Briefing für den 12.7.2018 | Ausgabe #469

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 470. Ausgabe des Social Media Watchblog Briefings. Direkt zu Beginn möchte ich darauf aufmerksam machen, dass ich mich die nächsten drei Wochen im Urlaub befinden werde. Nächste Woche übernimmt an dieser Stelle mein geschätzter Kollege Simon Hurtz (Süddeutsche Zeitung) die Briefings. In der KW 30 entfällt das Briefing – quasi wegen Urlaub geschlossen. In der KW 31 kommt das Briefing vom wunderbaren Tilman Wagner (Deutsche Welle). Ich wünsche angenehme drei Wochen und viel Freude bei der Lektüre! Vielen Dank für das Interesse an unserem kleinen Newsletter-Angebot, Martin



China Internet Report

Was ist: Viel zu oft schauen wir ja in Europa nur auf die Entwicklungen im Silicon Valley. Mit Blick auf die Popularität von Google, Amazon, Facebook und Apple (GAFA) in Deutschland ist das ja auch durchaus verständlich. Um aber die Gesamtentwicklungen besser zu verstehen, lohnt ein Blick Richtung Osten – etwa auf den Status Quo des Internets in China.

Die wichtigsten Trends im Überblick:

  • China hat fast dreimal so viele Internetnutzer wie die USA: 772 Millionen gegenüber 292 Millionen Nutzern. Und die Kluft wird sich noch vergrößern, schließlich liegt die Internet-Verbreitung in China bislang nur bei 55 Prozent (in den USA bei 89 Prozent).
  • Beijing ist das Silicon Valley Chinas: 31 Tech Unicorns stammen aus Beijing.
  • Chinas hat auch ein GAFA-Problem: Auch in China wird fast alles, was mit dem Internet angestellt werden kann (von sozialen Netzwerken bis zum Internet of Things), von drei großen, alles dominierenden Firmen angeboten: Baidu, Alibaba und Tencent.
  • Die Regulierung durch die chinesischen Behörden ist nahezu grenzenlos: Nicht nur mit Blick auf die Hindernisse für die eigenen Bürger, sich frei zu informieren oder für westliche Firmen und Angebote, im chinesischen Markt Fuß zu fassen, sondern etwa auch mit Blick auf die Förderung von bestimmten Unternehmen oder dem Untersagen von unangebrachten Fragen in populären Quiz-Apps. Von der Überwachung der Nutzer via Technologie mal ganz zu schweigen.
  • Chinesen lieben kurze Videos: Fast 80 Prozent der mobilen Internet-Nutzer in China nutzen Short-Video-Apps, die darauf verwendete Zeit hat sich innerhalb eines Jahres verdreifacht. Mehr zum Thema hier.
  • WeChats Mini-Programme dominieren: Kleine speziell für WeChat programmierte Anwendungen erfreuen sich zunehmender Popularität in China. Gleichzeitig wird damit auch WeChats Stellung als de facto Mobile Operating System zementiert.

Be smart: Viele Trends könnten auch das Silicon Valley erreichen – insbesondere die Idee, dass soziale Netzwerke versuchen, zu echten Plattformen zu werden, wie das bei WeChat der Fall ist. Schon heute lässt sich eine ganze Reihe an Features, die WeChat bietet, auch auf Facebook erleben. Der große Unterschied dabei: die absolute Mehrheit davon stammt von Facebook selbst. Würde Facebook sich stärker Drittanbietern öffnen, könnte Facebook mit Blick auf die großen Nutzerzahlen in der westlichen Welt zu einer ähnlichen Plattform avancieren.



Facebook Watch für News startet

Was ist: Ab dem 16.7. gibt es die bereits vor einiger Zeit angekündigten News-Shows bei Facebook Watch.

Warum ist das interessant? Facebook hatte im Zuge des News-Feed-Umbaus erkennen lassen, dass sie sehr wohl ein Interesse an Nachrichten-Angeboten auf ihrer Website haben, allerdings nicht in der Form, wie es bislang der Fall war. Vielmehr möchte Facebook durch die Partnerschaften mit ausgewählten Medienunternehmen dafür Sorge tragen, dass qualitativ hochwertige Nachrichten-Angebote in Form von Videos auf Facebook zu finden sind.

