2-Faktor-Authentifizierung, Ausspähen von Kids, New Creative Economy

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 529. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Heute blicken wir zunächst auf gleich vier Verfehlungen von Facebook. Im Anschluss widmen wir uns dem Kampf gegen Desinformationen und einer Studie zu Amerikas „New Creative Economy“. Ich bedanke mich für das Interesse an unserer Arbeit und die zahlreichen Empfehlungen, unseren Newsletter zu abonnieren – mega! Einen angenehmen Dienstag, Martin



Facebook, PT.1 (2-Faktor-Authentifizierung)

Was ist: Wer Facebook seine Telefonnummer anvertraut hat, kann nicht mehr verhindern, dass Dritte das Konto über diese Nummer finden können. Das gilt auch für Nutzer, die ihre Mobilfunknummer nur aus Sicherheitsgründen angegeben hatten.

Warum ist das interessant?

  • Seit Jahren erklären Sicherheitsexperten, dass der beste Schutz vor einem Hack des eigenen Kontos die Verwendung einer sogenannten 2-Faktor-Authentifizierung ist, kurz 2FA (Wikipedia).
  • Dafür braucht es entweder eine App wie Authy oder aber eine Telefonnummer. Sinn und Zweck der 2FA ist es, eine zweite Schutzebene zu installieren. So muss nach Eingabe des eigentlichen Passworts ein zusätzlicher Sicherheitscode eingegeben werden, um sich einloggen zu können.
  • Bislang war bereits bekannt, dass Facebook die für die 2FA hinterlegte Telefonnummer auch für Werbezwecke nutzt (Gizmodo). Dass Facebook aber generell Dritten ermöglicht, Nutzer aufgrund der Mobilfunknummer zu identifizieren, war bislang nicht bekannt.

Wie reagiert Facebook? Kollege Simon Hurtz hat die Geschichte für die SZ aufgeschrieben und Facebook zum Thema befragt. Zitat:

Ein Facebook-Sprecher weist darauf hin, dass es seit April 2018 nicht mehr möglich sei, Handynummer oder E-Mailadresse in die Suchleiste einzugeben, um bestimmte Profile zu finden. Das stimmt – allerdings können Dritte das Konto auf anderem Weg finden, etwa indem sie Facebook Zugriff auf ihr Adressbuch geben und sich Nutzer anzeigen lassen, die mit den Daten übereinstimmen.

Was lernen wir daraus? Facebooks Geschäftsgebaren gleicht einer ethischen Bankrotterklärung (Twitter / John L MacFarlane). Wer wert darauf legt, von Facebook nicht erkannt zu werden, gibt am besten nur noch jenen Freunden seine Telefonnummer, die weder bei WhatsApp, noch bei Instagram, noch bei Facebook sind. Oder aber legt sich eine zweite Telefonnummer zu, die speziell für diese Dienste genutzt werden – so mache ich das.



Facebook, PT.2 (Lobbying)

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Was ist: Facebook hat sich an Gesetzgeber auf der ganzen Welt gewandt, um eine stärkere Regulierung zu verhindern. Dabei scheute das Unternehmen auch nicht davor zurück, Investitionen zu versprechen, respektive damit zu drohen, Investitionen zurückzunehmen (Guardian).

Warum ist das interessant?

  • Facebook rühmt sich vor allem damit, den damaligen irischen Premierminister Enda Kenny als Freund gewonnen zu haben.
  • So stellte Kenny anscheinend in Aussicht, im Rahmen der Ratspräsidentschaft die anderen EU-Mitgliedstaaten im Sinne von Facebook zu beeinflussen.
  • Ferner zeigen die Unterlagen, wie Sheryl Sandbergs Feminismus-Bestseller „Lean In“ genutzt werden sollte, um weibliche Führungskräfte in der EU für die eigene Sache zu gewinnen.

Be smart: Es ist nicht sonderlich überraschend, dass ein Unternehmen wie Facebook nichts unversucht lässt, Politiker für die eigene Sache zu gewinnen. Wie eng die Bande aber zwischen dem irischen Ex-Premier Kenny und Facebook waren, lässt aufhorchen, schließlich sitzt die oberste EU-Datenschutzbehörde ebenfalls in Irland.



