Briefing für den 7.9.2018 | Ausgabe 484

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 484. Ausgabe des Social Media Watchblog Briefings. Jetzt also doch: Twitter hat Alex Jones, aka Mr. Infowars, von der Plattform verbannt. Was das mit der Anhörung in Washington zu tun hat, ist eine News im heutigen Briefing. Zudem beleuchten wir die jüngste Umfrage von PEW, die besagt, dass die Amerikaner ihr Verhältnis zu Facebook drastisch geändert hätten. Ferner gibt es reichlich Empfehlungen fürs Wochenende und die wichtigsten Feature-Meldungen der Plattformen. Vielen lieben Dank für das Interesse an unserem Newsletter, Martin & Team


Versäumnisse und Versprechen

Was ist: Facebooks Nummer 2, Sheryl Sandberg, und Twitters Nummer 1, Jack Dorsey, mussten am Mittwoch dieser Woche bei einer Anhörung vor US-Abgeordneten Rede und Antwort stehen. Insbesondere ging es um die Frage, inwieweit die Social-Media-Angebote von ausländischen Akteuren ausgenutzt würden, um Stimmung und Wahlen zu beeinflussen. Sowohl Sandberg als auch Dorsey räumten diesbezüglich Versäumnisse ein, erklärten aber zugleich, sie würden alles tun, um das, was 2016 passiert ist, nicht wieder zuzulassen.

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Warum ist das interessant Das letzte Mal, als sich Facebook (in Person von Mark Zuckerberg) vor US-Politiker öffentlich verantworten musste, machte der Facebook-Chef eine ziemlich gute Figur, die Damen und Herren Politiker hingegen den Eindruck, sie hätten noch nicht so recht verstanden, was hier eigentlich gerade Thema ist. Die spannende Frage lautete am Mittwoch dieser Woche also: Wie einfach würden sich Sandberg und Dorsey aus der Affäre ziehen können?

Was muss ich nun über die Anhörungen wissen? Um es gleich vorwegzunehmen: die Anhörungen hatten ein ganz anderes Level als noch im Frühjahr. Die Politiker waren viel besser vorbereitet, die Top-Executives der Plattformen wirkten wesentlich demütiger. Folgende Themen kamen zur Sprache:

  • Potentielle Regulierungen: Hinsichtlich der Frage, wie viel Raum die Plattformen ausländischen Akteuren gewähren, um Stimmungen zu beeinflussen, wurde immer wieder deutlich, dass die Abgeordneten sehr wohl über Formen der Regulierung nachdenken. Die Kollegen bei Netzpolitik hatten bereits Anfang der Woche einen umfassenden Überblick zur Frage, wie soziale Netzwerke stärker reguliert werden könnten, veröffentlicht. Darin ist so ziemlich alles enthalten, worüber auch bei den Anhörungen in Sachen Regulierung diskutiert wurde.
  • Zusammenarbeit mit Behörden: Immer wieder haben die Abgeordneten deutlich gemacht, dass sie großes Interesse daran hätten, mit den Netzwerken zusammen zu arbeiten. Sowohl hinsichtlich Policy-Fragen als auch hinsichtlich der Kooperation mit Strafverfolgungs- und Geheimdienstbehörden.
  • Mehr Transparenz: Auch wurde in der Anhörung immer wieder der Wunsch geäußert, die Plattformen mögen doch bitte noch größere Anstrengungen in Sachen Transparenz unternehmen. So wäre es etwa hilfreich, wenn potentielle Falschmeldungen auch als solche mit einem Label markiert würden. Auch sollte z.B. darauf hingewiesen werden, wenn Nutzer Inhalte von einem Bot serviert bekämen. Sandberg und Dorsey schienen diesen Vorschlägen gegenüber nicht abgeneigt, wiesen aber auch darauf hin, dass dies teilweise schon der Fall wäre.
  • Patriotismus: Aus deutscher Sicht etwas befremdlich wirkten die Fragen der US-Politiker hinsichtlich der Loyalität der Unternehmen. So wurde etwa die Frage gestellt, ob Twitter denn eine amerikanische Firma sei. Für uns vielleicht nur bedingt interessant, aber letztlich zeigt es auch, in welchem Fahrwasser die Unternehmen da drüben agieren. Die Politiker sehen Twitter und Facebook sehr wohl in der Pflicht, iranischen, russischen und chinesischen Agitationsversuchen entschieden entgegenzutreten.

