Briefing für den 31.7.2018 | Ausgabe #473

martin Briefing

Moin und herzlich Willkommen zur 473. Ausgabe des Social Media Watchblog Briefings. Martin weilt noch im Urlaub und ich übernehme von Simon für diese Woche den Staffelstab in Sachen Urlaubsvertretung.

Heute geht es um ein älteres Interview mit Twitter Executive Vijaya Gadde zu Freedom of Speech und neue Fakten dazu, Facebook & Community Guidelines, sowie die Zukunft der Demokratie laut dem Britischen House of Commons bzw. dem Guardian.

Viel Spass beim Lesen wünscht: Tilman



Twitter und die ‚Meinungsfreiheit‘

Was ist: In einem spannenden Interview (schon vom 19/07) spricht Will Oremus mit Twitter Executive Vijaya Gadde über Vertrauen, Sicherheit und Twitters Verständnis von ‚Freedom of Speech‘: When Twitter Blows the Whistle.

Warum ist das interessant? Twitter (ähnlich wie Facebook oder YouTube) muss die Balance finden, zwischen seinen Community-Regeln (Freedom of Speech ist hier sehr wichtig), unterschiedlichen nationalen Regelungen, der Kontrolle von Hate-Speech, Verschwörungstheorien, Misinformation und Vertrauen der Nutzer in die Platform.

Wo genau steht Twitter demnach?

  • Wenig überraschend sieht Vijaya Gadde Twitter nicht als Meinungs-Polizei, die Accounts sperren oder löschen kann, wenn ‚jemand‘ behauptet, diese würden Fehlinformation verbreiten.
  • Twitter geht es vorrangig darum, für eine gesunde öffentliche Debatte zu sorgen – was Twitter darüber erreichen will, dass es die Wahrheitsfindung den Nutzern überläßt, und Korrekturen durch Nutzer fördert.
  • Dabei legt Twitter sehr viel wert auf allgemein gültige Community Regeln, die interantional anwendbar sind. Es soll also wenig Sonderregelungen geben – der internationale Markt läßt grüßen.

Be smart: Genau genommen könntet Ihr jetzt sagen, das ist alles kalter ☕ – sowohl das Interview, als auch die Aussagen. Es wird aber deutlich interessanter, wenn Ihr Euch ein paar aktuelle Fakten dazu durchlest. Denn auch wenn es im Interview nach wenig Veränderung klingt, so scheint Twitter doch etwas „Butter bei die Fische“ zu geben:

  • Ihr erinnert Euch sicher an die Zahl der Spam-Accounts (bots, trolls, fakes), die Twitter zuletzt nach eigenen Angaben monatlich gelöscht hat: Mehr als 70 Millionen im Mai und Juni. Diese Löschaktionen haben natürlich Auswirkungen auf den Wert der Twitter-Aktien, stehen sie doch dem Wachstum und den ‚Active User‘ Zahlen entgegen.
  • Wall Street will natürlich steigene Nutzerzahlen sehen, vor allem bei den aktiven Nutzern. Um die zu bekommen, muss Twitter für ein besseres Klima auf der Platform sorgen. Vor allem interantional, denn da liegt das größte Wachstumspotential – und den letzen Zahlen zufolge klappt das auch. Wenngleich nicht so schnell, wie die Börse das gerne hätte.

Eine Timeline ist noch nicht veröffentlich worden – aber ich finde den Ansatz sehr lobenswert und einen Schritt in die richtige Richtung. Ob dann mehr daraus wird, als nur eine Anpassung der Community Richtlinien, deren Kontrolle nur Twitter obliegt, werden wir sehen.



In der Zwischenzeit bei Facebook

Während Twitter also versucht Nutzer über Inhalte entscheiden zu lassen, hat Facebook inzwischen gehandelt und Alex Jones Account gesperrt. Aber nur das persönliche Account und nicht seine Infowars Facebook-Seite. recode hat eine recht gute Übersicht zu dem unübersichtlichen Verfahren geschrieben. Es bleibt kompliziert.



Neues von den Plattformen

Fabric

  • Facebook Alternative: Die letzte Meldung dieser Art, an die ich mich erinnern kann, war der Kick-off von Ello 2014. Damals machte die Schlagzeile des potentiellen „Facebook-Killers“ die Runde. Seitdem hat es sicher unzählige Versuche dieser Art gegeben, aber die meisten sind unter dem Radar verlaufen. Der Grund, warum ich jetzt ausgerechnet Fabric nenne, ist, dass das Netzwerk a) schon seit 2016 exisitiert (also schon Erfahrung und eine Nutzerbasis hat) und b) jetzt aus Facebooks aktueller Datenproblematik Profit schlagen will (in dem es die nutzerfreundlichere & sicherere Alternative sein möchte). Noch dazu stecken dahinter zwei ehemalige Facabook-Entwickler, die also Insider-Wissen besitzen. Oder ist genau das der Knackpunkt?


Leseempfehlung

Um nicht weniger als die Zukunft der Demokratie und unserer Gesellschaften geht es in einem Bericht des „Commons digital, culture, media and sport committee on disinformation and ‚fake news'“ (in etwa das Pendant zu einem Bundestagsausschuss im britischen House of Commons) – laut Ansicht des Guardian. Das Comittee war in Folge des Cambridge Analytica Skandals eingesetzt worden, um der aktuellen Rolle des Journalismus, der Bedeutung von ‚fake news‘ und digitalem Advertisement nachzugehen.

Zu lange habe man in traditioneller Weise versucht auf die Bedrohnung durch unregulierte Social Media Monopole und dreisten, gut-finanzierten, konspirativen Aktivisten zu reagieren – wenn überhaupt. Der Guardian sieht in dem Bericht nun einen deutlichen Weckruf hinsichtlich der Verfehlungen in der Politik. An der Reaktion auf den Bericht wird sich zeigen, ob die Regierung wirklich noch Willens ist, zu handeln – zu unserem und zum eigenen Vorteil. Starker Tobak, und definitiv lesenswert.

Den vollständigen Bericht gibt es hier.



One More Thing

Ich liebe John Oliver, für seine smarten Analysen, aber vor allem für seine unverblühmte Art, diese rüber zu bringen. Zur Causa Facebook & Data möchte ich Euch deswegen gerne zum Abschluss seine unverblühmte Meinung zur aktuellsten Werbekampagne des blauen Riesen empfehlen: Vier Minuten, auf den Punkt gebracht.