Briefing für den 9.3.2018 | Ausgabe #437

martin Briefing

Salut! Nur ganz kurz: Ich begrüße ganz herzlich all die neuen Kollegen von der VICE, freue mich riesig über das rege Interesse an meinem kleinen Newsletter und habe hart Bock aufs Wochenende! In diesem Sinne, Martin & Team



FAKES VERBREITEN SICH SCHNELLER ALS WAHRHEITEN

Was ist: Eine umfangreiche MIT-Studie, die im renommierten Science-Journal publiziert wurde, zeigt, dass sich Unwahrheiten auf Twitter sehr viel schneller und umfassender verbreiten als Wahrheiten.

Was wurde untersucht? Die Wissenschaftler haben 126,000 Stories untersucht, die von drei Millionen englischsprachigen Nutzern in einem Zeitraum von zehn Jahren auf Twitter geteilt wurden.

Was ist das Ergebnis? Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass bei jeglicher Metrik, die zum Vergleich herangezogen wurde, Unwahrheiten immer mehr Menschen erreichen, sich tiefer in das soziale Netzwerk einweben und sich schneller verteilen als die korrekte Version der Story.

Wer ist schuld? Zum einen tragen Bots dazu bei, dass sich Unwahrheiten auf Twitter derart verbreiten können. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit. Die Nutzer tragen den Wissenschaftlern zufolge mindestens genau so arg dazu bei.




FACEBOOK UND DIE ITALIEN-WAHL

Was ist: Donald Trumps Facebook-Strategie scheint für Italiens Lega-Anführer Salvini Vorbild in Sachen politischer Kommunikation gewesen zu sein.

Warum ist das interessant? Seit über einem Jahr diskutieren wir nun den Einfluss von Facebook auf die Demokratie, insbesondere hinsichtlich der Möglichkeiten, Facebook für politische Propaganda auszunutzen. Bei der Wahl in Italien hat Facebook Beobachtern zufolge ebenfalls eine enorm große Rolle gespielt.

Warum ist das ein Problem? Bei der US-Wahl haben wir erleben müssen, wie ausländische Interessensgruppen via Facebook Einfluss auf die Wahlen eines souveränen Staates nehmen können. In Italien lässt sich bereits Ähnliches hinsichtlich der Einflussnahme durch Russland beobachten – etwa über Posts der Nachrichtenseite Sputnik, sehr zum Vorteil von populistischen Strömungen.

Aber auch die Kandidaten selbst haben auf ihre ganz eigene Art, die Plattform zum eigenen Vorteil ausgenutzt und etwa der Aufmerksamkeitslogik bei Facebook entsprechend mit enorm emotionalen, mutmaßlich häufig nicht mehr der Wahrheit entsprechenden, Postings mehr Reichweite erzielen können als etwas unaufgeregtere Konkurrenten. Genau diese Schieflage bei der Bevorzugung von Inhalten ist Gegenstand der Debatte in den USA – und könnte es nun auch in Italien werden.

Money-Quote von Matteo Salvini: „Grazie a dio esiste la rete, grazie a dio esistono i social, grazie a dio esiste Facebook“ – also zu deutsch: „Danke Gott für das Internet, Danke Gott für Social Media, Danke Gott für Facebook“.

Plus: In diesem Zusammenhang möchte ich noch einmal die großartige Recherche von Kollegin Adrienne Fichter zur Facebook-Strategie der 5-Sterne-Bewegung empfehlen: Der digitale Diktator




SNAPCHAT SETZT 120 KOLLEGEN VOR DIE TÜR

Was ist: Snapchat hat angekündigt, sich von 120 Mitarbeitern trennen zu wollen.

Warum ist das interessant?

  • Snapchat gilt als ärgster Rivale von Facebook, schließlich kann Snapchat besonders bei jungen Nutzern punkten, während Facebook dort den Prognosen zufolge weiter Nutzer verlieren wird.
  • Snapchat hatte Ende letzten Jahres mit viel Bohei angekündigt, die App umbauen zu wollen, um mehr Nutzer zu gewinnen. Das Ergebnis dieses Redesigns, das mittlerweile ausgerollt wurde, hat allerdings für sehr viel mehr Kritik gesorgt als erwartet. Wenn sich Snapchat nun von 10 Prozent seiner Belegschaft trennt, dann lässt das aufhorchen.

Was steckt denn hinter den Entlassungen? Offenbar wurden interne Ziele nicht erreicht. Vielleicht will Snapchat aber auch einfach zusehen, dass sie die Kosten drücken, um profitabel zu weden. Aktuell verbrennt Snapchat nämlich Geld ohne Ende.

Übrigens: Bei Snapchat kann man jetzt auch Freunde taggen. Wie das funktioniert, weiß Techcrunch.




LESETIPPS FÜRS WOCHENENDE

Big on Instagram: Wer einmal verstehen möchte, wie viel Aufwand hinter einer sorgfältig inszenierten Instagram-Karriere steckt, möge What does it cost to be big on instagram? lesen. In diesem wunderbaren BuzzFeed-Artikel wird aufgezeigt, wie viel Geld Influencer via Instagram verdienen (können) und wie viel Personal hinter einzelnen Accounts steckt. Ich hatte ja keine Ahnung.