Be smart: Insgesamt haben sich Dorsey und Sandberg souverän aus der Affäre gezogen. Während Sandberg wie eine erstklassige Verkäuferin und zudem unangenehm glatt wirkte, schien Dorsey viel nachdenklicher und stärker an den Themen interessiert. Zwar haben die beiden damit diese Runde überstanden, aber der Druck der Politik scheint nicht nachzulassen. Parallel zu den Anhörungen ließ das Justizministerium wissen, dass man sich frage, ob die Plattformen nicht das Recht auf freie Meinungsäußerung beschneiden würden – eine Frage, die wohl vor allem auf Trumps Vermutung abzielte, konservative Stimmen würden unterdrückt.

Links zum Thema:

Extra: Dorsey vs. Jones: Nachdem Twitter zunächst entschieden hatte, der Verschwörungstheoretiker Nummer Eins, Alex Jones, könne auf der Plattform bleiben, hat sich Twitter nun doch für eine permanente Sperrung ausgesprochen. Slate hat die ganze Story. Offiziell heißt es, Jones habe gegen die Twitter-Policy verstoßen. Vielleicht hatte Dorsey aber auch einfach die Schnauze voll, nachdem Jones ihn im Anschluss an die Anhörung beim Rausgehen mehr als unangenehm anbrüllte. Just saying.


Umfrage zu Facebook-Nutzern

Was ist: Einer Umfrage von PEW zufolge haben sich die Amerikaner im Zuge des Cambridge-Analytica-Skandals sehr wohl damit auseinandergesetzt, wie sie künftig Facebook verwenden wollen: nämlich weniger offen.

Was sagt die Umfrage? 54 Prozent geben in der Umfrage zu Protokoll, dass sie ihre Privatsphäre-Einstellungen angepasst hätten. Die Umfrage zeigt auch, dass 42 Prozent eine Auszeit von Facebook genommen hätten. 26 Prozent hätten sogar die Facebook-App vom Telefon geschmissen.

Be smart: Die Zahlen sind durchaus bemerkenswert. Allerdings muss zugleich darauf hingewiesen werden, dass Facebook für den Zeitraum keine Verluste an monatlich aktiven Nutzer ausweist. Somit muss entweder davon ausgegangen werden, dass sehr viele Nutzer die Facebook-App wieder re-installiert haben, respektive mindestens genau so viele neue Nutzer hinzugekommen wie abgehauen sind.

Wirklich spannend ist hingegen eine ganz anderen Umfrage von PEW: so würde die Mehrheit der älteren Facebook-Nutzer nicht verstehen, wie der Newsfeed funktioniert. Will heißen: sie haben keine Ahnung, warum ihnen bestimmte Inhalte angezeigt werden, andere aber nicht.


Free Speech im Plattform-Zeitalter

Das Oberlandesgericht München hat ein spannendes Urteil gefällt: so dürfe Facebook nicht einfach eigenhändig Inhalte löschen, die ansonsten den Standards der freien Meinungsäußerung entsprechen würden. Bei der FAZ heißt es: „Diese Bestimmung benachteilige die Nutzer auf unzulässige Weise, weil sie die Löschung von Kommentaren letztlich ins freie Belieben von Facebook stelle. (…) Auf lange Sicht geht es darum, eine klare Rechtsprechung zu etablieren, dass Facebook keine Inhalte löschen darf, die die Meinungsfreiheit erlaubt.“

Pro-Chemnitz: Bei der Mobilisierung der rechten Demonstranten in Chemnitz spielte einem Artikel von BuzzFeed News zufolge die Facebook Fanpage von Pro Chemnitz eine entscheidende Rolle. So gibt der Sprecher der Gruppe zu Protokoll: „We are completely social-media based. (…) If our Facebook page were to be deleted, we would disappear completely.” Nur mal kurz festgehalten bezüglich der Frage, welche Rolle Facebook für die Rechte in Deutschland spielt.

