Briefing für den 1.3.2018 | Ausgabe #433

martin Briefing

Salut! Aktuell ist wieder eine Menge los. Unglaublich viele News. Ich hoffe sehr, dass unser kleines Briefing dabei helfen kann, den Überblick zu behalten. Herzliche Grüße und einen angenehmen Donnerstag, Martin & Team


„FAKE NEWS“ – EIN ÜBERBLICK

Was ist: „Fake News“ stellen Beobachtern zufolge weiterhin eine ernst zu nehmende Bedrohung für Demokratien dar. Die Probleme sind dabei extrem vielschichtig – das haben die vergangenen Tage und Wochen einmal mehr gezeigt. Ein Überblick über die wichtigsten Stories:

Breaking-News-Teams für Social-Media-Plattformen?

  • Facebook, Twitter und YouTube werden bei Breaking News immer häufiger mit Falschinformationen regelrecht geflutet. Das jüngste Beispiel: die Schüler bei der Schießerei an einer Schule in Florida wären Schauspieler gewesen. (sic!)
  • Das Problem: Die Plattformen sind dabei häufig nicht nur Opfer, sondern auch Katalysatoren aufgrund ihrer über Algorithmen gesteuerten Aufmerksamkeitslogiken. So werden „Fake News“ immer wieder prominent auf den Startseiten oder in den Trending Topics beworben.
  • Vielleicht ist es ja an der Zeit für Breaking-News-Teams bei Social-Media-Plattformen, findet Kollege Charlie Warzel von BuzzFeed. Diese Teams könnten dann schnell entsprechende Videos und Co ausfindig machen und ggf. runternehmen.

Fact-Checking bei Facebook:

  • Vor ein paar Wochen hat Facebook mit seinen Fact-Check-Partnern ein Meeting abgehalten – leider nicht öffentlich. Die Fact-Checker wollen von Facebook vor allem wissen, wie es um die Effektivität ihrer Arbeit bestellt ist. Viellecht haben sie eine Antwort bekommen – vielleicht auch nicht. Die Allgemeinheit jedenfalls wurde über die Ergebnisse des Treffens nicht informiert.
  • Das Problem für Fact-Checking-Teams besteht vor allem in der schieren Flut an Postings, die sekündlich lanciert werden. Menschliche Teams skalieren in dieser Sache einfach nicht, wie der sehr geschätzte Kollege Frederic Filloux in seiner Monday Note lesenswert darstellt.
  • Interessanterweise sind Fact-Checker übrigens nicht in der Lage, Videos und Fotos zu überprüfen, sondern lediglich Link-Posts. Das liegt ganz einfach daran, dass es für User bislang nicht möglich ist, entsprechende Inhalte zu „flaggen“. Angeblich arbeitet Facebook aber an einer Lösung dieses Problems.

Digital Literacy:

  • Finnland scheint ein gutes Beispiel dafür zu sein, dass sich mit Bildung eine Menge in Sachen geringerer Empfänglichkeit für „Fake News“ und Propaganda erreichen lässt. Vielleicht ja eine Blaupause für andere Länder.
  • Wer mag, der kann jetzt übrigens in einem Spiel sein eigenes „Fake News“-Imperium aufbauen und dadurch lernen, wie „Fake News“ funktionieren. Bildung als Computerspiel – vielleicht nicht der schlechteste Ansatz, mehr Digital Literacy (Digitalkompetenz) zu wagen.
  • Allerdings sollte diesem Bericht des Data & Society Research Instituts zufolge auch nicht sämtliche Hoffnung mit Digital Literacy verknüpft werden. Schließlich sei es nicht nur eine Frage der Bildung, ob man „Fake News“ glauben mag, sondern vielleicht auch in der Tat eine Frage des Glaubens selbst. Steile These, aber mit Blick auf die Gefolgschaft von Trump in den USA durchaus nachvollziehbar dargestellt.

