Briefing für den 28.6.2018 | Ausgabe #466

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 466. Ausgabe des Social Media Briefings. Im Schatten des Fußballs (siehe spektakuläres Symbolbild oben) erleben wir turbulente Zeiten und vieles davon trifft sich auch an der Kreuzung Social Media, Politik und Gesellschaft – etwa die Idee eines Maulkorbs für alle ORF-Kollegen, die auf Social Media aktiv sind. Das, ein Gast-Beitrag vom Audience-Development-Kollegen von RP Online und viel, viel mehr in unserem heutigen Briefing. Ich wünsche eine gute Lektüre und empfehle das Abo unseres Briefings, herzliche Grüße, Martin



Die neuen Social Media Guidelines des ORF

Was ist: Der ORF hat für seine Mitarbeiter neue Social-Media-Guidelines entworfen, die für massive Kritik sorgen. Wichtig dabei: die Guidelines sind noch nicht endgültig, sondern sollen intern mit Betriebs- und Redakteursrat diskutiert werden.

Was ist das Problem? Grundsätzlich ist es zu begrüßen, dass Unternehmen den Mitarbeitern Guidelines in Sachen Social Media an die Hand geben, sorgen sie doch im besten Fall für größere Klarheit darüber, was erlaubt und erwünscht ist. Der ORF allerdings schießt mit seinen Guidelines weit über das Ziel hinaus. Die Empfehlungen muten an wie ein von oben verpasster Maulkorb für alle Mitarbeiter, die sich auf Social bewegen – egal ob beruflich oder privat.

Was steht drin? Der Standard zitiert eine geleakte Version der Guidelines. Darin heißt es, Mitarbeiter sollten auch „im privaten Umfeld“, auf Aussagen verzichten, „die als Zustimmung, Ablehnung oder Wertung von Äußerungen, Sympathie, Antipathie, Kritik und ‘Polemik’ gegenüber politischen Institutionen, deren Vertreter/innen oder Mitgliedern zu interpretieren sind“.

Warum ist das problematisch? Nun ja, das ist aus mehreren Gründen problematisch.

  • Erstens hat natürlich jeder das Recht auf freie Meinungsäußerung, wie der von mir sehr geschätzte Kollege und auf Twitter wohl prominenteste Kopf des ORF, Armin Wolf, unmittelbar nach Bekanntwerden des Leaks unterstreicht.
  • Zweitens sind die Guidelines trotz aller Bemühungen doch sehr unkonkret. Vor allem hinsichtlich des Spielraums, der bei Begriffen wie Polemik, Antipathie, etc. zum Tragen kommt, wird es für die Mitarbeiter im Zweifelsfall eher schwieriger als leichter, sich „korrekt“ zu verhalten. Gleiches gilt im übrigen auch für die Richtlinien der New York Times, die vom ORF als Vorbild genannt werden, allerdings in einem anderen Kontext entstanden: der New York Times ging es nicht so sehr um eine politisch motivierte Ansage, sondern um die Wahrung der Reputation. Aber auch hier sorgten die Guidelines am Ende wohl eher dafür, dass sich Mitarbeiter weniger auf Twitter, etc. artikulierten.
  • Drittens ist überhaupt nicht klar, wie der ORF diese Guidelines bei seinen Mitarbeitern überprüfen möchte. Vielmehr ist daher wohl anzunehmen, dass die Guidelines in allererster Linie als Abschreckung dienen sollen. Auch die Hinweise in der begleitenden Email des ORF-Direktors Alexander Wrabetz deuten in die gleiche Richtung: „Im Zweifel ersuche ich darum, von einer Meinungsäußerung Abstand zu nehmen“ – klingt nicht sehr ermunternd, für Demokratie und Rechtsstaat zu streiten.

Be smart: Journalisten sind, wenn sie nicht im Dienst sind, auch ganz normale Privatpersonen (für einige nicht vorstellbar, schon klar) und haben somit natürlich das Recht, ihre Meinung mitzuteilen, sich auf Demonstrationen zu bewegen, etc. Damit die ORF-Guidelines also überhaupt verbindlich greifen, bräuchte es wohl daher auch so etwas wie eine neue Betriebsvereinbarung. Im Gespräch mit news.at deutet ORF-Direktor Wrabetz dies auch an. Somit ähnelt der Entwurf der Guidelines vor allem einem politisch motivierten Wegducken des ORF-Direktors in Zeiten, in denen der Rechtsruck (und die häufig damit verbundene Diskreditierung journalistischer Arbeit) gerade auch in Österreich extrem spürbar ist. Keine schönen Aussichten für den öffentlich-rechtlichen Journalismus – auch nicht mit Blick auf all das, was in Deutschland noch auf uns zukommen mag. Die CSU etwa, die aktuell gern ihre Sympathie für die österreichische Politik bekundet, war sich ja beim Infragestellen des ÖR noch nie zu schade.