Facebooks neuer Top-Troll-Hunter: Speaking of Agitation: Facebook hat nach dem Ausscheiden von Sicherheitschef Stamos einen neuen Top-Troll-Jäger: Nathaniel Gleicher kommt aus der Politik und wirkt sehr entschlossen. Wer sich dafür interessiert, was das für ein Typ ist, kann ihn hier im CNN-Interview erleben.

Alles gar nicht so einfach: Ausgerecht beim eigenen Trainingsmaterial für Content Moderatoren schießt Facebook einen richtigen Bock: so wird ein Foto, das eigentlich Erdbebenopfer zeigt, fälschlicherweise als Beleg von Gräueltaten an Rohingya ausgewiesen. Gnarf. Wenn selbst die Abteilung, die für die Schulungen zuständig ist, nicht auf die Reihe kriegt, Fotos richtig zuzuordnen – wie sollen es dann die Moderatoren schaffen?

Lesenswerte Studie: Wer sich noch stärker mit dem Thema Informations-Operationen beschäftigen möchte, dem sei die brandaktuelle Studie Assembling Strategic Narratives: Information Operations as Collaborative Work within an Online Community empfohlen.


Stoff fürs Wochenende

Self Centered: Wer sich für die kulturwissenschaftliche Dimension von Selfies und Social Media interessiert, der sollte diesen großartigen Text von Rob Horning lesen. Viel zu dicht, um in einer Zeile zu beschreiben, worum es geht. Aber Hornings Essay sind fast immer die fünfzehn Minuten wert. Spoiler: Social Media ist zwar nicht der Auslöser für die Fokussierung auf das Ich, sehr wohl aber massiver Beschleuniger.

Sleeping Giants: Verschwörungstheoretiker wie Alex Jones leben davon, dass Abertausende auf ihre Websites kommen, respektive ihre Videos schauen. Warum also nicht den Unternehmen, die in diesem Umfeld werben, einmal so richtig Druck machen? Genau das ist die Frage, die sich der Kopf hinter Sleeping Giants stellte. Seine Geschichte ist ein großartiges Beispiel dafür, wie über Social Media positive Veränderungen erwirkt werden können.

Lehrer, die auf Insta Kohle machen: Es gibt in den USA tatsächlich Lehrer, die via Instagram neben ihrem eigentlich Job ordentlich Kohle scheffeln. Wie sie das machen? Nun, etwa indem sie Materialien bereitstellen, die Dritte dann ebenfalls nutzen können: z.B. tolle Sinnsprüche-Poster. Ich hatte ja keine Ahnung.

Gewissen gegen Geld: So richtig glauben mag ich das ja noch nicht, aber einem Artikel vom geschätzten Nick Bilton zufolge gibt es immer mehr Programmierer im Silicon Valley, die zu dem Schluss kommen, dass es gar nicht so geil ist, für Facebook, Twitter und Co zu arbeiten. Vong Gewissen her und so. Oh man. Das ich diese Diskussion tatsächlich noch erleben darf.

Polizei auf Social Media: Mindestens die Polizei in Niedersachsen denkt darüber nach, Gerüchten und "Fake News" auf Social Media künftig sehr viel aktiver entgegenzutreten. Eine durchaus bemerkenswerte Idee, bräuchte es doch dann auch entsprechend ausgebildete Redakteure in den Reihen der Polizei. Aber vielleicht bin ich da auch einfach hoffnungslos altmodisch. Die Kollegen Daniel Bouhs & Andrej Reisin haben jedenfalls einen sehenswerten Beitrag bei Zapp zu den Polizei-Aktivitäten auf Facebook, Twitter und Co verzapft.

