Briefing für den 9.10.2018 | Ausgabe #493

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 493. Ausgabe des Social Media Watchblog Briefings. Heute schreiben Simon und ich das Briefing gemeinsam. Simon erklärt, was es mit Facebooks Smart-Display „Portal“ auf sich hat und warum der Mythos vom ach-so-liberalen Silicon Valley nicht wirklich haltbar ist. Ich schaue auf das geleakte Memo von Snapchats CEO Evan Spiegel und halte fest, wie Facebook versucht, mehr und mehr Daten von Instagram für die eigenen Zwecke abzusaugen. Herzlichen Dank für das Interesse, eine gewinnbringende Lektüre, Simon & Martin

Ach, Mist. Jetzt haben wir Google+ vergessen. Aber da das uns allen anscheinend immer so ging (außer ein paar Hackern, die eine Schwachstelle bei Google+ ausnutzen, um Daten abzusaugen), hat Google sich dafür entschieden, Google+ Ende 2019 komplett dicht zu machen! Nun ja. Plus 1, würde ich sagen.



Facebook will ins Wohnzimmer

Was ist: Facebook hat eigene Hardware vorgestellt. Portal ist ein Smart-Display, mit dem Nutzer Video-Anrufe starten können. Das Mikrofon reagiert auf den Zuruf "Hey Portal", die Kamera registriert, wenn Menschen im Raum sind und kann sie fokussieren. Facebook hat mit Amazon zusammengearbeitet und den Sprachassistent Alexa integriert, der etwa das Smart Home steuern, Termine verwalten und den Wetterbericht durchgeben kann. Später soll der Google Assistant als weitere Möglichkeit folgen. Die 10-Zoll-Variante kostet 199 Dollar, f+r die größere 15-Zoll-Version Portal+ will Facebook 349 Dollar haben.

Was steckt dahinter: Der Markt für Smart-Speaker ist riesig. Amazon, Google und Apple sind mit eigenen Geräten erfolgreich. Mit dem Echo Show hat Amazon bereits ein Smart-Display lanciert, Google wird am Dienstagabend mit dem Home Hub nachziehen. Da will Facebook nicht außen vor bleiben. Einerseits lässt sich mit eigener Hardware Geld verdienen (Apple zeigt, wie gut das funktioniert), andererseits werden bald Hunderte Millionen Menschen Smart-Speaker und Smart-Displays zuhause haben – und dabei täglich jede Menge Datenspuren hinterlassen.

Der zuständige Produktmanager Rafa Camargo sagt, dass Facebook diese Daten nicht nutzen werde, um personalisierte Anzeigen zu schalten. Beim Start werde Portal gar keine Werbung enthalten (ob und wann sich das ändert, bleibt offen). Direkte Monetarisierung hin oder her: Facebook muss versuchen, sein Ökosystem auf diese neue Geräteklasse auszuweiten. Viele Unternehmen, die die Bedeutung von Smartphones unterschätzt haben, sind mittlerweile Internetgeschichte. Nach der mobilen Revolution könnte bald der bedeutende Schritt bevorstehen.

Was ist Facebooks größter Vorteil: Facebook. Milliarden Menschen nutzen das Netzwerk und den Messenger. Es gibt keine bessere Ausgangsposition, um Hardware zu verkaufen, die auf Videotelefonie spezialisiert ist. Facebook verzichtet bewusst darauf, einen eigenen Sprachassistenten zu entwickeln, um in Konkurrenz zu Alexa, Siri und Google zu treten (Microsofts Cortana und Samsungs Bixbi zeigen mit ihren mäßig erfolgreichen Versuchen, dass das eine gute Idee sein könnte) und konzentriert sich auf seine Stärken. Das birgt aber auch ein Risiko: Amazon beschränkt den Funktionsumfang von Alexa auf Dritt-Hardware. Google bietet für andere Hersteller noch Vollzugriff auf alle Schnittstellen, aber auch das könnte sich irgendwann ändern. Indem Facebook fremde Software integriert, gibt es Kontrolle und Daten aus der Hand.

Was ist Facebooks größter Nachteil: Ebenfalls Facebook. Der Elefant im Raum ist die Privatsphäre. Ursprüngliche sollte Portal bereits im Frühjahr auf den Markt kommen. Doch dann wurde bekannt, dass Cambridge Analytica auf Datensätze von Millionen Facebook-Nutzern zugegriffen hatte. Inmitten dieser Turbulenzen wollte Facebook kein Gerät veröffentlichen, das einer Mischung aus Wanze und Überwachungskamera ähnelt.

