr auf den Wettbewerb um das coolste Outfit, das beste Foto, den krassesten Urlaub. Viele wollen einfach nur kurz teilen, was sie im Moment machen.
  • Genau diesem Bedürfnis begegnet Facebook mit dem Vorhaben „Reducing Permanence“. Würden sie es nicht tun, würden Nutzer womöglich andere Plattformen nutzen, um diesem Bedürfnis zu begegnen.

Safety

People should expect that we will do everything we can to keep them safe on our services within the limits of what's possible in an encrypted service.

  • Zuckerberg erklärt weiter, dass alle FB-Services so aufgestellt sein sollten, dass sich Nutzer sicher fühlen können.
  • Mit Blick auf die Vielzahl an Schmutz und Desinformationen, die auf der Plattform rumgereicht werden, klingt das zunächst einmal nach einem vernünftigen Vorhaben.
  • Groteskerweise erschwert aber gerade die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung das Aufspüren von entsprechenden Falschinformationen. Das konnte man jüngst in Brasilien bei der Wahl von Bolsonaro (SPON) und bei den Lynchmorden in Indien (BBC) erleben.
  • Ein Trade-Off, den Facebook womöglich gern in Kauf nimmt.

Interoperability

People should be able to use any of our apps to reach their friends, and they should be able to communicate across networks easily and securely.

  • Zuckerberg unterstreicht damit erneut das Vorhaben, die einzelnen Messenger stärker miteinander zu verzahnen (Tagesschau).
  • Was er allerdings nicht vorschlägt, ist eine Öffnung Dritten gegenüber. So soll die Interoperabilität nur zwischen FB-Diensten funktionieren, was eine noch größere Dominanz Facebooks zur Folge haben könnte und ein Aufbrechen in einzelne Unternehmen erschweren dürfte.

Secure data storage

People should expect that we won't store sensitive data in countries with weak records on human rights like privacy and freedom of expression in order to protect data from being improperly accessed.

  • Mark Zuckerberg möchte auch mit diesem Thema unterstreichen, wie sehr ihm die Sicherheit der Nutzer am Herzen liegt. Business in China scheint damit z.B vom Tisch.
  • Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden, keine Frage. Im Gegenteil: diese Entscheidung ist zu begrüßen.
  • Allerdings scheint das Thema auch dafür geeignet, Facebook / Zuckerberg gut aussehen zu lassen – insbesondere gegenüber Konkurrenten wie Google oder Apple, die z.B. weiterhin versuchen in China Fuß zu fassen (The Verge), respektive spezielle Deals mit China am Laufen haben (WSJ).
  • Der großartige Ben Thompson spricht in diesem Zusammenhang von einem Strategy Credit, also einer Entscheidung, die einen gut aussehen lässt und gleichzeitig nicht allzu viel abverlangt.

Warum macht Facebook das überhaupt?

  • Zunächst einmal handelt es sich hier um keinen grundlegenden Gedankenwandel Zuckerbergs. Auch wird das Unternehmen nicht komplett umgebaut. Vielmehr darf der „Privacy Pitch“ als Erweiterung des Facebookschen Portfolios angesehen werden. Es handelt sich um einen Business-Plan, keinen Akt der Nächstenliebe.
  • Zudem möchte Facebook sich natürlich weiter von der Konkurrenz abheben. Gerade das Thema Privatsphäre bietet sich hier an. So ist etwa die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bei Twitter nirgends implementiert und auch bei Snapchat bislang nur beim Verschicken von Fotos (am Text würde man arbeiten, heißt es). Facebooks Hauptkonkurrent in den USA in Sachen Messaging, Apples iMessage, dagegen bietet standardmäßig eine Verschlüsselung. Da möchte Facebook gleichziehen.
  • Ferner steht Facebook politisch extrem unter Beschuss. Der Privacy-Pitch suggeriert, aus den Fehlern der Vergangenheit Lehren gezogen zu haben.
  • Auch scheint der Umbau der Messenger-Apps in echte Plattformen deshalb so spannend, weil Facebook mit WeChat natürlich ein großes Vorbild hat, was um den Service Messenger alles gebaut werden kann.
  • Speaking of which: Am Ende bereitet Mark Zuckerberg mit seinem Privacy-Pitch vor allem auch jenen neuen Geschäftsfeldern die Bühne, die in den kommenden Monaten den zunehmenden Bedeutungsverlust des News Feeds abfangen sollen – allen voran der Geldtransfer über eine Facebook-Cryptocurrency und die Implementierung von e-Commerce-Varianten (vor allem natürlich bei Instagram).

Was bedeutet das für die tägliche Arbeit?

  • Zunächst einmal gilt es abzuwarten, was von den Vorhaben wirklich umgesetzt wird. Als Mark Zuckerberg ziemlich genau vor zwei Jahren davon sprach, Facebook solle „globale Communities“ (Facebook / Zuck) aufbauen, waren auch alle perplex. Daraus ist jetzt nicht so richtig was geworden, oder?
  • Gleichzeitig deutet alles darauf hin, dass jeder Social-Media-Kollege gut beraten ist, zusätzlich eine Messenger-Strategie zu entwickeln.
  • Auch bedarf es einer Idee, wie Nutzern in sehr viel kleinteiligeren Communities (read: Gruppen) begegnet werden kann.
  • Der News Feed, so wird neuerlich deutlich, ist zwar nicht tot, sehr wohl aber die längste Zeit das eine zentrale Produkt von Facebook gewesen. Es gilt, sich weiter zu diversifizieren.

