Zur Frage, ob Facebook schuld am Wahlerfolg der AfD ist

martin

Die AfD gewinnt über 12 Prozent der Stimmen und geht damit als drittstärkste Kraft aus dem Bundestagswahlkampf 2017 hervor. Das, was nicht sein durfte, ist nun Realität: eine Partei, die Rechtsextreme in ihren eigenen Reihen nicht nur duldet, sondern sogar hofiert, zieht in den Bundestag ein.

In den kommenden Tagen und Wochen wird nun darüber diskutiert werden, wie das passieren konnte. Nicht wenige werden sich auch mit Blick auf den US-Wahlkampf fragen, ob Facebook „schuld“ am Erfolg der AfD ist. Damit diese Diskussion vernünftig geführt werden kann, kommt hier unsere Analyse zur Frage: „Ist Facebook schuld am Erfolg der AfD?“

Um Feedback wird gebeten: Entweder per Email an socialmediawatchblog@posteo.de oder direkt per Facebook Messenger – Merci, Martin

Warum ist Facebook überhaupt wichtig in dieser Diskussion?
  • Das Internet ist längst nicht mehr nur auf dem heimischen Rechner. Das Internet ist überall. Dies hat Konsequenzen für die Art und Weise, wie wir das Internet nutzen.
  • Vor nicht einmal zehn Jahren war es üblich, das Internet überwiegend derart zu nutzen, dass am PC oder Laptop in einen Browser eine bestimmte Adresse eingegeben wurde, respektive bei Google eine Suche getätigt wurden.
  • Heute hingegen ist das Internet überall. Ständig dabei in Form von mobilen Endgeräten. Die Art und Weise, wie das Internet genutzt wird, hat sich dabei grundlegend verändert. Menschen geben nun nicht mehr in Browser bestimmte URLs ein. Sie nutzen auch nicht mehr primär Google, um ins Internet zu gelangen. Sie nutzen Apps. Und die Bereitschaft neue Apps auszuprobieren, ist nicht sehr groß. Die alles dominierende App ist Facebook – für Milliarden Menschen das Tor zur (Internet-) Welt.
  • Der News Feed von Facebook ist zu einer Art Internet im Internet geworden. In diesen News Feed gelangen Inhalte nur, wenn sie den Algorithmus von Facebook bedienen. Facebook ist somit zum ultimativen Verteiler von Inhalten, respektive Aufmerksamkeit geworden.
Welche Inhalte funktionieren auf Facebook besonders gut?
  • Facebook bestimmt via Algorithmus, was im News Feed der Nutzer auftaucht und was nicht.
  • Für Facebook selbst sind zunächst einmal alle Inhalte gleich. Egal ob Selfie von Lukas Podolski, die Hochzeitsfotos der Cousine, ein virales Video, Nachrichten der Tagesschau oder jedwede Spielart von als Nachrichten anmutenden Postings aka „fake news“ (Propaganda, Hoaxes, Lügen, Verunglimpfungen, etc…)
  • Alle Inhalte stehen miteinander in Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Nutzer
  • Facebook selbst ist vor allem daran interessiert, dass Nutzer möglichst viel Zeit auf der Plattform verbringen.
  • Deshalb ist der News Feed vor allem dafür da, dass sich Nutzer wohl fühlen. Der News Feed ist nicht dafür da, dass Facebook-Nutzer alles wissen.
  • Besonders gut funktionieren auf Facebook lustige und emotionale Inhalte, sowie Dinge, die dich nicht herausfordern, sondern Nutzer eher in ihrer Weltsicht bestätigen.
Was zeichnet die Kommunikation der AfD generell aus?
  • Die AfD spielt mit den Ressentiments der Bürger (Lügenpresse, die da oben, etc…)
  • Die AfD schafft es, die Gefühle Wut und Angst perfekt zu bedienen (Angst vor Überfremdung, vor dem Islam, vor dem sozialen Abstieg, vor dem Verlust der kulturellen Identität)
  • Die AfD gibt das Gefühl von Gruppenzugehörigkeit („Das darf man ja wohl noch sagen dürfen“, „Die Medien sind alle gegen uns“, etc…)
  • Die AfD produziert klare Feindbilder: die Ausländer, die Medien und vor allem: Angela Merkel.
Warum ist die AfD mit ihren Inhalten nun auf Facebook so erfolgreich?
  • Die AfD bedient mit ihren Inhalten perfekt den Facebook-Algorithmus
  • Sie lancieren auf Facebook Inhalte, die bei ihren Anhängern extreme Emotionen produzieren
  • Untersuchungen zeigen, das AfD-Anhänger weitestgehend abgeschnitten sind von anderen politischen Ideen und primär in ihrer eigenen Ideenwelt (Echokammer) verbleiben – der Facebook-Algorithmus befeuert dies.
  • Die AfD gibt ihren Fans und Sympathisanten kontinuierlich Futter in Form von Videos oder Postings, damit diese ihren Ärger, bzw. ihre Ängste zum Ausdruck bringen können
Was unterscheidet die Arbeit der AfD von den anderen Parteien auf Facebook?
  • Die AfD hat seit ihrer Gründung Facebook als Instrument verstanden, um zu mobilisieren: Sie konnte dadurch die zu Beginn nicht vorhandenen Parteistrukturen in den Ländern und Kommunen wettmachen
  • Dadurch verzeichnet die AfD-Fanpage bis heute deutlich mehr Anhänger als die anderer Parteien
  • Durch ihren Fokus auf die Themen Migration und Sicherheit und die damit verbundene hohe Emotionalität verzeichnen sie ein viel größeres Engagement pro Post als andere Parteien
  • Die AfD nimmt zudem extrem viel mehr Bezug auf Medien, was ihr ebenfalls mehr Engagement und dadurch mehr Sichtbarkeit verschafft
  • Die AfD setzt massiv auf die Typen von Inhalten, die vom Facebook-Algorithmus jeweils priorisiert ausgespielt werden: erst waren es Fotos, jetzt Videos
  • So bietet die AfD tatsächlich als einzige Partei sämtliche ihrer Standpunkte als Videos im Überblick von Facebook zur Bundestagswahl an
  • Die AfD profitiert stark von der Funktion Gruppen: So gibt es zahlreiche rechte Gruppen auf Facebook, die mit der Politik der AfD sympathisieren und weitestgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit agieren können
  • Eine Vielzahl dieser Gruppen entstand im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise und dient nun als Sammelbecken für AfD-Anhänger
  • Andere Parteien profitieren nicht so stark von der Gruppen-Funktion bei Facebook
Ist Facebook also schuld am Erfolg der AfD?

