Briefing für den 31.1.2018 | Ausgabe #424

martin Briefing

Moin, Moin! Das Briefing ist heute sehr ausführlich, deshalb an dieser Stelle kein langes Gequatsche. Ich wünsche einen angenehmen Mittwoch, Martin & Team


WO IST DIE REICHWEITE?

Was ist: Wer Mitglied in unserer Facebook-Gruppe werden möchte, muss zunächst drei Fragen beantworten. Eine davon zielt darauf ab zu erfahren, was das derzeit wichtigste Thema für das neue Gruppenmitglied ist. Es zeigt sich, nachdem unsere Gruppe auf über 500 Mitglieder angewachsen ist, dass das alles beherrschende Thema die schwindende Reichweite auf Facebook ist.

Warum ist das wichtig? Facebook hat über all die Jahre sukzessive immer mehr an Einfluss hinsichtlich des Referral-Traffics für Verlage, Blogger, NGOs und werbetreibende Unternehmen gewonnen. Die Entscheidung, den News Feed umzubauen, könnte somit Einfluss auf die wirtschaftlichen Ergebnisse all jener Unternehmen und Organisationen haben, die den Traffic via Facebook fest mit eingeplant haben.

Wie groß sind denn die Auswirkungen? Natürlich kann diese Frage erst in einigen Monten vollumfänglich beantwortet werden. Aber es zeigen sich bereits einige spannende Tendenzen auf:

  • Sowohl im persönlichen Gespräch als auch via Abstimmung in unserer Facebook-Gruppe zeigt sich, dass eine Mehrheit der Social-Media-Redakteure bereits seit Herbst 2017 Veränderungen hinsichtlich der News-Feed-Reichweite spürt.
  • Diese Beobachtungen werden von einer Auswertung von Chartbeat bestätigt. Die Macher des Social-Media-Tools erkennen unter ihrer breiten Nutzerbasis deutliche Anzeichen dafür, dass der News Feed bereits seit Herbst 2017 mit sehr viel weniger Reichweite für Publisher aufwartete als gewohnt.
  • Der angekündigte Umbau des News Feeds konnte daher auch für viele nicht ganz überraschend kommen.
  • Für die weitere Entwicklung sehen Beobachter Einbußen von bis zu 35 Prozent.
  • Andere hingegen sehen solche massiven Verluste nur bei ganz bestimmten Inhalte-Anbietern – etwa bei Topix oder Bustle…

Wie geht es weiter? All jene, die vormals auf Traffic via Facebook geschaut haben, müssen sich nun den neuen Herausforderungen anpassen – in meiner Analyse habe ich dazu bereits einige Anmerkungen aufgeschrieben. Neben dem verstärkten Blick auf den Aufbau einer echten Community dürften auch andere Plattformen und Netzwerke wieder stärker in den Blickwinkel rücken.

Aber sollte Facebook nicht ein veritables Interesse an guten Inhalten haben – gar für sie zahlen? Also ganz ehrlich: Warum? Die werden sie auch so bekommen. Der Vorschlag von Rupert Murdoch, den der BDZV direkt unterstützte, hinkt gewaltig – schließlich haben „cable companies“ ohne Inhalte nichts, soziale Netzwerke aber haben Netzwerkeffekte zwischen Freunden, die sie zu Geld machen können – siehe hierzu George Brock.

Be smart: So traurig es aus journalistischer Sicht auch sein mag – professionelle Medieninhalte sind – das sollte jedem klar sein – für Facebook und Co in erster Linie Marketingmaßnahmen, um die eigentlichen Produkte zu verkaufen: etwa in Apples Fall Smartphones, in Facebooks Fall uns Nutzer! Die Reichweite wird imho nur dann wiederkommen, wenn Journalismus für Facebook ein Gewinn ist. Wie das funktionieren kann, ist auch an uns, mit herauszufinden – da sollten wir nicht nur auf Facebook, respektive die anderen Tech-Konzerne schauen.


