Briefing für den 12.9.2017 | Ausgabe #388

martin

Guten Morgen! Don`t shoot the messenger, heißt es ja bekanntlich. Aber wie lange kann sich Facebook vor Regulierung noch drücken, wenn wir einen derartigen Angriff auf die Demokratie erleben, wie es die amerikanischen Kollegen mit Blick auf die US-Präsidentschaftswahl beschreiben?

Angriff auf die Demokratie

Das Budget selbst ist nicht besonders beeindruckend: 100.000 Dollar für Werbeanzeigen auf Facebook sind mittlerweile eher Standard, wenn man wenigstens ein bisschen Welle machen möchte. Die Ziele der Werbeanzeigen sollte allerdings Kopfschmerzen bereiten: die Diskreditierung von politischen Spitzenkandidaten und die direkte Einflussnahme auf den politischen Meinungsbildungsprozess.

Die Rede ist natürlich von der Gruppe russischer Troll- und Fake-Accounts, die im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen auf Facebook sogenannte „dark posts“ geschaltet hatten – also Anzeigen, die nur von einer ganz speziellen Zielgruppe gesehen werden und dadurch eben nicht der Allgemeinheit zugänglich sind. Wer die Personen oder Institutionen hinter diesen Anzeigen sind, konnte bislang noch nicht vollumfänglich geklärt werden. Dass es aber zu dieser neuen Form der politischen Propaganda in weitaus größerem Stile als zunächst gedacht gekommen ist, hat Facebooks Sicherheitschef in einem Blogpost nun zugegeben.

Künftig wolle Facebook u.a. mit Machine Learning solche Machenschaften rechtzeitig erkennen. Aktivisten und Wissenschaftlern geht das aber nicht weit genug: Sie fordern von Facebook volle Transparenz mit Blick auf politische Werbeanzeigen, würde es doch sonst die demokratische Diskussion gefährden. [New York Times]

Dass Facebook bislang den Absender von politischen Botschaften nicht kenntlich macht, liegt darin begründet, dass sie sich vor einigen Jahren erfolgreich gegen diese Form der Regulierung gewehrt haben. David Ingram erklärt es auf Twitter in aller Kürze, Politico hatte die ganze Story schon 2011: Facebook: Exempt us from FEC rules

BuzzFeed Deutschland versucht übrigens gerade herauszufinden, wie es um Dark Posts im deutschen Bundestagswahlkampf bestellt ist – und braucht dafür deine Hilfe!

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Rechte Gruppen auf Facebook

Das ist in der Tat schon ziemlich merkwürdig, was einem so vorgeschlagen wird, wenn man auf der Suche nach Facebook-Gruppen ist: In der Kategorie „Nachrichten & Politik“ entdeckte die Satire-Website „Der Postillon“ auf den vorderen Plätzen zahlreiche Gruppen, die entweder der AfD nahestehen oder allgemein sehr weit rechts zu verorten sind. Eine richtige Erklärung gibt es dafür nicht – auch nicht von Facebook selbst. [Tagesschau]

Anstieg von News-Konsum auf Social Media Plattformen

Die neuesten Pew-Zahlen unterstreichen den Trend: 67 Prozent aller Amerikaner gaben an, zumindest einige der Nachrichten, die sie konsumieren, über Social Media zu bekommen. Das sind fünf Prozent mehr als bei der vorangegangenen Studie 2016. Der Anstieg kommt u.a. deshalb zustande, weil der News-Konsum von Menschen, die weniger als einen Bachelor-Abschluss haben, um 9 Prozent zugenommen hat. Interessanterweise hat der News-Konsum bei Menschen mit universitärem Abschluss leicht abgenommen. Mit Blick auf die enormen Nutzerzahlen ist und bleibt Facebook übrigens der dominante Gatekeeper, wenn es um die Verteilung und den Konsum von News via Social geht. News use across social media platforms[Journalism]

