Briefing für den 11.9.2018 | Ausgabe #485

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 485. Ausgabe des Social Media Watchblog Briefings. Heute widmen wir uns u.a. einem Porträt von Mark Zuckerberg im New Yorker, schauen auf die Personalrochaden bei Snapchat und blicken darauf, welche Rolle Social Media für den Journalismus und für Teenager spielt. Herzlichen Dank für das Interesse, Martin & Team



Zuckerberg-Porträt im New Yorker

Was ist: Im New Yorker ist ein extrem ausführliches Porträt von Mark Zuckerberg veröffentlicht worden. Die reine Vorlesezeit beträgt 1 Stunde und 27 Minuten.

Warum ist das interessant? Es gibt bislang so gut wie keine Porträts von Mark Zuckerberg, die davon leben, dass er einem Reporter über Monate hinweg Zugang zu sich und seinem Umfeld gewährt hat. Genau davon aber profitiert der wirklich sehr lesenswerte Artikel von Evan Osnos.

Wesentliche Erkenntnisse:

  • Augustus als Vorbild: Mark Zuckerberg nennt Augustus, den ersten römischen Kaiser, als großes Vorbild, ja benennt sogar seine zweite Tochter nach ihm. Vielleicht hilft so eine Aussage Zuckerberg vor allem bei der Legendenbildung, aber letztlich sagt es auch dann viel darüber aus, wie Mark Zuckerberg tickt. Augustus hat zwar der Welt einen 200jährigen Frieden gebracht, aber eben auch zu einem verheerenden Preis.
  • Die Nutzer werden sich schon dran gewöhnen: Speaking of Augustus – immer wieder hat Facebook Feature lanciert, die bei den Nutzern für großes Unverständnis gesorgt haben: etwa die damalige Einführung des News Feeds oder die Umstellung auf „public as default“. Im Porträt wird deutlich, dass Zuckerberg stets an seiner Vision des Wachstums festhält und davon ausgeht, dass die Nutzer sich schon dran gewöhnen werden. Bislang sollte er damit recht behalten.
  • Mark Zuckerberg hat eine Rot-Grün-Sehschwäche: Und genau deshalb sei auch das Blau der Facebookschen Corporate Identity gewählt worden – das könne Zuckerberg wenigstens richtig gut sehen.
  • Irgendwann hört man die Kritik nicht mehr: Auch wird im Text deutlich, dass sowohl Mark Zuckerberg selbst, als auch sein Team um ihn herum, über die Jahre bereits mit so viel Kritik konfrontiert wurden, dass sie verlernt haben könnten, auch auf die zu hören, die tatsächlich Ahnung haben. Genau dies zu verhindern, würde zunehmend zur Hauptaufgabe von Sheryl Sandberg – money quote:

“I know a couple of guys who are color-blind,” a prominent executive told me, “and their wives lay their clothes out for them in the morning if they don’t want to go out every day looking like Bozo the Clown. Sheryl and the board are expected to lay the clothes out for Mark.” He went on, “If you have blind spots, then you rely on the people around you to tell you where they are.”

  • Die Verbannung von Alex Jones ging von Apple aus: Tatsächlich ist es so, wie bereits an anderer Stelle vermutet: der partielle Rausschmiss vom Verschwörungstheoretiker Alex Jones war weniger eine konzertierte Aktion als ein „Apple prescht voran und Facebook will nicht dumm dastehen“.
  • Skalieren um jeden Preis: Der Artikel macht an mehreren Stellen deutlich, dass Zuckerberg stets um jeden Preis gewinnen möchte. Der größte Gewinn bestand die längste Zeit für Facebook darin, weiter an Nutzern zuzulegen. Das Team Growth genoß die höchste Anerkennung. Zwar ist dieses Wachstum nun in Teilen der Welt ins Stocken geraten und man spricht dort mittlerweile mehr davon, die Nutzer halten zu wollen (Hashtag: Time Well Spent). In anderen Regionen hingegen würden aber sogar die schlimmsten Folgen der Technik – wie etwa Lynchmobs in Indien (BuzzFeed News) – Mark Zuckerberg nicht davon abhalten, seinen Expansionskurs zu stoppen. Hallo Augustus!
  • Mobile über alles: Einer der Gründe für Facebooks Erfolg besteht bekanntermaßen darin, das Thema Mobile zwar fast schon etwas spät, aber dann mit voller Konsequenz angegangen zu sein. Heute macht mobile Werbung den Großteil der Erlöse aus. Dieser Erfolg konnte nur zustande kommen, weil Zuckerberg sich bedingungslos auf das Thema fokussierte. Zitat:

Zuckerberg told employees that he would kick them out of his office if their ideas did not account for the transition. “Within a month, you literally can’t meet with Mark if you’re not bringing him a mobile product,” Bosworth recalled.

