Briefing für den 9.8.2018 | Ausgabe #476

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 476. Ausgabe des Social Media Watchblog Briefings. Es war gestern Abend so unfassbar heiß, dass meine Lütten einfach nicht pennen wollten. Deshalb gibt es das Briefing heute erst leicht verspätet. Wir werfen noch einmal einen Blick auf Alex Jones Infowars, diskutieren den vermeintlichen Peak Social Media und schauen uns an, warum Messenger eine immer größere Rolle spielen bei der Kommunikation. Herzlichen Dank für das Interesse, toll, dass Du dabei bist, Martin & Team



Wer entscheidet, was gesagt werden darf?

Was ist: Apple, Facebook, YouTube, Spotify und Pinterest haben sich dafür entschieden, die Accounts des wohl berühmtesten Verschwörungstheoretikers (Alex Jones, Infowars) von ihren Seiten zu nehmen, respektive deren Sichtbarkeit einzuschränken. Twitter hingegen sieht keinen Grund dafür, die entsprechenden Accounts zu sperren.

Warum ist das interessant?

  • Der Vorgang glich einer konzertierten Aktion. Wenige Stunden nachdem Apple die Podcasts von Alex Jones aus den Info-Kategorien schmiss, verkündeten Facebook und YouTube ebenfalls die Sperrung der Accounts.
  • Twitter hingegen sieht bislang keinen Anlass dafür, die Accounts zu sperren. Sie würden nicht gegen die Regeln verstoßen. Warum sich Twitter damit zwar als Free Speech Netzwerk geriert, dieser Ideologie aber nicht im Ansatz gerecht wird, schreibt Jillian York für Netzpolitik auf: Meinungsfreiheit – fehlt Twitter der Durchblick?
  • Mit Blick darauf, dass Facebook seit Monaten in der Kritik steht, zu wenig gegen Hate Speech und Desinformation im eigenen Haus zu unternehmen, ist es schon bemerkenswert, dass sie unmittelbar nachdem Apple den ersten Schritt getan hatte, nachzogen. Vielleicht ist das einfach der einzige Druck, den Facebook versteht. Hierzu: The only pressure Facebook understands is from its rivals.

Was an dieser Story grundsätzlich schwierig ist:

  • Konservative fühlen sich in den USA durch soziale Netzwerke bereits seit längerem arg benachteiligt. Spätestens seit Facebooks Trending Topics Skandal, bei dem Mitarbeiter systematisch liberalen Stimmen mehr Gewicht verliehen hatten, gehen konservative Politiker davon aus, die „linken“ Tech-Unternehmer aus dem Silicon Valley würden ihre Plattform dafür nutzen, rechte Stimmen zu unterdrücken. Siehe dazu auch diese aktuelle PEW-Studie. So darf es auch nicht weiter verwundern, dass konservative Kräfte wie Ted Cruz und Nigel Farage die Entscheidungen der Tech-Konzerne öffentlich hinterfragen (siehe hier und hier).
  • Das zweite Problem besteht darin, dass sich die Tech-Konzerne zwar damit rühmen, sie würden Alex Jones Infowars keinen Raum bieten wollen, gleichzeitig aber diesem Vorhaben nicht vollumfänglich nachkommen (wollen). So sind zwar auf Facebook die Fanpages gespeert, gleichzeitig können Nutzer aber sehr wohl Links zur Domain von Infowars posten. So ist zwar bei Apple der Podcast aus der Kategorie verschwunden, händisch kann der Podcast aber sehr wohl noch eingegeben werden. So sind etwa die Pages auf YouTube gesperrt, sehr wohl lassen sich dort aber zig andere Accounts mit Videos von Alex Jones finden. Kollege Alex Madrigal hat sich für The Atlantic kritisch mit diesen Pseudo-Sperrungen auseinandergesetzt: What does it mean to ban Alex Jones.
  • Das dritte Problem besteht darin, dass hier demokratisch nicht legitimierte Unternehmen über Diskussionsteilnehmer in de facto öffentlichen Räumen entscheiden. Zwar ist das Vorgehen aus Sicht der Tech-Unternehmen völlig legitim, aus gesellschaftlicher Sicht hingegen jedoch äußert fragwürdig. Es bedarf dringend eines standardisierten Vorgehens hinsichtlich der Frage, wann Plattformen Accounts rigoros sperren sollten. Ansonsten dürfen wir uns künftig nicht wundern, wenn Tech-Unternehmen auch anderen politischen Ideen weniger Raum geben – die Macht haben sie dazu.