YouTube schließt Nordkoreas Propaganda-Channels

Am vergangenen Freitag hat YouTube zwei der beliebtesten Propaganda-Channels Nordkoreas dicht gemacht. „Stimmekoreas“ und „Uriminzokkiri“ hätten die Community Guidelines verletzt, lässt YouTube verlauten. Wissenschaftler und Militärexperten sehen das anders und drängen YouTube nun, die Channels wieder freizugeben. Der Grund: Durch die Auswertung der Propaganda ließe sich viel über das Land, die Politik und die militärische Schlagkraft erfahren. YouTube shuts down North Korean propaganda channels [Guardian]

Influencer zieht es zu Instagram

Der Buzz war groß, aber er scheint ziemlich vorbei: Influencer zieht es in Scharen von Snapchat zu Instagram. Zwei Gründe lassen sich dafür ausmachen: Erstens hat Instagram mit der Stories-Funktion Snapchat perfekt geklont, zweitens bietet Instagram Statistiken, die sich zu Geld machen lassen. Auf Snapchat weiß man schließlich per Design noch nicht einmal, wie viele Follower man eigentlich hat. Snap Inc. scheint das nicht weiter zu kümmern: der Fokus der Chefetage liegt auf der Beziehung von Freunden, nicht auf Influencer and so forth… Snapchat’s Influencers Are Fleeing to Instagram for Money[Bloomberg]

Das inoffizielle Instagram-Archiv

Auf Reddit gibt es ja bekanntlich nichts, was es nicht gibt. Also darf es auch nicht weiter verwundern, dass eine Gruppe aus dem r/DataHoarder versucht, ein Archiv von allen Fotos auf Instagram anzulegen. 600 Terabyte an Selfies, Foodporn, Sunsets und Co haben die Initiatoren, die sich als „digital librarians“ verstehen, bereits gehortet. Instagram selbst findet das alles nicht ganz so ok und möchte das Projekt gern schließen. Inside the Insane Plan to Build an Unofficial Archive of All of Instagram [Motherboard]

Snapchat Maps: Real time visual newspaper

Als Snapchat Maps einführte, gab es bezüglich einer dem Feature immanenten Gefährdung der Privatsphäre direkt eins auf die Mütze. So richtig das Potential erkannt, haben hingegen wohl die allerwenigsten. Jessi Hempel beschreibt bei Backchannel nun, wie sie durch die jüngsten Naturkatastrophen das Feature schätzen gelernt hat. Es offenbarte sich ihr eine „real-time visual newspaper“ mit ungeschminkten Eindrücken von den Orten des Geschehens. It took a natural disaster for me to understand snap map [Backchannel]

Aktuelle Nutzerzahlen

Andreas Rickmann hat auf seinem Blog die aktuell verfügbaren Zahlen der Social-Media-Nutzer in Deutschland zusammengetragen: Facebook bleibt der Platzhirsch mit 30 Millionen aktiven, monatlichen Nutzern. Instagram schafft es auf Platz 2, dicht gefolgt von XING. Twitter und WhatsApp geben keine Nutzerzahlen heraus. Wie viele Nutzer Instagram, Facebook, Xing und Co. in Deutschland haben


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Diese Ausgabe des Social Media Watchblog Briefings wurde gesponsert vom "Listening Center" der Rheinischen Post
200.000 Kommentare auf Facebook, 30.000 Kommentare auf RP ONLINE: So viele Nutzermeinungen bekommen wir bei der Rheinischen Post jeden Monat auf den Tisch. Viele Kommentare sind dabei völlig in Ordnung, sind immer wieder auch ziemlich lustig. Täglich müssen unsere Moderatoren aber auch entscheiden: Wird ein Kommentar noch durch unsere Regeln gedeckt oder ist er eher beleidigend, vielleicht sogar volkshetzend? Gemeinsam mit der Landesanstalt für Medien NRW, Staatsanwaltschaften und Polizei entwickeln wir aktuell Lösungen für die Verrohung im Netz – in einer ziemlich besonderen Arbeitsgruppe. Das Ziel: Straffällige Kommentatoren verfolgen und nicht nur Hass löschen.

Vielen Dank für Deine Zeit und Deine Aufmerksamkeit, Martin