Alles ist fake | Analyse

martin Analysen

Für mich ist die ganze Diskussion um sogenannte fake news eine ziemliche Nebelkerze. Es gibt keinerlei belastbare Statistiken über Anzahl und Wirkung von fake news auf Facebook – weder mit Blick auf die USA und erst recht nicht für Deutschland.

Alles, was wir aktuell haben, ist eine total aufgebauschte Debatte, die von Politikern mit ziemlich undurchsichtigen Zielen geführt. Geht es um den Kampf gegen die AfD? Möchte man die Gunst der Stunde nutzen, um Facebook stärker an die Leine zu legen? Träumt gar manch einer von einem Wahrheitsministerium? Im besten Fall sind die politischen Akteure einfach nur schlecht informiert.

Denn wo sind sie all die vielen fake news auf Facebook? Wie viele fake-news-Produzenten gibt es denn in Deutschland, die ein finanzielles oder inhaltliches Ziel verfolgen, das auch nur im Ansatz den häufig erwähnten Jungs aus Mazedonien ähneln würde? Und wie weit soll bitte überhaupt eine Definition von fake news gehen? [BuzzFeed]

Wenn wir uns einmal anschauen, was in den USA zum Thema fake news diskutiert wurde, dann kann ich in Deutschland beim besten Willen nichts von ähnlicher Qualität finden, das deutschen Facebook-Nutzern regelmäßig in den News Feed gespült würde. Und das ist kein Filterblasen-Effekt.

Wer sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzt, müsste eigentlich schnell feststellen, dass es sich in den allermeisten Fällen in Deutschland nicht um fake news, sondern eher um verfälschte Teaser und Überschriften bei Facebook-Postings handelt. Manchmal sind diese auch tatsächlich komplett verdreht und entsprechen in keiner Weise mehr der eigentlichen Aussage.

Als Absender treten dann unterschiedlichste Akteure auf: die Bandbreite reicht von düsteren, rechten Seiten bis hin zu mit zweifelhaften Methoden agierende Mainstream-Angeboten wie Focus Online.

Die Verbreitung solcher falschen Postings kann dabei dann häufig relativ schnell Fahrt aufnehmen, weil sie natürlich a) die Meinung der Rezipienten nur bestätigen (Facebook liebt es, den Nutzer in seiner Meinung zu bestätigen) und b) niemand auf den Link klickt, um den Artikel dahinter zu lesen. Dann würde der überspitzte Teaser, die verfälschte Headline häufig schnell enttarnt. Denn nur in absoluten Ausnahmefällen handelt es sich tatsächlich um absichtlich verfälschte Artikel.

Sicherlich: Auch dieses Prozedere ist weder für eine aufgeklärte, anständig informierte, demokratische Gesellschaft förderlich, noch führt es zu mehr Vertrauen in den Journalismus im Speziellen. Keine Frage.

Wer aber ernsthaft behauptet, wir hätten in Deutschland ein veritables Problem mit fake news, der öffnet imho nur Tür und Tor für Meinungsmagier von Trump bis Pretzell, die dann stets alles abkanzeln, was nicht in ihr Weltbild passt. Alles fake!

-m-

Über den Autoren

martin

Hi, mein Name ist Martin Giesler. Ich bin Kulturanthropologe, Journalist und Blogger. 2013 habe ich das Social Media Watchblog gegründet. Hier erfährst du mehr über mich. Follow: Twitter | Facebook | Linkedin | Newsletter

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