When your business is yourself, it can turn your whole life into work.

Die Erfindung des Selfies: Auch der nächste Artikel beschäftigt sich mit Fotografie, allerdings in der Jedermann-Ausführung: Die New York Times geht der Frage nach, wer eigentlich das Selfie erfunden hat. Spoiler: Britney Spears und Paris Hilton waren es nicht. How The Selfie Conquered The World

Wie Facebook und Google Städte verändern können: Damit die Services von Facebook und Google weltweit genutzt werden können, braucht es logischerweise riesige Datenzentren. Diese Datenzentren sind in der Regel schmucklose, gut gesicherte Gebäude, die pro Gebäude durchaus die Größe von vier Fußballfeldern einnehmen können. Wie es sich anfühlt, wenn eins der Tech-Unternehmen ein solches Zentrum in deine vorher ach so beschaulichen Einöde pflanzt, ist hier nachzulesen – irgendwie witzig und spooky zugleich:

We were a cowboy and timber town, said Steve Forrester, Prineville’s city manager and a former sawmill executive. We went from ‘I got to go feed my cows’ to the most technically advanced companies in the world siting data centers in our little town. It freaked some people out.

Interview mit Peter Thiel: Er ist einer der wohl zugleich schillerndsten wie auch umstrittensten Figuren im Silicon Valley: Peter Thiel, 50 Jahre, geboren in Frankfurt am Main, gehört zur legendären Paypal-Mafia, sitzt im Aufsichtsrat von Facebook, lässt Utopien im Pazifik war werden, hat angeblich direkten Zugang zu Donald Trump, zeigt sich bereits seit Jahren als Kritiker des Valleys, zieht gerade nach LA und gibt nur äußerst selten Interviews. Letzteres ist nun aber wieder einmal passiert. Spannend.

Die Polizei und Social Media: Dein Freund und Helfer ist jetzt ja immer öfter auch dein Facebook-Freund und Twitter-Following. Wie und was die Polizei auf Social Media eigentlich treibt und ob sie dabei nicht häufiger auch das Gebot zur Neutralität verletzt, ist Gegenstand einer Artikel-Serie bei netzpolitik. Bitte lesen – ist wichtig.

Retweets are Trash: Die letzte Leseempfehlung kommt vom verehrten Alexis Madrigal, der sich von einem Kollegen ein Script schreiben lassen hat, das ihm sämtlich Retweets ausblendet. Für Madrigal ein echtes Erweckungserlebnis – und die viel bessere Nutzungserfahrung von Twitter. Sein Bericht: Retweets are Trash.




PODCAST-TIPPS

Prolog: Ich würde mich wirklich nicht als Early Adopter bezeichnen, vielmehr warte ich häufig erst einmal ab, schaue mir die Dinge genau an, versuche sie zu verstehen und dann – nach einigem Hin und Her – finde ich vieles von dem, was ich vorher kritisch betrachtete, doch total gut und integriere es in mein Leben. So jedenfalls ist es mir auch mit Podcasts ergangen. Hatte ich vorher nicht so richtig gesehen, welchen Dienst mir Podcasts erweisen sollten, habe ich nun große Freude an ihnen. Da es mir damit natürlich nicht alleine so geht, sondern Podcasts mittlerweile quasi in industriellem Maßstab produziert werden, möchte ich in meinen Briefings fortan immer mal wieder Podcasts, respektive einzelne Folgen empfehlen. Falls jemand einen Tipp für mich hat in Sachen Podcast, immer her damit. Heute zunächst einmal zwei Empfehlungen:

  • Wer stoppt die digitalen Giganten? Die werte Kollegin Katrin Rönicke hat für PIQD einen Live-Podcast-Salon zur Frage, wer die digitalen Giganten stoppt, organisiert. Im Gespräch mit Rönicke sind Anke Domscheit-Berg (Die Linke), Thomas Jarzombek (CDU) und Walter Palmetshofer (Open Knowledge Foundation). Eine wirklich hörenswerte Auseinandersetzung, bei der ich u.a. gelernt habe, was es alles für Initiativen gibt, Start-Ups staatlich zu unterstützen.
  • Recode Replay: Von der Code-Media-Konferenz hatten wir ja an dieser Stelle berichtet. Das war das Event, bei dem Facebooks Frontfrau in Sachen Medienpartnerschaften die Empfehlung an Publisher aussprach, sich doch von der Plattform zurückzuziehen, wenn sie ihnen nicht mehr hilfreich erscheint. Das hatte gesessen. Jetzt gibt es jedenfalls all die Gespräche, die dort auf großer Bühne geführt worden, auch als Podcast. Für mich persönlich ist das immer spannend, die handelnden Personen (etwa BuzzFeeds Peretti oder HuffPos Polgreen) einmal im Gespräch zu erleben.



ONE LAST THING

Nein, Facebook hört dich nicht ab, aber… Facebook hat natürlich unzählige Wege gefunden, um sich ein sehr genaues Bild von seinen Nutzern zu machen. Die Kollegen vom Wall Street Journal erklären in einem durchaus sehenswerten Video wie dieses ominöse Tracking funktioniert – und zwar derart, dass es auch meine Schwiegermutter gut verstehen würde. No offense. Ich habe meine Schwiegermutter sehr gern.