Wie könnte es anders laufen?

  • Erstens bin ich natürlich nicht grundsätzlich dagegen, dass Tech-Unternehmen Accounts wie Infowars sperren. Natürlich braucht niemand ein Facebook, das als Megafon für gefährliche Irre wie Alex Jones fungiert. Gleichwohl braucht es aber maximale Transparenz beim Vorgehen und keine Pseudo-Sperrungen. Ansonsten agieren die Tech-Unternehmen als Blackboxes, bei denen wir als demokratische Gesellschaft nur hoffen können, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen und wirklich zum Wohle einer aufgeklärteren Welt handeln und nicht nur aus PR-Zwecken, um Anleger zu befrieden.
  • Drittens müssen die Plattformen noch viel stärker in den Kampf gegen Desinformationen investieren. Die bereits vor einigen Monaten skizzierten Ideen von Facebook, u.a. die Einstellung von Tausenden neuen Content-Moderatoren, ist ein guter erster Schritt. Allerdings müssen auch hier Standards für Außenstehende sehr viel transparenter sein, ansonsten leben wir womöglich bald in einer Welt, in der wenig geschulte Content-Moderatoren aus (z.B.) Manila über die politische Meinungsfreiheit in den USA entscheiden – siehe The Cleaners.
  • Viertens muss auch die Gesellschaft selbst viel stärker in die Bildung und das Aufspüren von Desinformationskampagnen investieren, wie etwa bei diesem Vorhaben, um Deep Fakes zu erkennen. Es kann nicht sein, dass wir hier eine Art Wettrüsten erleben, wie es Mark Zuckerberg einmal formulierte.

Quote: „When you invent the ship, you also invent the shipwreck; when you invent the plane, you invent the plane crash…. Every technology carries its own negativity, which is invented at the same time as technical progress.“ Quelle: Paul Virilio



Peak Social Media

Was ist: Google hat beim Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Nutzer klar die Nase vorn. Satte 34,2 Prozent der gesamten Zeit, die in den USA auf digitale Produkte im Juni verwendet wurden, gingen laut Pivotal Research auf Googles Konto. Social Media Plattformen hingegen erleben Einbußen.

Wie schneiden die Plattformen ab?

Facebook Inc.: Facebooks Kernprodukt (inklusive Messenger) musste 10 Prozent von der Zeit einbüßen, die Nutzer auf die Apps verwendeten. Selbst wenn Instagram und WhatsApp berücksichtigt würden, ist ein Rückgang um 6 Prozent zu verbuchen. Vielleicht hatte Mark Zuckerberg auch deswegen vor wenigen Tagen zum ersten Mal die neue Metrik vorgestellt, bei der die Gesamtanzahl aller Nutzer von Facebook, Instagram, Messenger und Whatsapp zusammengefasst wurde.

Twitter und Snapchat: Der Studie von Pivotal Reseach zufolge bleibt die Zeit, die Nutzer auf Twitter und Snapchat verwendeten, relativ stabil. Gleichwohl können sie in Sachen Nutzerzahlen nicht wirklich überzeugen: Twitter kann nicht wachsen und Snapchat hat mit einem Rückgang der Nutzerzahlen zu kämpfen: satte drei Millionen täglich aktive Nutzer weniger vermeldet Snap Inc für das zweite Quartal.

Be smart: Es sieht fast so aus, als wäre in Sachen Nutzerzahlen und hinsichtlich der Zeit, die Menschen auf die Apps verwenden, ein Peak erreicht. Jetzt stellt sich also für die Plattformen die Frage, wie sie darauf reagieren können, war doch ihr finanzielles Wachstum stets darauf begründet, mehr User anzulocken. Snapchat scheint hinsichtlich dieser Herausforderung alte Prinzipien über Bord zu werfen und es Facebook in vielerlei Hinsicht gleich zu tun. So schaut das Unternehmen etwa nicht mehr nur auf Werbegelder, die zuvor vor allem im Fernsehen investiert wurden, sondern auch auf das schnelle Geld, das sonst vor allem Facebook und Google machten. Siehe hierzu: Snapchat is becoming like the internet it disdains.