Aktuelle Studien zum Thema „Fake News“:

Warum ich hier die ganze Zeit „Fake News“ in Anführungszeichen schreibe? Weil der Begriff mega schwammig und schlecht und schlimm ist. Kollege Stöcker hat das für SPON jüngst wunderbar aufgeschrieben.




TRUMP, CLINTON UND WERBUNG BEI FACEBOOK

Was ist: Es ist eine Debatte darüber entbrannt, ob Hillary Clinton bei der US-Wahl mehr für Werbung auf Facebook ausgeben musste als Konkurrent Donald Trump.

Warum ist das wichtig? Werbung für politische Parteien und Kandidaten unterliegen bestimmten Spielregeln. Während politische Anzeigen im Fernsehen klar reglementiert sind, gibt es eben jene Regeln bei Social-Media-Plattformen (noch) nicht.

Wie konnte es sein, dass Trump „weniger“ bezahlt hat? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns einmal kurz mit den Mechanismen der Versteigerung von Werbeplätzen bei Facebook vertraut machen:

Wie das mit der Werbung bei Facebook funktioniert:

  • Facebook bietet begrenzten Platz für Werbeanzeigen an
  • Am interessantesten für Werbetreibende ist der Platz im News Feed der Nutzer
  • Der Grund: Dort taucht die Werbung direkt zwischen Inhalten von Freunden und Bekannten, kann also wunderbar geteilt werden, etc.

Werbetreibende wollen natürlich dahin, wo die Nutzer sind:

  • Sie liefern dafür einen Inhalt, definieren eine Zielgruppe und nennen einen Preis, den sie bereit wären zu zahlen, damit der Nutzer die gewünschte Aktion ausführt: z.B. liken, klicken, kommentieren oder etwas spenden
  • Jede dieser Aktionen hat seinen eigenen Auktionspreis

Soweit, so gut. Aber jetzt wird es tricky:

  • Facebook bietet nicht einfach dem Meistbietenden den Werbeplatz an
  • Vielmehr vergibt Facebook den Platz an denjenigen, der den höchsten Score beim (komplexen) Zusammenspiel folgender Faktoren erzielt: genannter Preis & eine algorithmische Bewertungen dessen, wie gut die Anzeige abhängig vom genannten Ziel in der definierten Zielgruppe funktioniert

Bedeutet konkret: Wenn eine Anzeige auf Facebook gut funktioniert, dann kann für den gleichen Preis sehr viel mehr erreicht werden. Vor allem dann, wenn werbliche Posts von der Zielgruppe weitergetragen werden, sich also die organische Reichweite erhöht.

Womit wir bei Trump und Clinton wären:

  • Weil Trumps Anzeigen in der Zielgruppe besser funktionierten, hatte er zwar vielleicht initial höhere Ausgaben, am Ende aber geringere Kosten bei einer größeren Reichweite im Vergleich zu Clinton.
  • Das Problem besteht also nicht so sehr darin, dass Trump und Clinton per se von Facebook unterschiedlich behandelt wurden, sondern darin, dass Trump mit provokativen Posts, die zum Klicken und Teilen animieren sollten, besser die Facebooksche Aufmersamkeitslogik und seine definierte Zielgruppe bediente als Hillary Clinton, die mehr auf Information setzte.

Was jetzt wichtig wird:

  • Facebook überlegt mehr Daten zu den Ausgaben von politischen Akteuren im US-Wahl 2016 herauszugeben.
  • Aktuell haben sie nur diese Grafik veröffentlicht – und die ist für den vorliegenden Fall nicht sehr aussagekräftig.
  • Trumps Beispiel könnte Schule machen: somit sollten wir uns als Journalisten darauf gefasst machen, noch sehr viel stärker politische Werbebotschaften in den sozialen Medien in den Blick zu rücken – etwa so wie es ProPublica macht.
  • Die Debatte über striktere Reglementierungen von politischen Werbeinhalten in sozialen Medien dürfte erneut Fahrt aufnehmen.