WECHATS PLÄNE FÜR 2018

Was ist: Allen Zhang ist der Gründer und das kreative Mastermind hinter der chinesischen App WeChat. Zhang spricht normalerweise nicht in der Öffentlichkeit. Wenn doch, dann liegt ihm die asiatische Tech-Welt zu Füßen. Jetzt war es wieder soweit.

Warum ist das interessant? WeChat ist mit über 900 Millionen Nutzern zwar kleiner als Facebook, hat aber mit Blick auf den chinesischen Markt eine derart dominante Position erreicht, dass die App aus dem Leben der Chinesen nicht mehr wegzudenken ist. Die App ist – um mit den Worten eines Analysten zu sprechen – die Fernbedienung für das On- und Offline-Leben einer großen Mehrheit der Chinesen.

Was kann die App denn alles? Die App ist sozusagen die Kombination aus Facebook, WhatsApp, Instagram, MyTaxi, Paypal, Ebay, Google Mail, Spiegel Online und vielen weiteren. Mit WeChat lassen sich genauso Termine beim Arzt wie im Restaurant machen, Flüge buchen und Supermarkt-Einkäufe bezahlen.

Was sind WeChats Pläne für 2018?

  • WeChat will sich noch stärker darauf konzentrieren, Nutzern ein profundes Hilfsmittel im Offline-Leben zu sein – etwas, was z.B. Facebook oder andere Social-Apps, die wir in der westlichen Welt nutzen, so noch überhaupt nicht leisten.
  • WeChat führt eine Funktion ein, die es ermöglicht, Journalisten direkt innerhalb der App für ihren Artikel, etc. zu bezahlen.
  • WeChat möchte die Suchfunktion sehr viel stärker in den Mittelpunkt der Nutzungserfahrung führen. Auch etwas, dass z.B. bei Facebook, Instagram und Co etwa im Vergleich zu einer regulären Google-Suche noch immer nur rudimentär funktioniert.

Be smart: In Deutschland schauen wir viel zu viel auf die USA und die Apps aus dem Silicon Valley – auch wir im Briefing. Wer verstehen will, wo die Reise hingeht, sollte häufiger den Blick nach Fernost wagen. Dort wird an der Zukunft gebastelt. Oder anders gesagt: WhatsApp mutet gegenüber WeChat an wie aus der Steinzeit. Kein Wunder also, dass WeChats Gründer Zhang vielen einflussreicher als Mark Zuckerberg gilt.

Der Boden der Tatsachen: WeChat ist ein Datenschutz-Albtraum.


FACEBOOKS PRIVACY „OFFENSIVE“

Was ist: Facebook hat angekündigt, im Laufe des Jahres einen zentralen Ort innerhalb von Facebook zu schaffen, an dem alle Privatsphäre-Einstellungen vorgenommen werden können.

Warum macht Facebook das? Die EU verpflichtet soziale Netzwerke dazu, hinsichtlich des Themas Datenschutz stark nachzubessern.

Warum ist das interessant?

  • Zunächst einmal sollte es im Interesse aller Nutzer sein, dass das Thema Datenschutz ganz oben auf der Agenda steht: sowohl bei privaten Unternehmen als auch bei politischen Akteuren.
  • Zudem passt es ins Bild, dass Facebook genau jetzt Nachbesserungen beim Thema Datenschutz verspricht – eigentlich hätten sie noch über 100 Tage dafür Zeit. Seit Jahresbeginn bemüht sich Facebook jedoch sehr darum, den Eindruck zu vermitteln, dass bei ihnen radikal aufgeräumt und umgebaut wird – alles nur zum Wohle der Nutzer, versteht sich. </ironie>

Was sind die Bedingungen der EU? Breach Notifications, Right to be forgotten, Right to Access, Data Portability, Privacy by Design, Data Protection Officers – so lauten die Themen. Hier alle Informationen dazu.

Erfüllt Facebook denn alle Bedingungen von der EU? Das wird sich zeigen. Aller Voraussicht nach aber wohl nur die, für die es sonst empfindliche Strafen riskieren würde. Das Recht etwa, seine Daten in einer maschinenlesbaren Form herunterladen zu können, um sie bei anderen Netzwerken weiter nutzen zu können, wird Facebook seinen Nutzern aus Wettbewerbsgründen sicherlich nicht oder nur sehr eingeschränkt gewähren. Alles andere wäre eine echte Sensation.