Pro-Tipp: Wie macht man es denn nun richtig? Muss immer alles so kompliziert sein? Nein, muss es eigentlich nicht, wie Anita weiß:



Hate Speech im Netz

Was ist: Die Landesanstalt für Medien in NRW stellt eine Studie zum Thema Hasskommentare im Netz vor. Es wurden 8.500 Leserkommentare auf Nachrichtenseiten und Facebook analysiert, Experteninterviews geführt und daraus Handlungsempfehlungen für Redaktionen erstellt. Die Kommunikationsstrategien wurden in Zusammenarbeit mit dem Audience-Engagement-Team von RP Online in der Praxis getestet

Warum ist das interessant? Hass im Internet ist nicht nur ein Problem, er verändert auch das Community Management. Viele Nachrichtenredaktionen spüren das schon länger in den Kommentaren auf ihrer Website und Facebook. Was ist passiert? „Der Flausch ist weitergezogen“, meint Daniel Fiene von der Rheinischen Post. „Früher war es auf Facebook flauschig, heute sind Konversationen bei Instagram oder WhatsApp angenehmer.“ Mit „flauschig“ ist eine Art positive Grundhaltung im Kommentarbereich gemeint. Tatsächlich sehen das auch viele Nutzer so. Aber wie ist es wirklich? Nur ein Prozent der Nutzer sind für Hasskommentare verantwortlich. Und die Macher der LfM-Studie stellen fest: „Oft geht es in den Diskussionen gar nicht um die Nachricht, sondern Themen werden gekapert“, so Stephan Weichert von der Hamburg Media School. In der Folge entstehe der Eindruck, „dass die Journalisten aufgegeben haben, mit den Nutzern zu sprechen.“

Wie kann man es besser machen? In der Online-Diskursanalyse wurde festgestellt, dass es kaum redaktionelle Moderation gibt, was dazu führt, dass es nur wenig Effekte auf den Verlauf der öffentlichen Diskussion gibt. Allerdings hat eine aktive Diskussionsbeteiligung seitens der Redaktion direkte Auswirkungen auf bestimmte Diskursstränge. Welche redaktionellen Steuerungsstrategien funktionieren also? Die Studienmacher haben einen 10-Punkte-Plan gegen Hassrede erstellt, der Online-Redaktionen praktische Hilfestellungen geben soll. Das Material findet man auf der Homepage der Landesanstalt für Medien NRW.

Wie macht es RP Online? Die Kommentare (Website und Facebook) werden hauptsächlich von unserem Community-Team betreut. Neben der manuellen Sichtung haben wir Alerts, die uns auf ein erhöhtes Aufkommen von Hasskommentare hinweisen. Bei kontroversen Themen posten wir proaktiv einen Hinweis auf unsere Netiquette und Moderationspraxis. Wir nehmen mittlerweile auch öfter aktiv an Diskussionen teil, wenn es sich anbietet oder Diskussionen entgleiten – das funktionierte auch schon unabhänig von der Studie gut. Durch das aktive Community Management, dazu gehört auch regelmäßig DMs checken, und unser Listening Center, finden wir regelmäßig Hinweise von Usern, die zu Artikeln werden.

Autor: Mathias Schumacher (@matschbild) ist Audience-Engagement-Redakteur bei RP ONLINE und arbeitet freiberuflich für den WDR. Er war Teil des experimentellen Live-Betriebs der LfM-Studie und hat sich dabei ein bisschen wie eine Marionette gefühlt.



Instagrams neue Features

Was ist: Instagram führt eine ganze Reihe von neuen Features ein.

Die neuen Features im Überblick:

  • Video-Chat: Instagram führt jetzt für alle das neue Video-Chat-Feature ein: bis zu vier Personen können nun miteinander per Videotelefonie quatschen und gleichzeitig auf Instagram surfen. Alles time well spent, natürlich. Wer übrigens mit noch mehr Leuten gleichzeitig Video-telefonieren möchte, der nutzt Snapchat (16 Personen gleichzeitig), Face-Time (32 Personen gleichzeitig) oder den Facebook Messenger (6 Personen gleichzeitig und 50 weitere, die per Audio zuhören können).
  • Kamera-Effekte: Instagram führt zudem neue Kamera-Effekte ein, die von Partnern stammen können. So kann man etwa von BuzzFeed, Strava oder Ariana Grande Effekte nutzen, um seine eigenen Fotos/Videos aufzumotzen. Ein Feature, das wir so in ähnlicher Form bereits von den Sponsored Lenses von Snapchat kennen und für Instagram sicherlich gute Geschäftsoptionen bedeuten.
  • Neue Explore-Page: Anstatt Nutzern nur einen Stream an Inhalten zu präsentieren, die sie potentiell interessieren könnten, gibt es auf der neuen Explore-Page künftig Kategorien wie etwa Kunst, Schönheit, Sport und Mode. Die Kategorien orientieren sich laut Instagram an den Themen, mit denen man häufig interagiert. Durch dieses neue Feature wird es künftig sicherlich leichter, neue Creator zu finden, denen man z.B. zu einem bestimmten Hashtag folgen möchte. Etwas, das mit Blick auf den Kampf um „Mobile Video“ und dem damit verbundenen Ringen um die Gunst der Kreativen, sicherlich eine bedeutende Rolle spielen wird.