Welche News gibt es künftig bei Facebook? Facebook hat einen Programm-Überblick veröffentlicht, der klar aufzeigt, wann welche News-Sendungen bei Watch zu sehen sind. Selbstredend gibt es die Angebote auch im Anschluss als Konserve. Grundsätzlich ist die Idee aber auch schon, dass Fans künftig Facebook zu einem bestimmten Zeitpunkt „einschalten“.

Warum macht Facebook das? Facebook sieht im Bereich Video große Wachstumschancen. Während Instagram sich mit IGTV in erster Linie um die Influencer und Creator bemüht, scheint Facebook ein großes Interesse daran zu haben, News, Shows und Gaming auf die Plattform zu locken.

Be smart: Zwar geht Facebook in Vorleistung und finanziert derzeit die News-Shows der einzelnen Unternehmen. Wie sich diese Partnerschaft allerdings langfristig darstellen wird und ob auch kleinere Medienunternehmen, respektive alternativere, die Chance haben werden, auf Facebook Watch Inhalte anzubieten, sehe ich derzeit nicht. Plus: Auch sehe ich nicht, dass Nutzer die Angebote wahrnehmen werden. Bislang ist Facebook Watch, was die Zuschauerzahlen angeht, dem Vernehmen nach unter den Erwartungen geblieben.



Kampf gegen Desinformationen

Was ist: Der Kampf gegen Desinformationen auf den Social-Media-Plattformen entwickelt sich für die Unternehmen tatsächlich immer stärker zu einem Kampf ums eigene Überleben.

Warum? Im Zuge der US-Wahlen 2016 ist zum ersten Mal für eine große Öffentlichkeit sichtbar geworden, was für ein Schmutz seit Jahren auf Facebook und anderen Plattformen geteilt wird. Der Kampf dagegen ist aus den folgenden vier Gründen für die Plattformen enorm wichtig:

  • Politik: Die Plattformen sehen sich heftiger Kritik seitens der Politik ausgesetzt. Nicht nur, dass verschiedene politische Ausschüsse derzeit erforschen, welchen Einfluss die Plattformen auf die US-Wahl, bzw. auf den Brexit-Entscheid hatten oder wie es passieren konnte, dass Dritte millionenfach an Nutzerdaten gelangen konnten, sondern auch die Frage nach Förderung, respektive Unterdrückung politischer Meinungen und Ideen stehen hierbei im Mittelpunkt und machen Facebook ordentlich Druck. Gerade diese Woche bekam Facebook in England übrigens eine „Höchststrafe“ aufgebrummt.
  • Wirtschaft: Zudem möchten Unternehmen nicht auf einer Plattform werben, auf der nur Schmutz geteilt wird. Das jedenfalls ist die Sorge von Facebook. Ob das wirklich so ist, weiß ich manchmal gar nicht so richtig. In der aktuellen Debatte um die AfD-Kritik durch Siemens-Chef Joe Kaeser sieht man ja, wie weit es mit der Haltung der Unternehmen bestellt ist. Klammer zu.
  • Todesfälle: Hinzu kommt, dass sich gerade via Social Media rasend schnell Gerüchte verbreiten können, die ein ganzes Land in Schrecken versetzen (Beispiel Myanmar) und im schlimmsten Fall – wie jüngst in Indien – zu Todesfällen führen können.
  • Nutzer: Vor allem sind es aber auch die Nutzer selbst, die sich nicht auf einer Plattform selbst artikulieren möchten, die von Dritten für politische und wirtschaftlich-motivierte Desinformationskampagnen genutzt werden.