Wie geht es weiter?

  • Facebook wird zunächst mit einer Reihe von PR-Videos Nutzern suggerieren, dass sie Herr und Frau über ihre Daten sind.
  • Im Laufe der kommenden Monate wird dann ein neues Privacy Center gelauncht.
  • Auch möchte Facebook gern Workshops für kleine und mittlere Unternehmen abhalten, um sie im Thema Datenschutz fit zu machen

Ist doch super! Wo ist das Problem? Facebooks Strategie ist es seit Jahren, den Nutzern das Thema Datenschutz einzig und allein dahingehend zu verkaufen, dass sie ihre Daten vor Dritten schützen können – etwa hinsichtlch dessen, wer welches Posting sehen kann, wer welche Freunde hat, etc. Was Facebook nicht in aller Ausführlichkeit anspricht ist, welche Daten Facebook selbst über die Nutzer zu welchem Zweck erhebt. Dieses bereits zuvor verlinkte Video gibt einem einen guten Eindruck davon, wie Facebook Daten sammelt und zusammenführt. .

Be smart: Das Thema Datenschutz bei Facebook ist nicht so sehr eine Frage von „Wer kann was von mir sehen“ – vielmehr lautet die Frage, was weiß Facebook alles über mich? Einen entsprechenden Sammelklage-Versuch hat Facebook jüngst juristisch erfolgreich bekämpft.


LEAVE THE KIDS ALONE

Was ist: Ein Zusammenschluss von Psychologen, Erziehern und Elternvertretern fordert Mark Zuckerberg in Form eines offenen Briefs auf, Facebook Messenger für Kids abzuschalten.

Warum tun sie das? Zahlreiche Studien würden belegen, dass die vermehrte Nutzung von digitalen Endgeräten und Social Media gesundheitsschädlich für Kinder und Jugendliche sei. Daher würde der Schluss naheliegen, dass die von Facebook im vergangenen Jahr eingeführte App ebenfalls nicht gut für die Entwicklung der Kinder wäre.

Aber Kinder nutzen dann halt andere Apps: Richtig. Das lässt sich wohl auch nicht wirklich aufhalten. Deshalb argumentieren die Autoren auch in ihrem Schreiben, dass Facebook mit dem Launch von Facebook Messenger nicht so sehr ein Bedürfnis befriedigen würde, wie Facebook öffentlichkeitswirksam behauptete (und ich damals auch etwas unausgeschlafen festhielt), sondern in aller erster Linie ein neues Bedürfnis kreieren würde.

Ist die Forderung nicht trotzdem etwas aus der Zeit gefallen? Für radikale Digital-Optimisten sicherlich. Aber mit Blick auf Studien, die Depressionen, geringes Selbstwertgefühl und wenig Lebensfreude mit Social Media in Verbindung bringen, vielleicht auch nicht ganz abwegig, dass ein Verband, der sich für eine Kommerz-befreite Kindheit einsetzt, entsprechende Forderungen stellt.

Hat sich Zuckerberg denn schon geäußert? Äh, nein.


FEATURES, TOOLS & APPS

  • WorldBrain: 2017 hatte ich die Chance bei einer spannenden Veranstaltung in Berlin dabei zu sein: Unter dem Motto #DisruptPopulism konnten sich Projekte vorstellen, die mit digitalen Mitteln die Demokratie stärken wollen. Eins davon war World Brain – eine Anwendung, die das Auffinden und Wiederentdecken von Artikeln verbessern möchte, um so einen Beitrag zu einer besser informierten Gesellschaft zu leisten. Jetzt steht die Browser-Erweiterung frei zum Download bereit. Give it a try.
  • Instagram: Es sieht so aus, als würde Instagram demnächst Video-Telefonie einführen. Hey, das hört sich doch mal nach Zukunft an! Ach, das können schon der Facebook Messenger, Apples iMessage, Snapchat, Skype? Ok. Anyway.

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martin


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