Das Ende des universellen News Feeds

martin

Facebook testet aktuell in sechs Ländern, ob es Nutzern gefällt, wenn sie künftig zwischen zwei verschiedenen News Feeds wählen könnenzwischen einem Hauptfeed, der die Posts von Freunden und Bekannten zeigt, und einem zweiten Feed, der öffentliche Inhalte zeigt.

Erste Analysen zeigen, welche drastischen Konsequenzen dies für die Facebook Seiten in den entsprechenden Ländern hat: Einbrüche beim User Engagement von bis zu 80 Prozent. Dementsprechend erschrocken zeigen sich viele Medienkollegen aus aller Welt.

Ich möchte daher im Folgenden anhand von fünf Punkten noch einmal ausführlicher darstellen, warum mich dieser Test nicht überrascht und warum ich der Auffassung bin, dass die Zeiten des universellen News Feeds vorbei sind. Kommentare gern hier oder hier. Danke, M

Zuckerbergs Facebook

Bereits im Februar diesen Jahres konnten wir erleben, wie sich Facebook mit einem neuen Mission Statement von „der alten Zeit“ verabschiedete. Während das Manifest von Mark Zuckerberg von vielen als politische Rede interpretiert wurde, habe ich darin vielmehr einen Strategiewechsel erahnt. Wenn Nutzer, so wie im Frühjahr geschildert, immer weniger mit dem Produkt im ursprünglichen Sinne anfangen können (sie posten weniger, interagieren weniger mit Inhalten), dann muss sich Mark Zuckerberg neben vermeintlich politischen, altruistischen, humanistischen oder auch düsteren Beweggründen (und was nicht noch alles hineininterpretiert wurde) vor allem auch über Facebooks Zukunft selbst Gedanken machen und dem Produkt einen neuen Fokus geben.

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Das dominanteste Muster, das sie dem Artikel von Zuckerberg zufolge erkannt haben, ist das Nutzen von Gruppen und dem damit verbundenen Potential. Wenn sich also Facebook ein Stück weit davon löst, sich primär über den News Feed zu definieren, das Internet im Internet zu sein, sich aber zurecht nicht davon löst, die Infrastruktur für das digitale Ich von Milliarden Menschen zu sein, dann sind sie in der Tat dabei, einen entscheidenen Schritt in eine erfolgsversprechende Zukunft zu gehen.

Politischer Druck

Aufgeschreckt durch die Schuldzuweisungen hinsichtlich der Präsidentschaftswahlen seitens der liberalen Medien und der Politik zeigen sich Zuckerberg und weitere Kollegen aus der Führungsriege um Schadensbegrenzung bemüht. Fast täglich äußern sich nun Zuckerberg, Sandberg, Mosseri (News Feed Chef) oder Stamos (Sicehrheitschef) zu ihrem Produkt. Das war vor wenigen Monaten noch undenkbar. Allen ist gemein, dass sie nicht ertragen können, dass ausgerechnet Facebook als Ort für politische Propaganda und „fake news“ ausgenutzt wurde. Das initiale „crazy“ von Zuckerberg zeugt von dieser Ungläubigkeit.

Grund allen Übels ist die massive Fokussierung auf den News Feed – denn genau die Spielregeln, die darüber entscheiden, wer etwas wann und wie sieht, ist der Grund dafür, dass „fake news“ und zielgerichtete Propaganda auf Facebook zur politischen Waffe mutieren konnten. Nur weil Facebook lange Zeit blind hinsichtlich der Effekte von Filterblasen war, konnte der News Feed derart ausgenutzt werden. Der News Feed ist – überspitzt formuliert – Schuld am ganzen Schlamassel. Ein Aufbrechen des alten News Feeds könnte daher hilfreich sein.


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User Experience

Auch wenn Facebook es mit verschiedensten Signalen schafft, den News Feed für Nutzer so relevant wie möglich zu halten, so ist doch die schiere Masse an Inhalten auf Facebook so erdrückend, dass der News Feed im klassischen Sinne kaum noch Sinn ergibt für den Nutzer. Zu viele Videos und Artikel von institutionellen Anbietern (Medienunternehmen, Stars, etc.) buhlen um die Gunst der Nutzer. Selbst eine Limitierung der Sichtbarkeit durch das Beschneiden von organischer Reichweite kann nichts an der schlechten „User Experience“ ändern, die viele Nutzer beklagen. Sollte der News Feed also für einen Großteil der Nutzer keinen Spaß mehr machen, muss Facebook handeln. Durch noch weitere Tweaks am Algorithmus scheint dies nicht mehr möglich.

Vorbild Snapchat Discover

Es ist Facebooks Verdienst, dass sie es wie kein zweites Unternehmen auf der Welt geschafft haben, die bereits real existierenden Verbindungen zwischen Freunden und Familienmitgliedern in die Online-Welt zu transferieren. Facebook ist der Ort unseres digitalen Ichs. Genau das ist der Unique Selling Point Facebooks. Mit dem Vermessen und passgenauen Werbetargeting dieses Ichs verdient Facebook Milliarden. Wenn dieses Ich aber immer weniger Platz auf Facebook findet, weil zu viele professionelle Anbieter um die Gunst der Nutzer buhlen, dann gilt es sich vielleicht ein Vorbild an Snapchat zu nehmen. Dort existiert mit Discover bereits ein separater Ort innerhalb der App, an dem professionelle Medienunternehmen ihre Inhalte anbieten können. Genau dies wäre auf Facebook auch denkbar. Der Chef vom News Feed, Adam Mosseri, möchte gern herausfinden, ob den Nutzern diese Teilung auch auf Facebook gefallen könnte:

Video Boom

Facebook versucht seit längerer Zeit bereits seine Nutzer davon zu überzeugen, dass Facebook auch der Ort sein sollte, auf dem Videos konsumiert werden. Der Launch von Facebook Watch zeugt davon: Erstmals gibt es einen separaten Ort, um speziell für Facebook produzierte Inhalte zu konsumieren. Und auch wenn der News Feed Chef Mosseri das Gegenteil behauptet, sehe ich viele Anzeichen dafür, dass Facebook über einige Tweaks im Algorithmus eine Form von künstlicher Nachfrage nach Videos generiert hat. Nicht anders ist doch zu erklären, dass Publisher vor allem noch mit Video-Inhalten auf Facebook durchdringen. Auch berichten einige Nutzer davon, dass Facebook in seiner App einen Button integriert hat, der zu einem separaten Video Feed führt. Auch dies torpediert den News Feed, wie wir kennen.

All diese Anstrengungen unterstreichen für mich, dass sich Facebook Stück für Stück von dem löst, was einmal das Herzstück Facebooks war: dem einen universellen News Feed, der alle gleichermaßen glücklich machen sollte. Das wird Konsequenzen haben für Publisher. Das wird Konsequenzen haben für Seitenbetreiber. Es müssen nicht die Schlechtesten sein. Es können aber. Eins jedenfalls ist klar: Facebooks Priorität sind die Nutzer, nicht die institutionellen Anbieter. Vielleicht führt all dies zu einer größeren Unabhängigkeit von Facebook. Ich würde es mir wünschen. Habe aber meine Zweifel.


About the Author

martin

Hi, mein Name ist Martin Giesler. Ich bin Journalist und Blogger. 2013 habe ich das Social Media Watchblog gegründet. Hier erfährst du mehr über mich. Follow: Twitter | Facebook | Linkedin | Newsletter