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  • Zuckerberg und der Journalismus: Es wirkt nicht gerade so, als hätte Mark Zuckerberg selbst ein wirklich ausgeprägtes Interesse am Journalismus. Laut eigener Aussage informiert er sich überwiegend anhand von Nachrichten-Aggregatoren, eine Zeitung oder Nachrichten-Websites würde er hingegen nicht wirklich lesen.

Be smart: Die Frage, die über dem gesamten Artikel steht, lautet: Kann Mark Zuckerberg Facebook reparieren, bevor Facebook die Demokratie zerstört? Nach der Lektüre darf man feststellen: Ja, er könnte. Aber die Frage muss gestellt werden, ob er dazu auch den Willen hat. Zitat:

The question is not whether Zuckerberg has the power to fix Facebook but whether he has the will; whether he will kick people out of his office—with the gusto that he once mustered for the pivot to mobile—if they don’t bring him ideas for preventing violence in Myanmar, or protecting privacy, or mitigating the toxicity of social media. He succeeded, long ago, in making Facebook great. The challenge before him now is to make it good.



Free Speech im Plattform-Zeitalter

Apple Infowar Ban: Apple wirft Alex Jones Infowars App dauerhaft aus dem Appstore. Zwar funktionieren noch die bereits heruntergeladenen Apps, sie wird aber fortan nicht mehr im Stores angeboten. (Slate)

Medien fallen auf russische Trolle rein: In Großbritannien wurden in weit über 100 Nachrichten-Artikel russische Trolle zitiert – ein weiterer Beleg dafür, warum Fakes auch dann Wirkung entfalten können, wenn sie gar nicht so sehr durch Quantität auffallen. (Guardian)

How the right-wing propaganda works: Wer sich stärker damit auseinandersetzen möchte, wie rechte Propaganda im Netz, gerade auf Social, funktioniert, dem sei diese Übersicht von Media Matters empfohlen.

Flipboard und Fake News: Auch Aggregatoren wie Flipboard haben die Verantwortung, Desinformationen von der Plattform fern zu halten. Wer sich dafür interessiert, wie Flipboard das macht, kann das hier nachlesen. Hint: Es ist eine Mischung aus AI und Moderatoren. (The Drum)



Snaps Personalrochaden

Was ist: Snapchat hat seinen Verantwortlichen fürs Geschäft verloren: Imran Khan kümmerte sich bei Snap um Sales, Finanzen und Strategie und wird demnächst seinen Hut nehmen. (Börsen-Mitteilung)

Warum ist das interessant? Erstens befinden sich die Aktien von Snap gerade ziemlich im Keller. Zweitens ist Khan nicht der erste prominente Abgang, seit Snap an die Börse gegangen ist.

Quelle: twitter.com/sarahfrier

Be smart: Zwar vermeldet Snap, dass sie sogar in Europa jeden Monat 76 Millionen Nutzer erreichen würden (Snap Business Blog), aber wenn ein Unternehmen innerhalb so kurzer Zeit so viele Top-Executives verliert, ist das imho ein alarmierendes Zeichen. Zwar hat Facebook auch einige gehen sehen in den letzten Monaten, aber Snapchat stet weder beim Thema Tech-Backlash, noch beim Thema Russian Interference im Mittelpunkt. Auch hatten sie keinen Cambridge-Analytica-Skandal oder ähnliches. Die Mitarbeiter scheinen einfach entweder nicht ausreichend an Snap zu glauben oder es macht keinen Bock, dort tätig zu sein – wenn ich an die Parties denke (Business Insider), ist wohl eher erstes der Fall.



Studien

News Use auf Social Media stagniert: Laut einer Studie des Pew Research Centers bekommen Zweidrittel aller amerikanischen Erwachsenen mindestens gelegentlich von News über Social Media mit. Der Wert entspricht dem Vorjahr. Der traurige Witz dabei: 57 Prozent gehen aber mittlerweile davon aus, dass die News größtenteils nicht ganz stimmen. Der bedeutendste Akteur bei der Verteilung von News ist weiterhin Facebook. Da haben die Russen, Trump, Facebook und wir Medien ja ganze Arbeit geleistet. Sigh.