Drachenlord: Der letzte Tipp fürs Wochenende ist der zugleich extrem sehenswerte wie auch extrem tragische Beitrag vom Y Kollektiv zum Drachenlord Rainer Winkler. Der gute Mann aus der Provinz sieht sich fiesen Anfeindungen ausgesetzt, nur weil er halt ziemlich unbedarft sein Ding auf YouTube macht. Mich erinnert das an peinliche Mobbing-Stories aus meiner eigenen Jugend – nur skaliert das hier ganz anders. Pah. Wenn du mal sehen willst, wie sich Online-Mobbing ins echte Leben transferiert, dann nimm dir Zeit für diese Geschichte.


Neues von den Plattformen

Snapchat

  • Spectacles: Snapchat hat die nächste Generation Spectacles am Start: die Modelle Veronica und Nico sehen tatsächlich ziemlich wearable aus im Vergleich zu den Vorgängern. Mal gucken, ob Snap Inc wieder auf so einem krassen Berg an Hardware sitzen bleibt wie beim ersten Versuch, Snapchat-fähige Sonnenbrillen unters Volk zu bringen.

Vimeo

  • Pivoting to Software: Weil die Konkurrenz zu anderen Plattformen in Sachen Video viel zu groß geworden ist, konzentriert sich Vimeo jetzt verstärkt darauf, als Tech-Unternehmen wahrgenommen zu werden. Künftig wolle man primär als Anbieter von Footage und Tools gesehen werden und nicht als Edel-Konkurrenz zu YouTube, etc. Mal schauen, wie sich das dann konkret darstellt. Prinzipiell war ich ein großer Fan vom Vimeo-Angebot.

Bullet Messaging

  • Voice to Text: In China ist bekanntermaßen WeChat das Nonplusultra, wenn es um Social Media geht. Aktuell sorgt allerdings die App Bullet Messaging für Aufsehen. Der Hauptgrund dafür ist dem Vernehmen nach das Feature, Sprache in Text zu verwandeln – ein Feature, das wir garantiert auch demnächst bei WhatsApp und Co sehen werden.

Tipps, Tricks und Apps

Facebook Create: Eher zufällig bin ich die Tage auf der Seite von Facebook Create gelandet und habe dort diese Anleitung entdeck. Darin erklärt Facebook recht ausführlich, was es braucht, um auf Facebook erfolgreich Videos zu publizieren. Recht nützlich für alle, die vielleicht nicht Video von der Pike auf gelernt haben.

Retweet Tweets für mehr Reichweite: Das Blog / der Blog von Buffer ist ja immer mal wieder einen Besuch wert. Dieses Mal habe ich dort gelernt, dass das Retweeten von eigenen Tweets sehr vielversprechend ist. Zumindest dann, wenn der ursprüngliche Tweet bereits einige Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte.

Abo-Verkäufe via Instagram: Last but not least möchte ich auf den Werkstattbericht vom Spiegel hinweisen, in dem die Kollegen von der Ericusspitze erklären, inwiefern Facebook und Instagram hinsichtlich Abo-Verkäufen nützlich sein kann.


One more thing

The Information für 1 Dollar pro Monat: Ich bin seit einigen Tagen mal wieder Abonnent von The Information. Das Portal, das eigentlich viel zu viel Geld kostet, sehr wohl aber starke Tech-Berichterstattung anzubieten hat, verschenkt an neue Abonnenten einen Link, der das Abo von The Information für einen begrenzten Zeitraum von nur einem Dollar pro Monat anbietet. Keine Ahnung, wie oft der Link funktioniert, aber hier ist er: go for it!