Briefing für den 10.4.2018 | Ausgabe #445

martin Briefing

Salut, ich treffe heute in einem Hintergrundgespräch Adam Mosseri, Facebooks News Feed Chef. Falls du eine Frage an ihn hast, die ich ihm stellvertretend stellen sollte, freue ich mich über eine Email von dir. Ansonsten beschränke ich mich im heutigen Briefing vor allem auf die Anhörung von Zuckerberg, die ich heute Abend natürlich verfolgen und über die ich morgen an dieser Stelle berichten werde. Im weiteren Verlauf der Woche dann wieder auch mehr Non-Facebook-News. Promise. Vielen Dank für das Interesse, Martin & Team

Zeuge Zuckerberg

Was ist: Heute um 20:15 Uhr mitteleuropäischer Zeit beginnt die erste Anhörung im US-Kongress mit Mark Zuckerberg als Zeugen. Die zweite Anhörung erfolgt am Mittwoch um 16:15 MEZ.

Was kann man erwarten:

  • Mark Zuckerberg wird sich mit Fragen zum Fall Cambridge Analytica, zur Einflussnahme Russlands auf die US-Wahlen und natürlich auch mit Fragen zum generellen Geschäftsmodell von Facebook konfrontiert sehen.
  • Bereits im Vorfeld zur Anhörung hat Mark Zuckerberg eine schriftliche Erklärung lanciert, die er vor dem Kongress verlesen wird. Darin enthalten: mehrere Entschuldigungen und die Aufzählung all der Dinge, die Facebook bereits angeschoben habe, um Ähnliches nicht mehr geschehen zu lassen.

Maßnahmen, die Facebook im Vorfeld zur Anhörung im Kongress angekündigt hat:

  • Europäische Privatsphäre für alle: Facebook hat angekündigt, dass die neuen EU-Privatsphäre-Standards für alle Nutzer gelten sollen. Allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: „Those updates cover users worldwide, with legal variations in some places.“ Mit anderen Worten: Ja, etwa mit Blick auf das Dashboard, das einen die Privatsphäre-Einstellungen vornehmen lässt oder hinsichtlich der einfachen Sprache, in der die Terms of Services formuliert werden, aber eher nicht hinsichtlich der konkreten juristischen Ausgestaltung.
  • Privacy Shortcuts: Facebook hat angekündigt, dass künftig die Privatsphäre-Einstellungen nicht mehr über 20 Screens verteilt vorgenommen werden müssen, sondern vielmehr an einem zentralen Ort anzufinden sind. Unter anderem soll es auch möglich sein, alte Posts oder alte Kommentare zu löschen. Die ist eigentlich auch schon jetzt möglich – allerdings nicht in einer Bulk-Funktion. Bedeutet: Bislang war es nicht möglich, viele Posts oder Kommentare auf einmal zu löschen, sollte Facebook das einführen, wäre das tatsächlich ein echter Fortschritt. Aber be smart: Selbst wenn du dich dazu entscheidest, alle Posts zu löschen, die z.B. im Zusammenhang mit einer Musikrichtung stehen, die du jetzt gar nicht mehr so pralle findest, hat Facebook sicherlich noch die Information gespeichert, dass du einmal Fan dieser Musikrichtung gewesen bist.
  • Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern: Auch hat Facebook neue Kooperation mit ausgewählten Forschern angekündigt. Der Clou: Externe Gruppen wie etwa die Knight Foundation kommen für die Kosten auf, Facebook selbst beteiligt sich nicht. Zudem hat Facebook zugestimmt, dass sie die Ergebnisse der Forschungsarbeiten vor Veröffentlichung nicht zur Überprüfung vorgelegt bekommen. Das ist erfreulich, sind doch wissenschaftliche Studien gerade zur Frage, welchen Einfluss Social-Media-Plattformen auf Wahlen haben, elementar. Allerdings wird bislang aus der Ankündigung nicht ersichtlich, ob die Forschung auch auf die Plattformen WhatsApp und Instagram Anwendung finden wird. Hinsichtlich der Erforschung von Desinformationskampagnen wäre das essentiell. Zudem scheint der Fokus tatsächlich vor allem auf künftigen Wahlen zu liegen. Es wäre aber sicherlich überaus wertvoll, wenn noch einmal in aller Ausführlichkeit die Rolle von Facebook bei der Wahl Trumps untersucht würde. (Übrigens: Twitter hat eine ähnliche Kooperation angekündigt.)

Weitere Ankündigungen in aller Kürze: Da Facebook sich im Vorfeld der Anhörungen im US-Kongress mit Ankündigungen und Maßnahmen regelrecht überschlagen hat, hier noch ein kurzer Abriss über all die Dinge, mit denen FB Nutzer und vor allem Politiker befrieden will. Nachzulesen alles in Facebooks Newsroom.

  • Facebook hat ein Transparenz-Programm für politische Werbung angekündigt. Künftig muss Zielgruppe und Finanzierung einer politischen Werbung klar erkennbar sein.
  • Betreiber großer Fanpages müssen sich nun verifizieren. Dadurch soll verhindert werden, dass etwa ausländische Akteure politische Propaganda in Drittländern betreiben.
  • Auch würden Nutzer, die vom CA-Skandal betroffen sind, alarmiert.
  • Dritten wurde und wird der Zugang zu Facebooks Daten weiter beschnitten.
  • Die Suchfunktion, die es bislang ermöglichte, Menschen per Email-Adresse oder Telefonnummer zu finden, wurde gekappt.

Be smart: Das hört sich erst einmal alles ganz schön ambitioniert und fürsorglich an, was Zuckerberg und Kollegen dort an Maßnahmen und Projekten in den letzten Tagen und Wochen auf die Reise geschickt. Aber vieles davon – das muss auch an dieser Stelle noch einmal deutlich unterstrichen werden – ist bereits seit Monaten in der Mache, weil es Voraussetzung ist, um der EU GDPR gerecht zu werden. Es ist also am Ende vor allem wichtig, auf die Feinheiten zu schauen. Etwa wenn FB sagt, GDPR für alle, aber gleichzeitig regionale Unterschiede ankündigt, dann sollte die Öffentlichkeit wachsam sein. Kollege Sebastian Meineck hat für Motherboard schöne Beispiele zusammengetragen, die aufzeigen, was sich hinter der blumigen Sprache von Facebook eigentlich verbirgt. Und dass Mark Zuckerberg ein Großmeister darin ist, sich im Nachhinein für Versäumnisse zu entschuldigen, zeigt dieser wunderbare Artikel von Zeynep Tufekci.

One More Thing: Und bitte nicht glauben, dass wir auf Facebook alle Teil einer Community sind, wie es Zuckerberg und Co immer wieder beschwören. Das ist wirklich reine PR.

Zeynep Tufekci: Again, this isn’t a community; this is a regime of one-sided, highly profitable surveillance, carried out on a scale that has made Facebook one of the largest companies in the world by market capitalization.