Facebooks Zukunft, Snapchats Probleme, politische Werbung

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 499. Ausgabe des Social Media Watchblog Briefings. Leider konnte der Newsletter in dieser Woche nur einmal erscheinen – ich bitte dies zu entschuldigen. Heute blicken wir auf Facebooks Strategie, Snapchat zu werden und Snapchats Probleme, die sich aus Facebooks Strategie ergeben. Zudem dokumentieren wir wie jede Woche die neuesten Entwicklungen im Kampf gegen Desinformationen und geben einen Überblick über die wichtigsten neuen Features bei den Plattformen. Ich wünsche eine gewinnbringende Lektüre, bedanke mich für das Interesse und sende sonnige Grüße, Martin & Team



Facebook möchte Snapchat werden – nur halt mit Monstergewinnen

Was ist: Facebook hat die Zahlen für das dritte Quartal vorgelegt (New York Times). Hier die wichtigsten Themen im Überblick:

I need a Dollar, Dollar: Facebook verdient weiter sehr gutes Geld, gibt aber auch enorm viel aus. Bedeutet also: Entweder müssen sie künftig weniger ausgeben (read: Content Moderatoren durch AI ersetzen) oder aber sie müssen noch mehr verdienen (read: mehr Werbung schalten – etwa in Gruppen, Messenger, Stories, Watch…).

Nutzerzahlen: Facebook wächst in der westlichen Welt kaum noch, verliert sogar leicht an Nutzern. In anderen Teilen der Welt legt Facebook dafür kräftig zu. Das Problem dabei für Facebook: Das Unternehmen verdient derzeit an den Nutzern in den etablierten Märkten noch deutlich mehr.

Video-Boom: Facebook setzt weiter darauf, dass Video eine zentrale Rolle in der Nutzungserfahrung von Facebook spielen soll (Techcrunch). Allerdings stellt Facebook auch fest, dass virale Videos dem „Time Well Spent“-Ziel (read: Nutzer sollen qualitativ hochwertige Zeit auf Facebook verbringen, damit sie die App wieder regelmäßiger nutzen) zuwiderlaufen. Deshalb würde Facebook weiter daran arbeiten, die Anzahl der wenig kommunikativen, viralen Videos zu minimieren, Posts von Freunden und Bekannten hingegen weiter zu hebeln.

Money-Quote:

We’re seeing the way people connect shifting to private messaging and Stories. We have great products here that people love, but it will take some time for our business to catch up to our community growth…Public sharing will always be very important, but people increasingly want to share privately too, and that includes both just smaller audiences with Messaging and ephemerally with Stories. People feel more comfortable being themselves when they know their content will only be seen by a smaller group and when their content won’t stick around forever. Messaging and Stories make up the vast majority of growth in the sharing that we are seeing. (…) I just think that this is the future.

Weniger News Feed, mehr Stories: This one is huge! Facebook beobachtet nun bereits seit Jahren (ohne Zahlen zu nennen), dass Nutzer immer weniger im News Feed teilen – weder öffentlich, noch mit ausgewählten Freunden. Dafür gibt es zahlreiche Gründe, nennen möchte ich an dieser Stelle vor allem die folgenden:

  • Die Idee, dass „öffentlich“ die neue Norm ist, wie es Zuckerberg vor acht Jahren postulierte, hat sich so nicht durchgesetzt (YouTube). Also baut Zuckerberg seinen Laden nun um.
  • Nutzer haben einfach keinen Bock mehr, etwas im Feed zu teilen und darauf hoffen zu müssen, dass der Post dann auch wirklich die Freunde erreicht. Der News Feed ist schlichtweg für viele nicht mehr funktional, wenn es darum geht, sich mitzuteilen.

Dass Nutzer deshalb einerseits das Stories-Format (und die damit suggerierte Vergänglichkeit von Posts) und andererseits Messenger nutzen, um sich zu artikulieren, dürfte also eigentlich niemanden überraschen. Es gibt schließlich sogar ein Unternehmen, das genau diese beiden Ideen seit Jahren verfolgt und aktuell aufgrund der Klon-Strategie Facebooks extrem strauchelt: Snapchat.

Be smart: Bei Facebook scheint nach dem Umbau des News Feeds im Januar diesen Jahres der nächste große Umbruch ins Haus zu stehen: weg vom News Feed als zentraler Gelddruckmaschine, hin zu einer größeren Diversifizierung mit den Schwerpunkten Stories, Video und Messaging. Dass künftig nun auch bei WhatsApp Werbung angezeigt wird (NDTV), ist nur ein erster Schritt auf diesem Weg. Für Medienmacher gilt es nun, sehr genau hinzuschauen. Nicht, dass alle wieder sofort ihre Newsrooms umbauen, Stories-Teams installieren und in fünf Jahren arg verblüfft sind, wenn sich herausstellt, dass einige Statistiken völlig falsch berechnet waren…



Snapchat strauchelt

Was ist: Snapchat hat ebenfalls Quartalszahlen vorgelegt. (Techcrunch) Anders als bei Facebook hinterlässt der Bericht allerdings einen schlechten Gesamteindruck. So haben einige Analysten ausgerechnet, dass Snapchat 2020 bereits das Geld ausgehen könnte.