Weiterführende Artikel:



TikToks Zukunft

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Was ist: 2017 hatte ByteDance, TikToks Mutterkonzern, einen durchaus respektablen Gewinn erwirtschaftet. Letztes Jahr hingegen hat die Firma 1.2 Milliarden Dollar Verlust verzeichnet – ursächlich dafür wohl vor allem die kostspielige Expansion von TikTok (The Information). Zwar spricht jetzt alle Welt von TikTok, doch ob der Hype nachhaltig ist, muss sich erst noch zeigen.

Was die Zahlen sagen:

  • In Europa sind es angeblich mindestens 17 Millionen monatlich aktive Nutzer (MAUs). Nach Ländern aufgeschlüsselt: 🇩🇪 4,1 Millionen, 🇫🇷 4,0, 🇬🇧 3,7, 🇪🇸 2,7, 🇮🇹 2,4.
  • In Deutschland öffnen Nutzer die App demnach achtmal am Tag. Zur Altersstruktur wurden bislang keine offiziellen Zahlen veröffentlicht.
  • Laut The Information wurde die App in den USA zwar massiv heruntergeladen, die 30-Day-User-Retention-Rate lag allerdings nur bei 10 Prozent.

Wie TikToks Zukunft aussehen könnte: TikTok’s chinesisches Pendant heißt Douyin. Während TikTok vor allem als Video-App bekannt ist, hat Douyin bereits zahlreiche andere Features implementiert – ein Überblick:

  • Social Commerce: Chinesische Plattformen wie Douyin oder WeChat werden bereits vielfach für In-App-Käufe genutzt. Hierzulande ist das noch nicht so weit verbreitet. TikTok könnte diese Funktionalität in der westlichen Welt massentauglich machen.
  • Musik: In China gibt es für Douyin-Nutzer bereits die Möglichkeit, eigene Musik hochzuladen. Auch gibt es eine spezielle Partnerschaft mit Modern Sky (Music Business China), die dabei helfen soll, Talente zu fördern. Es ist also durchaus vorstellbar, dass TikTok auch in Europa / in den USA seinen Nutzern dabei hilft, erfolgreich Musik zu releasen.
  • Strategische Partnerschaften: In China wurden bereits TV-Events auf die App Douyin zugeschnitten, um möglichst „engaging“ zu sein. Zudem gibt es analog zu Telekoms Stream-on-Angebot in China spezielle Tarife für Douyin-Nutzer.
  • 1:1-Kommunikation: Auch bei Douyin steht das Thema „Messaging“ hoch im Kurs. So lässt sich dort bereits via AR/VR , Sticker, Text und Voice mit Freunden kommunizieren.

Be smart: TikTok musste jüngst für eine ziemlich fiese Datenschutzverletzung die erste Strafe in den USA hinnehmen (CNN). Die Expansion kostet also nicht nur Werbegeld, sondern auch politisches Kapital. Eigentlich gehe ich stark davon aus, dass TikTok gekommen ist, um zu bleiben. Viel wird aber davon abhängen, wie sich der Dienst durch die zunehmende Popularität und den Druck, neue Features implementieren zu müssen, verändert. Häufig macht beides nicht unbedingt sympathischer.



Inspiration

The Tinder Swindler: Wer eine unglaubliche Geschichte auf unglaubliche Art erzählt bekommen möchte, sollte hier klicken. Die norwegische Tageszeitung Verdens Gang (kurz: VG) hat eine spannende Recherche im Stories-Stil aufbereitet und setzt damit imho Maßstäbe, wie man mobil-nativ Geschichten erzählt. Mega!



Empfehlungen fürs Wochenende

Status as a service: Warum nutzen Menschen eigentlich Social-Media-Angebote? Der ehemalige Video-Chef von Facebooks VR-Abteilung, Eugene Wei, hat sich dieser Frage mit schlappen 20.000 Wörtern genähert und kommt zu dem Schluss: es geht nicht um die Nützlichkeit, sondern darum, den Menschen in seinem sozialen Status zu erheben.

Kid-Fluencer: Ich wünschte, manche Sachen würde es einfach nicht geben und ich müsste nicht über sie berichten. Die sogenannten Kid-fluencer (New York Times) gehören zum Beispiel dazu. Offenkundig gibt es Teenager und noch jüngere Zeitgenossen, denen bereits Hunderttausende auf YouTube und Instagram folgen. Zumeist stecken Eltern dahinter, die ihre Schutzbefohlenen vor die Kamera zerren und mit ihnen (leider Gottes) sehr viel Geld verdienen. I. Don’t. Like.



One more thing

Do not disturb: Dieses Foto zeigt angeblich sämtliche Smartphone-Notifications, die US-SchülerInnen in einer einzigen Unterrichtsstunde erhalten haben. Ist es wirklich so schlimm? Wahrscheinlich nicht. Aber wer weiß – vielleicht ja doch!



Header-Foto von Lily Banse bei Unsplash