Fünf Ideen zum Umgang mit Social Bots

Martin Fuchs

Social Bots spielen beim Social Media Watchblog immer wieder eine Rolle – deshalb freuen wir uns sehr, dass wir zu diesem Thema Auszüge aus einem Beitrag von Martin Fuchs aus dem Buch „Smartphone-Demokratie“ veröffentlichen dürfen.

Können kleine und autonom agierende Computerprogramme unsere Meinung manipulieren, Börsenkurse beeinflussen und vielleicht sogar Wahlen gewinnen? Spätestens seit dem letzten US-Präsidentschaftswahlkampf sind Social Bots in aller Munde. Ihr Einfluss ist jedoch schwer zu bewerten, und es ist zu mehr Gelassenheit in der Diskussion um die Macht von Bots geraten, denn einige von ihnen können sogar unser Leben verbessern.

Bots (von englisch „robots“, Roboter) sind kleine Computerprogramme, die eigenständig automatisierte und standardisierte Aufgaben übernehmen können. Sie werden im Internet schon lange eingesetzt, z.B., um Suchmaschinen zu optimieren und neue Suchergebnisse zu referenzieren. Ohne Bots wären die heutigen leistungsstarken Suchmaschinen, die wir täglich nutzen, nicht denkbar. Eine Studie des IT-Unternehmens Incapsula geht davon aus, dass aktuell 61 Prozent des Datenverkehrs bei Suchmaschinen auf Bots zurückgehen. Und Untersuchungen der IT-Sicherheitsfirma Imperva belegen, dass 52 Prozent des gesamten weltweiten Web-Traffics von Bots erzeugt werden.

Sie sind also mittlerweile für mehr Verkehr im Internet verantwortlich als die rund 3,5 Milliarden realen Internetnutzer. Sie gehören zu unserem Alltag wie E-Mails und Zähneputzen. Bisher haben wir davon aber noch nicht viel mitbekommen.


Auch Unternehmen und Medien setzen immer stärker auf Chat-Bots, um so beispielsweise Kundendialoge effizienter zu betreuen. So kann man z.B. bei der Fluggesellschaft KLM seine komplette Flugbuchung via Bot im Facebook-Messenger vornehmen. Im chinesischen Netzwerk WeChat hat sich in den vergangenen Jahren ein ganzes Ökosystem von Tausenden Bots entwickelt, über die man Bankgeschäfte abwickeln, Pizza bestellen oder Immobilien kaufen kann. Facebook arbeitet an ähnlichen Ideen und Einsatzmöglichkeiten. Verlage und Journalisten wollen ebenfalls mithilfe von „Conversational Journalism“-Ansätzen neue Zielgruppen erreichen. So startete im letzten Jahr in Deutschland die App Resi: Sie verbindet Chatten und Informieren, indem sie Nutzern passgenau Nachrichten zu einem nachgefragten Thema in den Chatverlauf liefert. Auch die Zeitung Die Welt und funk, das öffentlich-rechtliche Jugendangebot von ARD und ZDF (Novi-Bot), experimentieren mittlerweile mit ähnlichen Angeboten.

All diese Bots versuchen Dienstleistungen zu erbringen, die automatisiert erfolgen können. Sie sollen Nutzenden einen konkreten Mehrwert liefern. Sie werden auch „good bots“ genannt. Daneben treiben aber auch immer mehr „bad bots“ ihr Unwesen, sogenannte Social Bots, auf Deutsch Soziale Roboter. Diese kleinen, aber zunehmend intelligenteren Software-Programme verhalten sich so, als seien sie reale menschliche Nutzer. Sie mischen sich in politische Diskurse ein und versuchen diese zu manipulieren. Meist treten sie massenhaft auf und werden dann auch Bot-Armee genannt.


Spätestens mit dem US-Wahlkampf und dem Brexit sind Social Bots auf der öffentlichen Agenda angekommen. Jahrelang wurden sie zuvor fast unbemerkt in Wahlkämpfen und in politischen Debatten z.B. in Lateinamerika eingesetzt. Doch mit den für viele Europäer unerklärlichen Wahlausgängen in den USA und in Grossbritannien erlebte die Debatte um den Einfluss von Bots auf die Meinungsbildung einen wahren Hype.

Bislang gibt es keine belastbaren Zahlen und Studien für Deutschland und Europa, die die aktuelle Verbreitung und den Einsatz von Social Bots aufzeigen und deren mögliche Gefahr messbar machen. Vieles in diesem Bereich ist bisher noch unerforscht, und die Wechselwirkung von Manipulation und Wahlergebnis kann nicht seriös vorhergesagt werden. Dieses Dilemma fasst Prof. Dirk Helbing (Koautor dieses Buchs) passend mit diesem Bild zusammen: „Social Bots sind wie Doping. Wir alle wissen, dass es gefährlich ist, aber es lässt sich nur schwer nachweisen.

Bots werden zu einer wirklichen Gefahr für die Demokratie, wenn Medien, Politik und Wähler nicht genügend sensibilisiert sind und über die Gefahren dieser Formen von Manipulation nicht aufgeklärt werden. Die Bevölkerung fürchtet sich vor den Roboterprogrammen. Laut einer repräsentativen Umfrage des Online-Meinungsforschungsinstituts Civey sagen 62,7 Prozent der Deutschen, dass Bots, die automatisiert Informationen verbreiten, eine Gefahr für die Demokratie darstellen.

