Briefing für den 16.8.2018 | Ausgabe #478

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 478. Ausgabe des Social Media Watchblog Briefings. Heute werfen wir einen Blick darauf, warum Search in Sachen Traffic wieder wichtiger ist als Social. Zudem schauen wir auf fünf aktuelle Beispiele, die verdeutlichen wie eng Technologie und Demokratie zusammenhängen. Darüber hinaus gibt es natürlich spannende Links fürs Wochenende und die wichtigsten News von den Plattformen. Herzlichen Dank für das Interesse an unserem kleinen Web-Angebot, Martin & Team



Search first, Social second

Was ist: Google ist in Sachen Traffic für Publisher wieder der wichtigste Motor.

Warum ist das so? Google hatte sich jüngst neu aufgestellt und bevorzugt seitdem bekanntermaßen bei den Suchergebnissen Websites, die für mobil optimiert wurden. Das kommt aktuellen Untersuchungenzufolge vor allem Nachrichten-Websites zugute.

Was bedeutet das konkret? Wer auf Mobile Traffic von Dritten aus ist, sollte sich künftig in erster Linie wieder mit dem SEO-Team unterhalten. Team Social ist natürlich weiterhin von enormer Bedeutung, wenn es darum geht, neue Nutzergruppen anzusprechen und in der jüngeren Zielgruppe mit den eigenen Inhalten aufzutauchen. Wenn es aber um die schiere Anzahl an Besuchern auf der eigenen Website geht, dann lohnt es sich an die Worte vom Chartbeat-Kollegen zu denken: „If you’re trying to reach a mobile audience you want to think about search first and social second.

Be smart: Nichts ist in Stein gemeißelt, alles ist kontinuierlich in Bewegung. Es gilt am Ende einen ausgewogenen Mix hinzubekommen. Aber während viele in Sachen Refferal-Traffic in den letzten Jahren vor allem auf Social schauten, sollte nun der Blick ganz eindeutig auch wieder in Richtung Suchmaschinenoptimierung gehen.



Demokratie im Plattformzeitalter

Was ist: Die Konsequenzen, die sich aus dem Siegeszug der Tech- und Social-Media-Unternehmen für Journalismus, Politik und Gesellschaft ergeben, sind exakt das, was mich seit Jahren interessiert und letztlich auch der Grund, warum ich vor fast sechs Jahren das Social Media Watchblog startete. Im Jahr 2018, so scheint es, werden diese Konsequenzen nun final für die Allgemeinheit sichtbar.

Fünf aktuelle Beispiele:

  • Dark Ads bei Facebook: Facebook hat nun endlich – zwei Jahre später – einige der Werbeanzeigen veröffentlicht, die beim Brexit-Lager in England für Stimmung sorgen sollten, vom Brexit-Gegner-Lager aber hingegen unbedingt nicht gesehen werden sollten. Die Rede ist natürlich von den sogenannten dark ads. Sehr spannend, wie über die selben Mechanismen, die Facebook vordergründig vor allem Unternehmen an die Hand geben wollte, Politik betrieben wurde.
  • YouTubes Kampf gegen Fake Views: YouTube hat mit seinen Views eine eigene Währung erschaffen. Anhand der Anzahl der Views werden Stars geboren, Lügen salonfähig, Unternehmen in Krisen gestürzt. Wer mehr davon hat, dem wird zudem auch mehr gegeben. Kein Wunder also, dass YouTube es mit einer Vielzahl an Firmen aufnehmen muss, die Fake Views verkaufen. Wie sie dagegen vorgehen, erzählt dieser Artikel der New York Times.
  • Wider Gesichtserkennung: Die allermeisten von uns haben schon einmal Gesichtserkennungstools ausprobiert, für einige ist es gelebter Alltag: ob bei Snapchat-Filtern oder dem neuesten iPhone. Weil dieses Feature allerdings auch das perfekte Werkzeug für Unterdrückungen aller Art ist, wird in diesem Artikel für ein rigoroses Verbot plädiert. Ein Vorschlag, der sicherlich nicht mehrheitsfähig ist, sehr wohl aber gut begründet.
  • Free Speech – oder? Nun hat Twitter den Verschwörungstheoretiker Alex Jones doch noch für sieben Tage gesperrt. Das mag einigen Genugtuung sein. Allerdings gilt der Blick, wie bereits in diesem Briefing angeklungen, auch all denjenigen Gruppen, die sich ebenfalls vom öffentlichen Diskurs ausgeschlossen sehen – wie etwa „Women discussing online harassment, ads featuring crucifixes, black and Muslim activists reposting racist messages they received, trans models, drag performers, indigenous women, childbirth images, photos of breast-feeding“ und viele mehr – die Washington Post hat den Überblick.
  • Facebook-Audit in Myanmar: Vice berichtet, dass sich Facebook einem Audit in Myanmar unterzieht. Nachdem die Vereinten Nationen in einem Bericht zu den ethnischen Säuberungen in Myanmar auch Facebook eine bedeutende Rolle attestiert hatten, will das Unternehmen mehr über die Rolle von WhatsApp und Facebook in dem Land herausfinden. Ein guter und für die Betroffenen lebensnotwendiger Schritt.