Die entscheidende Frage: Hat sich seit dem Cambridge Analytica Skandal etwas an Facebooks Ruf geändert? Mehrere bekannte Tech-Journalisten konnten Portal bereits ausprobieren, etwa Josh Constine (Techcrunch), Kurt Wagner (Recode), Geoffrey Fowler (Washington Post) und Mike Isaac/Brian Chen (New York Times). Sie sind sich alle einig, dass die Hardware gelungen ist. Aber sie sind sich auch einig, dass das möglicherweise nicht reicht: "It has just one problem: It was made by Mark Zuckerberg", schreibt Fowler. Kann Facebook Menschen überzeugen, dass es verantwortungsbewusst mit ihren Daten umgeht?

Was verspricht Facebook: Portal hat eine eigene Webseite spendiert bekommen, auf der der Abschnitt "Privatsphäre" großen Raum einnimmt und nach den Informationen zum Produkt der zentrale Punkt ist. Kamera und Mikrofon sollen sich mit einem Knopfdruck komplett abschalten lassen, sodass keinerlei Geräusche oder Bilder aufgezeichnet werden. Sonst läuft das Mikrofon ständig mit, um auf "Hey Portal" zu hören, so wie es bei Amazon, Google und Apple auch der Fall ist. Diese Aufnahmen verbleiben aber angeblich auf dem Gerät; lediglich die Sprachbefehle, die Nutzer nach dem Aktivieren abgeben, werden auf Facebooks Servern verarbeitet. Die Kamera nutzt keine Gesichtserkennung und lässt sich physisch verdecken (zur Erinnerung: Mark Zuckerberg klebt die Kamera seines Laptops ab).

Be smart: 2013 hat Facebook zusammen mit HTC ein Smartphone entwickelt. Es war ein Flop. Damals lag das aber eher an der mittelprächtigen Hardware und dem unbrauchbaren Facebook-Betriebssystem als an Privatsphäre-Bedenken. Allen bisherigen Berichten zufolge scheint Facebook in Sachen Hardware dazugelernt zu haben und sich zumindest bewusst zu sein, dass es massiv an Vertrauen verloren hat. Wer Portal kauft und nutzt, verrät Facebook damit, wann er mit wem wie lange spricht (nur nicht worüber, auf die Inhalte greife man nicht zu, verspricht Facebook; außerdem seien die Aufnahmen verschlüsselt, wobei nirgends zu lesen ist, ob damit sichere Ende-zu-Ende-Verschlüsselung gemeint ist). Zumindest deutsche Nutzer müssen sich aktuell noch nicht überlegen, ob sie dazu bereit sind: Portal startet vorerst nur in den USA, über einen Deutschlandstart ist noch nichts bekannt.



Die Facebookisierung Instagrams

Was ist: Facebook entwickelt peu à peu neue Wege, um die Daten von Instagram für sich selbst nutzbar zu machen. Das mag für Facebook attraktiv sein, die Nutzer könnte die Vermengung mit dem Mutterschiff aber auf lange Sicht verschrecken.

Warum ist das wichtig? Während Facebook aus guten Gründen beim Publikum gelitten hat, boomt Instagram. Keine Frage also, dass Facebook sich (gerade auch nach dem Abgang der Gründer) über Instagram hermacht und die App sehr viel stärker melken möchte.

Um welche Daten geht es denn?

  • Zunächst testet Facebook allem Anschein nach die Option, Bewegungsdaten, die über Instagram erfasst werden könnten, auch für Facebooksche Zwecke zu nutzen. (Techcrunch)
  • Zudem möchte Facebook, dass du dich jetzt auch bei der blauen f-App mit den Leuten verbindest, denen du auf Insta folgst. Dass das allerdings zwei komplett verschiedene Sachen sind, also wem ich auf Insta folge (etwa weil ich die Avocado-Posts so yammi finde) und mit wem ich auf Facebook befreundet sein möchte, scheint Facebook nicht zu rallen. (Quartz)

Be smart: Vor ein paar Wochen hatte ich es bereits einmal in den Raum gestellt, heute nehme ich Wetten an: Es wird nicht lange dauern, dann hat Facebook auch Instagram kaputt optimiert.