Deshalb ist es wichtig, dass die Gesellschaft das Phänomen versteht und sich mit ihm aktiv auseinandersetzt – möglichst breit und in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Hierfür habe ich fünf Handlungsempfehlungen formuliert:

1. Sensibilisierung

Wie bei allen neuen Phänomenen ist es wichtig, dass sowohl politische Entscheider als auch Beobachter um die Möglichkeiten und Wirkungsmacht von Bots Bescheid wissen. Hier muss relativ schnell eine Sensibilisierung der Akteure auf allen Ebenen erfolgen: bei Journalisten, Mandatsträgern, Mitarbeitern und natürlich Wählern. Be- sonders Medienschaffende sind angehalten, Twitter-Trends auf „Echtheit“ hin zu überprüfen, statt sie blind zu übernehmen. Die Diskussionen der letzten Monate waren ein guter Auftakt. Ich wünschte mir, dass die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema etwas weniger von Hysterie geprägt sein wird und auch die positiven Aspekte von Bots stärker bearbeitet werden. Ebenso wie die Heranbildung von Persönlichkeit gehört die Erlangung digitaler Medienkompetenz in jeden Kindergarten, jede Schule und auch viel stärker in die Erwachsenenbildung.

2. Tools

Schon länger haben sich spezialisierte Dienste wie „Bot or Not“ zur sicheren Erkennung von Bots etabliert. Auf Basis von Spracherkennung und semantischer Kategorisierung erkennen diese Muster und können so Bots identifizieren. Da das Gros der Tools bisher nur für englische Bots funktioniert, sollten Dienstleister die Services für den deutschsprachigen Raum weiter ausbauen. Jeder Nutzer muss über eine schnelle und einfache Möglichkeit zur Identifizierung von Bots verfügen, um Klarheit über sein Gegenüber zu erhalten und damit die Botschaften für sich einordnen und bewerten zu können.

3. Austausch

Parteien und politische Akteure sollten sich trotz aller Konkurrenz stärker zum Thema Bots austauschen. Aktuelle Angriffe, ent- deckte Bot-Armeen und auffälliges Fan- und Followerwachstum sollten zeitnah öffentlich gemacht werden, und zwischen den demokratischen Akteuren sollte ein System des Austauschs etabliert werden. Das Phänomen wird man nur einhegen können, wenn die gesamte Gesellschaft sich diesem widmet; Parteigrenzen sind auf diesem Weg eher hinderlich.

4. Netzwerke

Aus ureigenem Interesse sollten auch die Plattformen selbst alles tun, um Bot-Netzwerke zu enttarnen und zu entfernen. Kein Werbekunde hat Interesse, seine Werbung Robotern auszusetzen. Das Geschäftsmodell funktioniert nur, wenn die Netzwerke sicherstellen können, dass die Werbung auch von realen Personen gesehen und geklickt wird. Zudem müssen die Netzwerke mehr Aufklärungsarbeit für die Nutzer leisten und das Thema aktiver kommunizieren, denn nur mithilfe der Nutzer lässt sich das Problem umfassend bekämpfen.

5. Regulierung

Wie bei fast jedem neuen digitalen Phänomen waren die Forderungen nach neuen und schärferen Gesetzen, die Social Bots verbieten, schnell formuliert. Die Kategorisierung der Entwicklung von Bots als Straftatbestand forderten unter anderem die Länder-Justizminister von Hessen, Sachsen-Anhalt und Bayern. Nur wird diese leider nichts bringen, da die Hintermänner der Bots nicht identifiziert werden können und die Gesetze nur innerhalb der nationalen Grenzen durchgesetzt werden können. Statt neuer Gesetze sollte die Politik eher klare Forderungen an die Netzwerke formulieren. Hierher gehören etwa Ziele, wie die Transparenz bei Social Bots zu erhöhen oder Accounts, die eindeutig als Bots identifiziert wurden, klar als solche zu deklarieren. Technisch ist dies heute bereits problemlos möglich.


Über den Autor

Martin Fuchs

Martin Fuchs berät Regierungen, Parlamente, Parteien, Politiker und Verwaltungen in digitaler Kommunikation. Seit 2008 ist Fuchs Lehrbeauftragter für Public Affairs an der Universität Passau und Dozent für Social Media und Politik an weiteren Hochschulen. Zudem ist Fuchs Gründer der Social-Media-Analyse- und Benchmarking-Plattform pluragraph.de und bloggt über Social Media in der Politik unter hamburger-wahlbeobachter.de. Auf Twitter ist er als @wahl_beobachter zu finden.

Über das Buch


Smartphone-Demokratie geht uns alle etwas an. Die Politikwissenschaftlerin und Social Media-Expertin Adrienne Fichter und ihre Mitautorinnen und Mitautoren zeigen, wie Social Media und neue Technologien die Politik verändern.

Facebook, Twitter und Google bieten die zentrale Architektur für politische Debatten. Doch Microtargeting, die zunehmende «Messengerisierung» unserer digitalen Kommunikation und polarisierende Algorithmen führen dazu, dass wir immer mehr in unseren eigenen politischen Realitäten leben. Verschiedene Autoren analysieren die wachsende Bedeutung von Social Media für den politischen Diskurs. Sie präsentieren Strategien und Lösungsansätze und stellen zukunftsträchtige Technologien der digitalen Demokratie vor.