Übrigens: Die ehemals sehr prominent platzierten Stories hingegen sind auf der Explore-Page aktuell nicht mehr zu finden. TechCrunch zufolge würden sie aber bald wieder eingeführt, vielleicht dann ja sogar mit einem eigenen Tab – das wäre jedenfalls mein Tipp.

Be smart: Die ganzen Features, die Insta hier präsentiert sind natürlich alles andere als dafür gedacht, weniger Zeit auf der Plattform zu verbringen. Im Gegenteil: Egal ob Video-Telefonieren oder 60-Minuten-Videos von neu zu entdeckenden Kreativen glotzen – Instagram möchte mit seiner App zu einem One-Stop-Shop für seine Nutzer werden. Und die goutieren es – mit viel mehr Zeit, die sie auf die App verwenden, als noch vor einem Jahr. Android-Nutzer verbringen im Schnitt mit Instagram schon fast so viel Zeit wie mit Facebook… Time Well Spent – ist klar.



Studie

  • Glaubwürdigkeit auf Social: Knapp Zweidrittel der Amerikaner glauben laut einer aktuellen Gallup-Studie nicht an den Wahrheitsgehalt dessen, was sie auf Social Media lesen. Unter diesen Gesichtspunkten – und hier kommt der Verweis auf die heutige ORF-Geschichte – scheint es somit eigentlich mehr als angebracht, die Leute aus dem eigenen Haus zu ermuntern, für Werte, auf die wir uns als aufgeschlossene Gesellschaft verständigen können, zu streiten – auch im Social Web. Das Ringen um die Wahrheit ist eine Gemeinschaftsaufgabe und nichts, was nur Journalisten in ihren Publikationen vorbehalten sein sollte.


Lesetipps fürs Wochenende

  • Öffentliche Rede: Wir haben es den Social-Media-Plattformen in weitem Maße überlassen, darüber zu befinden, wie und worüber öffentlich diskutiert wird. Was es braucht, ist eine tiefgreifende Diskussion darüber, welche Verantwortung die Plattformen tragen. Dieser WIRED-Beitrag zeigt, warum diese Diskussion bislang nicht so recht zustande kommen will.
  • Memoji? Bitmoji? AR Emoji? Es gibt Artikel, die sind so großartig geschrieben, dass ich sie hier in meinem Briefing nicht auch nur annähernd adäquat antexten könnte. Dieser Text von Rob Horning gehört genau in diese Kategorie. Es geht im weitesten Sinne um die Emojisierung unserer selbst. Zitat: Avatars „speak honestly; they become more „authentic“ then the flesh and blood behind them, as though we need duplicates of ourselves to reveal ourselves to ourselves.“
  • Der Zustand der vierten Gewalt: Danah Boyd hat sich für Mediums Publikation „Trust Issues“ mit Amerikas Journalismus auseinandergesetzt und unterbreitet drei Vorschläge, wie das, wofür der Journalismus im besten Fall einmal angetreten ist, gerettet werden kann. The Messy Fourth Estate.
  • The Facebook Era is ending: In ungewohnter Offenheit präsentiert Slate-Kollege Will Oremus, wie groß die Auswirkungen des Facebookschen News-Feed-Umbaus für das US-News-Portal waren. Von Januar 2017 bis Mai 2018 ist der Traffic-Anteil von Facebook um satte 87 Prozent gefallen. Wie das passieren konnte, wie es anderen in der Branche ergeht und warum die Ära, in der Publisher auf Traffic via Facebook setzen konnten, endgültig vorbei zu sein scheint, steht in diesem imho must-read der Woche.



Neues von den Plattformen

Facebook

  • Aquila Project: Facebook verabschiedet sich von seinen Plänen, mittels selbstgebauter Drohnen Internet in die Teile der Welt zu bringen, die bislang noch kein f̶̶a̶̶c̶̶e̶̶b̶̶o̶̶o̶̶k̶ Internet hatten. Die Idee, Menschen auch via Technologie jenseits des Facebook-App-Kosmos zu verbinden, werde aber weiter verfolgt, heißt es.
  • Snooze-Option: Auch gibt es bei Facebook bald die Option, bestimmte Keywords, respektive die Geschichten dazu, für einen gewissen Zeitraum aus dem eigenen News Feed via Snoozerauszuhalten.

Twitter

  • Kampf gegen Trolle: Twitter verschärft seine Regeln beim Signup-Prozess und fordert Nutzer nun auf, ihre Neuanmeldung via Email oder Telefonnummer zu bestätigen. Das neue Vorgehen soll Trollen und anderen Akteuren, die nichts Gutes im Schilde führen, vorbeugen. Twitter hat da ganz offensichtlich einiges zu tun: allein im Mai 2018 hatte es Twitter mit 9,9 Millionen potentiellen Spam-Accounts in der Woche zu tun. Hier der offizielle Blogpost von Twitter.


One More Thing

Dein Leben in Wochen: Ich weiß, dieser Post von Tim ist schon etwas ältern. Aber in Zeiten wie diesen sollte sich jeder ruhig einmal die Frage stellen, mit welchen Tätigkeiten er eigentlich seine Zeit verbringt – der Kalender Your Life in Weeks sorgt für die richtige Perspektive.