Snapchats Zukunft ist die Vergangenheit

Was ist: Snapchat möchte sich wieder auf das konzentrieren, was es groß gemacht hat: schnelles Messaging. Alle anderen Features und Ideen müssten sich stets dieser übergeordneten Losung – Snapchat as the fastest way to communicate – unterordnen. Das geht aus einem geleakten Memo hervor, in dem Snapchat-Chef Evan Spiegel seinen Mitarbeitern Snaps Strategie fürs Überleben / für die Zukunft aufzeigt.

Warum ist das interessant? Snapchat steckt in der Klemme: auf der einen Seite hat Facebook Inc durch die erfolgreiche Implementierung des Stories-Formats (einem Feature, das Snapchat vormals als Unique Selling Point verkaufen konnte) bei WhatsApp, Instagram und Facebook selbst Abermillionen Nutzern die Notwendigkeit genommen, zu Snapchat zu wechseln – das hat Snapchats Wachstum arg ausgebremst. Zweitens glauben Analysten aktuell nicht daran, dass es Snapchat langfristig mit Instagram und Co aufnehmen könne – die Börsen-Bewertung ist aktuell auf die Hälfte des Ausgabe-Preises gefallen.

Was genau steht denn in dem Memo?

  • Snapchats Chef räumt ein, dass das Redesign der App sowohl in der Durchführung als auch im Ergebnis ein Fehler gewesen sei.
  • Künftig wolle man sich wieder auf seine Kernkompetenzen konzentrieren: die Losung „fastest way to communicate“ wird 25 Mal in der Memo genannt.
  • Geld verdienen wolle man hingegen weiterhin mit Stories.

Be smart: Snapchat diente Facebook lange Zeit als Labor für neue Ideen, die dann nach Belieben in den eigenen Apps integriert wurden. Diese Zeit könnte vorerst vorbei sein. So wie es aussieht, möchte sich Snapchat (schon aus purem Überlebenswillen heraus) weiter davon abgrenzen, ein soziales Netzwerk zu sein. Mit Blick darauf, wie aufgebläht und vollgestopft die Apps von Facebook und Instagram schon heute sind, ist es vielleicht nicht die schlechteste Idee für Snapchat, wenn sie einfach nur das liefern, was die Leute an der App so schätzen: Chatten mit echten Freunden. Das nämlich liefert in seiner Einfachheit sonst nur noch WhatsApp – aber da ist eben auch Deine Mudda! Not cool.



Schon mal im Briefing davon gelesen

Der Mythos vom ach-so-liberalen Silicon Valley: Für Donald Trump und große Teile der Republikaner sind die meisten Tech-Firmen geradezu linksradikal. Das jedenfalls behaupten sie regelmäßig und jammern über angebliche Zensur und Benachteiligung. Angesichts der Tatsache, dass im Silicon Valley auch Libertäre und Rechte wie Peter Thiel und Palmer Luckey zuhause sind, befremdet der Vorwurf. Was sie außerdem verschweigen, sind die Wahlkampfspenden für Republikaner: Dieser Twitter-Thread listet auf, welche Kongressabgeordneten, die für Kavanaugh stimmten, Geld aus dem Valley erhielten, allein Google hat mindestens 100.000 Dollar für die konservativ-libertäre Lobby-Organisation "Federalist Society" gespendet. Joel Kaplan, ein Top-Manager bei Facebook, unterstützte offen Kavanaugh Nominierung. Hinzu kommt, dass niemand so sehr von Youtube und Facebook profitiert hat, wie Trump, Breitbart und rechte Verschwörungstheoretiker. Viele Angestellte der Tech-Firmen mögen politisch eher liberal denken, doch ohne Facebook wäre Trump vermutlich gar nicht an der Macht.



Neues von den Plattformen

 

Facebook Messenger

  • Texten per Sprache: In Ausgabe 484 berichteten wir von der chinesischen App Bullet, die genau mit diesem Feature beim Publikum punktet, jetzt steht Facebook beim Messenger anscheinend kurz davor, ebenfalls ein Sprache-zu-Text-Feature zu lancieren. (Techcrunch)


Tipps, Tricks und Apps

Twitter für Einsteiger: Viele Journalisten-Kollegen (insbesondere auch viele von den jüngeren, die ich kenne) tun sich weiterhin mit Twitter schwer. Viele von den Gründen, die ich höre, sind durchaus nachvollziehbar. Die werte Kollegin Sarah Marshall aber lässt euch damit nicht so schnell entkommen und gibt einen guten Überblick in Sachen Twitter für Beginner. (Tumblr / Sarah Marshall)