Die Frage wird in den kommenden Wochen ausführlich diskutiert werden. Facebook selbst wird darauf beharren, dass sie eine neutrale Plattform sind – sie bieten ihrem Verständnis nach lediglich die technische Infrastruktur, die von allen gleichermaßen genutzt werden könne. Ich persönliche denke allerdings, dass es die AfD ohne Facebook in dieser Stärke nicht geben würde.

Facebook ist zwar nicht unmittelbar schuld daran, dass künftig auch Rassisten im deutschen Bundestag sitzen, sehr wohl sind sie aber aufgrund ihrer hauseigenen Aufmerksamkeits-Logik dafür verantwortlich, dass sie von Menschenfeinden wie der AfD gekapert und ausgenutzt werden.

Vor allem muss sich Facebook drei Vorwürfe gefallen lassen:

  • Facebook verdient königlich am Kampf um Aufmerksamkeit, auch wenn dieser mit massiv Schaum vorm Mund und zu Lasten von Minderheiten geführt wird
  • Facebook hat trotz aller Bemühungen und der Einführung von Fact Checkern bis heute keine Lösungen zur Hand, um der Verbreitung von Unwahrheiten Herr zu werden – ein Katalysator für Demokratie-Feinde wie die AfD
  • Facebook ist eine Blackbox: Wenn es um die gesamtgesellschaftliche Bedeutung Facebooks mit Blick auf die Meinungsbildung oder politische Werbung auf der Plattform geht (Stichwort Dark Ads), dann braucht es mehr Transparenz!


About the Author

martin

Hi, mein Name ist Martin Giesler. Ich bin Kulturanthropologe, Journalist und Blogger. 2013 habe ich das Social Media Watchblog gegründet. Hier erfährst du mehr über mich. Follow: Twitter | Facebook | Linkedin | Newsletter