Was unternehmen die Plattformen dagegen? In den letzten Monaten haben YouTube, WhatsApp und Co eine ganze Reihe an neuen Features angekündigt. Hier die jüngsten Ankündigungen im Überblick:

  • Messenger: Facebook testet ein Features, das Nutzern mehr Informationen über den Absender einer Nachricht anzeigt. Motherboad hat die ganze Geschichte.
  • WhatsApp: Wie bereits in Briefing 468 dargestellt, gibt es künftig bei WhatsApp das Label „Weitergeleitet“ bei allen weitergeleiteten Nachrichten. Dadurch soll klarer aufgezeigt werden, ob eine Nachricht wirklich von einem Freund geschrieben wurde. BuzzFeed hat mehr dazu.
  • WhatsApp: Auch Fact-Checking ist für WhatsApp ein riesiges Thema. Einige Schritte haben sie bereits in diese Richtung unternommen, wie Poynter weiß.
  • YouTube: Wie ebenfalls bereits angeklungen, investiert YouTube 25 Millionen Dollar in den Kampf gegen Desinformationen.

Be smart: Wäre ich Nachrichtenredakteur, würde ich mich auf diesen Beat setzen. Das ganze Themen Verifikation / Desinformation wird in den kommenden Jahren eher noch wichtiger werden. Wer sich mit diesem Thema näher befassen möchte, dem sei der Guide vom Nieman Lab zum Thema geschlossene Gruppen, etc. ans Herz gelegt – da gibt es einiges zu lernen!

Richtig tief: Wer sich noch stärker mit den Einflussmöglichkeiten beschäftigen möchte, die mittels sozialer Medien greifen, dem sei dieses Dossier von Tactical Tech empfohlen: Tools of the Influence Industry. Das ist dann aber schon eher Master Class.



Neues von den Plattformen

Snapchat

  • New Lenses: Snapchat bietet seinen Nutzern künftig (sehr viel) mehr Filter-Optionen an. Aber bitte nicht nutzen. Am Ende geht es ja doch nur darum, die Skills in Sachen Gesichtserkennungssoftware zu verbessern. Naja. Ich habe es wenigstens gesagt. Snapchat debuts a library of selfie filters

Facebook

  • AR-Werbung: Wo wir gerade beim Thema sind: Facebook bietet jetzt Augmented Reality Werbung an. Was das sein soll? Ganz einfach: Jemand sieht in einer Werbeanzeige eine tolle Sonnenbrille. Diese kann dann, ganz analog zu all den spaßigen Hüten und Sonnenbrillen, die wir sonst immer einfach nur so benutzt hatten, weil sie so lustig aussahen, auf die Nase gesetzt werden und, Trommelwirbel, gekauft werden! Ja, wie geil ist das! Endlich mal wieder was kaufen. Naja. Nur damit man sieht: alles hängt mit allem zusammen.


Empfehlungen fürs Wochenende

Gesichtserkennung vs. Privatsphäre: Als hätte ich mit den zwei eben genannten Features auf diese Lese-Empfehlungen hingearbeitet, aber ja, Privacy Advocats waren vor Facebooks Datenhunger in Sachen Gesichtserkennung. Zu recht, wie ich denke. Facebook’s Push for Facial Recognition Prompts Privacy Alarms.

Zensur! Der sehr geschätzte Kollege Wolfgang Michal hat sich sehr lesenswert mit dem Thema Zensur auseinandergesetzt. Seine These: Wer Meinungsfreiheit gewährleisten und Zensur verhindern will, müsse Medien und soziale Netzwerke demokratisieren. Das zeige ein Blick in die Entwicklungsgeschichte der Zensur. „Zensur ist, wenn du unterdrückst, was ich gut finde

Kasten im Silicon Valley: So ganz weiß ich immer noch nicht, was ich von Antonio García Martínez halten soll. Der Ex-Facebook-Mitarbeiter wird jedenfalls nicht müde, über die Schattenseiten des Silicon Valley zu berichten. Dieses Mal geht es ihm in seinem Essay für WIRED um die neuen Kasten, die gerade in San Francisco sehr deutlich zu erkennen wären. Mit anderen Worten: Gentrifizierung multipliziert mit Venture Kapital hoch Zehn führt zu hochgradig unschönen gesellschaftlichen Entwicklungen.