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Warum ist das interessant? Snapchat ist neben Twitter der einzige Mitbewerber von Facebook Inc in Sachen Social Media. Zwar gibt es mit Apples iMessage und YouTube zwei Konkurrenten von Facebook Inc, wenn es um Messenger, respektive Video geht. In Sachen Social Media allerdings wäre Facebook in der westlichen Welt fast ohne Konkurrenz, sollte Snapchat tatsächlich in die Knie gehen.

Was sind Snapchats Herausforderungen?

  • Snapchat verliert weiter Nutzer. So verzeichnet Snapchat in Gänze mittlerweile nur noch 186 Millionen täglich aktive Nutzer. Zum Vergleich: Instagram Stories allein wird von 400 Millionen Menschen täglich genutzt, WhatsApp Stories von 450 Millionen.
  • Die eigenen Mitarbeiter scheinen kein Vertrauen in die Zukunft zu haben. So geben laut einer internen Umfrage 40 Prozent der Mitarbeiter an, dass sie das Unternehmen verlassen wollen. (Cheddar)
  • Snapchat hat es versäumt, frühzeitig eine vernünftige Android-App auf den Markt zu bringen. Zwar gibt es mittlerweile eine solide Variante, viele Nutzer dürfte Snapchat aber in der Zwischenzeit bereits an Instagram verloren haben.
  • Facebook wird nicht müde, Snapchat zu attackieren. Durch die Ankündigung Facebooks, die eigene Zukunft ebenfalls in den Bereichen Stories und Messaging zu sehen, werden Snapchats Überlebenschancen nicht gerade größer.

Wie könnte Snapchats Zukunft aussehen?

  • Snapchat könnte zusehen, dass sie durch den Verkauf von Anteilen mehr Zeit gewinnen, um profitabel zu werden. Da stellt sich allerdings die Frage, wer noch wirklich bereit wäre, in Snapchat zu investieren. (Techcrunch)
  • Auch könnte Snapchat von einem anderen Unternehmen übernommen werden – etwa von Disney, Apple, Netflix oder Google. (Techcrunch)
  • Denkbar wäre auch, dass ein Unternehmer wie Jeff Bezos bei Snapchat einsteigt und dem Unternehmen weitestgehend Unabhängigkeit garantiert. (Vanity Fair)


Kampf gegen Desinformationen

 

Facebook

  • Politische Werbung: Facebook meinte es eigentlich gut: Nur wer sich als entsprechender Werbetreibender kennzeichnet, dürfe noch politische Botschaften auf der Plattform bewerben. So sollte verhindert werden, dass anonyme Dritte (etwas die russische Internet Research Agency) politische Anzeigen auf Facebook schaltet. Stellt sich heraus: Wer einmal als entsprechender Werbetreibender akzeptiert ist, kann sich ausgeben, für wen er will. Kollegen von VICE haben sich hundertfach als Senatoren ausgegeben – und erfolgreich Werbeanzeigen auf Facebook geschaltet. (VICE)
  • Kontext Button: Facebook führt nun auch in Deutschland den sogenannten Kontext-Button ein, um Nutzern direkt innerhalb von Facebook mehr Informationen zum Absendern eines Posts zu geben. (SPON) So prüfe, wer einen Wikipedia-Eintrag hat.
  • Wider Fake News in Indien: Facebook hat einen BBC-Mitarbeiter eingekauft, um in Indien den Kampf gegen Desinformationen zu koordinieren. (Quartz)

Twitter

  • Das Ende vom Like-Button? Nein, es sieht nicht danach aus, dass Twitter sich all zu schnell vom Like-Button verabschieden wird. Sehr wohl wird bei Twitter aber anscheinend ganz genau darüber nachgedacht, welche Werkzeuge von Twitter mit verantwortlich dafür sind, gesellschaftliche Debatten zu befeuern. (NiemanLab)
  • Twitters Mehrwert für die Midterms: Twitter wollte für die anstehenden Midterms einen echten Mehrwert bieten. Das ist leider nach hinten losgegangen. (Techcrunch)
  • Twitter Bots melden: Künftig können Nutzer auf Twitter Accounts melden, die sie für Bots halten. (The Verge)