Money-Quote:

The above auction analysis is even more true for News Feed, which is only based on engagement, with every user mired in a self-reinforcing loop of engagement, followed by optimized content, followed by more revealing engagement, then more content, ad infinitum. The candidate who can trigger that feedback loop ultimately wins. The Like button is our new ballot box, and democracy has been transformed into an algorithmic popularity contest.

Quelle: WIRED




AKTUELLE STUDIEN / STATISTIKEN

Geld verdienen auf YouTube: Eine Studie aus Offenburg zeigt u.a., dass der allergrößte Anteil des Kuchens an die Top-3-Prozent der YouTube-Kanäle geht: Success on YouTube Still Means a Life of Poverty

Mainstream News und soziale Bewegungen auf Twitter: In einer spannenden Studie der Knight Foundation wird aufgezeigt, wie wenig Mainstream-Publisher die Diskussionen von Black Twitter, Feminist Twitter und Asian-American-Twitter aufgreifen. Hier geht es zum PDF.

Facebook & die Olympischen Spiele: Normalerweise ist Facebook nicht verlegen darum, mit Zahlen zu prahlen, wenn es um die Beteiligung auf der eigenen Plattform bei Mega-Events geht. Interessanterweise hat Facebook bei der Präsentation der Ergebnisse zu den Olympischen Spielen genau darauf verzichtet und lediglich aufgezeigt, über wen und was am meisten gesprochen wurde – aber nicht in welcher Anzahl. Vielleicht ein Indiz dafür, dass Facebook weniger genutzt wurde? Nur so eine Vermutung.

Gute Zahlen bei Snapchat: Sehr groß war die Kritik am Redesign von Snapchat. Aber wie es immer so ist, scheint eben auch schlechte Presse gut für das Interesse am Produkt zu sein. Die sogenannten „First Install Rates“ waren jedenfalls extrem hoch nach dem Redesign.

Facebooks Inclusive Internet Index: Facebook muss weiter wachsen. Da Facebook aber quasi schon den für sie faktisch erreichbaren Anteil an Menschen (Weltbevölkerung mit Internetanschluss – Russland – China) mit Facebook versorgt hat, müssen sie herausfinden, in welchen Teilen der Welt noch kein Internet flächendeckend zur Verfügung steht. Genau dafür wird von ihnen der Inclusive Internet Index erstellt – also unter anderem natürlich. Auf jeden Fall spannend.

Cyberbullying: Eine neue Studie zeigt, dass sich Kids von den Social-Media-Plattformen in Sachen Cyberbullying im Stich gelassen fühlen: sie hätten keine Ansprechpartner bei den Unternehmen und auch kaum Hilfestellungen innerhalb der Apps.

Nachtrag: In Briefing #432 hatte ich angemerkt, dass Facebook in anderen Ländern in Sachen Vermittlung von Nachrichten eine wesentlich zentralere Rolle spielt als es etwa in Deutschland der Fall ist. Kollegin Melissa Faust hat mich via Twitter an die Ergebnisse des Reuters Institute Digital News Survey 2016 erinnert, die genau das – etwa für die Türkei und Griechenland – aufzeigen.




FEATURES, TOOLS & APPS

Twitter führt Bookmark-Funktion ein: Endlich führt Twitter die schon vor einiger Zeit angekündigte Bookmark-Funktion ein. Fortan wird an der Stelle, an der vormals die DM-Funktion zu finden war, eine Teilen-Funktion angezeigt. Dahinter verbergen sich dann die Optionen, Tweets als Bookmark abzulegen, Tweets via Direct Message oder anderweitig, etwa via WhatsApp, zu teilen. Die Bookmarks sind dann gesammelt an einem speziellen Ort innerhalb der App zu finden. Von mir gibt es dafür Applaus – nutze ich Twitter doch massiv für die Recherche. Einziger Wunsch an dieser Stelle: das neue Feature soll bitte auch auf die Web-Version übertragen werden.