Be smart: Wer verstehen will, wie wir dort hingekommen sind, wo wir heute stehen, mag bitte diesen Artikel von Zeynep Tufekci lesen. Ein großartiger Überblick über all die Geschehnisse von Tahrir bis Donald Trump.



CREAM | Cash rules everything around me

Wie Bitly funktioniert und Geld verdient: Ihr nutzt bei euch im Haus gern Bitly-Links, um Klicks zu tracken oder URLs etwas aufzuhübschen? Oder du hast dich schon lange gefragt, was diese komischen Bitly-Links eigentlich genau sind? Sehr gut. Dieser Artikel, respektive Interview, erklärt dir das Geschäftsmodell von Bitly und wie die Firma jeden Monat Daten von Milliarden Nutzern sammelt.

Werbung in Stories: Ben Thompson nimmt sich in seinem aktuellen Artikel die Monetarisierungs-Optionen des Stories-Features zur Brust. In seiner Analyse kommt er zu dem Schluss, dass Facebook (Snapchat / Instagram / WhatsApp / YouTube) künftig auch mit satten Werbeeinnahmen bei Stories rechnen kann, diese aber anderer Natur sein werden als etwa die Werbeerlöse, die Facebook über den News Feed erzielt. Während im News Feed vor allem sogenannte „direct response“-Werbung fruchtet (Werbung für App-Installs, Abo-Verkauf, Newsletter-Singups, etc.), dürften Stories verstärkt fürs Brand Advertising interessant sein, also für Werbung, die generell für Aufmerksamkeit einer Marke sorgen soll. Gut für die Tech-Firmen: genau hier ist finanziell gesehen noch richtig was zu holen, denn bislang wird das Geld für Brand Advertising mehrheitlich in Fernsehwerbung investiert.



Future of Journalism

Prototyping der BBC: Die BBC ist ja bekannt dafür, dass sie immer wieder Einblicke in ihre eigenen Entwicklungsabteilungen gewähren. In diesem Fall zeigen sie dem interessierten Leser, an welchen neuen Formaten sie hinsichtlich ihrer Nachrichten-Berichterstattung arbeiten: etwa an „Scrollable Videos“ oder sogenannten „Swiping Viewpoints“. Für alle, die sich mit der Weiterentwicklung der eigenen Produkte beschäftigen, gibt es hier tolle Inspirationen.



Lese-Tipps fürs Wochenende

Es ist die Hölle: Ich bin seit 2009 bei Twitter und verdanke der Plattform durchaus viel mit Blick auf meine berufliche Laufbahn. Umso lustiger (und bedrückender zugleich) fand ich den Erfahrungsbericht des Welt-Journalisten, der nach seinen ersten sechs Monaten Twitter zum Schluss kommt: der nächste Weltkrieg beginnt mit einem Tweet.

The Unlikely Activists: Es gibt ganz selten Artikel beim Social Media Watchblog Briefing, die ich noch nicht selbst gelesen habe, sie aber trotzdem an dieser Stelle empfehle. So etwa auch in diesem Fall: der NYT-Artikel wurde mir von so vielen Kollegen an die Hand gegeben, dass ich mich jetzt einfach mal auf ihr Urteil verlasse und ihn hier präsentiere. Es geht um Facebooks und Googles Lobby-Bemühungen in Washington: The Unlikely Activists Who Took On Silicon Valley — and Won.