Facebook, PT.3 (Ausspähen von Kids)

Was ist: Mit finanziellen Anreizen versuchte Facebook, Teilnehmer für ein sogenanntes "Forschungsprogramm" zu gewinnen (Briefing #520). Wer eine VPN-App installierte, erhielt bis zu 20 Dollar pro Monat – und gab Facebook dabei nahezu unbegrenzten Zugriff auf sein Smartphone. Bislang war nur bekannt, dass sich das Programm an 13-35-Jährige richtete, Minderjährige etwa 5 Prozent aller Beteiligten ausmachten. Jetzt wird bekannt, dass es viel mehr waren: stolze 18 Prozent (TechCrunch).

Warum ist das interessant?

  • Facebook hatte auf die Enthüllungen von Techcrunch zunächst mit der für das Unternehmen typischen, reaktionären PR-Strategie reagiert (BuzzFeed) und die Zahlen heruntergespielt.
  • Nachdem allerdings US-Senator Mark Warner von Facebook erfahren wollte, wie viele minderjährige Nutzer während der Dauer des gesamten Programm involviert waren, musste Facebook konkreter werden und die Zahl von 5 auf 18 Prozent korrigieren.

Be smart: Die Zahl verdeutlicht, dass Facebook es sehr wohl darauf abgesehen hatte, die Nutzungsgewohnheiten von Teenagern auszuspähen – also so ziemlich das genaue Gegenteil zu den ersten Statements. Wie sagte Zuckerberg doch so schön? „They Trust me. Dumb fucks.“ 1



Facebook, PT. 4 (Ausspähen von Mitarbeitern)

Was ist: Bei Facebook ist es einem Bericht von CNBC zufolge üblich, ehemalige Mitarbeiter und potentielle Gefährder auf einer speziellen Liste zu führen, um u.a. ihren aktuellen Aufenthaltsstatus zu tracken.

Warum macht Facebook das?

  • Facebook hat natürlich ein berechtigtes Interesse daran, dass Mitarbeiter und Einrichtungen geschützt werden. Allein für die Sicherheit von Zuckerberg gibt Facebook rund 10 Millionen Dollar pro Jahr aus (WIRED). Soweit so gut.
  • Dass Facebook aber ehemalige Kollegen auf sogenannten „Be on the lookout“-Listen führt und dafür eine eigene Spitzeleinheit kreiert hat, ist einfachen Erdenbürgern nicht mehr zu erklären.

Der größere Zusammenhang: Da Facebook sich auch in dieser Sache wieder einmal bedeckt hält, steht zu befürchten, dass auch über (Ex-) Mitarbeiter in Deutschland entsprechende Listen geführt werden. Hamburgs Datenschutzbeauftragter Johannes Caspar zeigt sich jedenfalls alarmiert. Gegenüber Netzpolitik gibt Caspars Amt zu Protokoll:

Entsprechende Vorgehenspraktiken sind mit den Datenschutzrechten Betroffener und Grundrechten wie Meinungs- und Medienfreiheit schwerlich vereinbar.

FYI: Facebook schließt übrigens nicht aus, dass auch Journalisten auf den Listen stehen. Was so viel heißen dürfte wie: Gehen Sie davon aus, dass das so ist. 😱



Kampf gegen Desinformation

Facebook, Twitter und Google unternehmen nicht genug: Die großen Tech-Unternehmen sind angehalten, mehr im Kampf gegen Desinformationen zu unternehmen. Ihre Bemühungen, Fortschritte aufzuzeigen, reichten bislang vorne und hinten nicht, erklärt die EU in ihrer Bestandsaufnahme für den Januar. (European Commission)

Weniger Kommentare bei YouTube-Videos Wie in Ausgabe #527 berichtet, gibt es bei YouTube Videos, die Kinder in Posen zeigen, die für Pädophile reizvoll sind. Um dem Austausch über diese Videos Einhalt zu gewähren, schaltet YouTube die Kommentarfunktion bei Videos mit Kids ab. Also bei fast allen (Mashable). Wie das genau funktionieren soll, werden wir sehen.