Messenger auf dem Vormarsch

Was ist: Während Social Media Plattformen offenbar zunehmend ihren Reiz verlieren, etablieren sich laut einer repräsentativen Bitkom-StudieMessenger immer stärker als die Kommunikationswerkzeuge Nummer Eins.

Ausgewählte Ergebnisse der Studie:

  • Am beliebtesten bleibt bei der Nutzung die ureigene Funktion eines Messengers, das Versenden von Nachrichten (85 Prozent).
  • Bilder, Videos, GIFs oder Links werden ebenfalls gern via Messenger versendet (70 Prozent).
  • Sprachnachrichten verschicken 55 Prozent der Messenger-Nutzer.
  • Jeder zweite Messenger-Nutzer (51 Prozent) nutzt die Anruffunktion der Apps auf seinem Smartphone.
  • Einen Gruppenchat hat gut jeder Dritte schon einmal erstellt (37 Prozent).
  • Wenig genutzt wird dagegen die News-Funktion der Messenger: Nur 16 Prozent lesen via Messenger News beziehungsweise Eilmeldungen von Nachrichtenportalen.

Be smart: Auch soziale Netzwerke beobachten natürlich ganz genau, was Nutzer mit ihren Apps anstellen. So darf hinsichtlich der Studien-Ergebnisse nicht überraschen, dass Facebook aktuell einen Test durchführt, bei dem Nutzer Inhalte, die sie im News Feed entdeckt haben, diese direkt via Messenger teilen können, anstatt sie im News Feed zu sharen. Für journalistische Angebote hat das dann zur Folge, dass sie womöglich ihren Traffic via Social noch schlechter messen können, da dieser häufig nur als Dark Traffic in der Statistik auftaucht – frag mal deinen SEO-Kollegen, der erklärt dir das bestimmt gern.



Neues Fernsehen

Was ist: Ein Konsortium, angeführt von der ehemaligen HP-Chefin, Meg Whitmann, und dem US-amerikanischen Filmproduzenten und CEO von DreamWorks, Jeffrey Katzenberg, hat sich eine Milliarde Dollar besorgt, um eine neue Mobile-Video-App zu lancieren.

Warum ist das interessant? Mobile Video ist ein heiß umkämpfter Markt: YouTube, IGTV, Facebook Watch und Snapchat Discover ringen alle um die Gunst der Nutzer in Sachen Video auf dem Smartphone. Wenn nun eine Gruppe rund um 21st Century Fox, Disney, Entertainment One, ITV, Lionsgate, Metro Goldwyn Mayer, NBCUniversal, Sony Pictures Entertainment, Viacom und Warner Media zusammen mit Alibaba und den strategischen Partner Goldman Sachs und JPMorgan Chase antreten, um eine Plattform zu bauen, die originären Content aus Hollywood auf Smartphones bringen soll, dann sollten alle, die im Bereich Video aktiv sind, aufhorchen.



Lesetipps fürs Wochenende

  • Meinung, Männer, Mobmaschinen: Mit großer Reichweite auf Social Media kommt große Verantwortung, argumentiert Sascha Lobo in seiner aktuellen Kolumne und das völlig zurecht. Reichweite verpflichtet.
  • Warum der Backlash zu nichts führt: Wenn in den vergangen Monaten davon gesprochen wurde, dass sich zunehmend Widerstand gegenüber den Tech-Unternehmen formiert, dann wurde dies stets unter dem Label Tech-Backlash zusammengefasst. Warum dieser Backlash aber zu nichts führt und warum es eines viel substantielleren Blicks auf die Dinge braucht, wird hier sehr lesenswert beschrieben: The Tech Backlash We Really Need.
  • The Time Well Spent movement has become a meme: In die gleiche Kerbe haut auch dieser Artikel, der sich kritisch mit der „Time well spent”-Bewegung auseinandersetzt. Völlig zurecht argumentiert die Autorin: „Time Well Spent is having its Kendall Jenner Pepsi moment. What began as a social movement has become a marketing strategy“.