Deutsche gucken weniger in die Röhre: Das Smartphone hat in Deutschland den ersten Platz eingenommen, wenn es um die Frage geht, welches Gerät der wichtigste Screen ist (Tagesschau). Der gute alte Fernseher – letztes Jahr noch knapp vor dem Smartphone – folgt nun auf Platz Zwei. Allerdings, liebe Fernsehkollegen, ist der Fernseher immer noch die absolute Nummer Eins, wenn es ums klassische Fernsehen geht. Interessanterweise nutzen sowohl ein Drittel der Bevölkerung die Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen wie auch Angebote a la Netflix, etc.

Teens in den USA: Snapchat ist in den USA die mit Abstand populärste App bei Kids im Alter von 13 bis 17 Jahren. Das geht aus einer repräsentativen Studie von Commonsense Media hervor. Auch zeigt die Studie, dass Kids heute lieber texten als direkt miteinander zu sprechen und dass sie sehr wohl um Manipulationsversuche der Tech-Unternehmen wissen. Ferner wird einmal mehr deutlich, dass Social Media bei psychisch instabileren Personen als Katalysator für Unzufriedenheit und weitaus negativere Gefühle fungiert.



Im Briefing davon schon einmal gelesen

Facebook Fanpages rechtswidrig: Laut der Konferenz der unabhängigen Datenschutzaufsichtsbehörden (PDF) ist ohne eine Vereinbarung nach Artikel 26 DSGVO der Betrieb einer Fanpage, wie sie derzeit von Facebook angeboten wird, rechtswidrig. Eine ausführliche Einschätzung zum Thema gibt es hier bei De Lege Data. Nur so viel: Ohne Facebooks Hilfe wird sich nicht umsetzen lassen, was die Datenschützer fordern. Facebook ist jetzt am Zug. Bis dahin gilt es sich zu überlegen, ob man wirklich eine Fanpage braucht. Just saying.

Hintertüren: Geheimdienste finden das mit der Verschlüsselung bei Messengern jetzt nicht so pralle und fordern deshalb Hintertüren. (Spiegel)

YouTube Burnout: Das menschliche Gehirn ist vielleicht einfach nicht dafür ausgelegt, jeden Tag mit Hunderten Fremden zu kommunizieren – ein möglicher Grund, warum professionelle YouTuber vermehrt über Burnout klagen. (Guardian)

Widerstand: Regierungsmitarbeiter in Indien fühlen sich durch die Kolonialisierungstendenzen durch Facebook, Google und Amazon an die englische Herrschaft erinnert – ein Zustand, den sie kein zweites Mal dulden wollen. (New York Times)

Polizei auf Insta: Die Polizei macht nun dem Vernehmen nach auch nicht vor Instagram halt: in einem Pilotprojekt in Rheinland-Pfalz kann man den Insta-Cops Isabel und Felix folgen. Die beiden zeigen sich mit dem Test jedenfalls sehr zufrieden. Ob sie wirklich für mehr Menschlichkeit und Dialog sorgen können, sei mal dahingestellt. (Heise)



Neues von den Plattformen

Instagram

  • Parents Guide: Um Eltern mehr Informationen an die Hand zu geben, hat Instagram einen Parents Guide entworfen. Darin nicht nur nützliche Tipps hinsichtlich der Privatsphäre-Einstellungen, sondern zugleich auch noch ein 10-Punkte-Plan mit Vorschlägen, worüber man mal so sprechen könnte – etwa: „How do you feel about the amount of time you spend online?“ Mmh, wehe meine Tochter fragt mich das mal eines Tages… Nun denn. (Instagram Blog)
  • Video-Tagging: Zudem testet Instagram derzeit die Option, Personen in Videos zu taggen. (Techcrunch)


Tipps, Tricks & Apps

Video im Web: Kollege Matthias Eberl bietet auf seiner Website einen guten Überblick über Tools an, mit denen sich beschriftete Videos basteln lassen. (Rufposten)

Erfolgreich Facebook-Gruppen aufbauen: Falls es noch nicht passiert ist, dann stehen die Chancen nicht schlecht, dass demnächst jemand auf dich zukommt und sagt: wir brauchen jetzt auch eine Facebook-Gruppe! Um dann direkt glänzen zu können, gibt es hier die Tipps zum Aufbau von Facebook-Gruppen. (W&V)

Handbuch gegen „Fake News“: Die Unesco hat tatsächlich ein Handbuch gegen „Fake News“ herausgebracht. Wer mag, kann es jetzt hier direkt herunterladen. (PDF)