Facebook außer Kontrolle | Analyse

martin Analysen

Facebook profitiert maximal davon, Kontrolle über die Nutzer zu haben. Facebook selbst hingegen entzieht sich so gut wie jeder Kontrolle. Das gefällt nicht mehr allen.

Anonym politische Gegner diffamieren (Link), sexistische Nutzer adressieren (Link), Menschen in Alterssegmenten erreichen, die von offiziellen Statistiken gar nicht erfasst werden (Link), Anzeigen nur an ethnisch gewünschte Zielgruppen ausspielen (Link), rassistische Gruppen vorschlagen (Link) – in den letzten Wochen und Monaten wurde deutlich, dass Facebook all das und noch viel mehr möglich macht.

„Als wäre Facebook nicht mehr Herr über seine Algorithmen“, fasst mein Kollege Simon Hurtz die Situation treffend bei sueddeutsche.de zusammen. Facebook außer Kontrolle.

In der Tat wird gerade für immer mehr Menschen ersichtlich, wie sehr Facebook zu einem Tech-Giganten herangewachsen ist, der weitesgehend ohne externe Kontrolle agiert, ja dessen Auswüchse wir als Gesellschaft nur nach und nach erkennen. Einige Beispiele:

# Zahlen: Likes, Shares, Views, Fans, Reichweiten, etc…

Facebooks Erfolg basiert darauf, dass sie unvorstellbare Zahlen vorlegen. Zahlen über registrierte Nutzer, über erzielte Reichweiten, über Likes, Comments und Shares. Anhand dieser Zahlen bemisst sich der Wert von Werbeanzeigen, die auf Facebook geschaltet werden können. Diese Zahlen entscheiden über das Auf und Ab von Karrieren, gar über den Fortbestand ganzer Branchen!

Das auf der Grundlage dieser selbst ausgedachten Metriken verdiente Geld ist seinerseits wiederum Grundlage für die fantastische Bewertung von Facebook selbst. Das Problem: Die meisten Zahlen entziehen sich einer unabhängigen Kontrolle. Zwar gibt es Marketing-Partner, die Reichweiten verifizieren können, aber die vollumfängliche Überprüfung von Likes, Shares, Fans und dergleichen ist nicht Auftrag dieser Partner. Da wird auf die Angaben von Facebook vertraut.

Während traditionelle Unternehmen also in ihren Bilanzen aufzeigen müssen, wie ihre Zahlen zustande kommen — egal ob Industrie oder Banken — kann keiner die von Facebook dargestellten Zahlen einer kompletten Überprüfung unterziehen. Wir vertrauen den erdachten Metriken blind.

# Journalistische Anfragen

Wer als Journalist versucht, von Facebook eine Antwort auf eine Frage zu erhalten, der kennt das: In aller Regel werden von der für die PR zuständigen Agentur die Fragen abgewiesen. Das stünde in den AGBs, das könne man im offiziellen Blogpost zum Thema nachlesen, dazu werde man sich nicht äußern. Presseanfragen führen mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ins Leere. Wer hingegen auf Facebook Werbung schalten möchte, findet schnell einen Ansprechpartner.

# Nutzerdaten

Für den Nutzer ist es trotz einiger Charme-Offensiven in keiner Weise möglich, wirklich vollumfänglich zu verstehen, welche Daten Facebook erhebt. Transparenz ist an dieser Stelle nicht gegeben. Kaum ein Nutzer kann sich wohl wirklich vorstellen, das andere Unternehmen mit seinen Daten Millionen an Verknüpfungen herzustellen in der Lage sind. Die Seiten, die Facebook eingerichtet hat, um den Nutzer ein Stück weit mehr darüber aufzuklären, was Facebook alles über ihn weiß, bleiben völlig oberflächlich.

# News Feed

Auch wie Facebook Inhalte im News Feed sortiert und gewichtet, kann nur sehr vage nachvollzogen werden. Wenn Facebook aber zu so einer dominanten Institution im Meinungsbildungsprozess wird, dann wäre es enorm wichtig, besser zu verstehen, wie Facebook Informationen filtert. Facebook bleibt aber auch hier eine Blackbox.

# Recht

Nach Aussagen des Verfassungsrechtlers Ulf Buermeyer entzieht sich all das, was Facebook tut, einer demokratischen Kontrolle. Vielmehr habe Facebook eine Art Privatrecht installiert. Es sei aber nicht erklärbar, warum bei Facebook zwar nach deutschem Recht Werbung verkauft werden könne, aber etwa bei Fragen der Strafverfolgung nur nach Gutdünken kooperiert würde.


Dass Facebook sich an all diesen Stelle der Kontrolle entziehen kann, hat viel mit der amerikanischen Strategie der großzügigen De-Regulierung von Technologie-Konzernen zu tun. Eigentlich ziemlich grotesk, dass Facebook selbst im Surveillance-Business agiert, wie es der Netzaktivist Aral Balkan fortwährend betont, gleichzeitig aber keine Überwachung seiner eigenen Tätigkeiten zulässt.

Es scheint sich jedoch, in den letzten Monaten der Wind etwas zu drehen. Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft fangen zunehmend an, mehr Fragen zu stellen, Facebook mehr auf die Finger zu schauen. Rechercheure haken nach und zeigen offenkundige Missstände auf.

Und all das geht an Facebook – so scheint es – nicht mehr spurlos vorbei. Die Reaktionen auf die „fake news“-Vorwürfe waren ungewöhnlich für Facebooksche Verhältnisse. Immer häufiger reagieren sie auch von einem Tag auf den anderen – wie jüngst, als zahlreichen Nutzern rechte Gruppen vorgeschlagen wurden und die ganze Rubrik kurzerhand gelöscht wurde.

Manche Beobachter in den USA werten nun sogar die berühmte US-Tour von Zuckerberg eben nicht als Vorlauf zu einer Präsidentschaftskandidatur, sondern vielmehr als Lobby-Unternehmung ganz im Zeichen des Unternehmens selbst.

Facebook braucht das Vertrauen der Nutzer, will es weiter ohne Regulierung und ohne Kontrolle agieren können. Vertrauen zu Milliarden Nutzern herzustellen, ist eine Herkules-Aufgabe. Eine Aufgabe, die Mark Zuckerberg anscheinend zur Chefsache erklärt hat.

Hinweis: Auszüge dieses Artikels sind bereits in einem früheren Artikel von mir erschienen.


About the Author

martin

Hi, mein Name ist Martin Giesler. Ich bin Kulturanthropologe, Journalist und Blogger. 2013 habe ich das Social Media Watchblog gegründet. Hier erfährst du mehr über mich. Follow: Twitter | Facebook | Linkedin | Newsletter

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