Die Pervertierung von Instagram Stories: Eigentlich hatten Zuckerberg und Kollegen bei der Einführung des Stories-Features auf den eigenen Plattformen vor allem von der Vergänglichkeit der geteilten Fotos/Videos geschwärmt – schließlich könnte nicht jeder Post perfekt sein. Turns out: things are different. Bei Esquire berichtet eine Kollegin davon, wie sehr die Nutzer von Instagram Stories einen permanenten Zwang zur Selbst-Inszenierung fühlen würden: so würde der Bericht aus dem Urlaub vom Sachen packen bis zum Heimflug zur Dokumentation in eigener Sache. Der eigentliche Gedanke dahinter – das unbeschwerte Teilen von Momentaufnahmen – somit völlig ins Gegenteil verkehrt.



Neues von den Plattformen

Facebook

  • Interaktive Videos bei Facebook: Facebook hat sich ein Video-Startup geschnappt, mit dem sich interaktive Videos gestalten lassen. Vidpresso ermöglicht z.B. On-Screen-Social-Media-Umfragen (keine Ahnung, ob so viele Kopplungen erlaubt sind) oder das Anzeigen von Kommentaren. Facebook verspricht sich davon, seinen Kreativen die gleichen Möglichkeiten an die Hand zu geben, wie sie etwa große Sender haben.
  • La Liga auf Facebook: Ich warte auf den Tag, an dem ich auch in Deutschland bestimmte Fußballspiele – etwa die Champions League – nur noch auf Facebook (oder YouTube / Amazon / etc.) sehen kann. Vieles spricht dafür. So auch der jüngste Deal, der publik geworden ist: Facebook hat sich die Rechte gesichert, alle Spiele der spanischen Fussball-Liga „La Liga“ in Indien, Afghanistan, Bangladesh, Bhutan, Nepal, den Malediven, Sri Lanka und Pakistan zeigen zu können. Ein weiteres schönes Beispiel dafür, das „Content“ für Tech-Plattformen nichts weiter als Werbung in eigener Sache ist.

YouTube

  • Cash für die Promo von neuen Features: YouTube zahlt ausgewählten Filmemachern bis zu sechsstellige Summen, damit diese neue Features der Plattform ausprobieren und promoten. Darunter z.B. „paid memberships“ und „enhanced chat“. Bloomberg hat die Details.
  • Kontext is King – eigentlich: Wie bereits vor einiger Zeit angekündigt, hat YouTube nun damit begonnen, „schwierige“ Videos mit mehr Kontext zu versehen. So sollen künftig gerade Videos von Verschwörungstheoretikern durch eine Box mit Fakten aus Wikipedia oder der Encyclopedia Britannica ergänzt werden. Das klingt erst einmal positiv, allerdings ist dieses Vorhaben für Wikipedia durchaus ein Problem: erstens erfolgt keine Kompensation, zweitens haben sie Angst vor Trollen, die die entsprechenden Artikel angehen könnten.


Tipps, Tricks und Apps

WhatsApp-Tricks: WhatsApp kann mehr: etwa Texte formatieren, gelöschte Nachrichten zurückholen oder gelesene Nachrichten wieder ungelesen machen. Futurezone hat 11 Tricks aufbereitet.

Lass YouTube die Sub-Titles schreiben: Ein essentieller Bestandteil von Social Videos sind die Sub-Titles. Da nicht jeder Kollege eine Ausbildung für Final Cut oder Premiere absolviert hat, bedarf es also einfacherer Mittel. Hier kommt YouTube ins Spiel. In diesem Video erklären die Kollegen von Journalism Co, wie (kinderleicht) das Erstellen von Untertiteln bei YouTube funktioniert und wie diese dann per SRT-File bei Facebook verwendet werden können. Sweet.



One More Thing

Selfie-Copter: Wer noch mit Selfie-Stick unterwegs ist oder sein Dasein als #InstagramBoyfriend pflegt, dürfte jetzt große Augen machen: dieses Gadget verändert alles. Eine Art aufsteckbare Mini-Drohne fürs Smartphone lässt das Telefon in der gewünschten Position schweben und 5, 4, 3, 2, 1 – Selfie! Hach, diese Technik. Wahnsinn.