Briefing für den 28.2.2018 | Ausgabe #432

martin Briefing

Liebe Kollegen, einen schönen guten Morgen! Ich möchte an dieser Stelle zunächst einmal die über hundert neuen Abonnenten von der Deutschen Welle begrüßen – total großartig, dass ihr alle via Enterprise-Abo an Bord seid! Herzlich Willkommen! Für mich persönlich ist das ein tolles Signal, zeigt es doch, dass unsere Arbeit wirklich wertgeschätzt wird. Und auch für die vielen Kollegen da draußen sollte es eine Ermutigung sein, schließlich wächst dieses Briefing Woche um Woche zu einem guten Beispiel dafür heran, dass die technischen Möglichkeiten neue nachhaltige, journalistische Daseinsformen ermöglichen. Von daher: Danke Euch allen für das Interesse und für die Unterstützung! Auf zum Briefing! Merci, Martin


RUSSISCHE EINMISCHUNG

Was ist: US-Sonderermittler Robert Mueller beschreibt in seiner Anklageschrift eindrucksvoll, wie russische Akteure über Jahre versucht haben, zunächst das demokratische System in den USA zu diskreditieren und später die US-Präsidentenwahl zu Lasten von Hillary Clinton zu beeinflussen.

Warum ist das für das Briefing interessant?

  • In der Anklageschrift wird aufgezeigt, welche Rolle Social-Media-Plattformen bei der Einflussnahme durch russische Agenten gespielt haben.
  • Namentlich werden Facebook 35 mal, Twitter 9 mal, Instagram 6 mal und Youtube 1 mal erwähnt. Snapchat spielte offenbar keine Rolle.
  • Allein bei Facebook seien 126 Millionen Amerikaner mit entsprechend manipulativen Inhalten in Kontakt gekommen.

Wie verhält sich Facebook dazu?

  • Facebook hat bei den Ermittlungen tatkräftig mitgeholfen und z.B. Kontakte zwischen der beklagten Internet Research Agency und Pro-Trump-Lagern nachgewiesen.
  • Auch gibt Facebook zu Protokoll, dass man froh sei über die Anklageschrift, würde dadurch doch der Sache endlich die Bedeutung beigemessen, die sie verdient hätte.
  • Nicht so glücklich wäre man bei FB darüber, dass Instagram nun auch bei den Ermittlungen eine Rolle spielt. Schnief.

Wie geht es jetzt weiter?

  • Die Social-Media-Plattformen werden vermutlich weiter mit den Behörden kooperieren, wollen sie sich doch nicht noch mehr Feinde machen.
  • Das wiederum könnte in einer zweiten Zündstufe eine Debatte darüber auslösen, was die Social-Media-Plattformen alles über ihre Nutzer wissen und an Behörden weitergeben. Remember Snowden? Vermutlich aber eher nicht.

Be smart:

Die eigentlich Würze liegt noch in einem anderen Bereich, der so bislang noch nicht diskutiert wurde: Facebook-Gruppen eignen sich perfekt, um Abseits der Öffentlichkeit Stimmung unter Gleichgesinnten zu machen. Will Facebook doch künftig Gruppen stärker in den Fokus der Nutzungserfahrung rücken, sollten wir also auch hier ganz genau hinschauen und uns fragen, was da eigentlich in diesen closed groups passiert. Keiner weiß es so genau.

Meine Fragen an Facebook:

  • Gibt es Bestrebungen, Facebook-Gruppen hinsichtlich der Einflussnahme durch politische Akteure zu überprüfen?
  • Wie viele Leute sind damit befasst?
  • Wie können unabhängige Dritte, etwa Journalisten oder Wissenschaftler, in geschlossenen Gruppen forschen?
  • Welche Instrumente gibt es, um seitens Facebook und/oder durch Dritte entsprechende Gruppen zu identifizieren?
  • Wie schätzt Facebook die Einflussnahme durch politische Akteure innerhalb von Gruppen ein – gerade vor dem Hintergrund, dass Gruppen zu einem elementaren Bestandteil der Nutzungserfahrung von Facebook heranreifen sollen?