Gab

  • Gab vom Netz genommen: Das soziale Netzwerk Gab gerierte sich als Free Speech Advocate und diente letztlich vor allem ultrarechten Gruppen und Verschwörungstheoretikern als Heimat. Der Host, Go Daddy, hat Gab nun vom Netz genommen. Einerseits erfreulich, andererseits bedenklich, zeigt es doch einmal mehr die Macht von Tech-Unternehmen hinsichtlich der Deutungshoheit über die Frage, welche Ideen zirkulieren dürfen. (The Verge)


Social Media & Journalismus

Studie: Junge Europäer gucken zwar nicht mehr so viel Nachrichten im Fernsehen, sehr wohl aber kennen sie die traditionellen Angebote – vor allem aufgrund ihrer Aktivitäten in den sozialen Netzwerken. (Nieman Lab)

Facebooks Today In: Lokale Nachrichten-Anbieter aufgepasst: In Australien hat Facebook das Local-News-Angebot Today In gelauncht. Australien ist somit das zweite Land nach den USA, in dem es diese spezielle Form der lokalen News-Aggregation im News Feed gibt. Kann man sich mal mit vertraut machen. (Mumbrella)

Eilmeldungen bei Facebook: Ab sofort gibt es auch in Deutschland die Option für Publisher, Nachrichten-Posts bei Facebook mit einem Eilmeldungs-Label zu versehen. (FB Newsroom)



Zahl der Woche

Strafe für Facebook: Von wegen es gibt keine Gerechtigkeit! Facebook muss 500.000 Pfund Strafe zahlen für den Data Breach, der im Zusammenhang mit dem Cambridge-Analytica-Skandal steht. Das sind immerhin 0.001 Prozent der Gesamteinnahmen von 2017. </ironie> (BBC)



Empfehlungen fürs Wochenende

Bytedance: Du erinnerst dich an Musically? Du hattest mitbekommen, dass Musically nun mittlerweile in der App TikTok aufgegangen ist? Sehr gut. Denn die Firma dahinter, Bytedance, sollte man im Auge behalten. Dieses Porträt der New York Times ist ein guter Anfang. (NYT)

Dokumentation zum Facebook Dilemma: PBS Frontline hat eine Dokumentation zur Rolle von Facebook für Demokratien und Gesellschaften produziert. Sehr, sehr sehenswert! (PBS)

The Business of Internet Outrage: Den Podcast „The Daily“ von der New York Times kann man sowieso grundsätzlich immer empfehlen. In einer aktuellen Ausgabe widmen sie sich dem Einfluss von rechten Websites & sozialen Netzwerken auf den gesellschaftlichen Diskurs! Sehr hörenswert. Danke Jule für den Tipp! (NYT)

Facebooks Selbsthilfe-Gruppen: Facebook hat in den vergangenen Monaten stark dafür geworben, Gruppen beizutreten. Diesem Ruf sind offenkundig sehr, sehr viele Menschen gefolgt. Dass darunter auch viele sind, die sich nun von eher zweifelhaft qualifiziertem Personal psychologische Ratschläge holen, scheint ein Problem zu sein, dass Facebook wieder einmal nicht einkalkuliert hatte. (The Atlantic)



Neue Features bei den Plattformen

 

Facebook

  • Lasso: Facebook baut einen Musically-Konkurenten mit dem Namen Lasso. Die Gründe, warum Facebook das macht, findest du weiter oben. (Techcrunch)
  • Workplace: Da Facebook aus mir unerklärlichen Gründen keinen so guten Ruf in Datenschutzangelegenheiten genießt, bekommt Facebooks Slack-Klon Workplace nun eine eigene Domain – workplace.com soll einfach nicht mehr ständig daran erinnern, dass man auch bei Facebook wunderbar in privaten Channels (Hust!) mit Kollegen über den Chef lästern kann.

 

WhatsApp

 

Snapchat

  • Desktop: Snapchat lässt nun auch per Desktop-Kamera die famosen Filter auf die Menschheit los. (Digital Information World)

 

Twitter

  • Homescreen Button: Da Nutzer in der Regel recht faul sind und sich nicht gern durch Menüs klicken, testet Twitter derzeit einen prominent platzierten Button, der das Hin- und Her zwischen chronologischer und algorithmisch-sortierter Timeline ermöglicht. (Techcrunch)

 

Signal

  • Weniger Metadata: Um ein noch größeres Maß an Privatsphäre zu ermöglichen, hat Signal ein smartes neues Feature eingeführt: das sogenannte Sealed Sender Feature verwischt die Spuren des Absenders. (Techcrunch)


Tipps, Tricks und Apps

Zur Nutzung on Tweetdeck & Moments: Auch den vierten Teil von Sarah Marshalls Serie zu Social Media & Journalismus nehme ich an dieser Stelle gern mit. Dieses Mal geht es um Tweetdeck und Twitter Moments. (Sarah Marshall / Tumblr)