Briefing für den 20.12.2017 | Ausgabe #413

martin Briefing

Hi, Clickbait war gestern: Facebook hat jetzt dem sogenannten Engagement Bait den Kampf angesagt. Markiere fünf Social-Media-Redakteure, die jetzt ein Problem haben… Oder sechs. Zudem hat Facebook festgestellt, dass Facebook schlecht für die Menschen ist. Zumindest dann, wenn man es nur passiv nutzt. Deshalb: mehr Facebook wagen! Ist klar. Einen schönen Mittwoch, Martin


FACEBOOK SCHLECHT FÜR NUTZER

Facebook hat in einem ziemlich skurrilen Blogpost zum ersten Mal zugegeben, dass Facebook in manchen Fällen schlecht für die Nutzer sein könnte – nämlich dann, wenn Facebook vor allem passiv genutzt wird. Deshalb lautet Facebooks Vorschlag auch: mehr Facebook wagen!

Das Problem dabei: Die allermeisten User nutzen Facebook mittlerweile passiv. Dass Nutzer selbst etwas posten, ist über die Jahre immer weniger geworden. Viele werden das aus dem eigenen Bekanntenkreis kennen – mal abgesehen von den Journalisten- und Medienfreunden, die man halt hat. Die normalen Freunde, die sich artikulieren möchten, sind heute eher in Gruppen oder auf Messengern unterwegs – somit gefühlt in geschützteren Räumen. Der Hinweis, dass die passive Nutzung von Facebook also schlecht sein könnte, dürfte somit auf einen erheblichen Anteil der User zutreffen. Urgs.

Der größere Bogen: Bereits seit Jahren kämpft Facebook damit, dass Nutzer immer weniger posten. Der Tipp, User sollten einfach mehr Nachrichten schreiben, posten und kommentieren, ist also auch aus diesem Grund maximal in Facebooks Interesse. Kommt ja nicht von ungefähr, dass es eine „kritische“ Studie auf das hauseigene Blog schafft.

+ Der Guardian führt weitere Studien auf, die zeigen, warum Facebook schlecht für Nutzer sein kann: Facebook admits it poses mental health risk – but says using site more can help


FACEBOOKS KAMPF GEGEN ENGAGEMENT BAIT

Erst wurde der News Feed von Clickbait befreit, jetzt möchte Facebook das sogenannte „Engagement Bait“ loswerden – also all die dämlichen Aufforderungen, jemanden zu taggen oder Posts zu kommentieren, um künstlich mehr Engagement zu erzeugen. Ich war ehrlich gesagt nie ein Fan davon, bin dementsprechend kein bissl traurig, wenn Facebook da nun die Axt ansetzt.


FUTURE OF JOURNALISM

Filip Struhárik, der Kollege, der als erstes über den News Feed Test von Facebook berichtet hatte, bei dem Posts von Pages nicht mehr im regulären News Feed auftauchen, fasst auf Medium zusammen, was eben dieser Test für die Medienlandschaft in der Slowakei bedeutet. Seine five learnings lauten:

  1. Facebook-Seiten sind nicht so bedeutsam – es kommt auf die Menschen an, die die Inhalte teilen – eben auch auf Influencer
  2. Wenn das eigene Medium auch auf anderen Kanälen präsent ist, dürften Veränderungen auf einzelnen Plattformen keine so gravierenden Auswirkungen hinsichtlich des Traffics haben
  3. Reichweite spielt keine Rolle – ist nur eine ausgedachte Metrik
  4. Facebook interessiert sich nicht für die Konsequenzen des Tests in den besagten Ländern – etwa dass Fake News Pages weniger vom Test betroffen waren als reguläre News-Websites
  5. Publisher denken nun stärker über ihre Social-Strategie und ihre eventuelle Abhängigkeit zu Facebook nach

+ In diesem Zusammenhang auch interessant: Shan Wang hat für das Nieman Lab eine Untersuchung darüber angestellt, wie viel News tatsächlich im Facebook News Feed landen. Nicht all zu viel wäre noch eine Übertreibung… How much news makes it into people’s Facebook feeds? Our experiment suggests not much


TRENDS

Snapchat ist in den USA in der Zielgruppe der 13- bis 18-Jährigen immer noch die populärste Appknapp vor Instagram und weit vor Facebook. Spannend dabei: Snapchat-Nutzer schätzen an der App vor allem die Message-Funktion, nicht Stories oder Discover. Kein Wunder also, dass Instagram an einer Messenger-Standalone-App arbeitet und dadurch versucht, Snapchat weiter das Wasser abzugraben.


2017 war ein schwieriges Jahr für die Tech-Szene: Zum ersten Mal in ihrer jungen Geschichte wendete sich das Blatt und die ganze Szene aus dem Silicon Valley stand unter Generalverdacht, tendenziell doch eher schlecht für die Welt zu sein. Im Silicon Valley selbst scheint aber genau das nicht angekommen zu sein: man würde immer noch die gleichen vermeintlichen Weltverbesserungs-Ideen pitchen und die gleichen Herrenwitze machen, berichtet Erin Griffith bei WIRED: „The Other Bubble“.


TOOLS

Facebook rollt neues Gesichtserkennungs-Feature aus. Nutzer können künftig mit On/Off-Switch entscheiden, ob sie Face Recognition nutzen wollen oder nicht. Ein Vorteil: Bots können u.U. nicht so einfach Identitäten stehlen, weil die Gesichtserkennungs-Software Doppelungen bei der Verwendung von Profilfotos erkennt. Ein Nachteil: Will man wirklich, dass Facebook exakt weiß, wie man aussieht? Mmh, vielleicht nicht unbedingt. In der EU wird es das Tool jedenfalls vorerst noch nicht geben.

Bigger picture: Für Facebook ist Face Recognition ein großes Thema – vor allem deshalb, weil Facebook dadurch tatsächlich zu einem 100 % Abbild des digitalen Ichs würde. Nur noch echte Personen, keine Bots mehr, keine Fakes, etc…

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