NEWS ZUM NEWS FEED UMBAU

Was ist: Im Nachklapp zur Ankündigung, den News Feed umbauen zu wollen, erklärte Facebook, dass künftig nur noch 4 statt 5 Prozent News im News Feed der Nutzer auftauchen würden. Eine überraschend klare Ansage, so der Eindruck damals. Auf Nachfrage von BuzzFeed hat Facebook nun aufgezeigt, wie sie zu dieser Annahme gekommen sind:

  • Grundlage für die Berechnungen der 5, respektive 4 Prozent, sind ausschließlich Link-Posts zu News Publishern.
  • Die 5, bzw. 4 Prozent beziehen sich auch auf Posts von Freunden zu News-Stories, nicht nur von Pages.
  • Es handelt sich dabei um eine Berechnung des globalen Durchschnitts-Users – die Zahl könnte individuell sehr viel größerer oder kleiner ausfallen, so Facebook.
  • Native Inhalte wie Videos, Fotos oder etwa Statusupdates sind bei der Berechnung übrigens nicht mit einbezogen worden – tatsächlich nur Link-Posts.
  • Laut Facebook hätte das Einbeziehen von nativen Inhalten keine größere Auswirkung – was strange ist, hat Facebook doch immer wieder die Bedeutung von Video-Inhalten betont und selbst maximal gepusht.

Warum ist das interessant?

  • Facebook wird nicht müde zu betonen, dass die durchschnittliche Anzahl von News im News Feed minimal sei – siehe 5-Prozent-Erzählung.
  • Journalismus-Anbieter sehen das natürlich etwa anders: Für viele hat Facebook sehr wohl eine bedeutende Rolle als Trafficbringer gespielt. Der Rückgang ist für viele durchaus schmerzlich und kann bislang auch in keiner Weise von Twitter oder Instagram aufgefangen werden – siehe hier.
  • Einige Anbieter trifft es besonders hart, hatten sie doch voll auf Facebook gesezt – siehe Layoffs bei Vox Media.
  • Anders als etwa in Deutschland, wo es tatsächlich eher ein Publisher-Problem ist und weniger ein Problem für die Meinungsbildung spielt Facebook in Ost-Europa, Afrika oder Südamerika hinsichtlich der Verbreitung von News eine zentrale Rolle – hier gilt es deshalb einen besonders kritischen Blick drauf zu werfen, wie sich der News-Feed-Umbau auswirkt. Vielleicht können die neuen Kollegen von der Deutschen Welle in unserer Facebook Gruppe dazu etwas berichten – fände ich ja spannend!

Kann man nicht einfach mit Facebook aufhören?

  • Ja, klar. Kann man machen. Ein dänischer TV-Sender hat das einmal für zwei Wochen ausprobiert: „It felt like a spa vacation“.
  • Auch ich habe übrigens meine persönliche Facebook-Seite und die vom Watchblog dicht gemacht – bringt einfach nix mehr. Ich erreiche dort von 4000 Fans pro Post maximal 40-50. Da lohnt sich die Page einfach nicht mehr. Unsere Gruppe ist da aktuell für mich spannender.

8 GRÜNDE, WARUM FACEBOOK ANGESCHLAGEN IST

Was ist: Facebook hat im Januar sagenhafte Geschäftszahlen vorgelegt. Keine Frage. Dennoch scheint der Social-Media-Gigant angeschlagen. Ein kompakter Überblick:

  1. Rückgang der Nutzerzahlen: Zum ersten Mal in der Geschichte von Facebook verzeichnete die Plattform einen veritablen Nutzerschwund im Kernland. Und die Vorhersagen für 2018 sehen nicht gut aus.
  2. Rückgang bei der Nutzung: Auch was das Engagement der Nutzer auf der Plattform angeht, sieht es nicht gut aus. Nutzer verbringen zunehmend weniger Zeit mit der App.
  3. Stress mit Werbegiganten: Wenn Unilever und andere Riesen Facebook damit drohen, künftig auf der Plattform nicht mehr zu werben, dann ist das mehr als nur ein Schuss vor der Bug.
  4. Fake News & Propaganda: Für Facebook dürfte es mit die größte Herausforderung werden, eben jener kruden Machenschaften auf der eigenen Plattform Herr zu werden – mehr dazu im Schwerpunkt-Briefing am Donnerstag zum Thema Fake News.
  5. Ehemalige Mitarbeiter kehren Facebook den Rücken: Wir haben es alle mitbekommen – die Reihe an ehemaligen FB-Mitarbeiter, die sich öffentlich und kritisch zu Wort melden, wird immer länger.
  6. Rufe nach Regulierungen werden zunehmend lauter: Von CNN-Chef Zucker, einem Lobby-Verband der amerikanischen Zeitungsindustrie bis hin zu Abgeordneten des US-Kongresses zeigen sich immer mehr besorgt, über die Macht von Facebook und denken laut über Formen der Regulierung nach.
  7. Die Europäische Datenschutzregulierung: Die EU fordert mit ihrem Paket zur General Data Protection Regulation Konzernen wie Facebook einiges ab.
  8. Dauerfehde mit der News-Industrie: Nun, wie soll ich es sagen? Die News-Industrie hat Facebook aktuell ziemlich auf dem Kieker. Meine Meinung dazu? Völlig zurecht.

  9. FUTURE OF JOURNALISM

    Scroll: Wer überhaupt keine Werbung mehr angezeigt haben möchte, aber dennoch denkt, journalistische Anbieter sollten daran verdienen, wenn man ihre Seite besucht, der kann jetzt Scroll nutzen – zumindest bei einigen ausgewählten Partnern.

    Chat Bots: So richtig Mainstream sind Chat Bots als Standalone-Anwendung ja immer noch nicht, wenn es darum geht, Nachrichten zu konsumieren. Aber innerhalb eines Artikels könnte das ja durchaus ein größeres Publikum ansprechen. Die BBC experimentiert damit.

    Stories: Das von Snapchat eingeführte Format, eine Geschichte zu erzählen, hat gute Chancen, zu einem Standard-Format für alle Publisher zu werden – unabhängig von Social-Media-Plattformen. Einblicke von der Washington Post.

    Facebook Live: Die goldenen Facebook-Live-Zeiten scheinen vorbei. Erstens zahlt Facebook ausgewählten Publishern nichts mehr für die Produktion von Live-Videos. Zweitens pusht Facebook gerade in Sachen Video einzig und allein Facebook Watch – von Live war schon länger nicht mehr die Rede. So überrascht es wenig, dass Journalismus-Anbieter immer weniger Live-Videos auf FB anbieten – Tendenz stark fallend.

    Neues Subscription-Projekt: Facebook hat ein neues Projekt angekündigt, das zum Ziel hat, lokalen Publishern dabei zu helfen, mehr zahlende Digital-Abonnenten zu generieren. Als Teil des Journalism Projects wird es zunächst in den USA mit einigen wenigen ausgewählten Partner anlaufen. Bislang ist jetzt nicht so viel Fruchtbares beim Journalism Project rumgekommen – drücken wir mal die Daumen.


    FEATURES, TOOLS & APPS

    Anchor: Wer gern einen Podcast produzieren möchte, dürfte mit der App Anchor seine Freude haben. Anchor hat sich zu einer Art Schweizer Messer in Sachen Podcast-Produktion entwickelt. Hier erfährt man mehr.

    Vero: Eigentlich ist die App bereits seit langem am Start, aber erst jetzt macht das Social Network aus dem libanesischen Hariri-Clan in Deutschland so richtig die Runde. Ein wenig Hintergrund zur App gibt es hier. Warum die App gerade jetzt heiß läuft, wissen selbst gut informierte Kollegen nicht. Ich werde mich dort jedenfalls nicht anmelden. Falls das jemanden interessiert. Just saying. Das sitze ich aus – so wie Armin Wolf Snapchat.

    Facebook Messenger: Beim Messenger von Facebook wurde die Group-Chat-Funktion etwas aufgebohrt: Künftig können nach Lust und Laune neue Gesprächsteilnehmer im laufenden Gespräch hinzugefügt werden.