Amazon schmeißt Anti-Impf-Videos von der Plattform: Da hatte ich noch gar nicht drüber nachgedacht, aber na klar: auch Amazon ist voll von Anti-Impf-Propaganda. Jetzt haben sie bei den Videos ein wenig aufgeräumt. (BuzzFeed News)

Doch keine Twitter-Bots: Haben US-Konzerne mit Twitter-Bots die EU-Urheberrechtsdebatte beeinflusst? Mmmh, vermutlich eher nicht. Und auch rein faktisch, lässt sich diese steile These dank Luca Hammers Recherchen nicht aufrecht erhalten. (Übermedien)



Studie zu Amerikas "New Creative Economy"

Beachtliche Einnahmen: Laut Re:Create verdienten etwa 14,6 Millionen Amerikaner 2016 mehr als 5,8 Milliarden Dollar, indem sie ihre eigenen Werke auf einer der folgenden Plattformen verkauften: Amazon Publishing, eBay, Etsy, Instagram, Shapeways, Tumblr, Twitch, WordPress oder YouTube.

Die Studie „Taking Root: The Growth of America’s New Creative Economy“ (PDF) ist die erste systematische Untersuchung all jener Umsätze, die Nutzer auf den genannten neun Plattformen in den USA erzielt haben. Laut eigener Aussage sind die Zahlen eher konservativ gerechnet und garantiert nicht umfassend. Sehr wohl vermitteln sie aber einen Eindruck in die Marktmacht der Online-Angebote.



Einzigartige Umfrage

Ach, du Heiliger: BuzzFeedNews hat 1000 Tech-Worker aus dem Silicon Valley zu ihrer Einstellung gegenüber Medien befragt. Die Ergebnisse lassen tief blicken.



Inspiration

Can You Trust Kurzgesagt? Vielleicht habe ich es an dieser Stelle schon einmal erwähnt, ich bin ein großer Fan von Kurzgesagt. Heute möchte ich aber nicht als Fan, sondern vor allem als Social-Media-Beobachter auf dieses Video von den Kurzfilmmachern aus München hinweisen. Im Kern geht es darum, den Nutzern zu zeigen, wie sie arbeiten und warum es ok ist, den Videos zu trauen. Sehr, sehr aufwändig und mühevoll produziert – halt ganz und gar in der Spielart, wie sie sonst ihre Videos auch machen. Für mich ist das ein tolles Beispiel dafür, wie man Nutzern auf Augenhöhe begegnen und sie für die eigene Arbeit interessieren kann!



Neues von den Plattformen

Facebook

  • Events in Stories teilen: Wer sich für ein Event interessiert, kann dies nun auch in Stories teilen. (Engadget)

Facebook Messenger

  • Jetzt „Dark Mode“ testen: Wer beim Facebook Messenger den Dark Mode ausprobieren möchte, der muss in einem beliebigen Chat ein 🌙 -Emoji verschicken. Ist das nicht funny? (Messengernews / FB)

Pinterest

  • Katalog-Funktion für alle: Bislang konnten nur ausgewählte Partner von Pinterests Katalog-Funktion profitieren. Jetzt kann jedes Unternehmen seinen gesamten Katalog in „shoppable Pins“ verwandeln. (Venture Beat)

Twitter

  • Hide Replies: Um bessere Diskussionen auf der Plattform zu ermöglichen, denkt Twitter derzeit über viele neue Features nach. Eines davon gibt Nutzern die Option, Replies auszublenden. (Twitter / Michelle Yasmeen Haq)

WhatsApp

  • Advanced Search: Ich bin selbst kein all zu großer WhatsApp-Nutzer, kann mir aber vorstellen, dass das für Heavy-User Sinn ergibt – die Einführung einer verbesserten Suche. (Wabetainfo)


One more thing

Kein Fake, kein Scherz: In der Türkei träumten einige verrückte Bauherren und Architekten davon, 700 Disney-Schlösser an den Mann / die Frau zu bringen. Mit Whirlpools auf jeder Etage. 350 wurden bereits verkauft. Jetzt steht das Projekt vor dem Aus (New York Times).



Header-Foto von Alex Knight bei Unsplash