Briefing für den 19.1.2018 | Ausgabe #420

martin Briefing

Salut! Nach dieser komplizierten Woche heute ein etwas kürzeres Briefing. Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende. Wir lesen uns voraussichtlich am Dienstag wieder. Bis dahin, Martin


AGENDA SETTING: TIME WELL SPENT

Was ist: Der Umbau des News Feeds wurde von Facebook unter anderem damit begründet, dass einiges an der Zeit, die Nutzer auf Facebook verbringen, nicht unbedingt nur zum Besten für den Nutzer wäre. Das Ziel von Facebook müsse es aber sein, dass die Zeit, die Menschen auf Facebook verbringen, vor allem „time well spent“ ist.

Wie meint Facebook das?

  • Menschen nutzen Facebook wohl vor allem zu passiv
  • Sie interagieren auch nach Facebook-Logik zu wenig mit Inhalten
  • Diese Form der Nutzung sei aber womöglich schlecht für die mentale Gesundheit der Nutzer
  • Das möchte Facebook nun ändern

Ursprung der Kritik: Tristan Harris und Joe Edelman haben bereits vor fünf Jahren die Initiative mit dem Namen time well spent gegründet. Erst im letzten Jahren aber haben es der ehemalige Google-Mitarbeiter Harris und der Software-Entwickler Edelman mit ihrer Kritik so richtig in den Mainstream geschafft.

Was ist denn die eigentliche Idee hinter der time-well-spent-Bewegung? Die Kritik besteht darin, dass ein Großteil der Zeit, die Menschen in die Nutzung bestimmter Apps investieren, keinen wirklich positiven Mehrwert hat – weder beruflich, noch persönlich oder gesundheitlich. Die Kritik geht dabei weit über die Zuckerbergsche Definition hinaus.

Zwei Beispiele: Die Köpfe hinter der Initiative time well spent schlagen einige durchaus drastische Design-Änderungen vor, die ein vollkommen anderes Nutzungsszenario von Social-Media- und Kommunikations-Apps zur Folge hätten – etwa:

  • Wie wäre es, wenn dich die Facebook-App per default darauf aufmerksam machen würde, dass du heute bereits 45 Minuten auf Facebook aktiv warst – dein dafür eingeplantes Zeitbudget aber lediglich 15 Minuten sind und die App dir deshalb eindringlich von einer weiteren Nutzung abrät?
  • Wie wäre es, wenn es auf Facebook und Co keine sichtbaren Metriken mehr geben würde? Keine Likes, um die man kämpft. Keine Hinweise in Form von numerischen Notifications, die einen daran erinnern, wie viel es noch zu „entdecken“ gibt. Der Künstler und Aktivist Ben Grosser hat genau dafür bereits ein Plugin mit dem Namen Demetricator programmiert – kann ich nur jedem empfehlen, einmal auszuprobieren!

Be smart: Soweit würde Facebook natürlich nie gehen. Durch das Aufgreifen der Terminologie und durch das damit bekundete Interesse am Wohlergehen der User könnte Facebook aber Beobachtern zufolge versuchen wollen, die ganze Debatte um Fake News etwas loszuwerden und das viel leichter positiv zu besetzende Thema „time well spent“ auf die Agenda zu setzen.

Lesempfehlungen zum Thema


BRASILIENS WHATSAPP FAKE NEWS PROBLEM

Was ist: Brasilien hat ein riesiges Problem mit Fake News, die via WhatsApp verteilt werden.

Warum ist das interessant? Während sich die Diskussion um Fake News im Jahr 2017 vornehmlich um Facebook drehte, düfte vielen nun klar werden, dass Fake News in Messengern ein noch viel größeres Problem darstellen könnte.

Die Gründe dafür:

  • Inhalte auf Messenger wie WhatsApp sind verschlüsselt – es ist eigentlich nicht möglich zu sehen, wer sich welche Inhalte schickt.
  • Damit ist es auch schwer, die Köpfer hinter den Fake News ausfindig zu machen.
  • Zudem wirken Messenger direkt zwischen Absender und Empfänger – es entscheidet also kein Algorithmus darüber, ob eine Botschaft auch ankommt. Ein Tweak, wie ihn Facebook nun vornimmt, ist hier also nicht möglich.

Wie schlimm ist das Problem denn? Die Schwierigkeit besteht genau darin, das zu ermitteln. Es gibt kaum Möglichkeiten, entsprechende Daten zu erheben. In Brasilien aber etwa, wo mehr als die Hälfte der 200 Millionen Einwohner WhatsApp nutzt und gut 35 Prozent davon auf die App in Sachen News-Konsum setzt, scheint das Problem gigantisch.

Be smart: Facebook wird beweisen müssen, wie ernst sie es meinen, wenn sie das Wohlergehen der Nutzer in den Fokus rücken wollen. Die Frage lautet: Wann und vor allem wie wollen sie der Verteilung von Fake News und Propaganda via Messenger und WhatsApp begegnen?


FACEBOOK WATCH PARTIES

Was ist: Facebook führt ein neues Feature bei Facebook Watch ein – bei den sogenannten Watch Parties können Nutzer sich in Form einer Gruppe für das gemeinsame Anschauen von Facebook-Watch-Videos verabreden und – jetzt kommt der Hammer – dabei, also während sie gemeinsam ihre Lieblingssendung anschauen, darüber chatten.

Gibt es dafür nicht Twitter? Ja.

Und was soll das dann?

  1. Facebook möchte Nutzer dazu bringen, Facebook Watch-Inhalte zu konsumieren. Hintergedanke dabei: TV-Werbegelder sind der letzte Goldtopf, der Tech-Unternehmen in Sachen Werbung noch Reichweitensteigerungen verspricht.
  2. Die Schwierigkeit besteht dabei interessanterweise vor allem darin, die Nutzer wirklich zum Produkt Facebook Watch zu führen, hat Facebook doch den Nutzern jahrelang beigebracht, dass alles im News Feed passiert, wo nun dummerweise Videos eben eine sehr viel geringere Rolle spielen sollen.
  3. Plus: Die Watch Parties sind tatsächlich ein Versuch, dem Glotzen von Inhalten mehr Bedeutung zu geben. Zitat: „As we think about video on Facebook, we’re focused on creating experiences that bring people closer together and inspire human connection instead of passive consumption“. Sigh.

EXTRA: FILTERBLASE-PODCAST

Was ist: Ich hatte das Vergnügen mit Luca Caracciolo im t3n-Filterblase-Podcast über Facebooks News Feed Umbau zu sprechen. Wer mag, kann ja mal reinhören am Wochenende. Aber nicht wundern: ich hatte mindestens schon 12 Kaffee intus. Anyway 🙂

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martin

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